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„Hammerskin Nation“ in Deutschland verboten

Exif Recherche (Gastbeitrag)
Einleitung

Am 19. September 2023 wurde die international agierende Organisation „Hammerskin Nation“ (HSN) sowie ihre Unterstützergruppe „Crew 38“ als Vereinigung in Deutschland verboten. Die im Verbot genannten 13 deutschen Chapter „laufen nach Zweck und Tätigkeit den Strafgesetzen zuwider“ heißt es vom Bundesinnenministerium. Zeitgleich zum Verbot fanden bei einigen Mitgliedern der HSN Durchsuchungen statt. Der folgende Artikel bezieht sich im Wesentlichen auf das Verbot und auf mögliche Auswirkungen. Umfangreiche Informationen zu den von den Razzien Betroffenen, zu den Entwicklungen der HSN in Deutschland seit 2021, wie auch zu internationalen Bestrebungen, lassen sich unter www.exif-recherche.org finden. 

Foto: Die Hammerskins Heiko S., Daniel A. und Daniel O.  (v.l.n.r.) am 8. Juli 2023 in Eisenach.
(Foto: Pixelarchiv)

Die Hammerskins Heiko S., Daniel A. und Daniel O. (v.l.n.r.) am 8. Juli 2023 in Eisenach.

Teils mit Spezialeinheiten durchsuchte die Polizei u.a. die Wohnungen von 28 Hammerskins in insgesamt zehn Bundesländern. Neben Bargeld wurden Waffen gefunden u.a. eine Panzersprenggranate sowie große Mengen von Bekleidungsartikeln der HSN und NS-Devotionalien. Allein in Mecklenburg-Vorpommern wurden u.a. „zweimal Sprengstoff, mehrere Langwaffen, mehrere Kurzwaffen (Kleinkaliber)“ und „sogenannte scharfe Munition“ sichergestellt, wie öffentlich gemacht wurde.

Zudem waren von den Razzien Trefforte der HSN betroffen, u.a. das (leerstehende) „Thinghaus“ in Grevesmühlen. Das Clubhaus der „Hammerskins Sarregau“ - die „Hate Bar“ in Dillingen im Saarland - wurde gar beschlagnahmt.

Allerdings: von den Durchsuchungen davongekommen zu sein scheinen die Mitglieder der Chapter „Bayern“ und „Bremen“. Vom Verbot betroffen sind sie dennoch. Von einem Chapter „Hessen“ ist hingegen nirgends die Rede. Ein Widerspruch, denn auf einer internen, aus dem Jahr 2022 stammenden Grafik der HSN, ist ein Wappen der „Hammerskins Hessen“ zu sehen. Es ist eine Darstellung aller weltweit aktiven Chapter – insgesamt 36 – die es so auch in die Bekanntmachung des Verbots im Bundesanzeiger geschafft hat.

Der im hessischen Petersberg wohnhafte Daniel O. scheint aktuell ein Chapter „Hessen“ anzuführen. Auch er war von den Durchsuchungen betroffen, galt in der Öffentlichkeit bislang aber dem Chapter „Franken“ zugehörig. 

Angesichts der Organisationsgröße von ca. 140 Vollmitgliedern und Anwärtern scheint die Zahl der Durchsuchungen gering. Auch der medialen Darstellung, die Durchsuchungen hätten nur bei führenden Hammerskins stattgefunden, muss widersprochen werden. Einige der betroffenen Personen gehören der „Bruderschaft“ erst wenige Jahre an. Es ist nicht glaubhaft, dass diese Personen in der Kürze der Zeit in der Hierarchie der HSN so schnell aufgestiegen sein können. 

Das Vertriebsnetzwerk –und damit Vereinsvermögen – der Hammerskins blieb zudem weitgehend unangetastet. Denn weder bei Hendrik Stiewe aus Bochum noch bei Nils Budig aus Reinsdorf (Thüringen) wurde nach bisherigen Erkenntnissen durchsucht. Beide gehören dem Netzwerk der HSN an und gelten als einflussreich im Vertrieb und in der Produktion von neonazistischen Tonträgern. Budig tritt aktuell gar als Verantwortlicher der Kuesten Textil UG auf, die hinter mehreren größeren RechtsRock-Versänden-und Labels steckt.

Zwei andere Organisationen, die etwa zur selben Zeit entstanden und teils in Konkurrenz zur HSN standen, wurden bereits verboten: „Blood & Honour“ im Jahr 2000 und „Combat 18“ 2019. 

Was bedeutet nun ein Verbot der HSN in Deutschland? Ist es tatsächlich ein „harter Schlag“ gegen eine der am längsten in Deutschland existierenden Neonazi-­Gruppen?

Kein Interesse an Öffentlichkeit

EXIF hatte zwischen Juli 2021 und September 2022 mit etlichen Artikeln das europäische Netzwerk der Hammerskins offen gelegt (siehe AIB Nr. 132). Es wurden hunderte aktive und ehemalige Mitglieder benannt, die Organisation und die menschenverachtende Ideologie analysiert und bewertet. In Folge dessen und aufgrund der Corona-Pandemie gingen die wahrnehmbaren Aktivitäten der Hammerskins in Deutschland zurück. Seit dem agierten diese noch konspirativer. 

Auf Aufmärschen und anderen öffentlichen Veranstaltungen waren die Symbole der HSN nur selten zu sehen, intern gehört das Zurschaustellen der Symbole für die Hammerskins jedoch fest dazu. Darauf in Zukunft zu verzichten, dürfte für die Mitglieder schmerzlich sein.

Um ihren elitären Anspruch gerecht zu werden und Führungsansprüche in der Szene zu behaupten, bleibt die HSN eine treibende Kraft im RechtsRock-Geschäft und hat in etlichen Ländern großen Einfluss auf die neonazistische Kampfsport­szene.

Das Spektrum, in dem sich die Mitglieder der HSN in der Szene bewegen, ist groß und gewährleistet, dass die „Bruderschaft“ an vielen Stellen Einfluss hat. Aufgrund der Unterschiede im Alter und der kulturellen Sozialisation vermischen sich in der HSN verschiedene Stile: der rechte Skin-Kult, Facetten der „Autonomen Nationalisten“ sowie ein modern erscheinendes Auftreten in den sportlichen Bereichen. Die dadurch entstehende Vorbildfunktion für viele jüngere Neonazis wird auch ein Verbot nicht verhindern können.

Kontrollverlust

Ein Verbot der HSN in Deutschland dürfte die Organisation auf eine Belastungsprobe stellen. Fast wöchentliche Treffen innerhalb der Chapter sowie deutschland-und europaweite Treffen sind nun aufwändiger zu organisieren. Auch Reisen zu „Brüdern“ in ganz Europa und darüber hinaus könnten nun erschwert werden. Eine „No-Flight“-­Liste, die Unterbindung von Flugreisen deutscher Hammerskins ins Mutterland der HSN, die USA, wäre ein wirklich harter Schlag für die „Bruderschaft“. Vor allem für führende deutsche Hammerskins wie Malte Redeker würde dies  einen Kontrollverlust bedeuten. Denn die Reisen dienen u.a. dem Austausch, der Vernetzung und der Entscheidungsfindung zwischen den Chaptern. All diese Treffen müssten nun als Weiterführung einer verbotenen Vereinigung gewertet und strafrechtlich verfolgt werden, selbst wenn auf entsprechende Symbole verzichtet wird. Das Verbot der HSN in Deutschland könnte dazu führen, dass diese Treffen vermehrt nur noch im Ausland oder unter dem Deckmantel von Konzerten stattfinden. Der Vorteil der weltweiten Organisierung der HSN ist eben auch, dass die „Brüder“ ihre Bruderschaft theoretisch überall ausleben können. 

RechtsRock-Konzerte werden in Deutschland schon seit vielen Jahren nicht mehr als „Hammerskin-Konzerte“ ausgewiesen. Für Eingeweihte waren diese dennoch zu erkennen: an der Auswahl der Bands oder anhand der Kontakt-Adressen, die Hammerskins zuzuordnen waren. Oder weil am Ort des Geschehens Hammerskins zentrale Aufgaben inne hatten.

Ein Kristallisationspunkt war viele Jahre die „Erlebnisscheune“ im thüringischen Kirchheim, wo sich u.a. die „Hammerskins Franken“ einen sicheren Hafen für Konzerte geschaffen hatten, bis die Corona-­Pandemie 2020 die Aktivitäten dort stoppte. 2021 entschied der Eigentümer des Objekts, in Zukunft keine rechten Events mehr stattfinden zu lassen. Nachdem Anfang 2023 außerdem der „Alte Gasthof“ in Staupitz als Konzertort weggefallen ist (siehe AIB Nr.138), gibt es kaum noch „sichere“ Austragungsorte für Konzerte. So entwickelte sich vor allem das „Flieder Volkshaus“ der NPD-Nachfolgeorganisation „Die Heimat“ in Eisenach zum neuen Ort des wahrnehmbaren RechtsRock-Geschehens in Deutschland. Zuletzt präsentierten sich dort Hammerskins, vornehmlich vom Chapter „Franken“, mit entsprechenden Symbolen bei einem Konzert im Juli 2023. Auch Daniel O. zeigte sich dort in HSN-Pullover. Sein Name taucht auch innerhalb der Organisation eines Konzertes für „Mitteldeutschland“ am 28. Oktober 2023 auf. Zwar ist u.a. die Band „Flak“ um den Hammerskin Philipp Neumann angekündigt, doch weitere Hinweise auf die HSN werden öffentlich nicht zugelassen.   

Ähnlich verhielt es sich bei einem Konzert am 19. November 2022 im italienischen Mailand. Unter stark konspirativen Umständen fand dort das „European Hammerfest“ statt, bei dem nicht nur drei deutsche RechtsRockBands spielten, sondern auch Hammerskins verschiedener deutscher Chapter anreisten.    

„Bei konzerten hab ich noch nie einen cent privatisiert. Ist gemeinschaftsarbeit und kommt bei uns immer in die gemeinsame kasse“ (sic!), beschreibt Malte Redeker den Stellenwert von Konzerten in einer internen Kommunikation 2018. 

Über 30 Jahre konnte die HSN in Deutschland Strukturen aufbauen, denen es wohl gelingen wird, das Verbot faktisch zur Formalie verkommen zu lassen. Erkennbar wird dies vor allem anhand des Chapters „Mecklenburg“, wo einige Mitglieder in der „Nationalen Dorfgemeinschaft“ in Jamel zu einem Lebensbund verwachsen sind.

Und wie stellt sich das Innenministerium das Verbot hinsichtlich der grenz­übergreifenden Organisation der HSN vor? Schließlich gehören dem Chapter „Sarre­gau“ auch Franzosen an. Dem Chapter „Bayern“ gehört hingegen ein Österreicher und zwei Schweizer an.     

Auch deswegen wird dieses Verbot letztlich als PR-Show im Wahlkampf verpuffen.