Steffen Hupka (vorne rechts) will eine Neonazi-Immobilie etablieren. Hier bei einer Neonazi-Demonstration im Mai 1997 in Hannoversch-Münden.
NS-Szene | AIB 56 / 2.2002 | 12.06.2002

Von Bauern und Schlossherren. Immobilien-Boom bei Neonazis

Deutsche Neonazis ziehen aufs Land. Immer mehr Immobilienkäufe sind insbesondere in den neuen Bundesländern festzustellen. Suchen sie die »Befreiten Zonen« in den Dörfern oder wird Parteivermögen der NPD ausgelagert? Festzustellen ist, dass Immobilien ein sehr wichtiger Teil rechtsextremer Infrastruktur geworden sind. Die Neonazis zwischen Volks- und Dorfgemeinschaft.

Die unscheinbare Straße mit dem altertümlichen Kopfsteinpflaster scheint ans Ende der Welt zu führen. Hier, mitten in Sachsen-Anhalt, unweit der A14, wirkt die Zeit wie stehengeblieben. Nach kurzer Fahrt erreicht man Trebnitz. Das Leben in dem 300-Seelen-Dorf bei Könnern läuft noch einen ruhigeren Gang, die zentralen Koordinaten des Tages sind der Ruf des Hahns am Morgen und der Sonnenuntergang am Abend. Die landwirtschaftliche Prägung ist nicht zu übersehen. Vor 1989 war die LPG, die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, der größte Arbeitgeber im Dorf. Der LPG-Hof, auf den die einzige etwas größere Straße des Dorfes zuläuft, sieht inzwischen etwas verwaist aus. Doch hat man ihn erstmal betreten, offenbaren sich noch andere Einblicke. Direkt dahinter liegt der ehemalige Junkersitz, der auch als Schloss bezeichnet wird.

Der Komplex wird von einer Steinmauer eingegrenzt und besteht neben dem Haupthaus aus einer Reihe von kleineren Gebäuden und Nebengelass. Inzwischen wird hier wieder gebaut. Offensichtlich hat sich ein neuer »Schlossherr« gefunden, der sein Domizil in Schwung bringt. Auf die Frage, um wen es sich dabei handelt, antwortet eine Anwohnerin überraschend deutlich: »...die NSDAP.« Auch wenn das nicht ganz stimmt, so ist der Bauherr doch einer der umtriebigsten deutschen Neonazis. Steffen Hupka. Ortswechsel. Gränitz, ein Ortsteil von Brand-Erbisdorf, liegt etwa 15 Kilometer von Freiberg entfernt in Sachsen. Der einzige Gasthof im Ort ist seit Ende der 80er Jahre geschlossen. Früher war er für seine Tanzveranstaltungen in der ganzen Gegend bekannt, wie sich die Älteren der 160 Einwohner erinnern können. Jetzt sind die meisten Fenster vernagelt und die Fassade ergraut. Doch auch hier tut sich was.

Seit der Ex-NPD-Bundesvorsitzende Günter Deckert im Juli 2001 den »Gasthof Gränitz« bei einem Dresdner Auktionshaus ersteigerte, wird auch hier gebaut. Wie er der »Sächsischen Zeitung« anvertraute, wollte der wegen Volksverhetzung verurteilte Deckert ursprünglich in die Gegend um Bautzen, sei dort aber überboten worden. Zum günstigen Preis von 20.000 D-Mark erwarb er daraufhin das alte Dorfgasthaus. Unter dem Namen »Deutsches Haus« soll hier eine Schankwirtschaft mit Gaststätte, Biergarten, Übernachtungsmöglichkeiten und Jugenddiskothek entstehen. Um die dafür notwendige Gaststättenkonzession hat sich ein Wirt aus Annaberg-Buchholz beworben. Wenig verwunderlich ist, dass es sich dabei um den ehemaligen Landesschatzmeister der sächsischen NPD, Ralf Meyer, handelt. Der verfügt über einschlägige Erfahrung - betreibt er doch in Annaberg-Bucholz die »Erzgebirgsklause«.1

Vor allem jugendliche Neonazis sind in Gränitz bereits tatkräftig am Renovieren. Im Ort befürchtet man unterdessen, dass mehr aus dem Objekt wird als eine Jugenddisco. Selbst der Verfassungsschutz räumt ein, dass aus dem »Deutschen Haus« ein Ort werden soll, der für Parteitage, Tagungen und Konzerte von rechten Gruppen offen ist. Das gehe aus einem Aufruf von Deckert hervor. Der bestätigt das. Wenn die Republikaner kämen und die Miete stimmte, wäre das kein Problem, so Deckert. Nur ausländische Gruppen und Linke wolle er dort nicht sehen. Ihm schwebt aber noch mehr vor. Auch der Feuerwehrball, Hochzeiten oder Tanzabende wären ihm sehr willkommen. Für die 13 bis 17jährigen will er einen »Cola-Ball« veranstalten.2 Das sei, betont die sächsische PDS-Abgeordnete Kerstin Ködnitz »das Gleiche wie die Beschäftigung eines notorischen Rauschgift-Dealers als Betreuer eines Jugendzentrums. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Deckert geistiges Gift unter die Leute zu bringen versucht.«3 Den Jugendlichen, die auf dem Fußballplatz neben dem Gasthof spielten, bot Deckert inzwischen Trikots an und versprach ihnen, einen ordentlichen Verein zu gründen.4 Auch ein »Tag der offenen Tür« wurde am Pfingstsonntag bereits veranstaltet.

Dorf- und Volksgemeinschaft

Die Ausgangsbedingungen in Trebnitz und Gränitz sind sehr ähnlich. In beiden Fällen verspricht die ländliche Abgeschiedenheit eine gewisse Ruhe vor dem Protest von AntifaschistInnen und empörten AnwohnerInnen. Auch wenn sich gegen Deckerts Gasthof bereits eine Bürgerinitiative konstituierte und der daraufhin die Polizei um Schutz für seine Immobilie bat, sowie mit dem Aufstellen von Fallen drohte, kann er sich doch relativ sicher fühlen. Auffallend sind die Anbiederungsversuche an die Leute im Ort. Wie die Erfahrungen andernorts zeigen, verkehrt sich - sobald die Akzeptanz der Rechten im Dorf gesichert ist - der politische Widerstand von Außen zur »ungerechtfertigten Einmischung«, und aus den Neonazis werden nette Nachbarn. Diese Akzeptanz kann durch die Eröffnung eines Gasthofes und gleichzeitiger Unterstützung der lokalen Feuerwehr oder Fußball spielender Jugendlicher relativ einfach geschaffen werden.

Auch Steffen Hupka setzt schon seit längerem auf diese Karte. Nach seinem Umzug 1993 ins sachsen-anhaltinische Quedlinburg trat er mehreren örtlichen Vereinen wie dem Schützenverein und dem Verein für historisches Schriftgut bei und ließ sich bei Geschäftseröffnungen und ähnlichen Anlässen sehen. Nachdem er ins benachbarte Städtchen Timmenrode gezogen war, konnte man ihn dabei beobachten, wie er beim Festumzug zum Stadtjubiläum die uniformierte Abteilung eines Altertumsvereins samt Bürgermeister der Nachbargemeinde anführte. Der Teil des Umzugs, der sich der Zeit des Nationalsozialismus widmete, wurde von seinen Kameraden mit Kübelwagen und Stahlhelmen dargestellt. Für Trebnitz steht wohl ähnliches bevor. Der erste Kontakt ist bereits hergestellt. Ein Frührentner aus dem Dorf hilft gegen Bezahlung beim Renovieren.

Auf dem Weg zum Schulungszentrum

Die Immobilie in Trebnitz bietet im Vergleich zu Deckerts Dorfgasthof wesentlich mehr Möglichkeiten. Der Komplex des 1630 erbauten denkmalgeschützten Gebäudes umfasst 1982 Quadratmeter Wohnfläche und 6950 Quadratmeter Grundstück mit Nebengelass.5 Der Ballsaal im 1. Stock bietet Platz für 220 Personen. Daneben sollen Seminarräume, Räume für Bandproben, ein Schlossmuseum, Übernachtungsmöglichkeiten für 48 Personen, Büros und nicht zuletzt auch 12 Ein- bis Drei-Zimmer-Wohnungen entstehen. Im Schlosshof ist ein Biergarten, nebenan eine Schlossgaststätte mit 50 Sitzplätzen und für Feiern ein »Rittersaal« für 60 Personen geplant. Dementsprechend war der Preis der Immobilie auch etwas höher. Die Deutsche Grundstücksauktionen AG aus Berlin versteigerte das Objekt im März 2001 im Auftrag des Landkreises Bernburg. Für 100.000 D-Mark erhielt das NPD-Kreisvorstandsmitglied Uwe Meenen aus Würzburg den Zuschlag.

Im Vorfeld war auch Silke M. aus Halle beteiligt, die inzwischen nichts mehr damit zu tun haben will. Die alleinige Verantwortung für das Schloss und seinen Ausbau ging per Vollmacht direkt an Hupka über. Das überrascht. Meenen, der wie Horst Mahler Mitglied des Deutschen Kollegs ist, muss zum vorstandstreuen Flügel der NPD gerechnet werden. Hupka hingegen versuchte zuletzt beim NPD-Bundesparteitag im März diesen Jahres gegen den Vorstand zu putschen. Seinem Schattenvorstand sollten u.a. Günter Deckert und Vertreter der Freien Kameradschaften wie Dieter Riefling und Bernd Stehmann angehören. Doch mit diesem Vorstoß scheiterten er und seine Kameraden der aufgelösten Revolutionären Plattform in der NPD (RPF) kläglich. Für Hupka wurde damit die NPD zum politischen Gegner. Der Konflikt gärt schon seit längerem und wurde bisweilen vor Gericht ausgetragen.6

Aufgrund der Härte der Auseinandersetzungen stehen sich beide Fraktionen unversöhnlich gegenüber. Trotzdem gibt einer von Voigts und Mahlers Getreuen 100.000 D-Mark für ein Objekt aus, das dann von Hupka betrieben werden soll? Die NPD hat in jedem Fall ein Problem. Das laufende Verbotsverfahren stellt sie vor die Frage, wie das Parteivermögen vor staatlichem Zugriff gesichert werden kann. Dass der Privatbesitz an Immobilien einer der sichersten Wege dazu ist, ist allen Beteiligten klar. Deswegen wurde bereits das langjährige NPD-Schulungszentrum in Ehningen verkauft. Durch eine Erbschaft war es in Parteibesitz gelangt und wäre im Verbotsfalle direkt an den Staat übergegangen. Die Planungen für das Projekt in Trebnitz begannen zu einem Zeitpunkt, als der Streit zwischen Hupka und der NPD-Führung noch nicht soweit eskaliert war. Andererseits gibt es auch nicht viele Möglichkeiten Vermögen zu sichern, wenn es nicht gerade im Garten vergraben werden soll. Angesichts vieler interner Diskussionen um Fälle von persönlicher Bereicherung könnte Hupka für die Parteifunktionäre eine Alternative gewesen sein.

Ein weiteres Indiz dafür ist, dass der Anwalt der Käufer des Schlosses Günther Herzogenrath-Amelung ist. Als Mitglied des Deutschen Rechtsbüros und Berater der NF gab es bereits in der Vergangenheit Kontakte zu Hupka. Inzwischen ist er aber als Anwalt für die NPD aktiv. Andererseits erklärte Horst Mahler bei einer NPD-Landesvorstandsitzung in Sachsen-Anhalt: »Wir müssen Steffen Hupka nicht aus der Partei ausschließen, sondern ihn einbinden um ihn erziehen zu können...«7 Aufbau und Verwaltung eines Schulungszentrums als Integrationsmaßnahme für den ehemaligen NPD-Schulungsleiter? Die NPD fehlt es an Führungsnachwuchs. Wie insbesondere von der RPF kritisiert, tut sie wenig, um die Mitglieder zu schulen. Blitzkarrieren wie die des Landesvorsitzenden in Sachsen-Anhalt, Frank Kerkhoff, sprechen Bände. Kerkhoff trat Anfang Februar 2001 in die NPD ein. Im Juni 2001 wird er bereits zum Kreisbeauftragten für Aschersleben ernannt und avancierte wiederum kurze Zeit später zum Landesvorsitzenden. Jetzt liegt auch er mit Hupka in heftigstem Streit. Er versuchte sich Hupkas Unterstützung für seine Wahl zum Landesvorsitzenden mit 10.000 D-Mark zu erkaufen. Das Geld wurde von Hupka angeblich ins Trebnitzer Projekt investiert. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch Kerkhoff Mitglied im Deutschen Kolleg ist.

Hupka ist aufgrund seiner langjährigen Erfahrung als Schulungsleiter sowohl im Zentrum der verbotenen Nationalistischen Front (NF) in Detmold-Pivitsheide als auch innerhalb der NPD sowie als Betreiber rechter Zentren wie das der NF oder im kleineren Rahmen mit der ehemaligen Dorfschule in Timmenrode bestens geeignet, das Bildungsniveau der Kameraden auf Vordermann zu bringen. In diese Richtung gingen auch seine Überlegungen zur »Reform« der NPD. Da dieses Projekt für ihn gescheitert ist, bleibt nur der Aufbau einer anderen bundesweiten Organisation. Nach seiner Überzeugung ist auch das Konzept der Freien Kameradschaften bald an seinen Grenzen angelangt. Um über die Möglichkeiten einer neuen Organisation außerhalb der NPD zu beraten, wurde von Hupka am 27. April 2002 zu einem Treffen nach Trebnitz eingeladen. Seinem »Schlossprojekt« misst er bei der Schaffung von Alternativen zur NPD eine zentrale Bedeutung bei. Der Einladung war zudem eine ausführliche Beschreibung der noch benötigten Baumaterialien beigelegt. Am zweiten Tag des Treffens sollte die Zukunft des Schulungszentrums alleiniger Tagesordnungspunkt sein.

Wichtige Infrastruktur

Ob nun mit NPD-Schwarzgeldern oder aus anderen Quellen finanziert - Zentren wie die geplanten in Gränitz und Trebnitz sind wichtige Teile der Infrastruktur von Neonazis. Sie reihen sich in das Konzept der »Befreiten Zonen« ein. Dass der Erwerb von Immobilien einen zentralen Punkt in diesem Konzept darstellt, erläutert Hupka in einem Artikel in der NPD-Zeitung »Deutsche Stimme«8. Der gezielte Ankauf von Immobilien soll demnach nicht der Versuch der totalen Abgrenzung von der bestehenden Gesellschaft sein, also Selbstzweck im Sinne von Neonazis als Aussteigern, sondern Mittel zu einer politischen Veränderung im neonazistischen Sinne. So wird ein Objekt nach diesem Konzept als materielle und moralische Basis definiert. »Sie muß unsere Nachschubbasis und unsere Heimatfront sein. Aus ihr heraus müssen wir die eigentliche Front weiter vorschieben, müssen wir neue Nebenkriegsschauplätze, sprich Befreite Zonen, eröffnen.« Und weiter: »Steht das Objekt auf relativ sicheren Füßen, kann man daran gehen, weitere Freiräume zu erobern. Wer bereits ein Haus hat, erhält von der Bank auch meist einen Kredit für ein zweites. Ist der erste und schwerste Schritt einmal getan, dann sind die weiteren Schritte wesentlich einfacher umzusetzen.« Eine Immobilie auf dem Land als Keimzelle neuer »Befreiter Zonen«?  Ein so zu schaffendes Netzwerk von Objekten sieht Hupka als die zentrale Aufgabe des »gesamten nationalen Widerstandes« an.

Nicht allein – auf weiter Flur

Die Grenzen zwischen Objekten, die im Sinne eines solchen Konzeptes erworben werden - wie in Trebnitz - und denen, die vor allem zur Existenzsicherung der beteiligten Rechtsextremen beitragen, verschwimmen zusehends. Eine ganze Reihe von Objekten ist entstanden, die sowohl den persönlichen als auch politischen Zielen der Betreiber dienen. Entsprechende Berichte gibt es z.T. schon länger auch über Biesenthal (Brandenburg), Klein Bünzow (Mecklenburg), ein NPD-Objekt in Derschen (RLP), das "Haus Hornbostel" von Jürgen Rieger in Hummelfeld (Schl. Holstein) und aus Schillingsfürst (Bayern), wo der Neonazi-Liedermacher Frank Rennicke ein Anwesen mit "Tagungszentrum" planen soll. Auch wenn diese nur ansatzweise den von Hupka gestellten hohen Anforderungen entsprechen, sind sie ein wesentlicher Beitrag zur rechtsextremen Infrastruktur. Relativ sicher vor dem Zugriff der Sicherheitsbehörden, ermöglichen sie einerseits politischen und sozialen Freiraum und sind andererseits Anlaufpunkt für Neonazis in der Region. Sie ermöglichen fast jede Art von Veranstaltung – vom Parteitag bis zum Neonazi-Konzert – und können in geeigneten ländlichen Gegenden eine bis vor kurzem ungeahnte regionale Verankerung bewirken. Den Betreibern bieten sie die Möglichkeit, Gelderwerb und politische Arbeit zu verbinden.

Die nationale Pension

Godendorf - »88 km über Berlin in Richtung Ostsee« lautet die Wegbeschreibung für eine ungewöhnliche Pension. Schon auf den ersten Blick unterscheidet sich das Feriendomizil am Rande der Bundesstrasse 96 und zehn Autominuten von Neustrelitz entfernt von den anderen Höfen des Dorfes. Auf einem Zaunpfahl weht eine schwarz-weiß-rote Fahne, am Briefkasten kleben DVU-Aufkleber und in einem Gartenhäuschen am See hängen Reproduktionen von Landser-Bildern. Wirtin Waltraut »Traute« Lintow macht keinen Hehl aus ihrer »nationalen Gesinnung« wie ahnungslose Besucher dem AIB empört schilderten. Ganz offen schwärmt die 76-jährige von ihren guten Kontakten zu alten und jungen Kameraden in der Region, die immer zahlreicher würden. Lintows Beziehungen zahlen sich aus. So wirbt die Website des neonazistischen Unabhängigen Freudeskreises (UFK) aus Neustrelitz unter der Überschrift »Reif für die Insel« ganz offen für Lintows Pension. Auf Nachfragen teilt UFK-Aktivist Michel Hamburger9 mit, wenn man »abends in zünftiger Runde mit Kameraden beisammen sein« wolle, könne man mit einem »alten BDM-Mädel« und »20 bis 30jährigen Burschen die alten, morschen Knochen zittern lassen«.

Ex-BDMlerin Lintow lässt sich tatsächlich nicht lange bitten, wenn es darum geht, den Nationalsozialismus zu verherrlichen und verweist stolz auf sorgsam in einer Holztruhe aufbewahrte Propagandaschriften aus der NS-Zeit. Während es sich bei ihrem Pensionsbetrieb - ganze 25 Euro pro Übernachtung - vor allem um eine Möglichkeit der Existenzsicherung handelt, hat die Wirtin aber noch eine ganz andere Funktion. Zuletzt fand auf einem Grundstück von Traute Lintow am 30. März 2002 ein »Osterfeuer« mit rund 80 Alt- und Neonazis aus Neustrelitz und Umgebung statt, das nach einiger Zeit von der Polizei aufgelöst wurde.10 Drei Festnahmen und über Wiesen und Zäune flüchtende Rechte waren das Ergebnis. Für die Neustrelitzer Neonaziszene ist Lintows Anwesen ein wichtiger sozialer und politischer Rückzugsort. Zumeist ungestört von Antifas und Behörden konnten und können sie sich hier zu rechten Ritualen wie »Sonnenwendfeiern« treffen. Darüber hinaus ist Traute Lintow fester Bestandteil eines regional immer dichter werdenden rechten Netzes. Mit dazu gehören soll auch der Journalist Peter E., der im nahegelegenen Düsterförde ebenfalls Ferienübernachtungen anbietet. Er wurde bezeichnenderweise am 20. April 2002 zum neuen Vorsitzenden des Fürstenberger Heimatvereins gewählt. Dort ist auch Uwe Jürgens, ehemals Leiter einer Wehrsportgruppe namens Nothilfetechnischen Übungs- und Bereitschaftsstaffel (NÜB) in der Region um Celle, aktiv.11

Neonazi-Konzerte auf der Insel

Auch in der allernördlichsten Ecke Deutschlands hatten sich Neonazis ein eigenes Objekt gesichert: Den Club 18 in Sassnitz auf Rügen. Nahe dem touristischen Zentrum der Stadt gelegen, sah er auf den ersten Blick nicht besonders einladend aus. Die leicht schmuddelige zweistöckige Baracke beherbergt auf dem Hinterhof Autowracks. Bekannt ist der Club 18 weniger für eine kuschelige Atmosphäre als für eine Vielzahl von Rechts-Rock-Events. Alleine zwischen Dezember 2001 und Mai 2002 fanden hier sieben Neonazi-Konzerte mit jeweils bis zu 250 Besuchern aus dem ganzen Bundesgebiet statt, so dass das von der Stadtverwaltung inzwischen verhängte generelle Veranstaltungsverbot und die Kündigung des Mietvertrags zum 31. Mai mehr als überfällig war. Ein Jahr hatte die Stadt Sassnitz gehofft, das Problem aussitzen zu können, bis am 20. April diesen Jahres, passend zum Hitler-Geburtstag als private Geburtstagsfeier deklariert, ein Konzert von der Polizei aufgelöst wurde. Die anwesenden Neonazis verbarrikadierten die Eingangstür und griffen die Beamten mit Flaschen an. Die bedrohliche Situation in der Stadt hat sogar schon Eingang in Reiseführer gefunden. »Rügen ist berüchtigt für die Skinhead-Gangs, die gelegentlich Besucher, auch westdeutsche, überfallen. Seien Sie extrem vorsichtig in der Nähe der Bahnhöfe, besonders in Sassnitz«, schreibt der Lonely Planet Germany.

Nationales Jugendzentrum in Zittau

Auf das gleiche jugendliche Klientel zielt auch der Nationale Jugendblock (NJB) in Zittau12. Der Verein, der sich bereits 1992 in Zittau gründete, hat in den letzten zehn Jahren Dank kommunaler Unterstützung erfolgreich das bundesweit älteste »nationale Jugendzentrum« etabliert. Wie stark der Neonaziverein in der 28.000 Einwohnerstadt verankert ist, zeigt die jüngste Entscheidung des Stadtrates vom 20. Juni 2002. Auf Antrag der CDU-Fraktion und mit den Stimmen einiger PDS- und Freie Wähler-Stadträte wurde beschlossen, dem NJB sein altes Domizil in der Südstraße mittels eines Erbbaupachtvertrages für zwölf Jahre zu überlassen. Diesem bundesweit einmaligen Vertrag zwischen einem neonazistischen Verein und einer Kommune war ein monatelanges Tauziehen vorausgegangen. Im Sommer 2001 hatte die Stadt Zittau den Mietvertrag mit dem NJB für die Südstraße zunächst gekündigt, die Rechten aber bis zum Frühjahr diesen Jahres im Haus gelassen. Dann zog der NJB in eine baufällige Villa eines privaten Vermieters in der Lessingstraße um.

In dieser besseren Zittauer Wohngegend gründete sich daraufhin eine Bürgerinitiative namens Eigeninitiative »Lessing« (EIL). Deren Engagement richtet sich aber nicht gegen das rechte Zentrum an sich, sondern ausschließlich gegen seinen Standort. Daraus resultierte eine ungewöhnliche Koalition. Die EIL setzte sich gemeinsam mit der CDU dafür ein, den Erbpachtvertrag für das Haus in der Südstraße zu unterzeichnen und drohte offen damit, ansonsten müsse man die Südstraße 8 für den NJB privat erwerben. Im Nutzungskonzept für das NJB-Vereinshaus heisst es: »Vielmehr ist es unser Anliegen, unser Haus als ein offenes Jugendhaus zu führen und Veranstaltungen zu organisieren, die für jedermann zugänglich sind.« Und weiter: »Das Haus soll dem Zweck dienen, Gäste einzuladen, damit hier über Dinge, die uns und unsere Besucher beschäftigen, gesprochen werden kann. (...) Teile des unteren Bereichs sollen so gestaltet werden, dass es möglich wird, auch eine grössere Öffentlichkeit empfangen zu können.«

Schon in den letzten acht Jahren diente das NJB-Haus nicht nur als Anlaufpunkt für organisierte Rechte, sondern auch viele Jugendliche und Kinder kommen bei regelmäßigen Konzerten und Events hier mit dem rechten Lifestyle in Berührung. Die Vereinssatzung des NJB zeigt ganz deutlich, worum es eigentlich geht. Vereinszweck sei »National gesinnte Jugendliche zu sammeln, die Basis für eine sinnvolle Freizeitgestaltung im Kreise Gleichgesinnter zu ermöglichen, im Sinne des nationalen Grundgedankens die rechtsorientierte Jugend zu sammeln und das Nationale Erbe zu pflegen.« Das Zittauer Projekt des »Alternativen Jugendzentrums« von und für Neonazis segelt auf Erfolgskurs. Inzwischen hat der NJB damit eine Vorreiter- und Vorbildfunktion für andere Neonazis eingenommen. Seit einem Jahr wird auch in Jena und Greifswald daran gearbeitet, ähnliche Projekte zu etablieren.

»National befreites« Wohnen

Dass Häuser von rechtsextremen Vereinen geführt werden, lässt sich auch andernorts beobachten. In Scharbow in Mecklenburg-Vorpommern hat sich Jürgen Witt, ehemals Aktivist der Sauerländer Aktionsfront, in einem zweistöckigen alten DDR-Bau niedergelassen. Im Namen des Vereins Freie Deutsche e.V. organisierte Witt hier u.a. Sonnenwendfeiern. Am 25. Mai diesen Jahres fand auf dem Gelände laut Einladung ein Wikinger-Fest mit Wettkämpfen wie Balkenlaufen, Axtwerfen, Wettnageln und »Schweinefangen« statt. Ähnlich rustikal geht es in einem von Aktivisten des Kameradschaftsbunds Anklam genutzten Haus mit angrenzender Scheune im mecklenburgischen Salchow zu. Hier finden zudem, da in der privat genutzten Kneipe Platz für bis zu 100 Personen ist, regelmäßig als Geburtstagsfeiern getarnte Neonazi-Treffen statt. Einen etwas anderen Weg geht der Neonazi-Multifunktionär Markus Privenau. Auch den ehemaligen Bremer Aktivisten von FAP, HNG und Jungen Nationaldemokraten zog es aufs Land. Er betreibt einen Ökobauernhof in Loosen. Unter dem Namen »Zum Leevensboom« organisiert er auf seinem Bauernhof neben Weihnachtsfeiern auch Büchertische mit heidnischer Literatur. Mit Spenden und Beitrittsversuchen bei der Freiwilligen Feuerwehr versucht er, sich vor Ort zu etablieren.

Obdachlose NPD

Ob Hohenstein in der Sächsischen Schweiz oder süddeutsche Dörfer: Auch NPD-Aktivisten suchen nach neuen Immobilien. In Rheinland-Pfalz versuchen die NPD-Kader Martin Laus und Sascha Wagner seit Anfang des Jahres, ein geeignetes Gebäude für ein »nationales Bewegungszentrum« zu erstehen. Nachdem sie in drei Dörfern scheiterten, weil die Behörden die anvisierten bankrotten Landgasthöfe und einen ehemaligen Swinger-Club durch örtliche Sparkassen aufkaufen ließen, bieten sie jetzt mehrere hunderttausend Euro für ein ehemaliges Ausflugslokal in Elmstadt bei Neustadt an der Weinstrasse.

Anspruch und Realität

So weitgehend einzelne der Nutzungskonzepte auch sein mögen, an der praktischen Umsetzung werden sie sich messen lassen müssen. Auffällig ist, dass im Gegensatz zu früheren Neonazi-Zentren wie in Hetendorf oder Detmold-Pivitsheide die beschriebenen Projekte nicht allein nach innen in die Szene hinein wirken. Sie richten sich gerade auch nach außen. Kadern wie Deckert und Hupka geht es eben neben der Schaffung von Infrastruktur auch um die Akzeptanz und letztlich auch Einbeziehung der örtlichen Bevölkerung. Die daraus resultierende Tolerierung rechter Ideologie bzw. ihre weitergehende Etablierung im öffentlichen Raum würde sie ihrem Konzept der »Befreiten Zonen« ein erhebliches Stück näherbringen. Es sind in erster Linie Neonazis, die entweder in ihren politischen Karrieren mehrere Organisationswechsel vollzogen haben oder durch Alt-Kader beeinflusst wurden, die jetzt durch Immobilienkäufe versuchen, dauerhafte Strukturen zu schaffen.

Ihre Rechnung, durch die Schaffung solcher in Privatbesitz befindlicher Objekte nachhaltige, über Jahre bestehende Projekte zu schaffen, könnte aufgehen. Ihr Wille zur strukturellen Unabhängigkeit zeigt sich jedenfalls deutlicher denn je. Doch ganz so einfach wie in den diversen Konzeptpapieren beschrieben funktioniert es in der Praxis nicht immer. Das bereits vor drei Jahren von Thomas Wulff aus dem Kreis der Freien Kameradschaften erworbene Anwesen in Amholz bei Boizenburg zeigt die damit verbundenen Schwierigkeiten. Das Gebäude konnte durch den hohen Aufwand für Ausbau und Renovierung bisher nicht fertiggestellt werden. Die Motivation der »Kameraden« über längere Zeiträume Zeit und Geld in die notwendigen Arbeitseinsätze zu investieren, stellte sich als relativ begrenzt heraus.

  • 1. Der Rechte Rand, Mai/Juni 2002, Nr.76
  • 2. Cola-Ball im »Deutschen Haus« von Thomas Schade, Sächsische Zeitung
  • 3. nd-online, 13.05.02
  • 4. Der Rechte Rand, Mai/Juni 2002, Nr.76
  • 5. Magdeburger Volksstimme, 08.05.2002
  • 6. siehe AIB Nr. 55
  • 7. Rundbrief oppositioneller NPD-Kräfte Nr.1/2002
  • 8. »Befreite Zonen – aber wie?«, Deutsche Stimme 11/1999
  • 9. Nach Informationen von lokalen AntifaschistInnen soll sich hinter diesem Pseudonym Thomas Sp. verbergen.
  • 10. vgl. Nordkurier, Strelitzer Zeitung vom 2. April 2002, S.11
  • 11. vgl. Monitor, Nr. 5, Mai 2002, S. 3 »Wehrsport und Heimatschutz«
  • 12. siehe AIB 54, 3.2001, S. 24