„Netzwerk 764“: Sadismus, Voyeurismus und Neonazismus
Florian Osuch (Gastbeitrag)Im Gewaltnetzwerk 764 werden Kinder und Jugendliche manipuliert, gequält und missbraucht. Die Einflüsse sind vielseitig. Einige Akteure träumen vom großen Zusammenbruch und vom weißen Ethnostaat. (Im folgenden Text wird u.a. Suizid, Gewalt, Selbstverletzung thematisiert. Bitte entscheidet, ob ihr ihn lesen möchtet.)
„No Live Matter“-Propaganda.
Im Jahr 2021 schuf der damals 15-jährige Bradley Cadenhead (Alias: „Felix“) in Stephenville (Texas, USA) das „Netzwerk 764“. Benannt ist es nach drei Ziffern seiner Postleitzahl. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich daraus ein dezentrales, transnationales Sextortion-Netzwerk.
Sextortion ist eine Wortkreation aus den englischen Begriffen Sex und Extortion (Erpressung). Täter erschleichen sich das Vertrauen von Internetnutzern und bringen sie dazu, sensible Daten zu schicken, oftmals Nacktbilder oder selbsterstellte Sexvideos. Anschließend drohen sie mit Veröffentlichung des Materials und verlangen entweder finanzielle Zahlungen oder – wie bei 764 – weitere Missbrauchsaufnahmen oder Videos anderer Handlungen, wie Selbstverletzung, Tierquälerei bis hin zum eigenen Suizid.
Der Gründer des Netzwerks konnte nur wenige Monate agieren, wurden verhaftet und im Jahr 2023 wegen Verbreitung von Kinderpornografie zu 80 Jahren Haft verurteilt. Die Idee und die Möglichkeiten der Manipulation und des Missbrauchs hatten sich jedoch zügig im Internet verbreitet. Das diffuse Netzwerk operiert ohne zentralen Kern. Auf der ganzen Welt entstanden Ableger von 764, insbesondere in den USA und in Europa. Es kursieren Anleitungen über die wirkungsvollsten Sextortion-Techniken und über besonders vulnerablen Gruppen, die am ehesten zu Opfern gemacht werden können. Besonders anfällig seien Kinder mit psychischen Auffälligkeiten, Hinweise auf Einsamkeit oder Angehörige von Minderheiten, wie queere Jugendliche.
In Onlineforen und Subgruppen entstehen immer neue Bezeichnungen von 764, eine davon nennt sich „No Lives Matter“ (NLM) und bezieht sich damit konträr auf die Bewegung „Black Lives Matter“. Die Mitglieder derartiger Gewaltnetzwerke rühmen sich damit, andere zu demütigen, Kinder und Jugendliche dazu zubringen, ihre Haustiere zu töten oder sich selbst zu verletzten. Wer eigenes Material liefert, steigert seinen Ruhm und die Anerkennung in der Szene. Es gibt Fälle, wie Angriffe auf Unbeteiligter live im Internet gestreamt werden. Ein Beispiel aus dem Jahr 2023: Der erst 17-jährige Nino Luciano aus Deutschland filme sich dabei, wie er eine ihm unbekannte Rentnerin auf der Straße ansprach und sie ohne ersichtlichen Grund mit einem Messer tötete. Das Video veröffentlichte er auf der Plattform Discord.1
Das US-Justizministerium stuft das 764-Netzwerk als Terrororganisation ein. Die US-Bundespolizei FBI ermittelt in allen Bundesstaaten. Ende April 2025 wurden zwei US-Amerikaner als mutmaßliche Schlüsselmitglieder einer 764-Untergruppe festgenommen: der 20-jährigere Prasan N. (alias „Trippy“) in North Carolina sowie der 21-jähriger Leonidas V. (alias „War“) in Griechenland. Ermittlungen und Festnahmen gibt es auch international. In mehreren Ländern in Europa gab es Festnahmen und die Polizei ermittelt dutzende Fälle.
Zum Suizid manipuliert
Im Juni 2025 wurde in Hamburg der 20-jährige Shahriar J. festgenommen. Er habe laut Polizei mehr als 120 Straftaten „insbesondere gegen das Leben, die körperliche Unversehrtheit und die sexuelle Selbstbestimmung“ begangen. Die Opfer waren acht Kinder und Jugendliche. Der Mann sei als „White Tiger“ zwischen 2021 und 2023 relevantes Mitglied von 764 gewesen. Er habe die Betroffenen über soziale Medien kontaktiert, sie emotional von sich abhängig gemacht, um sie dann zu manipulieren und auszunutzen. Unter anderem habe er die Betroffenen dazu gebracht (kinder-)pornografische Aufnahmen zu fertigen. Die Opfer wurden derart beeinflusst, dass sie sich in Livechats unter den Augen der Community massiv selbst verletzten, sexuelle Handlungen an sich ausübten oder mit Messern verletzen. Aufnahmen solcher „Cutsigns“ auf der Haut der Opfer gelten als Trophäen in der Szene.
Anschließend habe er die Betroffenen mit der Veröffentlichung des Materials bedroht, sofern sie sich nicht noch massivere Selbstverletzungen vor laufender Kamera zufügen würden. Zu den über 120 vorgeworfen Straftaten gehört der Mord an einem 13-Jährigen. In dem Fall habe er das Opfer aufgefordert, sich in einem Internetstream zu suizidieren. Der nun Festgenommene soll zur Tatzeit selbst erst zwischen 16 und 19 Jahren alt gewesen sein.
Schnelle Verbreitung findet die dezentral organisierte Struktur über Plattformen wie Discord, Reddit und Telegram. Potenzielle Opfer werden insbesondere über die Plattformen Roblox und Minecraft angesprochen. Millionen Kinder und Jugendliche spielen über Roblox und Minecraft Onlinegames. Die Umgebung ist bunt und zunächst völlig unauffällig gegenüber derartigen Einflüssen.
Einige Täter konsumieren solche Gewaltvideos und Fotos offenbar aus Voyeurismus und Sadismus, Mitleid oder Einfühlungsvermögen sind ihnen fremd. Zur Unterhaltung sehen sie zu, wie Kinder und Jugendliche physische und psychische Gewalt, Manipulation und Missbrauch erleiden. Gegenseitig stacheln sich die Mitglieder solcher Gruppen über Chatnachrichten zu immer brutaleren Taten an.
Einige Expert:innen sehen den Ursprung von 764 im satanistischen Milieu. Grafiken beziehen sich auf Okkultismus und Neonazismus. Satanistische Abbildungen, Runen und Hakenkreuze sind wiederkehrende Symbole. Visuelle und inhaltliche Bezüge gibt es auch zum „Order of Nine Angles“ (O9A), einem in den 1970er Jahren in Großbritannien gegründeten Orden. O9A vereint Ideen von Satanismus, Nationalsozialismus und Rassismus. Der Orden praktiziert Aufnahmerituale, über die ihre Mitglieder zu „magischer Reife“ kommen. Auch bei 764 werden solche Riten praktiziert. Um einer Gruppe anzugehören oder nicht nur als passiver Zuschauer zu wirken, werden Mitglieder aufgerufen, eigenes Material zu verbreiten.
764 als Neonazi-Netzwerk?
Parallel zur okkulten Esoterik durchzieht das Netzwerk neonazistische Ideologien. Mitglieder verwendeten Nazi-Symbolik. Ein Statement der Untergruppe „No Lives Matter“ (NLM) trägt den Titel „Den Tod vergöttern“. Darin heißt es, man wolle „die gesamte Menschheit durch endlose Angriffe reinigen“. Die Vorstellung der Zerstörung liberaler Gesellschaften ist gerade in den USA oftmals verbunden mit der Vision eines weißen Ethnostaates.
Einige Akteure von 764 verbinden ihren Sadismus, Voyeurismus und Fantasien sexualisierter Gewalt mit der apokalyptischen Sehnsucht nach dem Untergang der bestehenden – als zu verweichlicht geltenden – liberalen Ordnung. Extreme Gewalttaten werden als Katalysator verstanden, um einen gesellschaftlichen Zusammenbruch zu beschleunigen.
Eine ausführliche Analyse auf dem Portal „Volksverpetzer“ sieht darin Parallelen zu Gruppierungen wie „Atomwaffen Division“. So stehe auch bei der „Atomwaffen Division“ die Ideen im Zentrum, „den Zusammenbruch des demokratischen Systems durch Chaos, Gewalt und Terror zu beschleunigen, um ein weißes, rassistisches Regime zu errichten“.2 Auch solche Denkweise gab es bereits beim „Order of Nine Angles“. Die Analyse beim Volksverpetzer kommt zu dem Schluss, 764 sei ein „neonazistisch-satanistischen Netzwerk“ und ein „Fenster in eine Form des digitalen Faschismus“.
Die Opfer von 764 sind oft junge Frauen. Die sexualisierte Gewalt kann auch als Machtdemonstration und symbolischer Unterwerfung gegenüber Männern gesehen werden. Dies wiederum zieht Verbindungen zur sogenannten INCEL-Szene und misogynem Extremismus.
Einem Beitrag der in New York ansässigen „Anti-Defamation League“ (ADL) zufolge wurzelt der ideologische Rahmen von 764 „in Nihilismus und Menschenfeindlichkeit und fördere eine Weltanschauung, die menschlichen Leben keinen Wert beimisst“. ADL ordnet 764 als weniger politisch ein. In ihrer Analyse heißt es: „Im Gegensatz zu traditionellen extremistischen Gruppen, deren Aktionen von bestimmten Anliegen oder politischen Zielen getrieben sind, werden die Aktivitäten der 764-Mitglieder typischerweise von dem Wunsch angetrieben, Einfluss und Status innerhalb des Netzwerks zu gewinnen.“3 Für 764 diene Gewalt „keinem höheren Zweck – sie ist lediglich Selbstzweck“. Die Mitglieder begehen die brutalen Taten allein aus dem Grund, Schaden zuzufügen und einen realen Horrorfilm zu konsumieren – den wenigsten gehe es um einen Umsturz.
Laut ADL unterscheidet diese Denkweise 764 von anderen Extremisten wie weißen Rassisten und gewalttätigen Islamisten, „die Gewalt mit dem Ziel einsetzen, die Gesellschaft zu destabilisieren und einen weißen Rassenstaat bzw. ein globales Kalifat zu errichten“.•
(Hilfsangebote: Betroffene von Suizidgedanken können die Telefonseelsorge im Internet oder über die kostenlosen Hotlines 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 oder 116 123 Hilfe finden.)