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Palästina 1936 – Der Große Aufstand und die Wurzeln des Nahostkonflikts

palästina buch

Der „Große arabische Aufstand“ im britischen Mandatsgebiet Palästina in den Jahren 1936 bis 1939 ist ein deutlich zu wenig beachtetes Geschehen, das den sogenannten „Nahostkonflikt“ und die weitere Entwicklung bereits etwa zehn Jahre vor der Gründung Israels ganz entscheidend geprägt hat. 

Oren Kessler bildet die Ereignisse des Aufstands szenisch ab und gibt den verschiedenen Akteur_innen auf Seiten Großbritanniens sowie auf Seiten der jüdischen (zionistischen) und der arabischen (palästinensischen) Nationalbewegung Raum. Dabei hält er sich mit Wertungen oft zurück. Dieser Darstellungsweise und natürlich auch dem Charakter des Beschriebenen ist es geschuldet, dass die aktive Rolle und die Handlungsmacht arabisch-palästinensischer Akteure im Konflikt angemessen deutlich wird. Den Lesenden bleibt es selbst überlassen, wie sie die Durchsetzung einer kompromisslosen Haltung im Umgang mit dem zionistischen Projekt als Ergebnis der inner-palästinensischen Auseinandersetzungen werten wollen.

Auf palästinensisch-arabischer Seite rückt Kessler neben dem sehr einflussreichen Partner der deutschen Nationalsozialisten Amin Al-Husseini vor allem auch Nationalisten wie Musa Alami oder George Antonius in den Fokus. Die Naschaschibis und ihre Verbündeten vertreten hingegen eine kompromiss- bzw. verhandlungsbereite Position gegenüber den zionistischen Bestrebungen, unterliegen jedoch den Husseinis und ihren Verbündeten und bezahlen einen hohen Preis – blutige Abrechnungen unter Palästinenser_innen prägen einen guten Teil des Geschehens.   

Am Ende der Aufstands sind nicht nur die kompromissbereiten arabischen Akteure geschwächt – Großbritannien besiegt auch die Fraktionen um den spätestens von nun an dominierenden Amin Al-Husseini und lässt zu, dass sich zionistische Milizen weiter bewaffnen und professionalisieren. Allerdings begrenzt Großbritannien die jüdische Einwanderung in das Mandatsgebiet Palästina zur Beschwichtigung der arabischen Bevölkerung kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs (und der Shoa) stark – mit den entsprechenden Folgen für die europäischen Jüd_innen.

Die Führung der zionistischen Bewegung ihrerseits wird sich im Angesicht des Aufstands endgültig darüber im Klaren, dass sie ihre Forderungen wohl (auch) militärisch wird durchsetzen müssen. Noch im März 1934 hatte ein Treffen zwischen den Zionisten Mosche Schertok und David Ben-Gurion mit Musa Alami stattgefunden. In dessen Vorfeld hatte zumindest Ben-Gurion erwartet, dass die Araber_innen Palästinas davon überzeugt werden könnten, gegen das jüdische Staatsgründungsvorhaben und die Einwanderung keinen Widerstand zu leisten – weil diese seiner Darstellung nach auch zu deren Vorteil gestaltet werden könnten. Musa Alami erwiderte seinen zionistischen Diskussionsgegnern, dass es ihm lieber sei, „dass das Land sogar noch hundert Jahre arm und wüst bleibt, bis wir Araber aus eigener Kraft imstande sein werden, es zur Blüte zu bringen und zu entwickeln“. Generelle Berührungsängste gegenüber Jüd_innen hatte Alami jedoch nicht. Er wurde 1897 in Jerusalem im Osmanischen Reich geboren und hatte einen jüdischen „Milchbruder“, was die beteiligten Familien zunächst in jahrzehntelanger Freundschaft verband. Gemäß einem lokalen Brauch vermittelten dort Hebammen Kontakte zwischen Müttern im gleichen Viertel, die zur selben Zeit Söhne zur Welt brachten. Diese wurden dann ungeachtet ihrer sonstigen sozialen oder religiösen Zugehörigkeit wechselseitig gestillt, um den Zusammenhalt zu stärken.

Nach der Lektüre erscheint in der Geschichte des Konflikts nichts mehr als zwangsläufig oder unvermeidbar – vielmehr erscheint sie als Abfolge verpasster Möglichkeiten. Dies ist aber nur eine denkbare Schlussfolgerung – Kessler gibt mit seinem Werk jedenfalls wertvolles Hintergrundwissen, um einen Konflikt, der Vielen gut vertraut zu sein scheint, neu zu betrachten. Eine echte Leseempfehlung.

Oren Kessler:
Palästina 1936 – Der Große Aufstand und die Wurzeln des Nahostkonflikts.
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz
Hanser, München 2025 (Original: 2023), 384 S., 28 Euro