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Jewgenija Chassis: Politische Morde als „extreme Form des Patriotismus“

Ewgeniy Kasakow
Jewgenija Chassis (links) im interview.
(Bild: Screenshot Youtube)

Jewgenija Chassis (links) im Interview.

Seit dem 28. November 2025 befindet sich Jewgenija Chassis, Mitglied der Terrorgruppe „Kampforganisation der Russischen Nationalisten“ (BORN) auf freiem Fuß. Verurteilt unter anderem wegen der Beteiligung an der Ermordung von antifaschistischen Aktivisten – dem Anwalt Stanislaw Markelow und Anastasija Baburowa – am 19. Januar 2009. Im November desselben Jahres wurden Chassis und ihr damaliger Partner, Nikita Tichonow, festgenommen. Wie im Verlauf der Ermittlungen festgestellt wurde, hatte Tichonow die tödlichen Schüsse abgegeben, während Chassis die Opfer observierte und dem Mörder das Signal gab.

Die 2008 entstandene BORN umfasste mindestens acht Personen, die meisten aus der Neonaziszene kommend. Rassisch definierten Nationalismus vertretend, konzentrierte sich die Gruppe darauf gezielte Anschläge auf Arbeitsmigranten, Minderheiten und politischen Gegner auszuüben. Von zehn namentlich bekannten Mordopfern waren fünf aktive Anifaschisten: neben Baburowa und Markelow fielen Fjodor Filatow, Ilja Dschaparidse und Iwan Chutorskoj den Anschlägen zum Opfer. Unter anderen Opfern waren der föderale Richter Eduard Tschuwaschow und der  Weltmeister im Thai-­Boxen Muslim Abdullajew. 

Kaum auf freiem Fuß gab Chasiss, die 2011 zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde, der liberalen Journalistin Ksenija Sobtschak ein dreistündiges Interview. Diese sagte im Vorfeld, sie verurteile die Taten und Ansichten ihrer Interviewpartnerin, möchte jedoch Einblicke in die Psychologie der Terroristen gewähren. Das Interview sorgte für Entsetzen. Chassis redet darüber, dass sie sich auch als „schlechter Mensch“ das „Recht nimmt, sich über diesen lange erwarteten Tag zu freuen“, lässt sich kichernd von ihrer Gastgeberin das Smartphone erklären und stellt auch sonst eher Stolz und Zufriedenheit zur Schau. 

Den Mord an Baburowa bereut sie zwar, doch wiederholt sie immer wieder, sie sei nie „Ziel“ gewesen. Für Markelow findet sie keinen Wort des Mitleids, sondern wiederholt, er habe durch seine Kritik am Vorgehen der russischen Truppen im Tschetschenienkrieg „beleidigt und provoziert“. „Das Strafvollzugsystem funktioniert gut, ich weiß warum ich die Strafe verbüßt habe“, so Chassis im Interview. Doch ihr Fazit lässt aufhorchen. Die Inhalte und Methoden der BORN seien eine „extreme Form des Patriotismus“ gewesen, sie selber agierte vor allem aus Liebe zu Tichonow, der sie ausgenutzt habe. Das Schlimme am Gerichtsverfahren sei sein abweisendes Verhalten gewesen. Chassis redet von sich in dritter Person und nennt sich dabei immer wieder „Mädchen“ – zur Tatzeit war sie 24 und konnte auf lange Erfahrungen in rechtsradikalen Kreisen zurückschauen.

Tatsächlich war der Stand von Chassis in der BORN am Anfang scheinbar schwer. Sie war das einzige weibliche Mitglied der Gruppe und stand immer wieder in Erklärungsnot wegen ihres nichtrussisch klingenden Nachnamens. Noch vor Gericht war es ihr wichtig zu beteuern, er habe einen griechischen und nicht einen jüdischen Ursprung. Doch Kritik an den Umgangsformen innerhalb der rechten Kreise sucht man im Interview vergebens. Vielmehr regt sie sich über die Berichterstattung der Zeitung „Nowaja Gaseta“ auf, deren Mitarbeiterin Anastasija Baburowa war. Dort habe man „Unwahrheiten“ über sie und BORN verbreitet, ohne jedoch ein konkretes Beispiel zu nennen.

Bei ihren Ausführungen über Markelow sagt Chassis Sobtschak gegenüber, er habe eine „Diskreditierung der Streitkräfte“ betrieben. Das ist keineswegs eine zufällige Formulierung: seit 2022 lautete so der Tatbestand eines Paragraphen des russischen Strafgesetzbuches. Ebenfalls betont sie ihre Unterstützung für die „Spezialoperation“. Mehrere verurteilte BORN­-Mitglieder einschließlich Chassis, haben sich aus der Haft heraus freiwillig zum Kriegseinsatz in der Ukraine gemeldet, bekamen jedoch ablehnende Bescheide.

Einige Aspekte der Aktivitäten von BORN werden im Interview zwar angerissen, aber leider nicht vertieft. Die BORN wollte keine rein terroristische Struktur sein. Nikita Tichonow und vor allem der als Ideologe fungierende Ilja Gorjatschew, damals erfolgreicher Journalist, wollten sich ein Beispiel an der Arbeitsteilung zwischen der „Irish Republican Army“ (IRA) und deren politischen Arm „Sinn Féin“ nehmen. Als politischer Arm der BORN sollte die Organisation „Russki obras“ (Russische Gestalt) fungieren. 

Von 2003 bis 2009 erschienen sieben Ausgaben der gleichnamigen Theoriezeitschrift, die in etablierten Buchläden vertrieben wurde. Tichonow und Gorjatschew suchten Kontakte zu legalen rechten Organisationen und Parteien. Immer wieder deuteten sie in den rechten Kreisen an, über die Unterstützung seitens der Präsidialverwaltung zu verfügen. Dessen ehemaliger stellvertretender Leiter Wladislaw Surkow hatte damals gezielt loyale Organisationen verschiedener politischer Ausrichtung aufbauen und finanzieren lassen. 

Leider verpasste Sobtschak, die in der aktuellen russischen Medienlandschaft beispiellose Narrenfreiheit genießt, Chassis nach den Kontakten der BORN und „Russki obras“ genauer auszufragen. Dabei finden sich darunter Figuren wie Maxim Mischtschenko, Anführer der kremlnahen Jugendorganisation „Rossija Molodaja“ (2005-2017) und Abgeordente von „Einiges Russland“, u.a. der später wegen Betrug verurteilte Leonid Semunin, der heute im Energie­ministerium der „Volksrepublik Donezk“ als Berater wirkt oder Alexei Mitrjuschin, der als Funktionär diverser Jugendorganisationen Verbindungen zwischen „Einiges Russland“ und nationalistischen Fußballfans herstellte. Gorajtschew pflegte zudem intensive Kontakte zu rechten Kreisen in Serbien, vor allem zu der „vaterländischen“ Bewegung „Obraz“ um Nebojša Krstić und Mladen Obradović.

Um die Erwähnung von zwei Freunden von damals kommt Chassis nicht herum. Der Korrespondent der Zeitung „Komsomolskaja prawda“, Dmitri Steschin, ein persönlicher Freund von Tichonow, der heute zu den bekanntesten Frontberichterstattern („Wojenkorrs“) zählt. Laut den Geständnissen von Tichonow half Steschin der BORN bei der Waffenbeschaffung. Chassis redet über ihn in den höchsten Tönen und leugnet seine Beteilgung. Anders redet sie über Alexei Baranowski. Dieser trat als Mitglied der rechten Juristengruppe „Russki Werdikt“ und als Mitarbeiter des Duma-Abge­ordneten der populistischen „Liberaldemokratischen Partei Russlands“ (LDPR) Nikolai Kurjanowitsch in Kontakt mit BORN. Später versuchte er Chassis durch eine Falschaussage ein Alibi zu verschaffen. Heute wirbt Baranowski für den bewaffneten Sturz Putins mit Hilfe der Ukraine. Er ist ein häufiger Gast bei den Foren der Exilopposition, wo er die Legion „Freies Russland“ vertritt und enger Mitarbeiter des ehemaligen linken Aktivisten Ilja Ponomarjew ist. Von seiner Vergangenheit distanziert sich Baranowski, der seit 2013 in der Ukraine lebt und die Maidan-Proteste unterstützte, eher halbherzig. Von Chassis erntet Baranowski im Interview nur Verachtung.

Der Journalist Jegor Skoworod - der 2019 ein Buch über die beim Prozess verwendeten Abhörprotokolle von Tichonow und Chassis vor deren Festnahme schrieb - verweist darauf, dass Chassis aus tiefster Überzeugung handelte und häufig ihren Mittätern mangelnde Konsequenz vorwarf. Sie bot sich auch selber als Schützin an. Wie die anderen verurteilten BORN-­Mitglieder kooperierte Chassis aktiv mit den Behörden, was offensichtlich Auswirkungen auf ihre Haftbedingungen hatte: lange Zeit lief ein Twitter-Account unter ihren Namen, von Alexei Baranowski betreut, weiter. 2013 durfte sie sogar einen Leserbrief in „Komsomols­kaja prawda“ veröffentlichen, in dem sie ihre zeitweilige Mitgefangene Nadeschda Tolokonnikowa vom Kollektiv „Pussy Riot“ kritisierte und deren Beschwerden über die Haftbedingungen desavouierte. 

Auch die anderen BORN-Mitglieder kommunizieren aus der Haft mit den Gleichgesinnten. So führt der eine lebenslangen Haft verbüßende, Ilja Gorajtschew einen Briefwechsel mit Ratko Mladić und veröffentlicht literarische Werke in einschlägigen Medien der russischen Rechten. Das Vorwort zu seinem 2023 erschienenen Buch schrieb der israelische Rechtsradikale Avigdor Eskin.