Antifa | AIB 127 / 2.2020 | 09.10.2020

Zwischen Aufhebungsperspektive und Lichterketten

April 1999: Die Antifaschistische Initiative Heidelberg (AIHD) - seit 2015 mit dem Zusatz iL - gründet sich. Vorher hatte es fast sieben Jahre lang die „Autonome Antifa Heidelberg“ gegeben, die eng verbunden gewesen war mit dem lokalen „Autonomen Zentrum“, das 1999 – nach achtjähriger unabhängiger Selbstverwaltung - abgerissen wurde. Neben vielem anderen war die „Autonome Antifa Heidelberg“ als Veranstalterin des Antifaschistischen Straßenfestes am 30. April 1998 in der Altstadt markant in Erscheinung getreten: Nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um das von Burschenschaften in Szene gesetzte, alljährlich zelebrierte „Mai-Ansingen“ war diesem rechtsreaktionären, männerbündisch-misogynen Treiben 1997 ein nachhaltiges Ende bereitet worden. Der Raum wurde ab 1998 mit antifaschistischen Inhalten und gegenkulturellen Angeboten ausgefüllt, ab 1999 übernahm die AIHD die Durchführung dieses Festes. Wir haben mit zwei Gründungsmitgliedern der AIHD, die auch schon in der „Autonomen Antifa Heidelberg“ waren, über den so genannten Aufstand der Anständigen gesprochen.

Wo hat sich die AIHD politisch-­organisatorisch verortet und was hat sie bis zum „Aufstand der Anständigen“ auf die Beine gestellt?

Nach der Straßenfestausrichtung 1999 mussten wir im ersten Jahr die Gruppe politisch-organisatorisch verfestigen. Das war anfänglich alles andere als leicht, schließlich war uns ein großes selbst verwaltetes Zentrum in Innenstadtnähe genommen worden, in dem wir uns zum Gruppenaustausch hätten treffen können. Da wir uns als Teil einer außerparla­mentarischen, sozial bewegten Opposition im neulinken Postoperaismus verorteten, als dessen tragende Säule wir den eigenständig konfliktorischen autonomen Antifaschismus betrachteten, richteten wir uns „aufhebungsperspektivisch“ aus. Das prägendste Thema dieses Frühlings war der NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien, und wir veranstalteten dazu mit der „Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation“ (AA/BO) eine bundesweite Demonstration.

Ihr ward zügig Mitglied in der AA/BO geworden?

Die „Autonome Antifa Heidelberg“ war schon Mitglied, da lag es nahe, jene Gruppe, welche die andere gewissermaßen „ersetzt“ und personell erweitert hatte, mit in die Organisation zu holen. Die AIHD hatte sich unter den Vorzeichen konstituiert, Mitglied einer bundesweit aufgestellten, verbindlichen Struktur zu werden. Was wir als „aufhebungsperspektivische Ausrichtung“ bezeichnet haben, fokussiert vornehmlich auf unser kämpferisches, antagonistisches Verhältnis zum uns umgebenden Herrschaftssystem. Die bundesrepublikanische Nachkriegs-­Restau­ration hatte - zusammen mit dem übriggebliebenen NS-Staat-Personal - die so genannte wehrhafte Demokratie aus der Taufe gehoben. Bevor wir uns also revolutionär um den nationalliberalen Wettbewerbsstaat kümmern konnten, mussten wir hier und heute radikal „entnazifizieren“ - auch unter nachholenden Aspekten. Nur so konnten wir kategorisch sichergehen, dass sich Auschwitz nicht wiederhole1. Der für uns unumstößliche Gültigkeit besitzende Schwur von Buchenwald ging noch weiter und verlangte grundlegende Transformationen: Es reichte nicht aus, den Faschismus auf allen Ebenen und mit allen Mitteln zu bekämpfen; er muss „mit seinen Wurzeln“ vernichtet werden2. Die AIHD und die Gruppen der AA/BO waren revolutionäre Antifaschist*innen, die staatlich unabhängig und militant im emanzipatorischen Sinne agierten.

Ihr wolltet von staatlich-institutioneller Beeinflussung oder Vereinnahmung unabhängig sein.

Das wollten oder mussten wir selbstverständlich sein. Die „Wehrhaftigkeit“ der Demokratie hieß ja eben nicht, die Gesellschaft vor dem Faschismus zu schützen; im Gegenteil: Die politische Grundordnung musste davor bewahrt werden, grund­legend verändert zu werden - von links. Und dabei halfen die alten NS-Staats-Täter*innen und -Kollaborateur*innen gerne. Mit solch einem Staat wollten wir nichts zu tun haben. Und er ja auch nichts mit uns: Exekutiv, judikativ und legislativ im Repressionsmodus gesichert, bildete die haltlose Extremismustheorie das hufeisenförmige Grundgerüst der Verfassungsarchitektur. Im Kern ging es der ins westliche Militärbündnis eingegliederten BRD darum, ihre soziale oder besser liberale Marktwirtschaft bewaffnet zu verteidigen. Bevorzugt gegen Zusammenschlüsse und Bewegungen, die emanzipatorisch einen radikalen Wandel der Verhältnisse herbeiführen wollten. Die seit den 1980er Jahren als solche wahrnehmbaren autonomen Antifaschist*innen wurden diesem Milieu zugeordnet und dementsprechend kriminalisiert. Trotz alledem war uns natürlich klar: Wir lebten, wir agierten nicht im Faschismus, auch wenn sich alles dorthin entwickeln könnte ...

Im Jahr 2000 seid ihr an diesem Punkt ins Hadern gekommen?

Wir hatten es durchgängig mit neonazistischen, rassistischen, anti­semitischen Anschlägen zu tun. Ein staatliches Gefüge, das seinen Apparat dagegen nicht in Anschlag bringt, lädt die gewalttätigen Teile dazu ein, das in seinen Augen „republikanische Zwischenspiel“ zu beenden oder in eine autoritäre Formierung zu drängen. Am besten funktioniert dies über Terror, Einschüchterung und Mord. Die Frage ist dabei jene nach der staatlich-institutionellen und zivilgesellschaftlichen Sensibilisierung. Welche Taten werden überhaupt als „rechts“ eingestuft? Wie intensiv werden die daran gebundenen Analysen diskutiert? Wer reagiert dann wie? Zehn Tage vor unserem zweiten Antifaschistischen Straßenfest verübten Neonazis einen Brandanschlag auf die Synagoge in Erfurt. Im Juni 2000 starb Alberto Adriano, nachdem er von Neonazis in Dessau zusammengeschlagen worden war. Im Juli 2000 explodierte am S-Bahnhof Wehrhahn in Düsseldorf eine Rohrbombe, die zehn Menschen lebensgefährlich verletzte. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder verkündigte den „Aufstand der Anständigen“. Das Gerede von der „Staats-Antifa“ war plötzlich in aller Munde. Uns autonomen Antifa-Gruppen war schon länger der Vorwurf gemacht worden, wir betrieben - an den zuständigen Ermittlungsbehörden vorbei - Selbstjustiz, Deutungshoheitspolitik und Demokratiezersetzung - auch mit dem Ziel, den Staat vorzuführen: „Seht her, hier sind wir, und mit jeder militanten Aktion gegen Nazis machen wir euch deutlich, dass ihr nichts unternehmt, wegschaut, eher noch fördert.“ Und plötzlich sagte der höchste Repräsentant dieses Staates sinngemäß „jetzt nehmen wir das antifaschistische Ruder selbst in die Hand“.

Im Rhein-Neckar-Dreieck passierte das ein paar Tage vorher. Am 16. Juli 2000 verübten Neonazis einen Brandanschlag auf eine Geflüchteten-Unterkunft in Ludwigshafen-Oppau; dabei wurden mehrere Menschen schwer verletzt. Die AIHD zog mit dem „Antifaschistischen Aktionsbündnis Rhein-Neckar“ (AARN) noch am selben Tag in einer Spontandemonstration durch den Ort. Am nächsten Samstag wollten wir eine bundesweite Antifa-Demonstration folgen lassen. Noch war es „typischer“ autonomer Antifaschismus, der hier angesetzt wurde: Wir analysierten einen Vorfall als rassistischen Brandanschlag, koordinierten uns und stimmten uns mit „unseren“ unabhängigen Bündnissen und Organisationen ab. Dann kamen die „Anständigen“ - in der Woche zwischen dem Anschlag und der Demonstration hingen sich SPD, FDP, CDU, die Grünen, die FWG LU, Kirchen, Gewerkschaften dran, kaperten die Demonstration und versahen sie mit dem oberflächlichen Motto: „Gegen Ausländerhass“.

Wir entschieden uns, einen sichtbar separierten, starken eigenen Block zu bilden und unsere Inhalte von dort aus nach außen zu tragen. Das hat gut funktioniert, unser Block wurde angeleitet von einem Transparent mit der Aufschrift: „Rassismus tötet - Leistet Widerstand gegen Volk und Nation.“ Es hatte sich bereits herumgesprochen, dass der Staatssekretär im Mainzer Innenministerium, Ernst Theilen (SPD), nach Ludwigshafen entsandt wurde, um ihn eine Rede halten zu lassen. Theilens Oberster Dienstherr war der berüchtigte Bundesinnenminister Otto Schily (SPD). Seine Rede hat Theilen nicht halten können, weil wir die Bühne enterten, mehrere Transparente entfalteten und „Nazis morden, der Staat schiebt ab, das ist das gleiche Rassistenpack“ skandierten. Nach diesem Debakel gab er in Interviews an: „Wir müssen überlegen, wie wir mit derartigem Chaotentum, von links oder rechts, fertig werden.“ Und damit keine Missverständnisse bei den Rezipient*innen dieser extremismustheoretischen Präemption aufkommen, wer mit „wir“ gemeint sein könne, schob er in bester soziologischer Fundierung nach, dass dabei - also beim „Fertigwerden“ mit den linken und rechten Chaot*innen - die „gesamte Gesellschaft gefordert“ sei: „Von den Eliten bis zur Arbeitsmarktpolitik.“ Dem war eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Die AIHD gibt es heute noch, der „Aufstand der Anständigen“ ist längst Geschichte.

  • 1. Nach Theodor W. Adorno: „Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“
  • 2. „Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens: Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Buchenwald/Weimar 19. April 1945