Das US-Amerikanische Erbe – die "Heritage Foundation"
Ulli Jentsch (REGA)
Ausflug nach Ungarn: Vertreter der „Heritage Foundation“ zu Besuch bei der „Otto von Habsburg Stiftung“ in Budapest im März 2022.
Es fällt schwer, über die US-amerikanische Heritage Foundation zu berichten, ohne deren Arbeit in übertrieben klingenden Tönen zu beschreiben. Die 1973 gegründete ultrarechte Stiftung mit Sitz in Washington, DC ist einer der reichsten Thinktanks weltweit und hat eine halbe Million Mitglieder. Sie hat einen enormen Einfluss auf die aktuelle Politik der Trump-Regierung und besetzt etliche Schlüsselpositionen in den Ministerien, aber auch in den Büros der Abgeordneten im US-Kongress: geschätzte 30 Prozent der Mitarbeiter*innen sind Personen, die bei der Heritage ausgebildet wurden.
Kein Vergleich mit Deutschland
Die Heritage Foundation (HF) ist keine Stiftung, wie wir sie aus den deutschen oder europäischen Verhältnissen kennen, ein Vergleich mit den parteinahen Stiftungen hier beispielsweise funktioniert kaum. Die Heritage ist ein Machtzentrum der Republikanischen Partei, eine Politikmaschine, die über enorme Mittel und einflussreiches Personal verfügt und sich vor allem nicht auf politikwissenschaftliche Analysen der aktuellen Entwicklungen konzentriert: Sie bringt offensiv und selbstbewusst ihre eigenen Kampagnen in Stellung. Die Umsetzung und Durchführung politischer Forderungen sind integraler Teil ihrer Aktivitäten.
Das ‚Project 2025‘, Vorbild für die Arbeit der zweiten Trump-Regierung, ist nur das bekannteste. Seit 2020 arbeitet die als „Schwesterorganisation“ bezeichnete Heritage Action daran, die Politik des US-Kongress im christlich-nationalistischen Sinn zu beeinflussen. Dabei fungiert Heritage Action als Scharnier zwischen den außerparlamentarischen, konservativen ‚Grassroots‘-Initiativen und den Abgeordneten, auf die Druck ausgeübt wird.
Seit Oktober 2024 ist das ‚Project Esther‘ der HF aktiv, das pro-palästinensischen Aktivismus in den USA als Teil eines globalen ‚Hamas Support Networks‘ definiert und als anti-amerikanisch und antisemitisch angreift.
Hinzu kommen jene Tätigkeiten, die wir hier von den Stiftungen und Thinktanks kennen: eine ständige politische Interessenvertretung auf parlamentarischer Ebene – darunter „Tausende von Treffen mit Regierungsmitgliedern und Offiziellen des Kongresses“, Kandidatenbriefings, Arbeitsgruppen und Anhörungen im Kongress, politische Bildung in die Breite der Gesellschaft, die gezielte Ausbildung des politischen Nachwuchses und umfangreiche Publikationen.
Project 2025
In einem 2023 erschienenen Handbuch für die ersten 180 Tage einer neuen Trump-Regierung mit dem Titel ‚Mandate for Leadership. The Conservative Promise‘ hatte die HF auf 920 Seiten Mitglieder der christlich-konservativen, republikanischen Rechten zu Wort kommen lassen, unterstützt von einem Beirat von 100 Personen sowie mehr als achtzig einflussreichen Organisationen und geleitet von dem Trump-Vertrauten Paul Dans. Das Handbuch wurde inzwischen mehr als 5,4 Millionen mal von der Heritage-Seite heruntergeladen, ein Rekord für die Publikation eines Thinktanks. „Das von der Heritage Foundation ins Leben gerufene Project 2025 zielt auf die ‚Rettung des Landes’ vor der ‚Herrschaft der Eliten und woken Kulturkriegern‘ und den Ersatz der Demokratie durch einen christlich geprägten Autoritarismus“, so das US-amerikanische „Global Project against Hate and Extremism“ (GPAHE), das diese autoritären Bestrebungen akribisch nachzeichnet. Bereits in ihrem Jahresbericht von 2024 schrieb die HF: „Das viel gepriesene Projekt 2025 hat das Unvorstellbare erreicht: Es hat die konservative Bewegung hinter einem umfassenden Paket politischer Vorschläge vereint und eine Personaldatenbank aufgebaut, die mittlerweile Zehntausende von Menschen umfasst, die darauf brennen, diese Vorschläge umgesetzt zu sehen. Das wird sich über Jahre hinweg auszahlen.“
Seit dem Amtsantritt von Präsident Trump im Januar 2025 sind weite Teile des Handbuches umgesetzt worden. Aus Behörden und Ministerien wurden bereits Tausende als illoyal angesehene Mitarbeiter*innen entlassen, um die negative Erfahrung der ersten Trump-Regierung, die über zu wenig gut ausgebildetes und loyales Personal verfügte, nicht zu wiederholen.
Die Heritage in Europa
Die Stiftung und ihr Personal haben immer wieder deutlich gemacht, dass sie keine Freunde der EU und ihrer ‚woken‘ Politik sind. Ihre Sympathien in Europa haben die illiberalen autokratischen Regierungen wie die in Ungarn unter Viktor Orbán oder die polnischen Rechtskonservativen der „Prawo i Sprawiedliwość“ (PiS).
Der Trumpismus, oder die MAGA-Bewegung, ist schon lange in Europa angekommen und die Heritage Foundation ist von Anfang an dabei. Zum Beispiel Mike Gonzalez: Er ist Senior Fellow der HF und Experte für internationale Beziehungen. Bereits 2020 war er Erstunterzeichner der Carta de Madrid, dem Gründungsmanifest des Foro Madrid. Dort formulierte die VOX-nahe Stiftung Disenso den extrem rechten Anspruch auf eine sogenannte Iberosphäre, einer gemeinsamen Interessensphäre und Identität der spanischsprachigen Länder Lateinamerikas und Spaniens in kolonialer Tradition.
Seitdem war Gonzalez mehrfach zu Besuch in Europa. Im Februar 2025 besuchte er zusammen mit Heritage-Präsident Kevin Roberts den großen ‚Make Europe Great Again‘-Event in Madrid, ausgerichtet von VOX und den Patrioten für Europa (PfE) unter Santiago Abascal. Begeistert schrieb Gonzalez später von der Stimmung dort und wie ‚trumpy‘ diese Veranstaltung gewesen sei. Die US-Amerikaner seien als ‚Waffenbrüder‘ gekommen, die Führer und Führerinnen der PfE, der „13 Trumpiest parties in Europe“ hätten nacheinander vor 2.000 Menschen dem Trump-Effekt applaudiert, der auch als „Tornado“, „Hurrikan“ und dringend benötigte „globale Umwälzung“ bezeichnet wurde. So entstehe eine „weltweite Allianz für Freiheit, oder eher eine Rebellenarmee, die sich gegen das „Woke“-Imperium stellt, das der Welt vorschreibt, wie sie sich zu verhalten hat.“
Kevin Roberts, der die Heritage Foundation seit Oktober 2021 leitet, hat sich wie Gonzalez und auch James Carafano bereits mehrfach in Europa aufgehalten. Im März 2025 wird durch einen Artikel bei vsquare.org bekannt, dass Carafano, der wichtigste Berater Roberts, im Namen der HF zu einem internen Workshop nach Washington eingeladen hat. Thema: „The Great Reset“, der große Umbau für die Neuordnung der europäischen Institutionen.
In einem von vsquare.org geleakten Papier, das von den beiden europäischen Thinktanks Ordo Iuris (Polen) und Mathias Corvinus Collegium (MCC, Ungarn) verfasst wurde, wird unter anderem die Entmachtung der Europäischen Kommission und des Europäischen Gerichtshofes gefordert. Die EU solle umgebaut werden in eine „European Community of Nations“ (ECN, also eine Europäische Gemeinschaft der Nationen). Dies dürfte in dem politischen Rahmen passen, den sich auch Viktor Orbán vorstellt, wenn er sagt, man müsse den Kampf gemeinsam in Brüssel gewinnen, dort gebe es die „entscheidende Schlacht“.
Ebenfalls im Mai 2025 besuchte HF-Chef Roberts Paris, um dort Führer extrem rechten Parteien zu treffen.
Immer gegen reproduktive Rechte
Spanien, Frankreich, Polen, Ungarn: die Zugangspunkte für die MAGA-Bewegung nach Europa haben sich längst vervielfacht, auch durch politisches Personal aus dem Heritage-Netzwerk, das Trump hier eingesetzt hat. Wie den US-Botschafter bei der EU, Andrew Puzder, der in den USA früher als Anwalt gegen das Recht auf Abtreibung aktiv war. Der Kampf gegen reproduktive Rechte und gegen sexuelle Selbstbestimmung ist eine Konstante in der Arbeit der Heritage. Hier hat die Stiftung auch noch Wünsche offen bei Präsident Trump, denn die Beendigung des Rechts auf Abtreibung sei erst der Anfang, die Rechte der „Ungeborenen“ gegen die Schwangeren durchzusetzen und das Ministerium für Gesundheit zum ‚Department of Life‘ umzubenennen, habe oberste Priorität.
Im späten Oktober 2025 sprach Roger Severino, Vize-Präsident der HF und als Architekt deren Anti-Abtreibungs-Kampagne bekannt, auf einer Konferenz in Rom unter Beteiligung des italienischen Machiavelli Institut über sinkende Geburtenraten und die „demografische Krise“.
In Deutschland fehlt der Heritage bisher ein offensichtlicher Verbündeter aus der Familie der ‚Trumpiest parties‘. Es gibt offiziell Kanäle zu CSU und CDU, zum Beispiel über die Kampagnenfirma „The Republic“ von Armin Petschner-Multari, der zu seinen jährlichen Konferenzen in Berlin auch Vertreter der Heritage einlädt. Als Gast nach Berlin kam 2025, wie zuvor James Carafano. Die Heritage ist 2025 auch erstmals Mit-Veranstalter. Zusammen mit anderen, wie der weltweiten Organisation der Rechtsparteien ‚International Democracy Union‘, verstehe man sich als ‚Global Alliance of the Centre Right‘.
Das passt zu dem Plan der Heritage, einen „nationalistischen Internationalismus“ des ‚Nationalkonservatismus‘ zu fördern und durch die Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Parteien, Thinktanks und Bewegungen die Dynamik der MAGA-Bewegung auf ein globales Niveau zu bringen – selbstverständlich unter der Führung der Trump-Regierung.