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Die Aula – Das „freiheitliche Magazin“ und der Neonazismus

Konrad Windig (Wien)
Einleitung

Im September 2025 begann in Graz der NS-Verbotsgesetzprozess gegen Martin Pfeiffer, der zwischen 2004 und 2018 die Inhalte der dort erschienenen Monatszeitschrift „Die Aula“ verantwortete.

Pfeiffer AULA
(Bild: Screenshot: facebook/gfp)

Martin Pfeiffer spricht 2017 bei einem Kongreß der ultra-rechten „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GfP).

Martin Pfeiffer, der seit 2010 auch der neonazistischen „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GfP) vorsitzt, führte das – laut Eigenbezeichnung – „freiheitliche Magazin“ noch tiefer in neonazistisches Fahrwasser. Bis die FPÖ, die damals gerade wieder in der Regierung saß, 2018 die Notbremse ziehen musste und den Geldhahn zudrehte. Und das, nachdem die Parteispitze der Öffentlichkeit über Jahrzehnte weismachen wollte, gar nichts mit dem Blatt zu tun zu haben.

Gegründet wurde die Aula 1951 als Mitteilungsblatt der „Freiheitlichen Akademikerverbände“ (FAV), zu welchen sich die in der FPÖ aktiven „Alten Herren“ aus den deutschnationalen Korporationen zusammengeschlossen hatten. Von Beginn an verstand man sich als Wächter völkischer Gesinnung in der FPÖ und versuchte, diese von liberalen Verirrungen möglichst freizuhalten. Solcherart wurde „Die Aula“ früh eine gewichtige Stimme in den freiheitlichen Richtungsstreitereien und Fraktionskämpfen. Als diese 1967 mit der Abspaltung der neonazistischen „Nationaldemokratischen Partei“ (NDP) einen vorläufigen Höhepunkt erreichten, wurde das Blatt zum wichtigen Scharnier zwischen „1848ern“ und „1938ern“, wie Andreas Mölzer, langjähriges Mitglied in der Aula-Schriftleitung, die widerstreitenden Fraktionen des deutschnationalen Lagers nannte.

Diese wichtige Funktion wurde auch 1986 deutlich, als „Die Aula“ am Sturz des liberalen FPÖ-Chefs Norbert Steger maßgeblich beteiligt war. Sein Nachfolger, der Burschenschafter Jörg Haider, dankte im Jubiläumsheft 1991 den Verantwortlichen für ihren Beitrag zu seinem Sieg über die Liberalen in der Partei. Anfang 1995 mussten er und ein Großteil der FPÖ-Führung sich jedoch von der Aula distanzieren, da diese damals als eine Art "Stichwortgeberin" der rechtsterroristischen „Bajuwarischen Befreiungs­armee“ (BBA) durch die Medien ging. In Reaktion auf die Kritik verstieg man sich beim Versuch, die rechte Urheberschaft des (Brief-)Bombenterrors zu leugnen, mehr und mehr in abstruse Verschwörungserzählungen. Der Linzer Aula-Anwalt Alfred Wind­hager versuchte, kritische Journalist*innen und bekannte Antifaschist*innen wie Wolfgang Purtscheller mit unzähligen, auch veröffentlichten „Sachverhaltsdarstellungen“ in die Nähe des Terrorismus zu rücken. 

Aber nachdem die FPÖ ihre schützende Hand zurückgezogen hatte, nahm sich die Justiz dann doch des Blattes an, wobei sich das Gericht in Graz immer noch für befangen erklärte. Im Sommer 1995 wurde der damalige Aula-Verantwortliche Herwig Nachtmann darum in Leoben nach dem NS-Verbotsgesetz verurteilt.

In der Folge legte man unter der „Schriftleitung“ von Otto Scrinzi (1999 bis 2003) die letzten Rücksichtnahmen gegenüber der damals mehr und mehr auf Salonfähigkeit bedachten FPÖ ab. So begann die Aula in unzähligen Varianten die Legenden von der jüdischen Weltverschwörung aufzuwärmen und für Publikationen zu werben, in denen der Holocaust geleugnet wird. Hitler wurde als „unerwünschter, weil erfolgreicher Sozialrevolutionär“ bezeichnet, zu lesen war auch von einer „normativen Kraft der rassischen Abstammung“ oder der Notwendigkeit eines „Befreiungskrieges“ gegen die „Verräter und Verbrecher“ aus dem „eigenen Volk“. 

Für Aufsehen sorgte 2006 ein Interview mit dem ehemaligen NS-Abwehroffizier Franz Wimmer­-Lamquet, der dem von ihm „sehr“ geschätzten SS-Gruppenführer und Leiter des "Reichssicherheitshauptamtes" Reinhard Heydrich attestierte, „eine klare Linie“ gehabt zu haben und „nicht bestechlich“ gewesen zu sein.

Als die FPÖ ab Mitte der 1990er Jahre allzu öffentliches Anstreifen am Neonazismus meiden musste, wurde die Scharnierfunktion des Blattes wieder aktualisiert. Auch die Kontakte zu deutschen Neonazis liefen maßgeblich über „Die Aula“ und die Burschenschaften. Diese luden etwa 2005 Führungskader der „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) nach Österreich ein, Udo Voigt sprach vor Grazer Korporierten über die „Chancen und Perspektiven der nationalen Bewegung in der BRD und in Österreich“ und kurz darauf warnte Franz Schönhuber in der Aula davor, bei den Einigungsversuchen der extremen Rechten in Deutschland, die NPD zu vergessen. Mehr und mehr wurde das „freiheitliche Magazin“ zum Sprachrohr dieser Partei, die – wohl nicht zuletzt angesichts solcher gewichtigen Unterstützung – kurz sogar die Gründung eines Österreich-Ablegers ins Auge fasste.

Nachdem Haider einsehen musste, dass die FPÖ sich nicht vom Rechtsextremismus frei machen lässt und er sich 2005 mit dem „Bündnis Zukunft Österreich“ (BZÖ) abgespalten hatte, wuchsen Aula und FPÖ wieder fester zusammen. Der damalige Parteiobmann Heinz-Christian Strache versicherte dem damals in einer Auflage von 11.000 Stück erscheinenden „freiheitlichen Magazin“ schon 2003, dass dieses in ihm „immer einen verlässlichen Ansprech­partner finden“ werde. Noch Ende 2011 gratulierte die fast vollständig angetretene FPÖ-Spitze der Zeitschrift mit zahlreichen inhaltlichen und personellen Verbindungen zum Neonazismus zum 60-jährigen Bestehen. Auch bezeichnete die FPÖ die von ihr auch über Inserate (mit) finanzierte Aula nun als ihr „Vorfeldorgan“ – was sie aber nicht daran hinderte, weiterhin jede Verantwortung zu verleugnen, wenn mal wieder ein Beitrag die dahinter liegende NS-Gesinnung zu deutlich werden ließ.

Unter der 2004 beginnenden „Schriftleitung“ von Pfeiffer häuften sich solche Beiträge, für rund 300 muss er sich gegenwärtig vor Gericht verantworten. Die rechtliche Ahndung solcher NS-Propaganda war erst möglich geworden, nachdem die FPÖ 2018 „Die Aula“ endgültig fallen lassen musste. Ihr damaliger Koalitionspartner ÖVP konnte es ihr aus außenpolitischen Rücksichtnahmen nicht länger durchgehen lassen, ein Blatt zu unterstützen, in dem etwa KZ-Überlebende (von Fred Duswald, „Alter Herr“ der "Danubia München") als „Landplage“ „Massenmörder“, die „raubend und plündernd, mordend und schändend“ durch das Land gezogen seien, denunziert wurden. Eine diesbezügliche Anzeige nach NS-Verbotsgesetz wurde – wie üblich – von der Grazer Justiz 2015 nicht weiterverfolgt. Autor Duswald freute sich damals im Heft, dass der juristische Verfolgungswille „an der Objektivität der Staatsanwaltschaft“ zerschellt sei. Weil danach auch eine Anzeige von Holocaust-Überlebenden wegen Ehrenbeleidigung und Kreditschädigung niedergeschlagen worden war, handelte sich Österreich 2019 eine Verurteilung durch den EUGH ein („Lewit gegen Österreich“).

Österreich wäre nicht, was es ist, wenn im aktuellen Prozess Pfeiffer und sein Verteidiger die jahrelange Untätigkeit der Justiz nicht als Entlastungsargument gebrauchen würden: Weil über mehr als zwei Jahrzehnte kein einziger Aula-Artikel rechtlich beanstandet worden sei, wäre der Angeklagte davon ausgegangen, dass er gegen kein Gesetz verstoßen hätte – darum sei er auch jetzt freizusprechen. Die Geschworenen folgten mehrheitlich dieser Argumentation nicht und sprachen Pfeiffer Anfang Dezember 2025 zumindest teilweise schuldig. Er wurde (nicht rechtskräftig) zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt.

Nicht ganz zu Unrecht sah sich Pfeiffer schon im Prozess als „Bauernopfer“, das die in der Sache auffällig schweigsame FPÖ bereit war, für die Regierungstauglichkeit zu bringen. Es liegt nun an den Gegner*innen der Partei, die politischen Implikationen des Urteils deutlich zu machen und zu verhindern, dass die FPÖ sich nicht noch einmal sich aus der Mitverantwortung für jahrzehntelange neonazistische Agitation davonstehlen kann. 

„SOS Mitmensch“, jene NGO, die mit ihren Anzeigen den Prozess ins Rollen brachte, schrieb zum Prozess: „Hinter dem Angeklagten stand ein rechtsextremes System, das nahezu von der gesamten Parteiführung aktiv unterstützt wurde. Damit saß die FPÖ-Parteispitze […] de facto mit auf der Anklagebank.“ 

Aber wahrscheinlich ist dieser Zug längst abgefahren: In der medialen bzw. virtuellen Parallelwelt, in der die FPÖ ihre (potentiellen) Anhänger*innen mit Desinformation und Angstmache versorgt, wurde mit keinem Wort auf den Prozess eingegangen. Und dass die verhassten „Systemmedien“ immer nur gegen die Partei hetzen und sie am liebsten verbieten lassen würden, gehört zu jenen Gewissheiten, die den Menschen von den FPÖ-nahen „Alternativmedien“ eingetrichtert werden.•