Falsche Ermittlungen rund um die rassistischen Morde von Oberwart
Ein FPÖ-Beamter landete vor Gericht, da er versuchte einen rassistischen Mordanschlag einem linken Journalisten anzulasten. Der Eisenstädter Richter Karl Mitterhöfer stellte vom ersten Augenblick an klar, dass es nicht Prozessinhalt sein könne, etwaige Hintermänner der Aktion -andere sagen Amtsanmaßung und versuchte Nötigung- des FPÖ-Beschuldigten aufzudecken.
Der aus Oberwart stammende FPÖ-Generalsekretär Karl Schweitzer.
Bei dem Angeklagten handelte es sich um den 38-jährigen Martin Magdits aus dem burgenländischem Rechnitz. Von Beruf ist er Verwaltungsbeamter im Innenministerium und aus Berufung Funktionär der rechten "Freiheitliche Partei Österreichs" (FPÖ). Eine brisante Mischung, an der auch der aus Oberwart stammende FPÖ-Generalsekretär Karl Schweitzer gefallen gefunden haben soll. Denn laut dem Verteidiger von Magdits hatte dieser »das ganze Intrigenspiel eingefädelt« und nun seinen Mandanten "geopfert". Mehr durfte der Anwalt nicht sagen, denn der Richter war redlich bemüht »die Politik« von dem Prozess fernzuhalten. Magdits wurde wegen Amtsanmaßung zu einer bedingten Haftstrafe (nicht rechtskräftig) verurteilt.
Die Vorgeschichte:
In der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1995 versuchten vier Roma eine an einem Rohr befestigte Tafel mit der Aufschrift: „Roma zurück nach Indien!“ in der Nähe ihrer Behausung zu entfernen. Wahrscheinlich lösten sie dadurch einen Bomben-Zünder aus. Die Wucht der Detonation war so groß, dass Josef Simon (40), Peter Sarközi (27), Karl Horvath (22) und Erwin Horvath (18) sofort starben. Nach der Explosion kam es als Erstes zu Hausdurchsuchungen bei den Familien der Opfer und weiteren Roma-Familien in der Roma-Wohnsiedlung. Kurz darauf wurde in Maria Lanzendorf bei Wien ein neunseitiges Neonazi-Bekennerschreiben der »Bajuwarische Befreiungsarmee« (BBA) an drei Wiener Rechtsanwälte aufgegeben. Dies enthielt auch eine Bekennung zur einer vorangegangenen Briefbombenserie und genaue technische Detailangaben. In einem Buswartehäuschen in Ollersdorf bei Oberwart fand sich ein Neonazi-Pamphlet, das "die Integration von Ausländern" zum Thema hatte und ebenfalls von der BBA unterzeichnet wurde.
Im März 1996, ein Jahr nach der Ermordung der vier Roma durch eine Sprengfalle der Neonazi-Terrorbande »Bajuwarische Befreiungsarmee« (BBA), erschien Magdits in der Oberwarter Romasiedlung, gab sich als Staatspolizist aus und horchte (angeblich unter Androhung von Beugehaft) einzelne BewohnerInnen aus. Sein - auch für die Befragten unglaublicher - »Ermittlungsansatz« ging dahin, dass der Anschlag möglicherweise »linkspolitisch« motiviert gewesen sein könnte. Unter anderem hatte er mit großen Eifer versucht, den Journalisten und Buchautor Wolfgang Purtscheller mit dem Attentat in Verbindung zu bringen. Purtscheller, der sich vor allem mit Recherchen über die rechtsextreme Szene profiliert hatte, zählt seit langem zu den Intimfeinden der FPÖ und ihrem Umfeld.
Die missglückte Sachbeschädigung von Ebergassing, bei der zwei Exponenten der radikalen Linken ums Leben kamen, bot FPÖ-Chef Jörg Haider und seinen Kettenhunden jenen Vorwand, um u.a. mit dem unliebsamen Journalisten abzurechnen und von ihrer Mitschuld am rassistischen Terror abzulenken. Aus seiner Bekanntschaft mit den Verstorbenen konstruierten sie zunächst eine Tatbeteiligung Purtschellers an der Sachbeschädigung. Um ihn schließlich auch mit dem Terror der BBA in Verbindung zu bringen. Die Österreich-Ausgabe des FPÖ-nahen Wochenblattes "Junge Freiheit" (JF) unter Chefredakteur Andreas Mölzer gab dieser Verschwörungstheorie ebenso Futter, wie "Das freiheitliche Magazin - AULA" unter Otto Scrinzi. Im März 1995 hatte das Landesgericht Eisenstadt im Zuge der Terrorfahndung nach dem Bombenattentat eine Hausdurchsuchung bei der "AULA"-Redaktion und beschlagnahmte deren Abonnentenkartei. Auch die beiden ORF-Journalisten Robert Altenburger und Bernd Ender sprangen auf den rechten Zug auf und beteiligten sich an der rechten Kampagne gegen Purtscheller. So konnten in einer von ihnen gestalteten "Report"-Sendung ranghohe FPÖ'ler gegen den antifaschistischen Journalisten agitieren.
Ziel all dieser Bemühungen: Oberwart als Täuschungsmanöver der Linken darzustellen, die der FPÖ den Terrorismus in die Schuhe schieben wollen.
Die Methode, sich als Opfer zu präsentieren, wo eigentlich eher Täterschaft nahe liegt, ist nicht neu. Sie gehörte zum fixen Repertoire der illegalen Österreichischen NSDAP, heute wird sie von ultra-rechten Parteien in ganz Europa praktiziert. In den 1970er Jahren musste ein italienischer Anarchist mehrere Jahre hinter Gittern verbringen, weil es neofaschistischen Terroristen gelungen war, ihm einen Anschlag unterzujubeln. In Frankreich stellte sich der extrem rechte Parteiführer Le Pen jahrelang als Zielscheibe einer Schändung eines jüdischen Friedhofes dar - bis Leute aus seiner Anhängerschaft als Täter entlarvt wurden.
Vom FPÖ-Beamten zum Bauernopfer?
Offensichtlich spielte Magdits bei diesem Ablenkungsmanöver der FPÖ eine gewichtige Rolle. Bereits am 19.April 1995 gaben die "Freiheitlichen" der FPÖ im Nationalrat Thesen zum Oberwarter Mordanschlag kund, die sich mit den "Ermittlungsergebnissen" von Magdits deckten. Der geschäftsführende Klubchef Ewald Stadler etwa erwähnte die Nähe Putschellers zu den Tätern des "linksextremen Sprengstoffanschlags" von Ebergassing. Was seinen Parteichef Jörg Haider zum Zwischenruf veranlasste: "Man sollte auch die Oberwarter Spuren nicht außer acht lassen!". Darauf Stadier: "Die Oberwarter Spuren werden dieses Haus noch beschäftigen, das wage ich vorauszusagen. Die Oberwarter Spuren, zu denen noch einige in diesem Haus sensationellen Erklärungsbedarf haben werden (...)"
"Sensationelle" Oberwarter Spuren, wie sie Stadler ansprach, waren zu dieser Zeit nur von Magdits verfolgt worden; dies war der Öffentlichkeit aber noch nicht bekannt. Am 23. April deutete der FPÖ-Politiker Karl Schweitzer im Parlament an, dass Purtscheller vor dem Bombenanschlag in der Oberwarter Roma-Siedlung gewesen sei. Exakt in diese Richtung hatte Magdits recherchiert.
Einige Wochen später flog der falsche Terrorfahnder auf, nachdem echte Beamte der Sonderkommission zur Aufklärung des Bombenterrors in Oberwart Ermittlungen anstellten. Magdits wurde suspendiert und wegen Amtsanmaßung und versuchter Nötigung angezeigt. Und die FPÖ-Führungsetage wollte von Magdits nichts (mehr) wissen.
Spurensuche in FPÖ und HNA Kreisen
Der SPÖ-Sicherheitssprecher Robert Elmecker übermittelte daraufhin der Staatsanwaltschaft Wien eine Sachverhaltsdarstelllung, in der er den Verdacht ausspricht, dass Stadler, Schweitzer und Haider sehr wohl von den missbräuchlichen Ermittlungen des falschen Schnüfflers Kenntnis gehabt haben sollen. Zusätzlich machte er öffentlich, dass Magdits nicht alleine in Oberwart "ermittelte". Er soll von Gerhard M. begleitet worden sein. Einem Mitarbeiter des "Heeresnachrichtendienst" (HNA), des von FPÖ'lern durchsetzten Bundesheerg-Geheimdienstes - zuständig für die Auslandsaufklärung. Aus den Reihen der Heeresspitzel wird Haider mutmaßlich mit Informationen beliefert. So hatte der FPÖ-Führer bereits wenige Stunden nach dem Anfang Dezember die ersten Briefbomben detoniert waren, eine angebliche Fährte anzubieten. Die Anschläge seien offensichtlich auf die "Konfliktsituation am Balkan" zurückzuführen, sagte er. Es war das HNA aus Wien, das diese wilde Theorie forcierte. Wie im Fall Magdits wurden Indizien geschaffen, die möglichst weit von Rechten wegführen sollten. Wolfgang Jung, Brigardier im HNA und "freiheitlicher" FPÖ-Nationalratsabgeordneter, bestreitet natürlich, dass er je Informationen aus dem Amt in den FPÖ-Parlamentsclub habe fließen lassen. Haider jedenfalls trumpfte noch im Juli 1995 damit auf, dass vermutlich "der serbische Geheimdienst seine Finger im Spiel hat". Damit helfe man "den Linken in Österreich, an der Macht zu bleiben, indem man die Bomben den rechten Freiheitlichen in die Schuhe schiebt", so der FPÖ-Führer im Interview in seinem Kärntner Parteiorgan.