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Inside „SeitenWechsel“

EXIF – Recherche & Analyse
Einleitung

Am 8. und 9. November 2025 fand in Halle (Saale) erstmals die Buchmesse „SeitenWechsel“ statt. Die Veranstaltung inszenierte sich als Gegenmodell zu etablierten Buchmessen und bot so einem breiten rechten Spektrum eine Plattform – von bürgerlich-konservativen Strömungen, über Initiativen aus der sogenannten Neuen Rechten, bis hin zu neonazistischen Organisationen. Die Veranstaltung vereinte Milieus, die im öffentlichen Raum selten so offen sichtbar nebeneinander auftreten. Nach Eigenangaben besuchten mehr als 6.000 Menschen die Messe.

Paul-Rzehaczek
(Foto: Exif Recherche)

Der Neonazi Paul Rzehaczek (mitte vorne) als Vertreter des „MetaPol“-Verlags in Halle. Unterstützt von Pierre Dornbrach (links) und Steffen Nickel (rechts).

Organisatorisches

Initiiert wurde „SeitenWechsel“ federführend von der Dresdnerin Susanne Dagen, die mit ihrem Partner Michael Bormann die Buchhandlung „BuchHaus Loschwitz“ und den dazugehörigen Verlag „edition buchhaus loschwitz“ betreibt. Als Sprecherin für Kultur und Tourismus der AfD-Fraktion in Dresden, gilt sie als bestens vernetzt und fest im rechten Milieu verankert. Über die geladenen Gäste und den Großteil des Messeangebots wurde bereits ausführlich berichtet. Allen voran über Hans-Georg Maaßen und Helmut Roewer, beide einst „Hüter der Demokratie“ in ihrer Funktion als Verfassungsschutz-Chefs, die heute nur noch für das Postulieren bizarr rechter Verschwörungen bekannt sind. Gefolgt von extrem rechten „Vordenkern“ oder die, die es gerne wären, wie Philip Stein vom „Jungeuropa“-Verlag, der Rechtsanwalt Dubravko Mandic, „Junge Freiheit“-Chefredakteur Dieter Stein oder Kabarettist Uwe Steimle.

Wer versteckt sich hier?

Nicht alle Involvierten wollten sich auf der Buchmesse offen dem Publikum präsentieren. Vermummt mit einer weißen Ski-Maske erschien, angekündigt vom neu-­rechten Strategen Götz Kubitschek, ein viel umworbener Star der Szene als „Special Guest“: Aron P., besser bekannt unter dem Pseudonym „Shlomo Finkelstein“. Der YouTuber versammelt tausende sogenannter Internet-Trolle hinter sich, die seiner Videoreihe „Die Vulgäre Analyse“ folgen und auf Kommando ausgemachte Feinde mit Hass und Hetze überziehen, während sie Content der AfD auf Social Media viral gehen lassen. Aron P. wurde erst im Frühjahr 2025 vorzeitig aus der Haft entlassen, wo er u.a. wegen Volksverhetzung und des Verbreitens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen landete.

Der NS-Buchclub – Man wird jawohl noch den Holocaust leugnen dürfen

Die Ausladung des bekannten Neonazis Sascha Krolzig und seines „Sturmzeichen“-­Verlags und der Zeitschrift „N.S. heute“ war lediglich strategischer Natur. Diverse umtriebige Neonazis samt ihrer Projekte waren auf der Messe willkommen. Etwa der „MetaPol“-Verlag, der in Halle u.a. von Pierre Dornbrach (alias „Peter Steinborn“) und Paul Rzehaczek repräsentiert wurde. Beide gehörten der Führungsriege der „Jungen Nationalisten“ an. Am Stand von „MetaPol“ konnte zudem der Berliner Neonazi Steffen Nickel festgestellt werden, der schon vor über zehn Jahren über die Webseite „Buchschrank“ u.a. Adolf Hitlers „Mein Kampf“ anbot.

Ganz offiziell war auf der Messe auch das Magazin „Aufgewacht!“ mit einem Stand angetreten. Es gehört zum Repertoire der extrem rechten Partei „Freie Sachsen“ und fusionierte erst im März 2025 mit der „Deutschen Stimme“. In Halle wurde das Format unter anderem vom Neonazi-Strategen Michael Brück und dem Chemnitzer Multi-Funktionär Robert Andres vertreten. An Brücks Seite befand sich in Halle der "Deutsche Stimme"-Autor Ronny Zasowk, seit über einem Jahrzehnt Funktionär der NPD. 

Beim „Zeitenstrom Antiquariat“ um Betreiber Heinrich Mahling aus Chemnitz – heutiger Inhaber der „GegenUni UG“ – konnten schließlich neonazistische „Klassiker“ von SS-Offizier und Holocaustleugner Léon Degrelle erworben werden. Diese Art Lektüre schätzt auch einer der Besucher der Messe, der sicher lieber unerkannt geblieben wäre: Henrik Ostendorf aus Bremen. Als Herausgeber der Zeitschrift „Ein Fähnlein“ vermarktet er u.a. (Nazi-)„Soldatenbiographien“. Sichtlich im Gespräch vertieft war er in Halle auch mit Roland Wuttke, dem Chefredakteur der Zeitschrift „Volk in Bewegung“ (ViB). 

Am Stand des Neonazi-Verlags „Lesen & Schenken“, betrieben von Dietmar Munier mit Sitz in Martensrade (Schleswig-Holstein), fand sich in Halle wiederum der langjährig aktive NPD-Funktionär Jens Lütke neben Guido Kraus ein, dem ehemaligen Chefredakteur der „Deutschen Militärzeitschrift“ (DMZ), die auch mit einem Stand vor Ort war. 

Mit Stefan „Björn“ Ulbrich, dem Betreiber des nicht unter den Ausstellern befindlichen rechts-esoterischen „Arun-Verlags“ aus dem thüringischen Engerda, war ein weiterer Verleger aus völkischen Kreisen in Halle anwesend. In Halle unterhielt sich Stefan Ulbrich angeregt mit der rechten Autorin Ellen Kubitschek („Ellen Kositza“).

In bester Gesellschaft

Viele weitere Personen aus dem extrem rechten Spektrum fühlten sich von der Messe in Halle angesprochen. Etwa Andreas G. (Bayern) und Malwig S. (Berlin) aus dem Kreis der Neonazi-Partei „Der III. Weg“. Dem Partei-Stützpunkt „Westsachsen“ im Raum Zwickau (Sachsen) gehörte lange Zeit Till Weckmüller an, der heute in der Kanzlei des Freiburger Rechtsanwalts Dubravko Mandic arbeitet und in Halle den Stand der Kanzlei mitbetreute. Die Betreuung des Standes der Kanzlei teilte sich Weckmüller in Halle mit dem Jung-AfDler Max Leonard H. aus Bayern. Mit Mandic referierte Weckmüller auf der Messe zum Thema „Juristische Aufrüstung in Zeiten zunehmender Repression und Mobilmachung“. Auf diesen Vortrag machte Mara M. aus Dessau (Sachsen-Anhalt), gemeinsam mit Aktivistinnen der „Jungen Nationalisten“, im Eingangsbereich der Messe durch das Verteilen von Flyern aufmerksam. 

Mit Tino M. aus Merseburg (Sachen-­Anhalt) war ein früherer Akteur der „Hammerskin Nation“ anwesend. Auf der Messe war er zeitweilig mit dem Neonazi-Musiker und Buch-Autor Hendrik Möbus (Merseburg) unterwegs. Möbus ging in die Kriminalgeschichte als „Satansmörder von Sondershausen“ ein. 

Ein anderer Besucher aus der organisierten Neonaziszene war Steffen Hupka aus Hohenthurm. Der frühere Neonazi-Kader gilt heute als völkischer Siedler und ist als Publizist tätig. Auch Thomas Sattelberg, früher ein Rädelsführer der 2001 verbotenen „Skinheads Sächsische Schweiz“, war Besucher der Messe. Vor Ort in Halle war außerdem Alexander Deptolla, Mitorganisator des Neonazi-­Kampfsport-Events „Kampf der Nibelungen“.

Die große Nähe der „Neuen Rechten“ zu neonazistischen Strukturen, ist auch auf die zahlreichen Biografien ehemaliger Neonazikader zurück zu führen, die heute zentrale Funktionen in der „Neuen Rechten“ einnehmen: Michael Schäfer, als Teil der Vorfeldorganisation „Ein Prozent“ zeichnet sich heute für den neu-rechten Verlag „Hydra Comics“ verantwortlich. Bis 2012 war er Bundesvorsitzender der „Jungen Nationalisten“. In Halle hatte Schäfer mit „Rango Wohlgemut“ einen der aktivsten „Hydra“-Zeichner im Schlepptau. Hinter dem Pseudonym versteckt sich der Münchner Comiczeichner und Messeveranstalter Gerhard Schlegel, der am „Hydra“-­Stand Autogramme gab.

Am Stand des „Jungeuropa-Verlags“ standen mit Benedikt Kaiser und Tom Z. gleich zwei Personen aus der Chemnitzer Neonazi-Szene. Sehr schlecht positioniert war in Halle der Stand der deutschen „Identitären“ um Vincenzo Richter und Maximilian Märkl. Ein anderer, einst in Halle aktiver „Identitärer“, Till-Lucas Wessels, war hingegen am Stand von „klein&ehrlich“, gemeinsam mit der Inhaberin Claudia Maria Schlegl aus München, zu finden. Wessels ist für den „aufmüpfigen“ Kinderbuch-Verlag aus Bayern als Autor tätig. Auch das extrem rechte Kurzseminar-Portal „Blitzwissen“, das in Halle vertreten war, stammt aus der „Identitären Bewegung“. Ursprünglich u.a. von Martin Sellner initiiert, wird es heute von dem Wiener Stefan Kreuzwirt geleitet. Er zeigte sich am Stand gemeinsam mit dem extrem rechten Autor und Inhaber des völkischen „Alberich-Verlags“ Linus Ammer.

Ein weiterer „Dammbruch“

„SeitenWechsel“ war weit mehr als eine reine Literaturveranstaltung. Die Messe fungierte als geschlossener Resonanzraum, in dem sich unterschiedliche Strömungen der Rechten begegneten und ideologische Schnittmengen sichtbar wurden. Die Vereinigung eines gesamten rechten Spektrums, vom bürgerlich auftretenden Konservatismus, über verschwö­rungsideologische Milieus bis hin zur knallharten NS-Szene. Götz Kubitschek benannte die Messe ganz euphorisch als „Dammbruch“. Nicht zuletzt betonte die enge Vernetzung rund um Kubitscheks „Sezession“, den Verlag „Antaios“ sowie die IB und AfD-nahe Infrastruktur, dass die Messe ein politisches Projekt ist – und ein Ort, an dem rechte Hegemoniearbeit längst Normalität geworden ist. Für November 2026 ist bereits eine Neuauflage der Messe angekündigt.