Geschichte der Roten Hilfe
Vor zwei Jahren feierte die Rote Hilfe ihr einhundertjähriges Jubiläum. Gegründet 1924 bestand die Solidaritätsorganisation jedoch nicht durchgehend. In der Weimarer Republik unterstützte die historische Rote Hilfe Menschen, die von Repression betroffen waren. Politisch war sie eng mit der KPD verbunden. Sie war eine Massenorganisation, neben den Gewerkschaften, SPD und KPD vielleicht eine der größten Formationen der Arbeiterbewegung. Zeitweise gehörten ihr knapp 100.000 Mitglieder an, die in rund 1.500 Ortsgruppen im gesamten Reichsgebiet tätig waren, darunter viele Frauen.
Die Geschichte der Organisation hat Silke Makowski in „Geschichte der Roten Hilfe“ kompakt und lesenswert aufgeschrieben. Die Autorin gehört zum Vorstand des Hans-Litten-Archivs, das die Geschichte der Roten Hilfe erforscht. Namensträger des Vereins ist ein Rechtsanwalt, der eng mit der Roten Hilfe verbunden war. Als „Anwalt des Proletariats“ vertrat Hans Litten (1903–1938 im KZ Dachau) in zahlreichen, teils prominenten Strafverfahren Arbeiter vor Gericht, wie etwa im Nachgang des Berliner Blutmai von 1929.
In „Geschichte der Roten Hilfe“ arbeitet die Autorin die bedeutende Rolle von Frauen in der oftmals kleinteiligen Unterstützungstätigkeit der Roten Hilfe heraus. Trotz der unverkennbaren Nähe zur KPD suchte die Rote Hilfe gezielt Kontakt zu Anhängern der SPD, schließlich waren auch sie von Repression betroffen. Nach der Machtübertragung an die Nazis 1933 konnte die Rote Hilfe ihre Tätigkeit nur noch kurze Zeit fortführen. Viele Funktionäre wurden verhaftet, in Konzentrationslagern ermordet oder gingen ins Exil.
Nach der Befreiung vom Faschismus geriet die Idee der Solidaritätsorganisation zunächst in Vergessenheit. In der DDR sah man keine Veranlassung für die Rote Hilfe. In der BRD war die kommunistische Bewegung marginalisiert.
Erst in den späten 1960er Jahren griffen Rechtshilfegruppen der studentisch geprägten Protestbewegung in der BRD die Idee der Roten Hilfe wieder auf. Das Spektrum war jedoch stark fraktioniert, so dass zeitweise drei Organisationen den Namen trugen. Die „Rote Hilfe Stern“ war ein Netzwerk lokaler Antirepressionsgruppen, die mit den sich formierenden sozialen Bewegungen verbunden waren. Zwei maoistischen Kleinparteien gründeten eigene Vereine, die sie Rote Hilfe nannten. Zwar versuchte man hin und wieder zusammenzuarbeiten, doch das gelang im Zuge der bisweilen heftig geführten innerlinken Richtungskämpfen der 1970er Jahre kaum. Unüberbrückbare Streitfragen waren etwa jene zur politischen Verfolgung in der DDR und China oder zum Verhältnis der Gefangenen der RAF. Auch diese zweite Phase wird in „Geschichte der Roten Hilfe“ lesenswert zusammengefasst.
In den 1980er Jahre zerfielen die maoistischen Parteien und das Milieu der sozialen Bewegungen differenzierte sich weiter in Umwelt-, Frauen-, Hausbesetzer- und Friedensbewegung aus. Der Polizei gefiel das nicht immer, auch weil eine teils militante autonome Bewegung entstand. Aus der Roten Hilfe der maoistischen KPD/ML ging die heutige Rote Hilfe mit ihrem strömungsübergreifenden Charakter hervor.
Erst durch die Nähe zu den großen Protestbewegungen seit der Jahrtausendwende – Antifa, die Gipfelproteste in Genua (2001) und Heiligendamm (2007), Bewegungen gegen die Kriege in Irak und in Afghanistan, die queer-feministische Bewegung sowie Proteste für Klimagerechtigkeit – verzeichnete die Rote Hilfe einen bedeutenden Mitgliederzuwachs. Inzwischen gehörten ihr rund 18.000 Mitglieder an.
Kurze Berühmtheit erlangte die Rote Hilfe vor einigen Jahren durch die Nebenrolle Hans Littens in der vielfach ausgezeichneten TV-Serie „Babylon Berlin“. Das schützt die Organisation jedoch nicht vor Behinderung ihrer Tätigkeit, wie die (zeitweise) Kündigung von Konten durch die Sparkasse Göttingen und die GLS-Gemeinschaftsbank.•
Silke Makowski:
Geschichte der Roten Hilfe
133 Seiten, PapyRossa-Verlag, 2025,
12 Euro