Internationales Hammerskin Konzert und Geheim-Treffen in Italien
EXIF – Recherche & Analyse
Mitte November 2025 fand in Italien das RechtsRock-Konzert „Hammerfest“ mit rund 500 Teilnehmenden statt. Am Nachmittag des Konzerts fand zudem ein geheimes Treffen der Hammerskins mit internationaler Beteiligung statt. Mit fast 30 Mitgliedern von verschiedenen Ablegern stellte das deutsche Hammerskin-Netzwerk fast die Hälfte dieses Treffens. Auch der Chef der europäischen Hammerskins, Malte Redeker, nahm an den Zusammenkünften teil. Neben italienischen Mitgliedern der Bruderschaft waren Hammerskins aus Spanien, Frankreich, den Niederlanden, Russland, den USA, Schweden, Finnland und der Schweiz angereist.
Undercover auf dem „Hammerfest“ in Italien
Es ist der 15. November 2025. In Lonate Pozzolo (Region Varese), nördlich der italienischen Metropole Mailand finden sich rund 500 Neonazis in einer Leichtbauhalle ein, um das 30-jährige Bestehen der „Italia Hammerskins“ zu feiern. Im Publikum befinden sich etwa 150 Personen, die der „Hammerskin Nation“, kurz HSN, angehören.
Bereits am Freitag luden die italienischen Hammerskins in ihr Clubhaus nach Mailand-Bollate zu einer Willkommensparty ein - Konzert inklusive. Dann, am frühen Samstagnachmittag, fand in denselben Räumen ein „European Officers Meeting“ (EOM) statt, eines von bis zu fünf jährlich geheim organisierten und internen Strategietreffen der Bruderschaft.
Das „Hammerfest“ ist das wichtigste (halb-)öffentliche Konzert-Event, das die international organisierte „Hammerskin Nation“ jährlich ausrichtet. Bis 2019 fand das Event in verschiedenen europäischen Ländern statt. Aufgrund der Einschränkungen im Kontext der Corona-Pandemie, aber auch wegen einer umfangreichen Recherche zur HSN, die Exif-Recherche – dank der seit Jahrzehnten geleisteten Dokumentation und Aufarbeitung regionaler Ereignisse durch Recherchenetzwerke, Einzelpersonen und Archive – im Sommer 2021 veröffentlichte, pausierten die europäischen Hammerskins mit Groß-Konzerten bis 2022. Seitdem findet das europäische „Hammerfest“ ungestört und ausnahmslos in und um Mailand in
Italien statt.
Neben „Klan“ aus Spanien um den Sänger José Ignacio Vega Peinado, genannt „El Toro“, waren die italienischen Bands „No Klass“, „Gesta Bellica“ und „ADL 122“ für das Event angekündigt, sowie „Max Resist“ aus Kalifornien, USA. Die Band um ihren Sänger Shawn Sugg war schon in den 1990er und 2000er Jahren in der europäischen Neonazi-Szene sehr beliebt. Sie galt als „Hammerskin-Band“, auch weil Sugg Anfang der 1990er den „Northern Hammerskins“ in den USA angehörte.
Dementsprechend groß dürften die Erwartungen im Publikum gewesen sein, als Sugg die Bühne betrat, u.a. begleitet von Cody Hoebel am Bass. Beim Song „Hammerskin“ kündigte Sugg dann zwei „Special Guestsinger“ an, darunter einen „langjährigen Freund“, so Sugg. Auf der Bühne erschienen Uwe G., Mitglied der „Hammerskins Franken“ und Malte Redeker,
Mitglied der „Westwall Hammerskins“ und „European Secretary“ der HSN. „Secretary“ bedeutet zwar übersetzt „Schriftführer“, umfasst in der Funktion aber viel mehr. Der „European Secretary“ Redeker ist für die Kommunikation zwischen den europäischen Chaptern zuständig, wie auch für den Austausch mit den Ablegern der HSN außerhalb Europas. Regelmäßig besucht er Hammerskins in den USA, in Kanada, Australien und Neuseeland und muss sich auch um etwaige Konflikte kümmern. „European Secretary“ bedeutet im Falle von Redeker, dass er die hierarchisch organisierte, europäische Struktur vertritt, praktisch ihr Chef ist.
Der Pogo-Tanz im Bereich vor der Bühne wurde bei „Max Resist“ von den Hammerskins dominiert. Einer fiel durch sein hartes Vorgehen im Tanzbereich besonders auf: Travis George Miskam, der in den USA den „Western Hammerskins“ angehört und die US-amerikanische Struktur der HSN als „International Director“ repräsentiert. Miskam genießt weltweit außerordentlich viel Vertrauen, auch weil er aufgrund seiner führenden Rolle an einem bewaffneten, rassistisch motivierten Übergriff im Jahr 1999 eine 20-jährige Haftstrafe antreten musste.
Als „Max Resist“ in Italien den Song „88 Rock’N’Roll Band“ anstimmten, erschien Malte Redeker erneut auf der Bühne. Gemeinsam mit dem seit vielen Jahren in Berlin lebenden Kanadier David Allan Surette, besser bekannt als Musiker „Griffin“, schrie Redeker die bekannten Liedzeilen auf Deutsch ins Mikrofon, obwohl der Song eigentlich vollständig auf Englisch gereimt wird: „Sie nenn’ mich Nazi und ich bin stolz darauf, Sie nenn’ mich Rassist und ich schrei es laut: stolz auf meine Rasse, stolz auf mein Land…“ Das mehrfache Erscheinen von Redeker auf der Bühne verdeutlicht seine Stellung in der weltweit organisierten Bruderschaft.
Meet und Greet der internationalen Neonazi-Szene
Der Besuch eines Konzertes der HSN ist auch für Nicht-Mitglieder der „Nation“ attraktiv. Bei einigen der Anwesenden trug allein das Beisammensein mit der Bruderschaft sichtbar zur Aufwertung der eigenen Person bei. Andere Teilnehmende haben eine solche Aufwertung nicht nötig. Vielmehr basiert die Anwesenheit der folgenden Personen auf einer gemeinsamen Geschichte in der organisierten Neonaziszene und zeugt von politischer Kontinuität. Hier einige Beispiele öffentlich bekannter Akteure:
Die Aktivitäten des anwesenden Mathias Wirth als Anhänger der Neonazi-Szene in Ostprignitz-Ruppin führen bis in die 2000er Jahre zurück. Als Anfang 20-jähriger saß er bereits für die NPD im Wittstocker Stadtparlament. Von den „Hammerskins Sachsen“ kam Thomas Gerlach, der seit über 20 Jahren in der Neonazi-Bruderschaft aktiv ist. Mit Maik Kurzweil reiste ein Headcoach des „Sin City Boxgym“ nach Italien. Das Gym ist einer der Organisatoren des Kampfsport Events „Sin City Fight Night“. Außerdem war Andreas T. Teil der Berliner Hammerskin-Reisegruppe. Er machte um 2007 Schlagzeilen, weil er damals – beruflich als Polizist tätig – im Vertrieb einer strafbaren Split-CD der Berliner Neonazi-Band „Deutsch Stolz Treue“ mitgewirkt hatte.
Dass die „Berliner Hammerskins mal in den Pogo kommen“ sollen, forderte Alexander Gast beim „Hammerfest“ auf der Bühne von den anwesenden Berliner „Brüdern“. Er und seine Mitmusiker Sebastian Schmidt, Marcel Kosch und „Lars“ bilden die aktuelle Besetzung des Berliner RechtsRock-Urgesteins „Spreegeschwader“. In Italien performten sie u.a. das Lied
„S-Bahn Surfer“. Das Lied spielt auf die zahlreichen Übergriffe durch Neonazis in den Berliner S-Bahnen in den 1990er Jahren an. Die Anwesenheit des Neonazi-Totschlägers Stefan Silar-Winkler aus Tostedt (Niedersachsen) zeigt, dass solche Lieder Ausdruck einer entsprechenden Ideologie sind.
Mit Matthias Brüsehaber aus dem Raum Rostock war auch der Sänger der NS-Hardcore-Band „Path Of Resistance“ anwesend. Jens Schaarschmidt aus dem Raum Chemnitz war in den 1990er Jahren Herausgeber des Fanzines „Foier Frei“ und wirkte in der RechtsRock-Band „Auf eigene Gefahr“ (AEG) mit. Brisant ist vor allem, dass er damals in Chemnitz zum Umfeld des Unterstützerkreises der rechtsterroristischen Gruppe NSU gehörte.
Aus den USA reiste Lee Francis Rocco zum „Hammerfest“ nach Italien. Der in Danbury im Bundesstaat Connecticut lebende Neonazi ist als Sänger der RechtsRock-Band „Offensive Weapon“ bekannt. Aus den Niederlanden war der Hammerskin Harm Smit alias Liedermacher „Flatlander“ angereist. Von den finnischen Hammerskins reiste Sampsa Muhonen an, der u.a. als Sänger der Band „Pagan Skull“ bekannt ist.
Die Vita des anwesenden Hammerskins Robert S. steht für die internationale Vernetzung der Neonazi-Szene. Aufgewachsen in den USA war er Teil des „Rise Above Movement“. Während der Großteil der Gruppe aufgrund gewalttätiger Aktivitäten zu Haftstrafen verurteilt wurden, floh S. offenbar nach Europa, genauer noch in die Ukraine. Dort lernte er die Neonaziszene in Kiew um Denis Kapustin von „White Rex“ kennen. Noch vor dem russischen Überfall 2022 kam er in Kontakt mit dem extrem rechten Teil des ukrainischen Militärs, u.a. mit dem „ASOW“-Regiment. Offensichtlich ist er trotz seines Einsatzes im Ukraine-Krieg zum vollwertigen HSN-Mitglied „gepatcht“ worden. In Italien befand er sich in einer Reisegruppe schwedischer und finnischer Hammerskins. Diese Beobachtung bekräftigt die Annahme, dass er einem der skandinavischen Chapter angehört. Bei seinem Fronturlaub in Italien traf er auch auf Angehörige der „Crew 38 Moscow“, der russischen Unterstützergruppe der HSN. Diese treten allerdings unter der Obhut der französischen Hammerskins auf.
Anti-slawischer Rassismus ist bis heute in der westlichen Neonaziszene verbreitet und hatte auch Einfluss auf die Strukturierung der HSN in Europa. Alle unautorisierten Chapter in Osteuropa wurden schließlich um 2000 aufgelöst. Dies scheint sich geändert zu haben. Schweizer Hammerskins, aber auch Mitglieder der „Hammerskins Sachsen“ um Thomas Gerlach, intensivierten in den letzten zehn Jahren die Kontakte nach Moskau.