Zwischen Terror und Bürgernähe: Die "Kameradschaft Elbe-Ost" Wittenberg
Aufmerksamkeit nicht nur in der Wittenberger Neonazi-Szene, sondern bis in die Redaktion der Neonazi-Publikation "Berlin-Brandenburger Zeitung" (BBZ), erregt derzeit der Prozess gegen den Wittenberger Antifaschisten Daniel S.
Antifaschist nach Notwehr angeklagt
Der Antifaschist Daniel S. ist wegen versuchten Totschlages angeklagt. Ihm wird vorgeworfen in der Nacht vom 4. auf den 5. April 1996 eine Person aus dem Umfeld der "Kameradschaft Elbe-Ost" verletzt zu haben. Dass hier ein Akt der Notwehr vorliegt, ist offensichtlich: Etwa 30 Neonazis waren bewaffnet mit Baseballschlägern, Schwertern und Gaspistolen zu einer Wittenberger Kneipe angerückt. Vor dieser hatten sich ein politisch links eingestellter Personenkreis aufgehalten. Es ist davon auszugehen, dass Enrico P. aus dem Kreis der "Kameradschaft Elbe-Ost" den ehemaligen "Kameradschaftsführer" Danny Thüring hierüber telefonisch unterrichtet hatte. Daraufhin soll sich dieser mit einer Gruppe bewaffneter Neonazis zur linken Personengruppe begeben haben. Danny Thüring und die Neonazis aus dem Kreis der "Kameradschaft Elbe-Ost" hatten sich im Haus von Stephan K. getroffen und von dort auf den Weg zu dem linken Personenkreis um Daniel S. gemacht. Dass es sich um einen organisierten Überfall gehandelt hat, liegt auf der Hand. Es war nicht das erste Mal dass sich die Anhänger der "Kameradschaft Elbe-Ost" mit einer militanten Aktion hervortaten. Brutale Angriffe auf (vermeintliche) Linke aus den Reihen und dem Umfeld der "Kameradschaft Elbe-Ost" sind ständiger Alltag in der Region.
Eine kurze Chronik der Neonazi-Szene in Wittenberg
1992 gründet sich in Wittenberg der Kreisverband der Neonazi-Partei "Deutsche Liga für Volk und Heimat" (DLVH). Bei der Gründung ist der Berliner Neonazi-Funktionär Frank Schwerdt dabei, der von nun an starken Einfluss auf die Entwicklung der lokalen rechten Szene nehmen wird. Der Wittenberger Neonazi Andreas Mattheus aus dem Kreis der "Kameradschaft Wittenberg", bei dem im Mai 1994 ein selbstgebastelter Sprengsatz in der Wohnung hochgeht, wird zum Kreisvorsitzenden gewählt. Der Sprengsatz sollte gegen eine Veranstaltung der PDS eingesetzt werden. Andreas Mattheus (Spitzname "Nashville") wurde deswegen jedoch freigesprochen, der beteiligte vorbestrafte Neonazi Marco Strebe hingegen zu sechs Monaten Haft verurteilt.
Für die Berliner Kommunalwahlen 1992 werden unter Landesvorsitz von Frank Schwerdt »Die Nationalen e.V. Berlin-Brandenburg« gegründet, mit welchen die Mitte 1993 entstehende "Kameradschaft Wittenberg" (auch "Kameradschaft Ostelbe" oder "Kameradschaft Anhalt") eng zusammenarbeiten wird. Schon Ende 1992 waren spätere Neonazi-Kameraden bei "Wehrsportübungen" auf dem WASAG-Fabrikgelände unter Leitung des kürzlich als V-Mann des Verfassungsschutzes (VS) aufgeflogenen Peter Schulz dabei. Durchsuchungen gegen die Wehrsportgruppe "Heimatschutzkorps der Waffen-SS in Ostwestfalen-Lippe" fanden 1995 auch in Wittenberg statt. Laut dem VS-Bericht Sachsen Anhalt (1994/1995) nahmen Wittenberger "Kameradschafts"-Mitglieder bei "Wehrsportübungen" der verbotenen Neonazi-Gruppe "Nationalistische Front" (NF) in NRW teil. Nach Hausdurchsuchungen wird am 10. November 1994 gegen die "Kameradschaft Wittenberg" ein Verfahren nach §129 (Kriminelle Vereinigung") eingeleitet, woraufhin sich diese selbst auflöst, jedoch nur, um sich eine Woche später als ""Kameradschaft Elbe-Ost"" neu zu formieren.
Die Führungskader sind die nahezu die gleichen Personen, Danny Thüring gilt ab diesem Zeitpunkt als "Kameradschaftsführer". Der VS spricht von »sieben Funktionären« und »sieben weiteren Personen«, sowie von ca. 20 Personen, die über Ortsgruppenleiter eingebunden seien. Immer wieder tauchen im Zusammenhang mit der "Kameradschaft Elbe-Ost" die Namen der Berliner Neonazi-Funktionäre Frank Schwerdt und Christian Wendt auf. Beide waren auch bei einer Kranzniederlegung der "Kameradschaft Elbe-Ost" am "Volkstrauertag" (1995) in Kropstädt vor Ort. Wittenberger AntifaschistInnen bestätigen, dass ohne deren theoretische und praktische Schulungen die "Kameradschaft Elbe-Ost" vermutlich nicht so strukturiert und organisiert sei. Unter Schwerdts ideologischer Leitung besuchen die "Kameraden" Veranstaltungen der "Die Nationalen", starten regelmäßig Aktionen zu "Sonnwende "und "Führergeburtstag" und verteilen zusammen mit der Neonazi-Gruppe "Junges Nationales Spektrum" (JNS), der Jugendorganisation der "Die Nationalen", Neonazi-Flugblätter. Auch 1995 besuchte Schwerdt die "Kameradschaft Elbe-Ost", die nach Einschätzung von AntifaschistInnen vor Ort inzwischen knapp 100 Mitglieder und Mitläufer zählt, regelmäßig und führt Schulungen durch. Im Oktober 1995 soll in der "Elbperle" in Wittenberg sogar die Gründungsversammlung eines "Kameradschaft Elbe-Ost Wittenberg e.V." stattgefunden haben. Im Vorstand landeten Danny Thüring, Daniel B., Lars F., Andreas N. und Torsten E.
Seit Dezember 1995 richtet die "Kameradschaft Elbe-Ost" ihre Aggression zunehmend gegen die Wittenberger linke Szene und das durch linke Personen besetzte Haus, den "Schweizer Garten". In einem Flugblatt fordern sie die Schließung des "Schweizer Gartens" und die Zerschlagung der linken Szene, die als kriminelle Drogenszene diffamiert wird. Für das Flugblatt sollen Danny Thüring und Andreas N. verantwortlich. Andreas N. gilt mittlerweile als neuer "Kameradschaftsführer". Danny Thüring war wegen Streit um (angebliche) Geldschulden in interne Konflikte mit seinen damaligen Neonazi-Kameraden geraten.
Ein Überfall auf einen Discobus in Nudersdorf (Wittenberg) mit einem Verletztem und hohem sachschaden im Februar 1996, hatte zur Folge, dass die "Kameradschaft Elbe-Ost" vom Landrat zum Gespräch gebeten wurde. Drei der verhafteten Tatverdächtigen stammten aus dem Kreis der "Kameradschaft". Hier erschienen Andreas N. als Anführer der "Kameradschaft Elbe-Ost". Als sein Stellvertreter trat Silvio Z. auf. Auch Mattheus aus dem Kreis der »Bombenbastler« nahm teil. Wegen der öffentlichen Empörung, die die Gespräche auslösten, wurden sie nach dem dritten Mal eingestellt.
»Mordanschlag« auf Kameraden
Im Moment konzentriert sich das Engagement der "Kameraden" auf den Prozess gegen Daniel S. »Was ist eigentlich los in Wittenberg?« ist die Überschrift eines Flugblattes, in welchem von »Mordanschlag« und »linkskriminellem Mob« die Rede ist. Eine Korrespondenz im neonazistischen Mailboxverbund "Thule Netz" zwischen »Hansi« von der "BBZ-Redaktion" und »Starbuck« (vermutlich Danny Thüring) aus Wittenberg belegt das Interesse der Neonazis an dem Prozess: Der Absender aus Berlin empört sich über die Berichterstattung in der Zeitung "Jungen Welt" und bittet um Kommentierung, damit die Thematik in der "Mitteldeutsche Rundschau" (MDR), einer regionalen Schwesterzeitung der BBZ, verarbeiten werden kann. Ein Mitarbeiter der BBZ war an einem Prozesstag anwesend, um anschließend von »links-beeinflußten Staatsanwalt« und »überwiegend korrekten Bullen« zu berichten. Ebenso bietet die "Anti-Antifa" über dass "Thule-Netz" eine vollständige Adressenliste von Daniel S. und seinen Entlastungszeugen an.
Zumindest die Wege zwischen BBZ/MDR und "Kameradschaft Elbe-Ost" dürften kurz sein. Immerhin nutzen die regionalen "Die Nationalen e.V."/BBZ-Ableger das Postfach der "Kameradschaft Elbe-Ost" in Zahna (Wittenberg) mit.
Es bleibt zu hoffen, dass diese Bedrohung auch vom Gericht wahrgenommen wird, welches Daniel S. immer noch als Täter sieht. Immerhin ist er nach dem dritten Prozesstag wieder auf freiem Fuß, Wittenberg hat er vorerst verlassen.