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USA: Die Pinhas-Legende. Rechte Terrorzellen berufen sich auf die Bibel

Vom "Searchlight" USA-Korrespondenten
Einleitung

Wegen mehrerer Banküberfälle und Bombenanschläge wurde im Oktober 1996 im Nordwesten der USA Anklage gegen drei Neonazis erhoben.

Bibel KKK
(Bild von Branford Clarke aus "Klansmen: Guardians of Liberty" der "Pillar of Fire Church"; 1926 Zarephath, NJ. (Gemeinfrei)

Ein KKK-Mitglied hält eine "Bibel" in die Luft - eine Illustration von Branford Clarke aus "Klansmen: Guardians of Liberty" von der "Pillar of Fire Church" in den USA.

Die drei Verdächtigen Robert S. Berry, Charles H. Barbee und Verne Jay Merrell haben Verbindungen zu einer "Christian Identity"-Church (Christliche Identität Kirche) unweit des Hauptquartiers der nazistischen "Aryan Nations" in Sand Point im Bundesstaat Idaho. Die drei werden beschuldigt am 1. April 1996 eine Bank bei Spokane (Bundesstaat Washington) ausgeraubt zu haben und zur Ablenkung gleichzeitig einen Bombenanschlag auf eine nahegelegene Tageszeitung verübt zu haben. 

Das Gleiche lief am 12. Juli 1996 mit einer Bombe gegen eine Frauenklinik in Spokane. Zu den Verhaftungen kam es nach einem fehlgeschlagenen Banküberfall am 8. Oktober 1996 in Portland. Dabei beschlagnahmte die Polizei Splittergranaten, Maschinengewehre, Handfeuerwaffen, eine Kopie der US-Verfassung und eine Bibel.1

Die drei Verhafteten im US-Nordwesten hatten alle Familien und feste soziale Bindungen in Nord-Idaho. Laut Presseberichten ist Verne Jay Merrell ein Nuklearwissenschaftler, der 1988 nach Idaho zog - kurz nachdem die "Aryan Nations" ihr Ziel verkündeten, im Nordwesten der USA eine "Weiße Christliche Republik" aufzubauen. Charles Barbee arbeitete 22 Jahre lang für eine Telefongesellschaft, ist seit 15 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder. Robert Berry ist seit 18 Jahren verheiratet, hat Kinder und betreibt eine Autowerkstatt. Die »normalen« Lebensstile der Bankräuber zeigen, wie tief die sozialen Wurzeln der rechtsradikalen Bewegung sind. 

Terror mit »Christian Identity« und »Pinhas« Hintergrund

Die »Christian Identity« ist die dominante (wenn auch nicht die einzige) religiöse Strömung in der radikalen Rechten der USA. Diese Lehre behauptet, dass weiße Nordeuropäer die »rassischen« Nachkommen des biblischen Volkes Israel sind. Juden gelten als satanisch und »Farbige« als seelenlose »Erdmenschen«. 

Deren Positionen können als offen rassistisch verstanden werden. So erklärte Dave Barleys (einer der Führer der "Christian Identity"-Kirche): „Wir sind schuldig zu glauben, dass Jesus Christus nur diejenigen seiner eigenen Rasse ausgewählt hat, um seine 12 Jünger zu sein, und dass er nicht ausging und zwei Chinesen, zwei Schwarze, zwei Indianer, zwei Araber, zwei Frauen oder zwei Homosexuelle wählte. Daher würde er [Jesus] nach heutigen weltlichen Maßstäben als Rassist, Rassist und Fanatiker bezeichnet werden."2 Spätestens ab 1995 soll Barley von den Unternehmer Vincent Bertollini und Carl E. Story bei seiner rassistische Mission in Sand Point aktiv unterstützt worden sein.

David (Dave) Barley, der Chef der "Christian Identity"-Kirche in Sand Point (Idaho), ist ein enger Weggefährte von Louis Beam. Beam ist ein früherer "Ku-Klux-Klan"-Führer aus Texas und hat die Neonazi-Terror-Strategie des »führerlosen Widerstands« entwickelt (siehe auch die USA-Beilage in AIB Nr. 33). Beam und der Gründer der "Aryan Nations", Richard Butler, waren auf Veranstaltungen von Barley eingeladen. 

Die Kirche hat auch mehrmals den Aktienhändler Richard Kelly Hoskins aus Virginia eingeladen. In seinem Buch »Vigilantes of Christendom« propagiert Hoskins die sogenannte »Pinhas Priesterschaft« ("Phineas-Priesthood") als neue Form von rassistischer Gewalt.

Terror Rechtfertigung aus der Bibel?

Im vierten Buch Mose tötet der Priester Pinhas einen anderen Israeliten, weil der mit einer Moabiterin (einer Angehörigen eines anderen Volkes) schläft.

Die heutigen militanten weißen Rassisten interpretieren diese Geschichte als theologische Rechtfertigung für Mord als Vergeltung für »Rassenschande«. In den vergangenen fünf Jahren haben verschiedene »arische« Gruppen die Pinhas-Legende für sich reklamiert. (Auch bei Mordanschlägen gegen Abtreibungsärzte berief man sich auf die Pinhas-Story, Anm. d. Übers.) Die Bankräuber vom April 1996 hinterließen Bekennerschreiben mit Bibelzitaten, die auf Pinhas hinwiesen. 

»Leaderless Resistance« und »Phineas Priesthood« (die englische Schreibweise für Pinhas) verlangen den Aufbau von kleinen klandestinen Terrorzellen. Um eine Infiltration durch die Polizei zu verhindern, stehen diese Zellen organisatorisch nicht miteinander in Verbindung. 

Dieser Form des Rassismus findet militante Anhänger. 1992 wurde zum Beispiel Walter Thody wegen einer Reihe von Banküberfällen in Kalifornien zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Er behauptete, das gestohlene Geld sei zur Finanzierung der Mission einer Phineas-Priesthood-Zelle zur Ermordung von Juden verwendet worden.

Im Januar 1996 verhaftete das FBI eine ähnliche Gruppe, die sich "Aryan Republican Army" nannte und im US-Mittelwesten agierte. Innerhalb von anderthalb Jahren soll diese Gruppe um Donna Langan 22 Banken überfallen haben und eine Viertelmillion Dollar (knapp 400.000 Mark) an einen Vertreter der (legalen) Nazi-Organisation "Aryan Nations" übergeben haben. Die Gruppe hatte Verbindungen zu der Identitäts-« Kommune« Elohim City in Oklahoma.3

13 Jahre nachdem die Terrororganisation »The Order« den Nordwesten zur »weißen Bastion« erklärte und ihr Anführer Bob Mathews seine erste Bank ausraubte (siehe AIB Nr. 33), kann der rechtsradikale Untergrund weiterhin neue Mitglieder rekrutieren. 

Die wiederholten Besuche von Louis Beam in Nord-Idaho weisen dabei möglicher weise auf einen Strategiewechsel hin: Weg von großen zentralisierten Terrororganisationen und hin zu kleinen »führerlosen« Widerstandszellen. Dies lässt vermuten, dass auch nach den jüngsten Verhaftungen die Gewalt noch kein Ende finden wird.

(Diesen Artikel erhielten wir vom USA-Korrespondenten der englischen antifaschistischen Zeitung »SEARCHLIGHT«, die in der letzten Zeit mit enthüllenden Artikeln über das Apartheid-Regime in Südafrika und die Ermordung von Olof Palme für Aufsehen sorgte. Der Text wurde vom AIB übersetzt und ergänzt.)

  • 1

    Nachtrag: Mittlerweile wurde Brian Ratigan als vierter Tatverdächtiger verhaftet.

  • 2

    Dave Barley, zitiert in den Dallas Morning News, 1991

  • 3

    siehe auch »konkret« 11/96