Zur Auseinandersetzung mit einem Antirassismus-Training
Kansas, USA, 1996: Ungefähr 40 Menschen haben sich zu einem antirassistischen Workshop angemeldet, die Hälfte von ihnen, in der Mehrzahl Frauen und Personen mit schwarzer Hautfarbe, sitzt im Halbkreis um die Workshop-Leiterin Jane Elliott. Die ehemalige Lehrerin beginnt zu erzählen, wie die Menschen vor vielen tausend Jahren von Süden nach Norden zogen. Ihre ursprünglich dunkle Haut wurde immer blasser, da der Körper weniger Melanin zu produzieren brauchte, um sich vor der Sonne schützen. Auch die Augenfarbe, die ebenfalls vom Melaningehalt bestimmt wird, wandelte sich von braun ins Bläuliche, wodurch die Augen die UV-Strahlung schlechter reflektieren konnten. Die Folge war, dass die Strahlen ins Gehirn dringen und dieses schädigen konnten. Dies - so Jane Elliott - sei der Grund, warum Blauäugige weniger klug seien als Personen mit brauner Augenfarbe. Dem amüsanten Gelächter im Publikum steht Jane Elliott scheinbar verständnislos gegenüber, denn: es sei doch wohl keineswegs lächerlicher, einen Menschen nach dem Melaningehalt seiner Augen als nach dem Melaningehalt seiner Haut zu beurteilen. Dem allerdings kann niemand
widersprechen.
Als nächstes erklärt Jane Elliott die Spielregeln. »Schauen Sie die Blauäugigen nicht an, außer stirnrunzelnd oder höhnisch« und »es ist in Ordnung, wenn Sie sie auslachen, aber lachen Sie nicht mit ihnen«. Im Klartext: behandelt sie einfach so, wie die Gesellschaft Frauen, Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe, Schwule, Lesben und Behinderte behandelt - nicht mehr und nicht weniger. Die Menschen im Raum erklären sich dazu bereit, sie werden für die nächsten zwei Stunden die überlegene »Rasse« der Braunäugigen sein.
17 Blauäugige werden nun in den Raum geführt, ausschließlich Weiße und in der Mehrzahl Männer, und sie müssen mangels Stühlen zum Teil auf dem Boden Platz nehmen. Der Ton von Jane Elliott wird scharf und arrogant. Schon das Diktat ist eine mittlere Katastrophe. »Wie viele Kommas haben Sie in ihrem Satz?« - »Keine.« - »Warum?« - »Weil Sie keine diktiert haben.« - »Sie haben doch einen Punkt gemacht, sehe ich das richtig?« - »Ja.« - »Habe ich den Punkt diktiert?« Einzelne Blauäugige versuchen, sich zu wehren, doch Jane Elliott erweist sich als Meisterin darin, ihnen das Wort im Mund herumzudrehen. Jeder Einwand wird ins Lächerliche gezogen, zynisch, bisweilen mitleidig kommentiert und fliegt wie ein Bumerang zurück. Jane Elliott läßt nicht den geringsten Zweifel an ihrer Autorität und nutzt diese leidlich aus. Schon nach wenigen Minuten ist ein Mikrokosmos der Gesellschaft entstanden - auf der einen Seite die Selbstbewussten, die Privilegierten, auf der anderen die, denen vehement bedeutet wird, jetzt bloß keine Fehler mehr zu machen. Doch was diese auch tun, es wird negativ ausgelegt und die Blauäugigen begreifen nach und nach, dass sie bei diesem »Spiel« nicht gewinnen können. Psychische Einbrüche sind die Folge. Die einen resignieren, andere verfallen in Trotzreaktionen, vereinzelt fließen Tränen.
Für Jane Elliott ein gewohntes Bild, dass »gebildete Weiße« »nicht einmal 2 1/2 Stunden das aushalten, was von einem schwarzen Kind vom Tag seiner Geburt an erwartet wird.« Und sie gibt zu bedenken, dass der Workshop lediglich unscharfe Vergleichsansätze mit der Realität bieten kann, denn schließlich hätten die Teilnehmerinnen keine wirkliche Bedrohung zu fürchten, »keine Handschellen, keine Gewehre, keine Wasserwerfer, keine Gaskammern.«
Szenen aus dem Film Blue-Eyed von Bertram Verhaag (DENKmal-Film, München, 1996), der den Brown-Eyed/Blue-Eyed Workshop dokumentiert.
Jane Elliott entwickelte dieses Antirassismus-Training nach dem Tod von Martin Luther King und was sie vor 29 Jahren mit ihren Schülerinnen und Schülern begann, praktiziert sie heute mit ganzen Bankbelegschaften und Feuerwehren. Auch in Europa ist mensch darauf aufmerksam geworden. Der Film von Verhaag ist mehrfach preisgekrönt und lief bereits im deutschen Femsehen, die niederländische Organisation MAGENTA organisierte 1996 eine mehrwöchige Bootstour, bei der 3500 Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit hatten, an dem Workshop teilzunehmen.
Vor allem in Seminaren mit Jugendlichen wird die Konsequenz dieser Ungleichbehandlung schnell deutlich. Konzentrationsschwächen und Verweigerungshaltung nehmen zu und sind direkter Ausdruck von Verunsicherung, von Streß, von Assimilierungs- und Leistungsdruck. »Schon nach wenigen Minuten waren die Blauäugigen unfähig vier englische Sätze zu Papier zu bringen« erzählt Jürgen Schlicher vom Informationszentrum für Rassismusforschung in Marburg, ein von Jane Elliott ausgebildeter Trainer, der an der Übertragung des Projektes ins Deutsche arbeitet und Probeworkshops mit Schulklassen in Hessen durchführt. Das Stirnrunzeln und höhnische Lachen der Braunäugigen ist auf einmal nicht mehr gespielt, die anfangs aufgebauten Klischees und Vorurteile werden scheinbar immer mehr zu Urteilen.
In der Auflösung und in der Nachbereitung des Workshops wird dieser Kreislauf thematisiert und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden mit ihrem Verhalten konfrontiert. Doch sowohl Elliott wie auch Schlicher legen Wert darauf, dass sie keine antirassistischen Orden verleihen, vielmehr soll verdeutlicht werden, welch schwieriger Prozess es ist, sich von der eigenen Täterrolle vollends zu lösen.
Dass Diskriminierung ausschließlich anhand der westlichen Sozialisation thematisiert wird und »andere« interkulturelle Ressentiments (z.B. antisemitische Tendenzen in der Schwarzenbewegung oder die verbreitete Kurdenfeindlichkeit in der türkischen Bevölkerungsgruppe in Deutschland) unerwähnt bleiben, wirkt auf den ersten Blick einseitig und störend. Doch sind diese Hinweise in der Auseinandersetzung mit der weißen »Privilegiertenkaste« tatsächlich so relevant, zumal sie von dieser nur allzu gerne zur Relativierung herangezogen werden? Ist es nicht schon ein Ausdruck von Anmaßung, stigmatisierte Menschen beständig auf eigenes Fehlverhalten hinzuweisen und wird dadurch nicht vermittelt, diese seien unfähig, die Problematik selbst zu erkennen und anzugehen? Und weitergehend: wo wandelt sich das unbestreitbare Recht, vielmehr die Pflicht, auf Einmischung (gerade bei alltäglichen Konfliktsituationen) in rassistisch gefärbte Überheblichkeit? Auf diese Fragen kann der Workshop natürlich keine Antwort geben, er ist jedoch ein Schritt zur Sensibilisierung, die es erleichtert, die doch so wesentliche Schnittstelle zu erkennen.
Diese Sensibilisierung wollen Elliott und Schlicher über das Prinzip Selbsterfahrung erreichen. Diskriminierung soll für die greifbar gemacht werden, die sie nicht erleben und hierzu sollen die Ohnmacht und die Wut der Betroffenen für wenige Stunden in die Köpfe der Täterinnen und Täter transportiert werden. Schlicher vergleicht dies mit erlebnispädagogischen Konzepten, die z.B. in manchen sozialen Berufen gängige Praxis sind - Betreuerinnen und Betreuer von Querschnittsgelähmten verbringen einen Tag im Rollstuhl, Gefängnispsychologinnen lassen sich eine Woche einsperren etc.
Anders als beispielsweise durch ellenlange Vorträge glaubt Schlicher über Selbsterfahrung den Mechanismus der Diskriminierung, Macht und den Missbrauch von Macht im Ansatz veranschaulichen zu können und Aufsätze, die von Schülerinnen und Schülern nach dem Workshop auf freiwilliger Basis geschrieben wurden, geben ihm recht.
Doch der Workshop muss sich der Kritik stellen, ob es moralisch verantwortbar ist, eine menschenverachtende Struktur und ein menschenverachtendes Verhalten dadurch zu bekämpfen, dass man es nachstellt und simuliert. Daran anknüpfend dreht sich viel um die Frage, ob es Kindern - und sei es für einen »edlen Zweck« - psychisch zuzumuten sei, erniedrigt, gedemütigt und gegeneinander ausgespielt zu werden. Darf dies nur auf einer freiwilligen Basis geschehen, die in Schulklassen u.U. nicht gegeben ist? Welche Vorbereitung und Nachbetreuung sind hierzu notwendig? So gerät der Workshop zwangsläufig in Konflikt mit einem progressiven Erziehungs- und Gesellschaftsideal, welches auf Aufklärung und auf ein freies, ungezwungenes Lernen setzt. Überspitzt gesagt: Mensch ist versucht anzunehmen, der Workshop könnte dieses in Frage stellen und manipulative, suggestive und in ihrer Tendenz autoritäre Lernmethoden legitimieren.
Schlicher ist sich dieses Widerspruchs durchaus bewusst, er möchte den Workshop jedoch nicht als erzieherische Maßnahme verstanden wissen, sondern vielmehr als eine Art Rollenspiel, in dem »einem Menschen einfach mal die Gelegenheit gegeben wird, für ein paar Stunden in den Schuhen eines anderen herumzulaufen.« Das dies für Einzelne eine schmerzhafte Erfahrung ist, ist daher unvermeidbar, weil die gesellschaftliche Realität eben so - und noch viel schmerzhafter - ist.
Sich selbst sieht er nicht als Lehrer, sondern als denjenigen, der in diesem Rollenspiel den autoritären Part übernimmt »und ich bin froh, wenn ich nach zwei Stunden wieder normal mit den Leuten reden kann.«
Für die KritikerInnen scheint der Begriff »Rollenspiel« indes verharmlosend; sie sehen den Workshop vielmehr als ein psychologisches Experiment, in welchem der Ansatz vertreten wird, »selbst konstruierte Betroffenheit über eine Analyse zu stellen.« Und darin - so ein Kritikpapier - spiegele sich die Tendenz zur »antiaufklärerischen Derationalisierung« einer orientierungslos gewordenen linken und emanzipatorischen Bewegung wider.
Vor einem ähnlichen Hintergrund formuliert sich der Einwand, der Workshop sei »letztlich unpolitisch«, da er Rassismus auf ein »individuelles und auch individuell korrigierbares Fehlverhalten« reduziere und »ökonomische Interessen an Rassismus und dahinter steckende Klassenstrukturen« ausblenden würde.
Zumindest im Film entsteht der Eindruck, als würde der doch so entscheidende Zusammenhang von Rassismus, Sexismus, Imperialismus und Kapitalismus allenfalls am Rande erwähnt. Wobei mensch auch argwöhnen darf, dass Banken ihren MitarbeiterInnen dieses Training wohl kaum empfehlen würden, würde es eine grundlegende Kapitalismuskritik vertreten.
Schlicher sieht dies nicht so. Für ihn beinhaltet der Workshop eine »Fülle von Beispielen, wann, wo und wie in der Kolonialgeschichte und der Eroberung Amerikas durch (weiße) Europäerinnen, ebenso wie in den heutigen westlichen Gesellschaften Rassismus einerseits dazu benutzt wird, politische Herrschaft zu manifestieren, als auch individuell Macht über andere auszuüben.« An mehreren Stellen weist Jane Elliott darauf hin, dass dies aus rein ökonomischen Interessen geschieht, wenn sie z.B. auf die Ausbeutung von Bodenschätzen in ausgewiesenen »Indianerreservaten« hinweist.