Gesellschaft | AIB 10 / 1.1990 | 30.04.1990

„Deutsche für Deutsche“ - ein rechtes Unternehmen?

Anfang Dezember 1989 erschienen in mehreren Westberliner Tageszeitungen eine halbseitige Anzeige unter der Überschrift „Deutsche für Deutsche“. Der Schuh-Leiser-Erbe und Unternehmer Dietrich Bahner rief zu einer Spendenaktion auf, mit der u.a. medizinisches Gerät und Medikamente für die DDR beschafft werden sollten. Schirmherrschaft für die Aktion hat die SPD-Senatorin Ingrid Stahmer übernommen. Unterstützt wird das ganze u.a. durch Jürgen Wohlrabe (CDU), Alexander Longolius (SPD) und die "Dresdner Bank". Der mittlerweile von Bahner mitgegründete Verein „Europäische Friedensinitiative Deutsche für Deutsche e.V.“ begnügt sich nicht damit, pressewirksam Hilfe für die DDR zu leisten1, sondern kümmert sich um die Sowjetunion gleich mit. Anfang Januar dieses Jahres organisierte die sowjetische Nachrichtenagentur „RIA Nowosti“ eine Pressekonferenz für Dietrich Bahner, der für einen Autokonvoi nach Moskau ein Blanko-Gruppenvisum für eine unbestimmte Menge an Menschen und Waren erhielt (ein Novum in der deutsch-sowjetischen Beziehung). Daß diese „Hilfe“ möglicherweise mehr als Hilfe für den Unternehmer und Politiker Bahner gedacht sein könnte, wird deutlich, wirft man einen Blick hinter die Kulissen.

Das Vermögen der Bahners

Der 1913 in Oberlungwitz bei Chemnitz geborene Vater von Dietrich Bahner, Dietrich Bahner Senior, arisierte Mitte der 1930er Jahre die jüdische Firma Leiser. Als 1945 die Rote Armee näher rückte, schaffte er riesige Schuhbestände in den Westen, wo er mit diesen Waren als Startkapital, nach kurzer Verbüßung einer Gefängnisstrafe, wieder expandieren konnte. Er kaufte die Dorndorf Schuhfabrik und die bekannte Strumpffabrik Elbeo auf. Elbeo war ein Großunternehmen mit Verbindungen zu wichtigen in- und ausländischen Banken, darunter die "Deutsche Bank", die "Dresdner Bank" und die "Fugger-Bank". Damit setzte sich der Aufstieg des Unternehmers fort, Bahner Senior wurde Teilhaber der „Fürst Fugger-Babenhausen Bank“, die wiederum Verbindungen zu ansehnlichen amerikanischen Finanz und Börsenunternehmen besaß.

Bahner Senior war bereits 1946 Mitglied der FDP geworden und brachte es 1967 zum Landesvorsitzenden in Bayern, was er bis zu seinem Parteiaustritt 1970 auch blieb. Als sich in der FDP die Befürworter einer Entspannungspolitik gegenüber Osteuropa durchsetzten, trat er gemeinsam mit Siegfried Zoglmann aus der Partei aus. Sie gründeten 1970 zunächst die „National Liberale Aktion“ (NLA) und in deren Nachfolge 1971 die „Deutsche Union“ (DU). Von 1971-1974 war Bahner Senior Stellvertrender Bundesvorsitzender und Landesvorsitzender der DU in Bayern. Bei der Gründung der DU arrangierte Bahner Senior ein Treffen zwischen Franz Josef Strauß (CSU), zu dem er freundschaftliche Kontakte besaß, und Zoglmann. Beabsichtigt war die Beteiligung der DU an Wahlen als Koalitionspartner der CDU/CSU. Dies scheiterte zwar zunächst, aber Bahner Senior gab nicht auf: 1975 war er Mitgründer und Bundesvorsitzender der „Aktionsgemeinschaft Vierte Partei“ (AVP). An der Bildung dieser AVP waren, nach Vorgesprächen mit F.J. Strauß, solche Organisationen wie die „Freie Republikanische Partei“, die „Deutsche Soziale Volkspartei“, die „Liberal-Soziale Union“ und der „Bund Freies Deutschland“ (BFD) u.a. beteiligt. Für eine rechts von der CDU stehende überregionale Partei rechneten sie sich nach dem Wahlerfolg des BFD in Westberlin2 gute Chancen aus. Bestärkt wurden sie darin durch eine Wählerumfrage des Tübinger Wickert-Instituts. Das Projekt, quasi als eine Art Vorläufer der „Republikaner“, scheiterte jedoch an innerer Zerstrittenheit. Die meisten daran beteiligten gingen darauf zur CSU oder CDU, von wo aus nur wenig später der - diesmal erfolgreiche - nächste Versuch einer rechten Sammlungspartei rechts von CDU/CSU gestartet wurde.

Bahner Senior war weiterhin Mitglied in der „Paneuropa-Union“ sowie in den 1970er Jahren im Vorstand des „CDU-Wirtschaftsrates“, in dem die Creme der bundesdeutschen Unternehmer versammelt war. Bahner Senior starb 1987 und hinterließ seinem Sohn die Firma Leiser.

Siegfried Zoglmann - Ein deutscher Politiker

Der Lebenslauf des Siegfried Zoglmann gibt Aufschluß über eine gar nicht so seltene Karriere aus dem Umkreis der Familie Bahner: Zoglmann ist 1913 in der heutigen ČSSR geboren. Seit 1928 Mitglied der nationalsozialistischen Organisationen der Tschechoslowakei, 1933 Gefängnisstrafe wegen verbotener nationalsozialistischer Aktivität, 1934 Flucht nach Deutschland und Mitgliedschaft in der NSDAP, HJ-Führer, bis 1939 Amtsleiter in der Reichsjugendführung, von 1939 an im „Protektorat Böhmen und Mähren“, oberster Führer der Hitlerjugend und Abteilungsleiter beim stellv. Reichsprotektor Karl Hermann Frank in Prag. 1940 erbat und erhielt Zoglmann von Himmler persönlich die Erlaubnis, SS- Führer zu werden. Er gehörte der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ an. 1945 Mitglied der Nordrhein-westfälischen FDP und der „Sudetendeutschen Landsmannschaft“. 1949 Mitgründer des „Witikobundes“. 1950 Pressereferent des Landesverbandes NRW der FDP, Landesvorstandsmitglied und Inhaber der Werbeagentur „interwerbung“. Von 1954-58 Mitglied des Landtags von NRW, von 1957-76 Mitglied des Bundestags (ab 1972 als Mitglied der CSU-Landesgruppe). Gründet mit Bahner Senior 1970 die „National-Liberale Aktion“ (NLA). Von 1971-74 Vorsitzender ihrer Nachfolge-Organisation, der „Deutschen Union“ (DU). Danach als Lobbyist für die Interessen der südafrikanischen Apartheidsbefürworter in der BRD tätig. Bis 1988 hielt er den Vorsitz der „Sudetendeutschen Landsmannschaft“ in Bayern. Aus seiner NS-Zeit stammt von ihm das Buch „Jugend erlebt Deutschland“, in dem zu lesen ist: „Deutschland lebt in den marschierenden Kolonnen der SA und im Gleichschritt der jungen Wehrmacht.

Wie der Vater so der Sohn ?

Der 1939 geborene Dietrich Bahner Junior war zunächst Mitglied der CDU, in der er es immerhin bis zum Bezirksvorsitzenden in Berlin-Wedding und Mitglied im Bundestag brachte. Nach einigem Parteigezänk, bei dem seine ins Gerede gekommenen Altenheim-Geschäfte eine Rolle spielten, trat er 1984 aus der CDU aus. Nachdem er sich für einiges Geld ein Gutachten über mögliches Wählerpotential beim Wickert-Institut eingeholt hatte, startete er noch 1984 im Alleingang den Aufbau einer neuen Partei, mit der er nationalistische und grünbürgerliche Wählerstimmen gewinnen wollte. Die Partei „Demokratische Alternative“ (DA), mit dem Beinamen „USA“ (für Umweltschutz, Steuerzahler, Arbeitsplätze) trat im März 1985 zu den Berliner Abgeordnetenhauswahlen an und erhielt auf Anhieb 1,3 Prozent der Stimmen. Einige Stellen aus den Wahlschwerpunkten der DA vom Januar 1985: „Sofortige und schärfste Maßnahmen zur wirkungsvollen Bekämpfung des Schein- und Wirtschaftsasylantenunwesens in Berlin“, „Schrittweisen Abbau des Ausländeranteils, insbesondere der Nichtintegrationswilligen'“ oder „Konsequenten Ausbau der Deutschland- und Berlinpolitik“ und „Die deutsche Frage ist nicht nur offen, sondern muß auch wieder Thema der internationalen Politik werden“.

Von den markigen Sprüchen angezogen, sammelten sich prompt auch Anhänger der rassistischen „Bürgerinitiative Demokratie und Identität“ (BDI) in der DA. Bahner verkündete damals, daß er sich als „alternativer Arbeiterführer'“ fühle. Zu den nächsten Wahlen (Januar 1989) kandidierte die „Demokratische Alternative“ nicht mehr. Bahner scheint – zumindest vorrübergehend - das Interesse daran verloren zu haben. Auf dem Listenplatz kandidierte nun die „Demokratische Allianz“ (DA), die die Nachfolge der alten DA antrat. Dietrich Bahner ist politisch kein unbeschriebenes Blatt und wie es in der Anzeige steht „...seit 5 Jahren parteilos...“. Die Verbindungen zur "Dresdner Bank" sind wohl vermutlich genauso wenig Zufall.

Zwischen Wohltätigkeit und Geschäft

Die Verbindung von Spendenaktionen und Geschäftlichen scheint sich für Bahner zu lohnen, denn schon einmal, Mitte der achtziger Jahre, sammelte er mit dem Verein „Berlin hilft“ Gelder für die sogenannte „Dritte Welt“. Zur gleichen Zeit versuchte der Altenheimbetreiber mit Flüchtlingsheimen ins Geschäft zu kommen. Seinen Aufenthalt im Januar 1990 in Moskau nutzte Bahner, der dort auch im Fernsehen auftreten konnte, seine Gesprächspartner auf Investionsmöglichkeiten und Joint-ventures anzusprechen. Konkrete Vorschläge gab es offenbar bereits.3 Bahner kündigte an, die Aktion fortzusetzen und wiederzukehren. Dann ist er in Moskau kein Unbekannter mehr und auch seine geschäftlichen Aussichten wären ungleich besser. Da stören offenbar auch fragwürdige Äußerungen, die im Zusammenhang mit der Moskaufahrt gefallen sein sollen, kaum. In der Taxiinnung, die die Fahrer für den Autokonvoi organisiert hat, soll es geheißen haben: „Was die Wehrmacht nicht geschafft hat, schaffen wir in dreißig Stunden“.

"nach dem ersten deutschen Tank, kommt sofort die Dresdner Bank"

… war ab 1939 in dem von den Nazis okkupierten Teilen Europas ein geflügeltes Wort und der Refrain eines tschechoslowakischen Widerstandsliedes. Schon vor der Unterstützung der Bahner-Aktion „Deutsche für Deutsche“ hatte die "Dresdner Bank" in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige am 25. November 1989 unter einem Foto vom Brandenburger Tor angekündigt, „Verantwortung“ zu übernehmen. Am 16. Januar 1990 schob die Bank in der selben Aufmachung eine wiederum ganzseitige Anzeige nach. Unter der Meldung „Jetzt auf beiden Seiten des Brandenburger Tores“ und einem Foto von diesem folgt die Information, daß die Bank in Dresden und in Ost-Berlin Büros eingerichtet hat und die Aussage „Wir freuen uns auf die neuen Aufgaben“.

Ein Blick in die Geschichte der Bank scheint hier angebracht: In der Weimarer Republik unterstützte deren Direktor Dr. Walther Frisch die Schaffung eigener deutscher Kolonien. Nach 1933 war die Bank bei der „Arisierung der Wirtschaft“, der gewaltsamen Enteignung von jüdischem Besitz und Einkommen, innerhalb des Reiches beteiligt. Gleichzeitig finanzierte sie die Kriegsvorbereitungen (Ausbau der Luftwaffe, Hermann-Göring-Werke) mit und war nach 1939 an der wirtschaftlichen Ausplünderung Europas beteiligt. Die "Dresdner Bank" bediente sich dabei nicht immer gerade feiner Methoden: „Erpressung, Betrug, Gewalt und Druck auf die Behörden des Protektorats gehörten zu den Methoden, die sie in den eroberten tschechischen Provinzen einsetzte“, heißt es in einem kurz nach Kriegsende von US-Beamten erstellten OMGUS4-Bericht5. Und weiter ist dort zu lesen: „Keine andere große Geschäftsbank in Deutschland war so rückhaltlos in ihrer Politik, ihrem Personal und ihren Praktiken auf den Nationalsozialismus eingeschworen wie die Dresdner Bank“.

Es waren Rationalisierungsexperten dieser Bank, die die betriebswirtschaftlichen Methoden des SS-Konzerns modernisierten, welcher die wirtschaftliche Ausbeutung der KZ-Häftlinge betrieb. Sprich: Die „Vernichtung durch Arbeit“. Heute ist das nach der "Deutsche Bank" größte bundesdeutsche Bankunternehmen auch in den Arpartheidsstaaten in Südafrika und Namibia engagiert. Mitte der 1980er Jahre soll die "Dresdner Bank" - nach Aussage einiger Aktionäre - an Anleihen für Südafrika beteiligt gewesen sin, zugunsten von strategisch-militärisch wichtigen Staatsunternehmen.

  • 1. Vgl. Chronik Leipzig 1989: „Auf dem Markt trifft eine Kolonne der Europäischen Friedensinitiative mit Hilfsgütern für das Gesundheitswesen ein. Etwa 5.000 Leipziger nehmen an der Begrüßung der 41 Fahrzeuge starken "Showkarawane" teil. Der Westberliner Unternehmer Dietrich Bahner, der Initiator der Aktion, übergibt symbolisch sieben Notarztwagen an die Stadt.“
  • 2. 1975: 3,4 Prozent
  • 3. Vgl. u.a.: „Unternehmen Bahner - Frontbericht vom Moskau-Feldzug des Berliner Wohl-Täters und Schuhhaus-Erben Dietrich Bahner“ in „Die Tageszeitung“ vom 11. Januar 1990
  • 4. OMGUS : Office of Military Government for Germany
  • 5. Vgl. auch „Omgus. Ermittlungen gegen die Dresdner Bank“, Nördlingen, 1986