International | AIB 135 / 2.2022 | 25.11.2022

Interview mit „Feminist Workshop“ aus Lviv

Im Rahmen der Linken Buchtage, die Mitte Mai 2022 in Berlin stattgefunden haben, waren auch ukrainische Aktivis­t_innen eingeladen, ihre Perspektiven und Anliegen in die aktuelle Debatte um den russischen Angriffskrieg einzubringen. Wir haben im Anschluss die Möglichkeit bekommen, mit Sasha von der Gruppe „Feminist Workshop“ aus Lviv ein Interview zu führen mit Schwerpunkt auf die Situation der queeren ukrainischen Community.

AIB: Erzähl uns doch bitte etwas über eure Gruppe und wie eure Arbeit, aber auch die Situation der LGBTQI+-Community bis zum Beginn des russischen Angriffs aussah.

Sasha: „Feminist Workshop“ ist eine nichtstaatliche Organisation, die 2014 in der Ukraine gegründet wurde. Unsere Aufgabe war und ist es, den Raum für die Entwicklung der feministischen Gemeinschaft in Lviv und der Ukraine zu schaffen und zu unterstützen. Unsere Arbeit umfasst die Förderung von Frauen und nicht-binären Menschen um tiefgreifendere Veränderungen gesellschaftlicher Normen zu befördern, den Kampf gegen Diskriminierung und Gewalt sowie die Umsetzung der Ideen einer vielfältigen, inklusiven und geschlechtersensiblen Welt mit integrativen Methoden. Auch wenn wir durch den Krieg erschöpft sind, geben wir nicht auf. Wir sind eine einzigartige Gemeinschaft mit einzigartigen Talenten unter einzigartigen Umständen.

Vor der jüngsten russischen Invasion hatte die Ukraine je nach Region unterschiedliche Muster in der öffentlichen Haltung gegenüber LGBTQI+ Menschen. Das ist in vielerlei Hinsicht auch nach dem 24. Februar 2022 so. Man kann sagen, dass es in einer Großstadt sicherer ist eine queere Person zu sein, als in einer kleineren oder auf dem Dorf. In Städten wie Charkiw oder Kiew findet man eine unterstützende Gemeinschaft, es gibt Pride-Veranstaltungen, LGBTQI+ freundliche Ärzt_innen, Kinderbetreuung, Bars und so weiter. Im westlichen Teil der Ukraine, wo auch wir unseren Sitz haben, war es immer etwas anders... Lviv ist zwar eine große Stadt, aber auch ein Ort an dem die Behörden enge Beziehungen zur christlichen Kirche unterhalten, und man kann sagen, dass viele städtebauliche, zivile oder finanzielle Entscheidungen auf die eine oder andere Weise eindeutig von der Kirche beeinflusst werden. Das hat es meiner Meinung nach für queere Menschen und Feminist_innen immer schwieriger gemacht, offen und sichtbar zu sein.

AIB: Wie hat sich eure Arbeit seit der Invasion verändert?

Sasha: Tatsächlich haben wir schon 2014 damit begonnen, Bildungsveranstaltungen über Feminismus und Krieg durchzuführen. Denn Krieg ist ein Wort das wir in der Ukraine seit 2014 sehr oft gehört haben, da der östliche Teil vorübergehend „eingefroren“ war und viele Leben, Hoffnungen und Träume zerstört hat, auch wenn es in den Nachrichten nicht so oft vorkam. Seit 2014 muss jede Frau in der Ukraine zu ihrer eigenen Sicherheit etwas von den Unterschieden zwischen Medienberichterstattung und Propaganda sowie den Auswirkungen des Krieges verstehen, um sich in diesem komplexen internationalen Drama und der ständigen Angst vor dem Beginn eines größeren Krieges zurechtzufinden. Und wir haben versucht, bei dieser Aufklärung zu helfen.

Darüber hinaus haben wir immer wieder Veranstaltungen mit talentierten Frauen und nicht-binären Menschen über Journalismus, Soziologie, Psychologie, ­Literatur usw. organisiert um speziell Frauen und Mädchen zu inspirieren. Doch in den letzten Monaten mussten wir uns viele neue Dinge aneignen: Wir mussten etwas über humanitäre Hilfe und die Versorgung extrem gefährdeter Menschen mit dem Nötigsten lernen. Gleichzeitig standen wir selbst unter großem Stress. Erschwerend kommt hinzu, dass das gängige Bild eines „Helden“ sehr männlich geprägt ist und „Er“ den Menschen hilft, weil es seine vermeintlich besondere natürliche Eigenschaft sei. In unserem Fall geht es um einen Support für marginalisierte und nicht wahrgenommene Gruppen.

Im Moment konzentrieren wir uns mit „Feminist Workshop“ auf die Bereitstellung von Wohnraum für Frauen und LGBTQI+ Menschen, die Deckung des Grundbedarfs mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Kleidung, psychologische Unterstützung und Kinderbetreuung. Wir kümmern uns auch sehr um unsere Online-Community denn wir haben auch viele Unterstützer_innen und Feminist_innen aus anderen Regionen.

AIB: Wie hat sich insbesondere die Situation für Frauen und die LGBTQI+-Community mit dem Krieg verändert?

Sasha: Der Krieg verändert natürlich alle Bereiche des Lebens, aber insbesondere bei Frauen und LGBTQI+ Menschen erleben wir aktuell ein verstärktes autoaggressives Verhalten. Gerade junge queere Personen haben uns in den zurückliegenden Jahren über verschiedene Arten von traumatischen Erfahrungen berichtet, über die sie nur schwer sprechen konnten und aktuell noch weniger Raum dafür finden. Frauen und queeren Personen wird durch eine patriarchale Kultur vermittelt, sich selbst als Ursache für die eigenen Probleme und Sorgen zu betrachten. Das ist ein Kreislauf aus Schuldgefühlen und Selbstbestrafung, der oftmals zu schweren psychischen Belastungen führt. Das ist eine sehr gefährliche Situation, die nicht nur von vielen Ukrainer_innen unterschätzt wird, sondern auch von Menschen, die diesen Krieg genauso betrachten wie jeden anderen auf der Welt zuvor: So als ob er sie nichts angehen würde.

Die militärischen Aspekte des Krieges sind in den Medien präsenter. Doch Frauen und Männer werden vergewaltigt, getötet und gefoltert. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man als Überlebende in einer besseren Position wäre. Der Charakter des Krieges besteht auch darin, dass er für immer eine Narbe in der persönlichen und kollektiven Geschichte hinterlässt.

AIB: Anfang März 2022 wurde von russischen feministischen Gruppen zu Aktionen gegen den Krieg und die Putin-Regierung weltweit aufgerufen. Seit ihr im Austausch mit progressiven Kräften in Russland und anderen Ländern?

Sasha: „Feminist Workshop“ steht in Kontakt mit Feminist_innen und gleichgesinnten Organisationen in Deutschland, Österreich, Großbritannien, Polen und anderen Ländern, aber nicht nach Russland. Nach dem 24. Februar 2022 ist es für Ukrainer_innen sehr schwer, mit Menschen aus Russland zu kommunizieren. Das ist zum einen der aktuellen Situation geschuldet, andererseits ist für viele queere Ukrainer_innen der Kampf gegen die russischen Truppen auch ein Kampf gegen die personifizierte Homophobie.

Sicherlich gibt es auch in der Ukraine nur sehr begrenzte Möglichkeiten offen, respektiert und geschützt zu leben, aber das ist noch weit entfernt von dem, was LGBTQI+ Menschen in Russland erfahren. Um von einer leuchtenden queeren Zukunft zu träumen, müssen wir erst diesen Krieg stoppen. Und wie es aussieht, sind die ukrainischen Streitkräfte aktuell die einzigen, die dazu in der Lage sind.

AIB: Was wären deiner Ansicht nach notwendige Rahmenbedingungen um eine feministische Perspektive auf Krieg bzw. Militär zu ermöglichen?

Sasha: Viele Feminist_innen sind sich über die grundlegenden Dinge einig, die ich versucht habe, im Interview zu erwähnen. Aber die Strategien, Ausgangsbedingungen und auch Erwartungen sind doch sehr unterschiedlich. Bei „Feminist Workshop“ tun wir weiterhin viel, um den feministischen Gedanken weiter zu entwickeln, während wir uns durch den Krieg bewegen. Wir sagen unseren Aktivist_innen, dass ihre Erfahrungen im Moment die wichtigsten Geschichten sind, dass wir unser Bestes tun wollen, um sie in unsere Arbeit, unsere Philosophie und Botschaft einzubeziehen. Eine sehr reale Möglichkeit die ergriffen werden könnte, wäre also die Schaffung einer größeren internationalen Plattform, auf der Feminist_innen aus der Ukraine ihre Perspektiven mit anderen austauschen könnten. Das ist eine sehr konkrete und gängige Maßnahme, die bisher mit Blick auf die Ukraine aber nicht erfolgt ist. Natürlich gibt es verschiedene Gründe dafür, warum die ukrainischen Stimmen immer stumm waren bzw. nicht gehört wurden, aber oftmals scheint es, als würden viele Menschen immer noch denken, die Ukrainer_innen seien arm und unterrepräsentiert, weil sie nicht „klug“ oder „fleißig genug“ sind usw.

AIB: Welche konkreten Unterstützungs­bedarf gibt es gerade ganz aktuell?

Sasha: Auf unserer Webseite haben wir Informationen darüber bereitgestellt, wie unsere Arbeit mit Frauen und nicht-binären Menschen in der Ukraine unterstützt werden kann und welche Hilfe gebraucht wird. Wir würden uns auch freuen, wenn ihr uns in den sozialen Medien folgt und die Informationen über unsere Arbeit in eurem Umfeld und Communities verbreitet. Von Zeit zu Zeit haben wir Texte auf Englisch für Menschen, die uns außerhalb der ukrainischen Perspektive lesen:

www.instagram.com/femworkshop
https://femwork.org/warinukraine/
www.femwork.org

AIB: Vielen Dank für das Gespräch!