Ion Antonescu bei einem Treffen mit Adolf Hitler im Juni 1941 in München. (Foto: Bundesarchiv Bild 183-B03212/CC BY-SA 3.0)
International | AIB 52 / 1.2001 | 24.03.2001

Zwischen Rassismus und Antisemitismus. Rumäniens spezifischer Faschismus und die »Eiserne Garde«

Rumänien im November 2000: Bei den Wahlen wurde die »Groß-Rumänien Partei« (România Mare) von Vadim Tudor zur zweitstärksten Kraft. Tudor, einst Hofpoet Ceauçescus, macht eine Verschwörung von Juden, Ungarn, Roma und allen, die keine »reinen« RumänInnen seien, für die Probleme des Landes verantwortlich. Zunehmend verwenden die großen Parteien nationalistisches und rassistisches Vokabular. Und die faschistische »Legion des Erzengels Michael«, auch »Eiserne Garde«1 genannt, erlebt ein Revival. Sie stellt einen spezifisch rumänischen Typ des Faschismus dar. Ihre Ideologie ist eine Mischung aus orthodoxem Fundamentalismus, christlichem Mystizismus und Antisemitismus.

Die Eiserne Garde und Groß-Rumänien

Tudors Propaganda ist voller Rückgriffe auf den rumänischen Faschismus und trifft auf einen gesellschaftlichen Konsens, den Beobachter folgendermaßen beschreiben: »Die Kontinuität des rumänischen Nationalismus in der post-kommunistischen Zeit ist unbestreitbar und stellt sowohl die extreme Rechte wie auch Linke zufrieden. Und über allem thront die Orthodoxe Kirche.«2

Zum Verständnis ist ein Blick zurück notwendig: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Rumänien durch Gebiets- und Bevölkerungsgewinne zu einem Staat, in dem 30 Prozent der Bevölkerung aus ethnischen Minderheiten bestand.3 Diese Minderheiten wurden pauschal als »Fünfte Kolonnen« der Nachbarländer angesehen und galten als Gefahr für ein einheitliches Rumänien. 1927 wurde unter Führung von Corneliu Codreanu die faschistische Legion »Erzengel Michael« gegründet, aus der 1930 die »Eiserne Garde« hervorging. Codreanu agitierte für eine »nationale Wiedergeburt«, die er mit Blut, Boden und Christentum definierte.4

Anfang der 30er Jahre vergrößerte sich die Anhängerschaft der Legion. Ihre antisemitische Erklärung für die durch eine »jüdische Weltverschwörung« entstandene Wirtschaftskrise fand auch bei der Mittelschicht und Teilen der Arbeiterschaft Gehör.5  Die regierenden Nationalliberalen schritten nur halbherzig ein, denn die breite Öffentlichkeit – darunter Zeitungen, die Orthodoxe Kirche, Akademiker – sympathisierte mit der antisemitischen Bewegung. In der Zwischenkriegszeit organisierte die »Eiserne Garde« Anschläge, Pogrome und Massenaufmärsche. Die extreme Rechte erhielt soviel Unterstützung, weil sie die erste Bewegung war, die die Massen in die Politik einbezog. Auch viele Rumäniendeutsche unterstützten die faschistische Bewegung und reihten sich mehrheitlich widerstandslos als sogenannte »Volksdeutsche« in NSDAP, Wehrmacht und SS ein.

Als 1940 der Sohn von König Carol II die Thronfolge antrat, putschte sich General Antonescu an die Macht und proklamierte 1941 zusammen mit der »Eisernen Garde« den »National-Legionären-Staat«. Während der fünf Monate, in denen die »Eiserne Garde« Antonescus Partner war, wurden bei Pogromen mehrere tausend Juden ermordet. Später wurden sie wie die Roma6 in Ghettos oder Vernichtungslager nach Transnistrien deportiert, wo Zehntausende Roma und Hunderttausende Juden starben.7 Schließlich zerstörte Antonescu die »Eiserne Garde«, die seine Machtstellung bedrohte. Nachdem die Rote Armee im August 1944 die Front durchbrochen hatte, wurde Antonescu entmachtet. Rumänien kämpfte nun gegen das Deutsche Reich.

Das »nationalkommunistische« Nachkriegsrumänien

Zwischen 1945 und 1947 wurden Antonescu und andere ex-Regierungsmitglieder angeklagt. Ein Schwarzbuch über die Judenverfolgung wurde erstellt, das jedoch von den Behördentotgeschwiegen8 bzw. beschlagnahmt wurde.9 Parallel zur antisemitischen Kampagne in der Sowjetunion wurden auch in Rumänien Juden – darunter führende KommunistInnen – mit fingierten Spionagevorwürfen verhaftet und zu langen Haftstrafen verurteilt.

Mit dem in den 60er Jahren begonnenen nationalkommunistischen Kurs widersetzte sich Rumänien der RGW-Arbeitsteilung.10 Dieser antisowjetische Kurs wurde vom Westen mit Krediten honoriert. Unter Ceauçescu wurden die Kommunisten ab Ende der 60er Jahre als die wahren Erben der rumänischen Nationalbewegung dargestellt und in eine Reihe mit antisemitischen Nationalisten gestellt.11 Öffentlich geleugnet wurde der rumänische Holocaust erstmals in den 80er Jahren in der Zeitschrift »Saptumana« (Die Woche), in der auch Vadim Tudor publizierte.

Nach 1989: Zwischen Groß-Rumänien und EU

Die Reintegration der Antisemiten in die Ahnenreihe der rumänischen Nationalhelden beschleunigte sich nach dem Sturz Ceauçescus. In einer Gesellschaft, in der eine Parlamentsmehrheit Antonescu ehrt, lassen sich die rechten Kräfte immer radikalere Forderungen einfallen, um sich zu profilieren. Die öffentliche Auseinandersetzung mit der Geschichte strotzt vor Fälschungen: Nur wenige nehmen zum Massenmord an Roma und Juden Stellung und bekämpfen die »Transnistrien-Lüge«.12 Die wenigen linken (Menschenrechts-) Gruppen können den gesellschaftlichen Diskurs nicht beeinflussen. Ihre Zusammenarbeit mit VertreterInnen der Minderheiten ist in dem nationalistischen Klima schwierig. Die Angst breiter Bevölkerungsschichten, zu den VerliererInnen des Transformationsprozesses zu gehören, wird auf AusländerInnen und Roma projiziert.

Es existiert ein doppeltes Feindbild: Einerseits das der wohlhabenden Roma-HändlerInnen und andererseits das der bedrohlichen Masse von sozial Schwachen. So fallen Forderungen der Zeitung »Noua Dreapta« (Neue Rechte) nach »Entfernung der kriminellen Roma« durch Zwangsarbeit und Sicherheitsverwahrung auf fruchtbaren Boden. Angesichts der sich häufenden Pogrome gegen Roma sind das nicht nur Phantasien. Die politisch Verantwortlichen gehen nicht gegen die Anstifter vor, sondern erklären die Opfer zu Schuldigen.Auf den rumänischen Wunsch nach Aufnahme in die Europäische Union (EU) reagiert diese mit Forderungen nach ökonomischen Strukturanpassungsmaßnahmen und nach Angleichung der Rechtsprechung an westeuropäische Standards. Jegliche Kritik aus dem Ausland wird zum Angriff auf die Souveränität Rumäniens stilisiert.

Die Legionäre von heute

Unter anderem in der moldawischen Hauptstadt Iasi im Nordosten Rumäniens – dem Gründungsort der historischen »Eisernen Garde« – bemühen sich deren heutige Anhänger um die Wiederbelebung faschistischer Ideologie. Seit einigen Jahren organisieren die sogenannten »Legionäre des Erzengels Michael« Veranstaltungen, über die lokale Medien völlig unkritisch berichten. So wird bei Vorträgen ein »Groß-Rumänien« in den Grenzen von 1918 und der »rumänische, nationale und christliche Geist« beschworen. Anlässe für Veranstaltungen sind Jahrestage, wie z. B. Der 100. Geburtstag des Begründers der »Eisernen Garde« Codreanu.

Der »Jahrestag« der pogromartigen Ausschreitungen gegen jüdische Studenten 1922 wird von den heutigen Legionären als »Erwachen der christlichen rumänischen Studentenschaft« zelebriert. Hier treffen sich »Heil Codreanu« rufende Studenten und Greise aus den Reihen der historischen Legionäre. Die rechtsextreme Szene ist mit 80 – 100 Personen vertreten. Den Kern bilden ein Dutzend »Grünhemden«, die als Saalschutz und Leibgarde des selbsternannten Capitan Mihai Popa fungieren. An der Organisation der Veranstaltung beteiligten sich auch die christliche Gesellschaft »Stiftung der Frohen Botschaft« und der Studentenrat der Technischen Universität Iasi, dessen Vorsitzender ein aktiver Legionär ist.

  • 1. Die »Eiserne Garde« stützt sich auch auf rechtsextreme Exil Rumänen in Europa und den USA
  • 2. Salcudeanu, N.: Present day Reverberations of the Traditionalism-Nationalism-Orthodoxism Synthesis Professed by »Gandirea« Magazine; aus »Ethnicity and Religion in Central and Eastern Europe«, Conference in Cluj 1995.
  • 3. Wagner, R./Frauendorfer H.(Hg): Der Sturz des Tyrannen. Rumänien und das Ende einer Diktatur, S. 159 ff.
  • 4. Mosse, G.L.: Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt a.M. 1996, S. 231 f.
  • 5. Hausleitner, M. / Katz, M. (Hg.): Juden und Antisemitismus im östlichen Europa, Berlin 1995, S. 64.
  • 6. Die Bezeichnung Roma und Sinti ist in Rumänien unbekannt. Neben dem traditionellen und meist abwertenden »t[z]igan«, lautet die Eigenbezeichnung »rromi«.
  • 7. Achim, Viorel: Tiganii în istoria României (Gypsies in the history of Romania), Bucharest 1998, S. 189 –190; Richardson, Dan and Burford, Tim: Romania – The rough guide, London 1995, S. 314 – 316.
  • 8. Totok, W.: Rumänisierung. Die Nationalitätenpolitik von 1918 bis 1990. In: Wagner, R. / Frauenhofer, H., S. 113.
  • 9. Vgl. Matatias Carp: Cartea neagrv a suferintelor evreilor din Romania 1940 –1944, 3 Bde., Bucuresti 1946 –1948.
  • 10. Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) wurde 1949 als Wirtschaftsgemeinschaft der staatssozialistischen mittel-und osteuropäischen Staaten gegründet, später traten auch nicht-europäische Staaten bei. Der Versuch, 1962 eine überstaatliche gemeinsame Wirtschaftsplanung einzuführen, scheiterte am Widerstand Rumäniens.
  • 11. Hausleitner, M. / Katz, M. (Hg.), S. 68 ff.
  • 12. Ebenso wie Revisionisten den nationalsozialistischen Holocaust leugnen, wird auch die Massendeportation und Vernichtung in Transnistrien geleugnet.