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Flucht und Asyl in der BRD / Westberlin

Berichte von Betroffenen (Gastbeitrag)
Einleitung

Ein Erfahrungsbericht eines jungen Kurden über Flucht, Asyl und rassistische Schikanen.

Westberlin
(Bild: Screenshot)

Ich bin Kurde. Die Gründe, die mich nach Deutschland führten: In den Jahren 1977, '78 und '79 hat unser revolutionärer Kampf in der Türkei und Kurdistan den türkischen Staat in Angst versetzt. Da der Staat Angst hatte, hat er seine Sicherheitskräfte auf uns gehetzt. Damals hatte noch kein Guerillakampf angefangen. Daher war es für die Sicherheitskräfte leichter, Menschen festzunehmen. Diejenigen die erwischt worden sind, kamen nie nach Hause zurück. Sie wurden in den Militärgefängnissen gesammelt. Diejenigen, die sich nicht ergeben haben, wurden überall gesucht. In manchen Orten kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen.

Wir haben dann festgestellt, dass wir große Verluste bekommen werden, wenn wir so weiter machen. Um den Kampf weiterzuführen, habe ich mich eine Weile versteckt. Ich bin dann im Jahre 1980 zu meinem großen Bruder nach West-Berlin gekommen. Nachdem ich hier eine Zeitlang illegal geblieben bin, habe ich 1981 einen Asylantrag gestellt. Ich war erst 16 Jahre alt.

Die Polizei, die innerhalb eines Monats alle Formalitäten erledigt hat, hat mich nach Westdeutschland geschickt. Von hier sind wir mit vielen Flüchtlingen aus Pakistan. Libanon, Palästina, Afghanistan und Polen mit zwei staatlichen Bussen abgefahren. Gegen Morgen sind wir in Oberaden (Stadtteil von Bergkamen) angekommen. Zwei Leute, die sich um die Flüchtlinge kümmerten, haben uns zu in ein Heim in Oberaden gebracht. Dort sind wir eine Woche geblieben. Sie haben uns für Essen und Trinken für eine Woche 75,- DM gegeben.

In der Woche haben sie uns in Gruppen geteilt und irgendwohin gebracht. In unserer Gruppe waren zwölf Leute. In der Gruppe waren außer mir noch Flüchtlinge aus Afghanistan, Libanon und Pakistan. Sie haben uns zu einem Hotel in dem Dorf Westerholt in Recklinghausen gebracht. In dem Hotel wurden wir in drei Zimmern untergebracht, in jedem der Zimmer waren vier Personen. In meinem Zimmer waren außer mir noch Einer aus Pakistan und Zwei aus Afghanistan. Weil keiner von uns deutsch konnte, war es nicht möglich uns zu verständigen und über unsere Probleme zu reden. Von dem Sozialamt des Dorfes haben wir jeden Monat 328,- DM bekommen.

Nach zwei - drei Tagen wollte die Polizei mit uns reden. Ein Polizist kam mit einer Liste und hat uns dorthin gebracht. Sie haben uns einzeln rein geholt. Als ich reinging, war auch ein türkischer Dolmetscher dabei. Sie haben uns erzählt, dass wir das Dorf und Recklinghausen nicht verlassen dürften. Ansonsten wurde uns sechs Monate Freiheitsstrafe angedroht. Wenn wir irgendwelche Probleme hätten, sollten wir die Polizei benachrichtigen und nichts auf eigene Faust unternehmen. Ich sollte eine Zeitlang im „Hotel“ bleiben und mit meinen Kollegen gut auskommen.

Ich habe nach ein paar Monaten eine „Duldung“ bekommen, jedoch um arbeiten zu können, müssten wir ein Jahr warten. Dann sind wir zurück ins Hotel gegangen. Ich haben meinen Bruder in Westberlin angerufen und ihm erzählt, dass die Situation hier überhaupt nicht gut ist. Mein Bruder hat mir gesagt, dass er mich bald nach Berlin holen wird. Ich war natürlich mittellos; jeder Tag, der verging, kam mir wie ein Jahr vor. Für unser Essen und Trinken mussten wir selbst sorgen und es auch selber bezahlen. Für zwölf Personen waren zwar drei Zimmer reserviert. aber da wir keine Küche im „Hotel“ hatten, mussten wir draußen essen. Da wir nicht in den Restaurants essen konnten. holten wir uns von Aldi oder Bolle Konserven und Schwarzbrot und aßen allein in unseren Zimmern.

Die Zeit verging nicht. Ab und zu mal, wenn wir rausgingen. um an die frische Luft zu kommen, wurden wir von einigen Menschen verachtet. Diese Verachtung hat uns angeekelt. Eines Tages bin ich zur Polizei gegangen, die für Asylangelegenheiten zuständig ist. Es war ein guter Tag. Dem Dolmetscher, der auch dabei war, habe ich gesagt, dass ich deutsch lernen will. Ich bin doch erst 16 Jahre alt, habe in der Türkei meine Schulausbildung abgebrochen und möchte hier weitermachen. Darauf sagte der Dolmetscher mir: „Sieh mal, die Situation in der Türkei hat sich sehr verbessert. Anstatt dass du hier solche Schwierigkeiten hast, kannst du in die Türkei gehen. Das ist besser für dich. Wenn du willst, können wir alle Sachen für dich in einer Woche erledigen. Du kannst auch das Geld für die Fahrkarte haben. Ich kann dir dort eine Anschrift in Istanbul geben. Dann kannst du dort deine Schulausbildung weiterführen.“ Ich erwiderte dem Dolmetscher, dass ich nicht hier sei, um mich von ihm beraten zu lassen Über meine Schwierigkeiten hier oder über eine angeblich bessere Situation in der Türkei. Ich hätte auch nach keiner Anschrift gefragt, wenn er es nicht verstanden hätte, könnte ich es ihm ja nochmal erzählen. Ich forderte ihn auf der Polizei zu übersetzen, was ich gesagt hätte. Nachdem der Dolmetscher etwas mit dem Polizisten geredet hatte, sagte er zu mir: „Wie ich gehört habe bist du Kurde. Was hast du in der Türkei getan? In welcher kommunistischen Organisation bist du Mitglied? Der Polizist will dies wissen.“ Daraufhin habe ich gesagt, wenn der Polizist das wissen will, soll er meinen Asylantrag lesen. Ab jetzt wollte ich einen anderen Dolmetscher haben. Von dem Tag an war ein Konflikt zwischen mir und der Polizei entstanden. Jedes mal wurde ich rausgeschmissen, wenn ich dort war. Ich konnte auch kein deutsch.

Eines Tages lernte ich einen türkischen Freund kennen, den ich gebeten habe mit mir zur Polizei zu gehen. Wir sind dann zusammen hingegangen. Natürlich ist bis dahin viel Zeit vergangen. Es sind Konflikte zwischen mir und den anderen Flüchtlingen entstanden. Ich wollte bei der Polizei erreichen, dass ich allein in einem Zimmer bleiben kann. Um das zu erreichen habe ich den Freund mitgenommen. Der Freund hat für mich gesprochen. Dann antwortete der Polizist, dass wenn wir in Deutschland bleiben wollten, ja wissen müssten, dass es hier so wäre. Wir könnten ja in unsere Heimat zurückgehen, wenn es uns hier nicht gefiele. Es wäre jetzt dort übrigens besser. Sie hätten uns nicht eingeladen, hier her zukommen und nicht gesagt, dass es hier gut wäre. Sie würden trotzdem ihre menschliche Pflicht erfüllen. Dann haben wir die Polizei verlassen. Wir haben uns unterhalten und sind in das Dorf Westerholt zurückgekehrt. Ich war sehr fertig.

Ähnliche Sachen sind immer wieder passiert. Dann habe ich jedes mal gedacht, dass in meiner Heimat die Menschen mit ihren Werten und ihrer Kultur von den türkischen Faschisten in einem kapitalistischen und imperialistischen System mit Füßen getreten werden. Ich muss hierbleiben. um den Kampf gegen das Joch weiterzuführen. Ich muss mit meiner ganzen Kraft aushalten. Wir haben auch ein Recht darauf, ein menschenwürdiges Leben zu führen, unserer Rechte zu verteidigen und unseren Kampf bis zum Ende zu führen.

Nach ein oder zwei Monaten habe ich in meinem Umkreis revolutionäre und demokratische Freunde kennengelernt. Das hat meine Situation einigermaßen verbessert. Ich habe auch deutsch gelernt. Dann habe ich angefangen, meine Probleme selbst zu lösen. Ich dachte, dass für mich ein neues Leben angefangen hat. Ich hatte zwei deutsche Freunde. Ich wollte bei ihnen bleiben. Eines Tages bin ich mit einen von diesen Freunden zur Polizei gegangen, damit ich nicht mehr im „Hotel“, sondern bei ihnen bleiben kann. Da fühlte ich mich wohl. Aber die Polizei hat das leider nicht genehmigt.

Wir waren dann im Hotel drei Flüchtlinge. Einigen wurde schon Asyl gewährt, sie haben ihre Pässe bekommen und sind in andere Städte gegangen. Einige aber haben diese Bedingungen nicht ausgehalten und haben Deutschland verlassen. Die neuen Flüchtlinge aus Ghana, Pakistan und Palästina wurden in dem „Hotel“, wo wir waren, untergebracht. In mein Zimmer kam einer aus Ghana und einer aus Palästina. Da wir keine gemeinsame Sprache konnten, um uns zu verständigen, hat es keine Kommunikation gegeben.

Nach sieben Monaten wurde ich plötzlich von dem Gericht eingeladen. Mein Bruder hatte einen Anwalt beauftragt und Klage eingereicht, damit ich nach Berlin kommen kann. Für diesen Termin habe ich von der Polizei keine Erlaubnis bekommen. Das Gericht war in Oberaden. Ich habe mich darum gekümmert. Aber ich habe von nirgendwoher eine positive Antwort bekommen. Dann gab ich auf. Meine Freunde haben sich auch nicht weiter darum gekümmert. Sie wollten, dass ich dort bleibe.

Nach zwei Monaten wurde ich wieder vom Gericht eingeladen. Diesmal war es wegen meines Asylantrags. Die Polizei musste diesmal nachgeben und ich habe für den Gerichtstermin eine fünfstündige Erlaubnis bekommen. Dann bin ich zum Gericht gegangen. Ich habe dort geschildert, was in der Zeit. in der ich in Westdeutschland war, passiert ist. Als die fünf Stunden um waren, bin ich zur Polizei zurückgekehrt und habe die Erlaubnis zum Ausgang zurückgegeben.

Eines Tages bin ich zu einem anderen Heim gegangen, mit der Hoffnung, dass ich dort meine Landsleute treffe. Da ich tatsächlich dort einen Bekannten getroffen hatte, bin ich die Nacht dort geblieben. Das war im Dezember, das Zimmer in dem sie lebten hatte keine Tür. Die Öfen funktionierten nicht und die defekten Toiletten stanken sehr übel. Sie hatten in dem Zimmer ein paar feldbettartigen Kojen. Ihre Situation war schlimmer als unsere.

Dann sind die zwei Monate vergangen und ich hatte somit schon ein ganzes Jahr hinter mir. Eines Tages bekam ich einen Brief von der Polizei, in dem sie mich zu einem Gespräch einluden. Als ich dort vorgesprochen habe wurde mir gesagt, dass ich jetzt befreit werde und nach Berlin gehen kann. Ich sollte mir eine Fahrkarte holen und das Geld dafür vom Sozialamt abholen.

Im Februar 1982 habe ich mich von meinen Freunden verabschiedet und bin nach West-Berlin gefahren, ich hatte große Sehnsucht nach meinem Bruder, meinen Verwandten und Freunden. Nachdem ich dort ein Jahr geblieben bin, habe ich mir gedacht dass ich jetzt eine Arbeitserlaubnis bekommen werde. Beim Arbeitsamt haben sie sich geweigert mir eine zu geben. Dieses Mai sollte ich zwei Jahre warten.

Da mein großer Bruder meinen Unterhalt übernommen hatte, bekam ich vom Sozialamt kein Geld. Wenn er diesen nicht übernommen hätte, könnte ich nicht einmal von Berlin träumen. Mein Bruder war verheiratet und hatte drei Kinder. Sie wohnten zusammen in einer 1,5 Zimmer Wohnung und das Geld, das er verdiente reichte kaum für sie allein, da er als Einziger arbeitete. Durch meine Anwesenheit sind ihre Sorgen nur noch größer geworden: Also suchte ich mir Schwarzarbeit. Ab und zu habe ich mal gearbeitet - obwohl ich mehr gearbeitet habe als andere - habe ich nur die Hälfte eines normalen Arbeiters verdient.

Nach zwei Jahren habe ich vom Gericht einen Brief bekommen, dass mein Asylantrag abgelehnt worden war. Daraufhin habe ich über meinem Anwalt Widerspruch eingelegt. auf den ich bis heute noch keine Antwort erhalten. Manchmal gehe ich zu meinem Anwalt, um mich beraten zu lassen. Inzwischen sind fünf Jahre vergangen und ich habe immer noch keinen positiven Bescheid. Ich konnte weder eine Schule besuchen, noch eine Berufsausbildung machen, noch habe ich eine Arbeitserlaubnis bekommen.

Nicht nur ich, auch alle anderen Flüchtlinge leben unter schlechten Bedingungen. Die Sündenböcke in Deutschland und in Europa und dazu noch die unterste Schicht. Erst 1986 konnte ich mir eine Wohnung mieten, und das erst nach langen Bemühungen, indem ich jeden Tag zum Sozialamt gegangen bin. Sie zahlen mir monatlich 270,- DM.

Da ich in Berlin viele Freunde habe, habe ich keine großen Nöte. Ich bin seit sieben Jahren hier und habe immer noch keine Arbeitserlaubnis, obwohl sie mir eigentlich nach fünf Jahren eine erteilen müssten. Hundert Anträge, die ich von verschiedenen Arbeitgebern ausfüllen lassen habe, wurden vom Arbeitsamt abgelehnt - und diese Ablehnungen gehen noch weiter.

Die dadurch entstandenen Depressionen werden jeden Tag größer. Wir leben unter Depressionen. Ich habe Angst, dass ich irgendwann eine psychische Krankheit haben werde. Da mögen die Europäer mit ihren humanen Gesetzen prahlen.

Zuletzt möchte ich mich bei der Antifaschistischen Aktion bedanken, dass sie mir Gelegenheit gegeben haben mein Problem zu veröffentlichen. Ich werde sie überall unterstützen.