Frontex-Comics: Paradebeispiel der Demütigung
Johann Heckel„Na, mein Kind? Abschiebeknast, Papa in Handschellen, Flug in ein unbekanntes Land? Keine Angst, das alles ist aufregend und bunt und Deine Sorgen und Gefühle sind ganz normal. Aber natürlich ändern sie nichts.“ So in etwa erklärt Grenzschutz-Agentur Frontex Kindern in einer Broschüre ihre bevorstehende Deportation.
Das Kinderbuch „Mein Leitfaden zur Rückkehr“ der Grenzschutzagentur.
Rund 170 Seiten stark ist das selbst für Frontex-Begriffe zynische Machwerk, mit dem jungen Menschen untergejubelt werden soll, dass und wie sie aus ihrer Umgebung, ihrer Schule, ihrem Freundeskreis herausgerissen und in ein nicht selbst gewähltes Land abtransportiert werden sollen.
Die traumatisierende Erfahrung wird als spannendes Abenteuer angekündigt, garniert mit Ausmalbildchen, Rätseln und geheucheltem Mitgefühl, klischeeartig formuliert in vermeintlich kind- bzw. jugendgerechter Sprache: „Für Dich und Deine Familie ist es im Moment nicht möglich, in diesem Land zu bleiben und hier zu leben. [...] Möglicherweise erinnerst Du Dich nicht mehr an das Heimatland Deiner Familie. Vielleicht bist Du traurig darüber, dass Du Deine Freunde oder die Schule verlassen musst. [...] Oder vielleicht freust Du Dich darauf, im Heimatland Deiner Familie Freunde und Familienangehörige zu treffen, und bist gespannt auf diese große Veränderung.“
Erschienen ist das Paradebeispiel der Demütigung bislang in Deutsch, Englisch, Französisch und Portugiesisch –Ausgaben etwa in Arabisch, Tamil oder Tigrinya gibt es trotz aller vordergründigen Zielgruppenorientierung (noch) nicht. Was darauf hindeuten könnte, dass die niedlichen Zeichnungen nicht unbedingt das eritreische Kleinkind beruhigen sollen, sondern den europäischen Gutmenschen.
Dafür spricht auch, dass gleich am Anfang des eiskalt-freundlichen Ratgebers die Rechte der Betroffenen erklärt werden, obwohl alles Folgende belegt, dass sie völlig belanglos sind: „Du hast das Recht, alles zu bekommen, was Du zum Leben und für Deine Entwicklung brauchst. Außerdem hast Du das Recht auf Schutz vor Gewalt und Diskriminierung und darauf, in Entscheidungen, die Dich betreffen, einbezogen und dazu gehört zu werden.“ Nur eben nicht in die Entscheidung, wo und vielleicht sogar ob Du leben willst, Kindchen. „Alle diese Rechte gehören zusammen, [...] sie können Dir nicht weggenommen werden, und Du hast diese Rechte überall, wo Du hingehst.“ Zum Glück gelten diese Rechte natürlich auch in Sri Lanka, Liebes! Du musst also gar nicht hier bleiben, um sie wahrzunehmen. Erklär doch einfach dem Soldaten dort, dass er Dir diese Rechte nicht wegnehmen darf.
Abschiebeknast in schön bunt
„Wo bleibst Du bis zu Deiner Abreise?“ Na, wo wohl! Im Abschiebeknast, der natürlich schön bunt ist und wo Dir so viel Gutes getan wird: „Bevor Du mit Deiner Familie in Dein Heimatland zurückkehrst, bleibst Du [...] in einer Einrichtung. Du und Deine Familie bleibt zusammen. Du bekommst dort Mahlzeiten, und wenn Du krank oder verletzt bist, wirst Du behandelt. […] Möglicherweise darfst Du die Einrichtung verlassen, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht dürfen Dich Menschen besuchen, die nicht in der Einrichtung leben.“
Und dann geht es irgendwann zum Flughafen, wo Dir nette Menschen mit bunten Westen beim Einsteigen helfen. Auch sonst wird dort viel geboten: „Möglicherweise siehst Du jemanden mit Handschellen. So sind er und die anderen sicher.“ Das wird den Papa aber freuen – er wäre ja gern hier geblieben, aber wenn er diese funkelnden Handschellen trägt, ist er bestimmt sicher und glücklich!
Das Meisterwerk der Menschenverachtung drückt sich auch nicht vor der Frage, wie es weitergeht: „Im Land Deiner Familie wirst Du viel erleben […], das neu und anders ist. Zum Beispiel ein neues Haus, eine neue Schule, eine andere Sprache und anderes Essen. Neues kennenzulernen ist immer aufregend, darum hab keine Angst, Neues zu entdecken.“
Süß und bonbonfarben ist die Version für Kinder, voller knuffig gezeichneter Menschen, die lächeln oder verantwortungsvoll schauen (das sind meist die mit heller Hautfarbe), oft aber auch sorgenvoll oder traurig (eher die dunkleren). Die Figuren in der Fassung für Jugendliche sind in einer Art Pseudo-Goth schwarz-weiß gehalten, bunt sind hier nur ihre Gesichter. Die Inhalte decken sich, nur erläutert die Jugend-Fassung auch noch ganz cool, wie den Jugendlichen Fingerabdrücke abgenommen werden. Weil man bei der Grenzschutz-Agentur auch um das Wohlergehen der kleinen Schüblinge besorgt ist, gibt es einen extra Part für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF). Aufgemacht wie der für die Jugendlichen, ist er inhaltlich an den Status der UMF angepasst („Wenn es soweit ist, fährst Du zusammen mit Deinem Vormund oder einem Sozialarbeiter zum Flughafen“). Drin steckt aber natürlich die gleiche Menschenverachtung: „Du kehrst in Dein Heimatland* zurück.“ Fußnote: „* Damit kann auch ein anderes Land gemeint sein, das Dich aufnehmen möchte und in das Du freiwillig reist.“
Was man bei Frontex unter freiwillig versteht, wird auch den Unbegleiteten übergeholfen: „Möglicherweise bleibst Du zusammen mit anderen Migranten [...] in einer Einrichtung. [...] Möglicherweise darfst Du die Einrichtung verlassen, vielleicht aber auch nicht.“ Aber die mitfühlende Abschiebe-Agentur hat Verständnis dafür, dass das für die Betroffenen keine ganz so leichte Zeit wird und sie vielleicht sogar belasten könnte: „Alle diese Gefühle sind normal.“
Drohungen statt Süßigkeiten
Im vierten Abschnitt, dem „Handbuch für Eltern und Vormünder“, gibt es weniger Farbe, Bonbons und Abenteuer, dafür unverhohlene Drohungen und Ansagen: „Im Falle einer Zwangsrückführung bestehen Risiken für Sie und Ihre Familie. Es ist wichtig, dass Sie diese Risiken kennen und die Auswirkungen auf Ihre Kinder berücksichtigen, bevor Sie sich gegen eine freiwillige Rückkehr entscheiden. Wenn Ihre Rückkehr erzwungen wird:
• kann es vorkommen, dass Sie mit einem Sonderflug rückgeführt werden oder mit Polizeibegleitung reisen müssen.
• müssen (…) sowohl Ihre Sicherheit als auch die Sicherheit der anderen Personen gewährleisten. Falls dies erforderlich ist, sind sie befugt, zur Durchführung des Rückführungsverfahrens Gewalt (einschließlich Fesselungsmaßnahmen) anzuwenden.
• können Sie nach Ihrer Ankunft den Behörden Ihres Landes übergeben werden.“
Auch ein Gespräch mit den Kindern wird ganz fürsorglich nahegelegt, denn „möglicherweise“ seien die Kinder ja „glücklich, wo sie gerade sind“ oder haben einfach „kein Interesse an einem Umzug“. Das ändert nichts, aber immerhin kann Frontex hier mit Erziehungstipps aushelfen: „Vielleicht denken Sie, dass Sie Ihre Kinder schützen können, indem Sie ihnen nichts von der Rückkehr erzählen oder es so aussehen lassen, als ob es sich um einen Besuch und nicht um einen dauerhaften Umzug handelt. Es ist besser, ehrlich zu sein. Wenn Sie Ihren Kindern die Wahrheit sagen, kann sie das traurig oder wütend machen oder verwirren. All diese Gefühle sind normal. Falls sie Fragen stellen, beantworten Sie diese ehrlich.“ Anders, als Frontex sie den Kindern in seinem Büchlein „beantwortet“.
Auch sonst geben die Grenzschutz-Pädagog:innen Erziehungsratschläge zu den Auswirkungen einer Abschiebung („Wie Sie Ihren Kindern in dieser unsicheren Zeit ein Gefühl der Hoffnung und Sicherheit vermitteln können“). Und dann kommt „der Abschied, ein schwieriger Moment“: „Der Abschied von Freunden, Lehrern und Menschen, die eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt haben, ist traurig, vor allem dann, wenn sie sie wahrscheinlich nicht wiedersehen werden.“ In der Tat. „Es ist wichtig, sich Zeit für den Abschied zu nehmen, sofern dies möglich ist“ und man nicht nachts aus dem Bett und zum Flughafen oder ins Abschiebegefängnis gezerrt wird.
Zum Schaden kommt der Spott
Damit das alles nicht allzu sehr aufs kindliche Gemüt schlägt, hat Frontex noch ein „Beschäftigungsbuch“ für vier- bis elf-Jährige angehängt: mit viel Platz zum Malen oder Ausmalen (zum Beispiel die Landesflagge des Deportationsziels), Raum für Botschaften von Freund:innen, einem Bereich für Daten von „Freunde[n], mit denen ich in Kontakt bleiben möchte“ (aber dank Frontex nicht kann), „Meine schönsten Erinnerungen“ (Papa in Handschellen?), „Lieblingsorte [...], die Du besucht hast“ (Schule oder Krankenhaus zum Beispiel, die es in der neuen „Heimat“ nicht gibt?), Seiten für „Welche Gefühle hast Du zu Deinem Abschied?“ oder „Mein neues Zuhause“ – ein schönes Poesiealbum also, das die Zeit im Knast ja so spannend machen kann … Insgesamt sind all diese Ratgeber gespickt mit reichlich „möglicherweise“ und „vielleicht“.
Aber es gibt auch eine Sicherheit, und die gibt Frontex noch als billigen Sinnspruch mit auf den Weg in Krieg und Armut: „Niemand weiß, was die Zukunft bringt, aber eines ist sicher: Du selbst gestaltest Deine Zukunft.“ Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
(Gekürzter Nachdruck RHZ 3/2025)