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Irlands Rechte: Früher ultrakatholisch, heute MAGA-Fans

Florian Osuch
Einleitung

In Irland und in Nordirland kommt es immer wieder zu rassistischen Ausschreitungen gegen Migrant:innen. Zur Entwicklung der extremen Rechten in Irland.

Irland Nazis
(Screenshot: X/KeithWoodsYT)

Keith O’Brien postet als „Keith Woods“ im Juni 2025 parallel zu den rassistischen Ausschreitungen: Save the nation, remigration!

Im Juni 2025 kam es in Nordirland zu heftigen rassistischen Ausschreitungen. Auslöser war die Festnahme zweier 14-jähriger Jugendlicher in der Kleinstadt Ballymena. Sie wurden beschuldigt ein Mädchen sexuell belästigt zu haben. Noch bevor Ermittlungen begannen, verbreiteten britische und irische Rechtsextreme über soziale Medien die Falschmeldung, zwei Männer aus der Roma-Community hätten das Mädchen vergewaltigt. Noch in derselben Nacht wurden in Ballymena Häuser von Migrant:innen angegriffen. Gebäude und Autos wurden beschädigt oder in Brand gesetzt. Einige Betroffene flohen und fanden vorübergehend in Turnhallen Schutz. Maskierte Jugendliche attackierten auch die Polizei mit Steinen und Brandsätzen. Bis zu 2.500 Anwohner:innen sollen den Angriffen zugesehen und teils applaudiert haben. 

In den folgenden zehn Nächten kam es auch in anderen Städten Nordirlands zu ähnlichen Vorfällen. Angestachelt wurden die Ausschreitungen weiter von führenden Neonazis aus den verschiedenen Teilen Großbritanniens und aus Irland. Rassistische Angriffe auf Häuser und Migrant:innen gab es etwa in Bangor, Carrickfergus, Derry, Larne, Lisburn, Portadown, Newtownabbey und Stadtteilen von Belfast. Für Kenner:innen der Region sind diese Orte bekannt: Es handelt sich um Hochburgen loyalistischer Paramilitärs wie der „Ulster Volunteer Force“ (UVF). 

Diese pro-britischen Milizen kämpfen für den Verbleib Nordirlands im Vereinigten Königreich. Während des Nordirlandkonflikts (1969–1998) verübten sie Anschläge auf irische Republikaner und Katholik:innen. Zwar gelten viele dieser Gruppen als demilitarisiert, sind aber teils noch in kriminelle Aktivitäten verwickelt – und immer wieder auch in rechte Mobilisierungen. 

Ihren Anteil an den Ausschreitungen, hatten auch rechte Propagandisten wie Stephen Yaxley-Lennon (Tommy Robinson), Gründer der „English Defence League“ (EDL). Auf ihren reich­weitenstarken Social-Media-Kanälen verbreiteten sie gezielte Falschmeldungen. Laut dem Historiker und Irlandexperten Dieter  Reinisch wurden „die Ausschreitungen von einem Netzwerk loyalistischer Banden, weißer Nationalisten und britischen Neofaschisten orchestriert, also von denselben Kreisen, die hinter der rassistischen Gewalt der vergangenen Jahre stehen“. 

Der Ablauf in den betroffenen Städten ähnelte sich: Angetrieben durch Online­hetze werden Häuser oder Läden von Migrant:innen mit dem Slogan „Locals Only“ beschmiert. Nach der Markierung folgen Angriffe: Scheiben wurden eingeschlagen, viele Betroffene fliehen. Manche hoffen, durch das Anbringen englischer Flaggen oder loyalistischer Symbole die Attacken verhindern zu können. Bereits im August 2024 kam es in Nordirland in mehreren Nächten zu ähnlichen rassistischen Angriffen, bei denen Geschäfte von Migrant:innen attackiert wurden. Dabei sollen sich Neonazis aus Dublin mit Gleichgesinnten in Belfast verbündet haben – für viele überraschend. Irlands Süden galt lange als immun: Im Gegensatz zu England oder Kontinentaleuropa existierten dort kaum Neonazigruppen. Trotz historischer Spannungen zwischen Nord und Süd verbindet nun eine neue Generation neonazistische Ideologien wie „White Supremacy“ und „Great Replacement“.

Entwicklung der extremen Rechten in Irland

Die extreme Rechte in Irland wurzelt in der sogenannten „Pro-Life-Bewegung“, rückt inzwischen aber verstärkt rassistische und nationalistische Themen in den Mittelpunkt. Ein kurzer Rückblick: In den 1930er Jahren entstand mit den „Blueshirts“ kurzzeitig eine faschistische Bewegung, stark inspiriert von Mussolinis Italien. Hunderte ihrer Anhänger kämpften im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) auf der Seite Francos, um – so ihre Sicht – den Katholizismus gegen sozialistische und kommunistische Kräfte zu verteidigen. 

Extrem rechte Strömungen gab es in Irland stets – meist verankert in der katholischen Kirche. Anfang der 1970er Jahre waren noch 94 Prozent der Bevölkerung katholisch, heute liegt der Anteil unter 70 Prozent. Die irische Politik war jahrzehntelang fest in konservativer Hand: Seit Gründung der Republik wechselten sich vor allem die beiden Mitte-rechts-Parteien Fianna Fáil und Fine Gael an der Regierung ab. Ultrakonservative Kräfte hatten in Irland lange erheblichen Einfluss. So wurde 1986 eine Volksabstimmung zur Legalisierung der Scheidung mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. In diesem Umfeld entstand die Gruppe „Youth Defence“, die neben religiös-konservativen zunehmend auch extrem rechte Positionen vertrat. 

Erst 1995 wurde das Recht auf Scheidung nach einem zweiten Referendum eingeführt. Zentrales Thema ist auch das Recht auf selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch. Zwei Referenden dazu, 1992 und 2002, wurden abgelehnt – maßgeblich geprägt von der katholischen Kirche und der „Pro-Life-Bewegung“. Die Abtreibungsdebatte ist für die extreme Rechte besonders wichtig: Auch die neueren Gruppen und ihre Akteure haben oftmals hier ihre Wurzeln. Die konservative Abtreibungsbewegung hatte in den letzten Jahrzehnten starken Einfluss auf die Politik. Sie ist ein Kernbestandteil der extrem rechten Ideologie, ähnlich wie in den USA. Auch bei einem Referendum zur gleichgeschlechtlichen Ehe (2015) und einer weiteren Abstimmung zur Abschaffung des Abtreibungsverbots (2018) vertrat das religiös-konservative und zunehmend extrem rechte Lager antifeministische Positionen. 

Ihre gesellschaftliche Dominanz ist jedoch gebrochen: Beide Abstimmungen wurden mit über 60 Prozent der Stimmen angenommen. Fast zehn Jahre später entstanden in Irland die ersten (neo)faschistischen Parteien: Zunächst die „National Party“ (2016), dann die „Irish Freedom Party“ und die Anti-Abtreibungs­partei „Human Dignity Alliance“ (beide 2018). Ihre Bedeutung blieb zunächst begrenzt. Ebenfalls 2018 startete das rechte Portal „Gript“, das zu einem bedeutenden Medium für die Rechten wurde.

Vom Corona-Protest zur rassistischen Hetze

Während der Covid-19-Pandemie gab es in Irland kleinere „Corona-Proteste“, die schnell von den neu gegründeten rechten Gruppen übernommen wurden. Vor allem über Facebook, Telegram, Twitter/X sowie das Portal „Gript“ verbreiteten sie die gängigen Falschinformationen, Impfskepsis etc. Diese digitale Radikalisierung erleichterte eine schnelle Vernetzung über regionale Grenzen hinweg und schaffte eine Filterblase, in der Feindbilder und falsche Informationen ungefiltert zirkulierten. Ein weiterer Trend sind Verschwörungserzählungen, die sich über die Corona-Pandemie hinaus verbreitet haben. Es geht um angebliche „globale Eliten“, „geheime Mächte“ oder eine vermeintliche „großer Austausch“ der weißen Bevölkerung („Great Replacement“). 

Diese Narrative verknüpfen Rassismus, Antisemitismus und Anti-Regierungs-Einstellungen miteinander und lieferten der extremen Rechten ideologisches „Futter“, um Ängste und Ressentiments zu schüren. In Irland sind auch „QAnon“-Anhänger:innen aktiv – überhaupt ist ein bedeutender Einfluss aus den USA sichtbar. Bei Wahlen blieben die Ergebnisse für die neuen Kleinstparteien jedoch schwach. Im Jahr 2020 erreichte die „Irish Freedom Party“ nur 0,3 Prozent der Stimmen und die „National Party“ 0,2 Prozent. 

Etwa ab Herbst 2022 kam es in Irland landesweit – sowohl in ländlichen Gegenden als auch in Dublin – zu rassistischen Protesten gegen die Unterbringung von Asylsuchenden und Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine. Geflüchtete wurden oft in leerstehenden Hotels untergebracht, auch in abgelegenen Regionen ohne Infrastruktur. Kleine Kundgebungen wurden von erfahrenen Neonazis angefacht. Bis zu 300 solcher Proteste fanden landesweit statt. Mancherorts wurden die Gebäude sogar abgebrannt, bevor Geflüchtete einziehen konnten. 

Brian Killoran, Geschäftsführer des „Immigrant Council“, sieht mehrere Krisen als Ursachen für den Aufstieg der extremen Rechten in Irland. Vor allem die Wohnungsnot spielt eine zentrale Rolle: Bezahlbarer Wohnraum fehlt, obwohl tausende Wohnungen leer stehen, weil die Mieten für viele unbezahlbar sind. Hinzu kommt der Zerfall des Gesundheitswesens, ausgelöst durch die Rezession 2008 und anschließende harte neoliberale Sozialkürzungen. In diesem Kontext trifft rassistische Rhetorik einen Nerv, etwa wenn behauptet wird Migranten bekämen sofort Wohnungen. Angelehnt an solche Slogans nennt sich eine weitere rechte Kleinstpartei „Irland first“. 

Solche nationalistische Töne sind für die extreme Rechte in Irland eher neu. Das hat zwei Gründe: Erstens war Irland im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern kein Ein-, sondern ein Auswanderungsland. Die Bevölkerungszahl liegt noch immer unter dem Stand von Mitte des 19. Jahrhunderts – das ist vermutlich einmalig in Europa. Zwischen 2009 und 2015 verlor das Land erneut über eine Million Einwohner:innen. Zuzug, vor allem von Geflüchteten, ist also ein eher neues Phänomen. 

Zweitens war irischer Nationalismus über Jahrhunderte eng mit freiheitlich-liberalen, linken und anti-kolonialen Ideen verbunden, wie die Proklamation vom Osteraufstand 1916 zeigt. Deren Vision war eine Republik mit Religions- und Bürgerrechten, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und Chancengleichheit für alle. Das sind Urforderungen der Linken.

Die Partei "Sinn Féin" steht seitdem für dieses Spektrum, doch auch bei ihr rumorte es. Aufgrund ihrer Klarheit in Sachen Abtreibungsrecht, Antirassismus, internationaler Solidarität und der Unterstützung queerer Lebensformen trennte sich 2019 eine kleine Truppe ab und bildete die konservative Partei „Aontú“. 

Mit den liberalen Ideen irischer Nationalisten wollten die rechten, konservativen und katholischen Kreise nie etwas zu tun haben. Ebenso lehnten sie den militanten Kampf der IRA gegen Diskriminierung der irisch-katholischen Minderheit und die militärische Besatzung Nordirlands ab. Auch dieser Kampf war Teil des irischen Nationalismus. Doch die IRA ist Geschichte und der Konflikt in Nordirland ist weitgehend befriedet. 

Die neofaschistischen Bewegungen machen "Sinn Féin" den Nationalismus streitig und sehen sich als die wahren irischen Patrioten – mit wachsendem Erfolg. Sie orientieren sich ideologisch und praktisch an extrem rechten Strömungen in den USA und Europa. Bedeutende Vorbilder sind Donald Trumps MAGA-Bewegung und die religiöse Rechte in den USA. Ebenso ziehen sie klassische Neonazis aus Großbritannien heran, etwa die „English Defence League“ und Ideen des „White Supremacy“. Die Wahlerfolge der „Alternative für Deutschland“ und anderer europäischer Parteien werden genau verfolgt. Der junge rechte Aktivist und Publizist Keith Woods (bürgerlich Keith O’Brien) besuchte im Sommer 2025 AfD-Abgeordnete im Brandenburger Landtag. Woods galt mit fast 240.000 Followern auf X/Twitter als Star der extremen Rechten, auch weil einzelne Postings von Elon Musk und dem ehemaligen Kampfsportler Conor McGregor geteilt wurden.

Für Irland, Trump und Israel?

Die ideologische Breite des neuen extremen Rechten in Irland zeigte sich im April 2025 beim „National Protest for Ireland“ in Dublin, an dem 10.000 Menschen teilnahmen. Neben rassistischen Plakaten („Irish Lives Matter“) und vielen irischen Fahnen wurden auch Israel-Flaggen sowie Portraits von Donald Trump, Elon Musk und Conor McGregor gezeigt. Die positive Bezugnahme auf Israel ist in der extremen Rechten in Irland und Nordirland nicht ungewöhnlich, auch wenn die „National Party“ teils israel-feindliche Texte verbreitet. 

Conor McGregor, in Dublin geborener ehemaliger MMA-Kämpfer, wird von einigen Rechten verehrt. Im März 2025 traf er Donald Trump und kritisierte dort die irische Migrationspolitik. McGregor war 2024 in einem Zivilprozess wegen Vergewaltigung und Körperverletzung verurteilt worden. 

Junge Mitglieder der „National Party“ orientieren sich ästhetisch und ideologisch an der „Identitären Bewegung“ und in ihren Plänen zur „Remigration“. Langjähriger Funktionär der extremen Rechten ist Justin Barrett (siehe AIB Nr. 143). Er engagierte sich früh in der Kampagne gegen die Liberalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, unter anderem bei „Youth Defence“, deren Vorsitzender er viele Jahre war. 2016 gehörte er zu den Gründern der „National Party“ und führte die Partei bis 2023. In dieser Zeit war Barrett mit der „Pro-Life“-Gruppe „Abortion Never“ aktiv, insbesondere während eines Referendums zur Lockerung des strengen Abtreibungsverbots. Er traf sich mit Parteien wie der NPD aus Deutschland und „Forza Nuova“ aus Italien. Im Sommer 2024 war Barrett Gast beim Podcast „Nordic Frontier“, der vom militanten rechten Netzwerk „Nordische Widerstandsbewegung“ (engl. „Nordic Resistance Movement“, siehe AIB Nr. 135) betrieben wird.

Kleine Erfolge erzielten die rechten Formationen bei den Kommunalwahlen im Juni 2024. Ihre Stimmen summierten sich auf fast sechs Prozent. Die erst ein Jahr zuvor gegründete Partei „Ireland Independent“ schnitt mit 23 Mandaten (2,8 Prozent) am besten ab, gefolgt von „Aontú“ mit acht Mandaten.

Auf antifaschistischer Seite gibt es immer wieder Proteste, etwa gegen den „Ireland March“ im Mai. Neben Gewerkschaften und Parteien wie der sozialdemokratischen "Labour Party", der republikanischen "Sinn Féin" sowie sozialistischen Gruppen wie „People Before Profit“ oder „Socialist Party“ engagieren sich vor allem lokale NGOs gegen die Rechte. Der größte Zusammenschluss ist das „Irish Network Against Racism“ (INAR) mit rund hundert Mitgliedsorganisationen. Die Vielfalt des INAR reicht von migrantischen Selbsthilfegruppen, Berufsverbänden, Fridays for Future, lokalen Anti-Rassismus-Initiativen, Frauen- und LGBTQ-Gruppen bis zu Vereinen der nationale Minderheiten Roma und Travellers.


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