"Klartext" mit Desinformation und Hetze
Rhein-Main Rechtsaussen
"Klartext"-Macher Christoph Barth bei einer Friedensdemonstration der rechten Verschwörungsszene am 28. Dezember 2024 in Wiesbaden.
Im Juni 2025 erschien die nunmehr 20. Ausgabe der Zeitung „Klartext – Bürgerzeitung für das Rhein-Main-Gebiet“. Dabei ist Klartext mehr als nur eine Zeitung. Der Kreis um "Klartext" stellt die dynamischste rechte Struktur in der Region dar. Er verfügt über eine breites Medienangebot und ist im Verbund mit „Rhein-Main-steht-auf“ verantwortlich für einen Großteil der rechten Aufzüge im Rhein-Main-Gebiet. Dabei labelt er sich als eine Wahrheits-, Freiheits- und Friedensbewegung, in der es keine Trennlinien zwischen links und rechts gebe.
Die „Bürgerzeitung“
Im Frühjahr 2022 waren die „Corona-Proteste“ noch in vollem Gange. In Deutschland gingen wöchentlich tausende Menschen auf die Straße, um gegen Corona-Maßnahmen und -Impfungen zu demonstrieren und dazu Fake News und Verschwörungserzählungen zu verbreiten. Im Mai 2022 erschien die erste Ausgabe der achtseitigen kostenlosen Zeitung "Klartext", die schnell zum Sprachrohr der Proteste wurde.
Zu dem Zeitpunkt gab es im baden-württembergischen Hohenlohe-Kreis bereits eine "Klartext"-Zeitung. Initiator war der "Querdenken"-Aktivist und „Kommunikationstrainer“ Dirk Hüther aus der Nähe von Crailsheim. Er befand, dass die Corona-Proteste in einer Blase feststeckten und wollte, so erzählte er im August 2022, den „analogen Raum zurückerobern“. Die Zeitung sollte kurze Artikel in „klarer, einfacher Sprache“ bieten und sich vom Szeneblatt „Demokratischer Widerstand“ unterscheiden, das er für zu intellektuell hielt.
Schon am Anfang stand die Idee, ein Netz von regionalen "Klartext"-Zeitungen aufzubauen. Eine Rahmenausgabe würde Leitartikel vorgeben, die deutschlandweit in allen "Klartext"-Zeitungen zu lesen wären. Diese sollten von den einzelnen Redaktionen mit Beiträgne zu regionalen Themen ergänzt werden.
Christoph Barth von „Querdenken615“ in Darmstadt, damals noch in Erzhausen bei Darmstadt wohnhaft, war mit Hüther seit Beginn der "Corona-Proteste" eng verbunden. Er nahm das Angebot an und gründete die Rhein-Main Regionalausgabe. Weitere Ableger entstanden in Niedersachsen und Oberbayern. Im Frühjahr 2023 wurde "Klartext Hohenlohe" nach zehn Ausgaben eingestellt, "Klartext Niedersachsen" gab im Sommer 2023 nach drei Ausgaben auf, in Oberbayern erschienen bis Anfang 2025 vier Ausgaben.
Über die Höhe der Auflage gibt es keine verlässlichen Informationen. Die Zahlen, die in den letzten Jahren von den Machern genannt wurden schwanken zwischen 50.000 und 70.000, doch überprüfen lässt sich das nicht. Es muss von einer deutlich fünfstelligen Auflage ausgegangen werden. Auf Versammlungen der rechten Verschwörungsszene wird die Zeitung stapelweise verbreitet und an vielen Orten in Briefkästen gesteckt oder an Fahrzeuge geklemmt. Es ist unklar, woher das Geld kommt. Zwar wirbt auch "Klartext" beständig um Spenden, tritt aber dabei längst nicht so aufdringlich auf wie andere Projekte der Szene, deren Hauptbeschäftigung die Akquise von Geld zu sein scheint.
Schon im Frühjahr 2022 begannen in etlichen Orten des Rhein-Main-Gebietes wöchentliche „Montagsspaziergänge“, die teils von der "Klartext"-Struktur getragen werden. So in Frankfurt, wo man noch immer jeden Montag um 18 Uhr an der Konstablerwache trifft, um zwei Stunden durch die Stadt zu laufen. Man labelt sich als „Friedensmarsch“ und stellt sich den PassantInnen als „Frankfurter Friedensbewegung“ vor. Die Zahl der Teilnehmenden bewegte sich in den vergangenen Monaten zwischen 30 und 60 Personen. Über die wöchentlichen „Friedensmärsche“ hinaus organisiert und unterstützt "Klartext" regelmäßig im gesamten Rhein-Main-Gebiet rechte Aufzüge zu unterschiedlichen Themen.
Die Bandbreite rechter Propaganda
"Klartext" bedient die gesamte Bandbreite rechter Propaganda: Gegen eine angebliche „Massenmigration“, gegen Gendergerechtigkeit, Feminismus und queere Lebensentwürfe, gegen die angebliche „Klimalüge“ und Windkraft, gegen die Unterstützung der Ukraine.
Die Schreibenden und Redenden von "Klartext" springen auf fast jede sich bietende Fake-News auf. So verbreitete man 2024 auf den „Friedensmärschen“ wochenlang den von der AfD aufgebrachten Nonsens, die Ampelregierung würde mit 315 Millionen Euro aus Steuergeldern Radwege in Peru finanzieren. Zu all dem werden die gängigen Verschwörungsmythen geliefert: Von der „Plandemie“ über den „Great Reset“ und 9/11 bis hin zum „Großen Austausch“.
Ein „Gastautor“ der "Klartext"-Zeitung ist Wolfgang Hübner, langjähriger Vorsitzender und heute Ehrenvorsitzender der „Bürger für Frankfurt“ (BFF). Er ist vor Jahren schon im extrem rechten Spektrum angelandet. In "Klartext" fantasiert er über einen kommenden Bürger- und Bauernkrieg (Nr. 12, 2024) und empfiehlt den LeserInnen, die AfD zu wählen (Nr. 15, 2024).
Auffallend ist die Verflechtung von "Klartext" und dem „Reichsbürger“-Spektrum. Auf Transparenten und in Reden der „Friedensmärsche“ wird die Solidarität mit den Angeklagten der Gruppe des Heinrich XIII. Prinz Reuß bekundet, die einen Umsturz geplant hatte und Ende 2022 aufflog. Neun Angehörige der Gruppe stehen derzeit in Frankfurt vor Gericht. Für den "Klartext"-Autor Bruno Ramge sind die Angeklagten „politisch inhaftierte Grundrechtsaktivisten“ (Klartext Nr. 11, Ende 2023). Ramge und seine Partnerin Ines Wirth sind fast bei jedem Aufzug von "Klartext" dabei. Auch treten sie bundesweit auf „Reichsbürger“-Aufzügen als „Gesandte“ eines „Großherzogtums Hessen“ auf.
"Klartext"-Herausgeber Christoph Barth selbst verbreitet die von „Reichsbürgern“ aufgebrachte Erzählung, wonach Deutschland kein souveräner Staat sein könne, da es keine gültige Verfassung und keinen gültigen Friedensvertrag mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs habe.
Der Herausgeber Christoph Barth
Christoph Barth ist in den vergangenen Jahren stetig nach rechts gerückt. Seit 2024 nimmt er an Veranstaltungen der AfD teil und mimt dort den Journalisten, der sich nur informieren wolle. Barth fällt durch eine von außen nicht nachvollziehbare überbordende Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung auf. Er genießt es, im Mittelpunkt zu stehen und ist enorm reisefreudig. Es vergeht kaum ein Wochenende, an dem er nicht auf einer rechten Versammlung irgendwo im Bundesgebiet als Redner auftritt. Dabei ist er häufig mit einem eigenen "Klartext"-Bühnenanhänger unterwegs und wird fast immer von einer handvoll Gefolgsleuten begleitet.
Dort hetzt er in überheblicher Weise gegen gendergerechte Sprache, Unisextoiletten und ökologische Wende. Er schwadroniert über „eingeschleppte Migranten“, die „unsere Frauen und Kinder […] abschlachten“ würden und über eine „einst prächtige große deutsche Leitkultur, die sich vollkommen selbst zersetzt“. Er sieht fremde Mächte am Werk, die „uns“ bevormunden und in Kriege treiben würden. Um auch „die Antifa“ in der großen Verschwörung unterzukriegen, hat er die Wortschöpfung „Transatlantifa“ entdeckt, die er bei jeder Gelegenheit in seine Texte und Reden einflechtet.
Wie weit Barth der Realität entrückt ist, wird in einer Rede deutlich, die er am 16. Februar 2025 auf einer migrationsfeindlichen Kundgebung in Miltenberg vor einem großen AfD-Transparent hielt. Dort beklagte die angebliche Einschränkung der Meinungsfreiheit in Deutschland und betonte: „Diese Art von Gewaltkulisse gegen die eigene Bevölkerung gibt es nur in Deutschland. In 187 Ländern auf dieser Erde wäre das nicht möglich. Das wird nur hier so getan.“
Kleiner Kern mit großer Reichweite
Bedeutung und Einfluss des "Klartext"-Projektes lassen sich nur schwer fassen. Mit einer fünfstelligen Auflage ist die "Klartext"-Bürgerzeitung die wohl auflagenstärkste politische Zeitung im Rhein-Main-Gebiet. Um Barth hat sich ein verschworenes Grüppchen von „Erwachten“ zusammengeschlossen, das oft mehrmals die Woche durch Städte und über Felder zieht, um die angebliche Wahrheit über die „Impflüge“, die „Klimalüge“ und den Krieg in der Ukraine zu verkünden. Dies alles wird mit Schlagworten von Liebe, Frieden und Menschlichkeit verpackt. Der Vergleich mit einer salbadernden religiösen Sekte drängt sich unweigerlich auf.
Zwar erreichen die Mobilisierungen von "Klartext" in der Regel nur den harten Kern, doch erzielen die Streams der Aktionen auf dem YouTube-Kanal „Dauerwelle Demo Report“ oft innerhalb eines Tages vierstellige Zugriffszahlen. Dies wirft die Frage auf, ob die Mini-Aufzüge nur die Inszenierung für eine breite Berichterstattung in den eigenen alternativen Medien sind.
Besorgniserregend ist, dass im "Klartext"-Projekt trotz der stetigen Rechtsentwicklung auch weiterhin Personen der politischen Linken und der Friedensbewegung mitwirken. So kann und wird "Klartext" weiterhin mit breiter Brust als Bürgerbewegung jenseits der politischen Gräben von links und rechts auftreten.
(Rhein-Main Rechtsaußen ist eine Plattform für Recherchen zur extremen Rechten im Rhein-Main-Gebiet. Hier veröffentlichen verschiedene Autor*innenkollektive, zudem spiegeln wir Artikel von anderen Projekten, die in ähnlichem Sinne arbeiten. rheinmain-rechtsaussen.org)