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Eine verhinderte Tagung von korporierten Hobbyhistorikern in Marburg

stadt.land.volk.
Einleitung

Im Oktober 2025 hätte in Marburg eine Tagung von sogenannten Studentenhistorikern stattfinden sollen. Im Zuge einer antifaschistischen Kampagne wurde die Tagung verhindert.

Marburg Antifa
(Foto: OAT Marburg)

Die geplante Tagung

Der „Arbeitskreis der Studentenhistoriker“ (AKSt) hatte zu seiner 85. Jahrestagung Großes vor: Es waren über zehn Vorträge von Korporierten geplant, zusätzlich ein Festakt in der historischen Universitätskirche, Karzerbesichtigungen und ein „gemeinsamer Gang durch das romantische Marburg“. 

In dem Zusammenschluss der Studentenhistoriker forschen Mitglieder unterschied­licher Bünde über die Geschichte diverser Korporationen. Die Tagung sollte auf den Häusern verschiedener Marburger Studentenverbindungen stattfinden, mehrere der geplanten ReferentInnen waren Mitglieder der (extrem) rechten „Deutschen Burschenschaft“ (DB). Schließlich wurde die gesamte Tagung antifaschistisch verhindert und musste in kleinem Kreis nicht öffentlich an einem unbekannten Ort stattfinden.

Der vorliegende Artikel kritisiert die Tagung aus drei Gründen. Erstens als verbindungsstudentische Veranstaltung. Zweitens, da dort Geschichtsrevisionismus stattfinden sollte und drittens, weil Burschenschaften der (extrem) rechten „Deutschen Burschenschaften“ Teil davon waren. 

Antifaschistische Korporationskritik hat eine lange Historie. Immer wieder wurde in den vergangenen Jahrzehnten auf den Sexismus, den Nationalismus, das Eliten- und Seilschaftsdenken, den autoritären Charakter, die Gewalt nach innen und außen sowie viele weitere Kritikpunkte an Studentenverbindungen eingegangen. Die einzelnen Aspekte sind je nach Art der Verbindung weniger oder mehr ausgeprägt. Wenn sich nun Korporierte von zehn verschiedenen Dachverbänden treffen, ist das problematisch. Solche Treffen sind ein Ort für Vernetzung, Synergieeffekte und Eigenlegitimation. Das Treffen hatte dazu noch einen bestimmten Zweck, nämlich dem Verbreiten eigener Narrative und Erzählungen, die die Verbindungen im Kern von historischer Schuld und NS-Täterschaft befreien sollen.

Das Vorgehen ist kein empirisch-analytisches, sondern stützt sich oft auf Einzelschicksale bzw. -aspekte oder Streitereien innerhalb der (extremen) Rechten. Bei einer solchen Flut an korporierten Veröffentlichungen mit gegenseitiger Zitation wird die eigene Erzählung wirkmächtig. Eine Historikertagung mit Vorträgen, Vernetzung und einem Sammelband im Anschluss ist für diese Verdrehung der Geschichte ein wichtiges Puzzlestück. 

Die Tagung mag für Außenstehende irrelevant wirken, die Narrative, die dort geformt werden, sind aber alles andere als belanglos. Dem Ganzen wurde noch dadurch die Krone aufgesetzt, dass Burschenschafter der (extrem) rechten „Deutschen Burschenschaft“ auf der Tagung mit drei Referenten stark präsent sein sollten. Die angebliche Gegnerschaft der Korporationslandschaft zum historischen Faschismus wird hier schon ab absurdum geführt. Gemeinsam mit der DB - die beispielsweise Deutschland nicht in den Grenzen von 1945 anerkennt und in den 2010er-Jahren über „europäische Gesichts- und Körpermorphologie“ als Bedingung für die Mitgliedschaft bei ihr diskutiert hat – über die Erfahrungen jüdischer Studierender oder das Ende der Weimarer Republik zu diskutieren, ist absurd. Alte Herren der DB sind weder bei einer solchen Tagung, noch insgesamt im Milieu der Studentenhistoriker Zaungäste oder ungebetene Zuschauer. Sie sind gern gesehene Mitstreiter für die gemeinsame Sache. 

Dieser Filz von Konservativen, (extremen) Rechten und zum Teil auch (Neo)Nazis funktioniert so lange gut, solange es keinen öffentlichen Druck gibt.

An der Tagung hätten neun Dachverbände teilgenommen und mit Bernhard Schroeter, Bernhard Grün und Andreas Walter Schmitz laut Einladung drei Referenten aus dem Kreis der DB gesprochen. Auch wenn es intern enorme Differenzen gibt - in Marburg haben 2020 beispielsweise Burschen der DB ein Verbindungshaus des ebenfalls an der Tagung beteiligten "Schwarzburgbundes" überfallen und verwüstet (AIB Nummer 137) - kommen alle Bünde unter dem Dach der gemeinsamen Historie zusammen und arbeiten eben doch mit der (extrem) Rechten zusammen.

Der Auftaktvortrag von Schroeter hätte direkt korporierte Freikorps in der Weimarer Republik zum Thema gehabt, antikommunistische Mörderbanden, die am Kapp-Putsch und den Morden von Mechterstädt beteiligt waren. Für Schroeter wären sie im Sinne seiner Dissertation wohl eher Verteidiger der Demokratie gewesen. Historisch gesehen war der überwiegende Teil der Korporationen entschiedene Gegner der Weimarer Republik und Wegbereiter des Faschismus. Schließlich sind sie größtenteils, wenn auch aus Eigeninteresse nicht konfliktfrei, im „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund“ aufgegangen. Zumindest für den Dachverband des „Coburger Convents“ (CC) lässt sich dank einer Untersuchung der „Autonomen Antifa Freiburg“ sagen, dass auf fast allen Häusern NS-Kameradschaften beheimatet waren und das Leben recht normal weiterging. Schließlich haben sich fast alle CC-Bünde aus den NS-Kameradschaften wieder gegründet. Dieser NS-Mittäterschaft arbeiten die Studentenhistoriker entgegen, indem sie einzelne Gegner, jüdische Korporierte oder interne Konflikte stark hervor heben. Dieser Revisionismus ist über die Korporierten hinaus exemplarisch für die deutsche Täter-Gesellschaft. 

Neben dem Wiedergutwerden der Verbindungen bietet die Arbeit als Studentenhistoriker „Alten Herren“, also Korporierten, die nicht mehr aktiv studieren, Sinnhaftigkeit, Anerkennung und Vernetzung im Korporationswesen. Die Studentenhistoriker organisieren sich über Verbandsgrenzen hinweg und kennen kaum Berührungsängste zur (extremen) Rechten. Diese Zusammenarbeit ist in der Verbindungslandschaft eher selten und findet sonst vor allem beim studentischen Fechten oder der Traditions- und Brauchtumspflege statt, etwa beim Denkmalsverein für das „Burschendenkmal“ in Eisenach.

Die Kampagne dagegen

Dass die Tagung nicht in Marburg stattfinden konnte, ist das Ergebnis einer breiten antifaschistischen Kampagne, aufgrund derer die Korporierten auf verschiedenen Ebenen auf Widerstände gestoßen sind. Die Verhinderung einer solchen Tagung im Vorhinein ist ein seltener direkter antifaschistischer Erfolg. In der Hoffnung, dass Genoss:innen hieran anknüpfen können, soll auch die Verhinderung dargestellt werden.

Im Sommer 2025 wurde sie auf der Webseite des „Arbeitskreis der Studentenhistoriker“ angekündigt, zunächst ohne genaues Programm. Nachdem dieses veröffentlicht wurde, machte die Verwaltung der Universitätskirche den ersten Schritt und untersagte deren Nutzung. Dort hätte der Festakt zum 85jährigen Bestehen des Arbeitskreises stattfinden sollen. Die Studentenhistorikern sprechen im Nachgang von sozialistischem Ungeist in Marburg und behaupten Drohungen gegen die Kirche, haben diese aber nie belegt.

Im September 2025 wurde der Blog „keinhistorikertag.noblogs.org“ veröffentlicht und eine Kampagne gestartet, im Zuge derer eine Forderung zur Verhinderung der Tagung und eine Einladung an Antifaschist:innen nach Marburg ausgesprochen wurde. Verbunden war dies mit dem Hinweis, dass sich in Marburg das antikorporierte Spiel „Fang den Hut!“ großer Beliebtheit erfreue. Diese Ankündigung, in Korrelation mit einem Farbanschlag auf alle drei Veranstaltungshäuser, hat dazu geführt, dass die Tagung abgesagt wurde.

Dabei wurde halbherzig die geringe Zahl an Anmeldungen vorgeschoben. Trotz der Absage ging die Kampagne weiter, Anfang Oktober 2025 erschien eine ausführliche Recherche auf der Kampagnen-Webseite, deren Kernkritik im vorliegenden Artikel auch abgedruckt ist. 

In der Woche der verhinderten Tagung gab es neben einem antifaschistischen Vortrag zur Verbindungskritik auch eine wissenschaftliche Veranstaltung im prestigeträchtigen alten Rathaussaal mit mehreren Professor_innen, Wissenschaftler_innen und einem Grußwort des Oberbürgermeisters. Schließlich fand am Freitagabend noch eine antifaschistische Demonstration statt. 

Im Nachgang stellte die Linkspartei Marburg-Biedenkopf Strafanzeige wegen des Verdachts auf gefährliche Körperverletzung. Grund dafür ist ein von der „Autonomen Antifa Freiburg“ geleaktes Aufforderungsschreiben für eine „Pro-Patria-Mensur“ zur Klärung von "Ehrstreitigkeiten" zwischen zwei an der Tagung beteiligten Verbindungen. Solche „Ehrenhändel“ sind nach einem Grundsatzurteil vom Bundesverfassungsgericht von 1953 zu Mensuren sehr wahrscheinlich illegal, Aufforderungsschreiben dafür liegen aber nur sehr selten vor und sind ein starkes Indiz. Nicht zuletzt aufgrund überregionaler Presseberichterstattung sorgt die Anzeige für viel Stress und Aufregung innerhalb der pflichtschlagenden Verbindungsszene. 

Die ausführlich dargestellte Kampagne gegen die Historikertagung soll zeigen, dass antifaschistische Arbeit direkt erfolgreich sein kann. Die Korporierten, die ihre 84 Tagungen davor ohne Schwierigkeiten durchführen konnten, haben mit nicht so viel Gegenwind – von Raumkündigung, offener antifaschistischer Mobilisierung und Farbanschlägen auf ihre Verbindungshäuser - gerechnet und konnten dem Druck nicht standhalten. 2026 soll die nächste Tagung in Tübingen stattfinden.

Vollständige Recherche unter: stadtlandvolk.net „Marburger Herbstoffensive“ mit diversen Kurzmeldungen und Artikeln unter: autonome-antifa.org