Antifa Ratschlag: Alledem trotzen – trotz alledem.
Ratschlag Orga Berlin (Gastbeitrag)Angesichts des Rechtsrucks und Angriffen auf die antifaschistische Bewegung haben wir im Dezember 2025 erneut einen Antifa-Ratschlag in Berlin veranstaltet (antifaratschlag.noblogs.org).
Die Ausgangslage war klar: Im Jahr 2025 fiel es schwer, noch den Überblick über einschneidende Ereignisse und Elemente der gesellschaftlichen Faschisierung zu behalten. Eine Mehrheit der Menschen - nicht nur hierzulande - ruft nach autoritären Antworten und wünscht sich rechte bis extrem rechte Regierungen. Es bilden sich junge Neonazigruppierungen und verstärken die wieder zunehmende Straßengewalt. Immer offener paktiert die bürgerliche Mitte mit der AfD und immer aggressiver geht der Staat gegen jene vor, die sich diesen Verschiebungen nach rechts in den Weg stellen.
Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus, Antiziganismus und Queerfeindlichkeit nehmen zu. Während Milliarden in die Militarisierung investiert werden, leiden viele unter der sozialchauvinistischen Sparpolitik und der sich weiter zuspitzenden Grausamkeit kapitalistischer Normalität.
Seit Jahren stehen wir vor den gleichen Fragen: Wie kann es uns als radikale Linke gelingen, in Anbetracht dieser Bedrohungen nicht vor Ohnmacht zu erstarren? Wie können wir uns verbünden, um dem etwas entgegenzusetzen? Auch wenn es um unsere Analysefähigkeit nicht schlecht steht - immerhin hat die antifaschistische Bewegung eine hundertjährige Tradition, muss doch hinterfragt werden, ob immer die richtigen Konsequenzen aus der Analyse gezogen werden.
Das wollten wir nicht im stillen Kämmerlein vollziehen, sondern gemeinsam mit verschiedenen Akteur*innen aus Berlin, Brandenburg und Ostdeutschland. Wir wollten den Blick zurückwerfen, uns über Erfahrungen aus antifaschistischer Praxis der vergangenen Monate austauschen und gemeinsam nach Antworten auf die gegenwärtigen Herausforderungen suchen. Diese großen Ansprüche an den Ratschlag haben sich wie immer nur teilweise erfüllt. Positiv gewendet: Wir haben also nicht nur inhaltlich, sondern auch organisatorisch wieder einiges gelernt.
Die Workshops haben ein breites Spektrum abgebildet. Von Sicherheitsfragen, rechten Jugendgruppen, über historische Vorträge, praktische Skillshares, Grundlagen des Antisemitismus, feministischer Antifa und auch Lohnarbeitskritik.
Teilweise waren die Veranstaltungen eher praxisorientiert - wie eine Reflektion über Schutz und beispielsweise die Anreisen zu CSD‘s. Da geht es ja nicht nur um sichere An- und Abreisen, sondern vor allem darum, wie wir Wehrhaftigkeit mit queerer Sichtbarkeit verbinden und gleichzeitig langfristige Vernetzungen zu CSD-Orgateams aufbauen. Dem Faschismus also nicht mit Angriff begegnen, sondern mehr darauf fokussieren, den progressiven Bewegungen Raum zu verschaffen – Gegenmacht, die uns auch gegen andere Elemente der Faschisierung1 helfen wird.
Teilweise ging es theoretisch ganz schön in die Tiefe - wie bei einem Vortrag zu Antifeminismus als Brückenideologie zur extremen Rechten. Brückenidologie meint hier die Anschlussfähigkeit über Inhalte, die feministische Errungenschaften zurückdrängen möchten (z.B. Selbstbestimmungsgesetz, Ehe für alle, Abtreibung, Frauenwahlrecht), die queer- und transfeindlich argumentieren, die einen äußeren migrantischen Feind imaginieren und die Glücksversprechungen in Krisenzeiten à la „tradwifes“ oder „echte Männer“ propagieren.
Diese antifeministischen Inhalte dienen dazu mit aller Gewalt die patriarchale Ordnung zu verteidigen. Deshalb sind die vielen bunten CSD‘s in den letzten Jahren zum Ziel gewaltvoller rechter Angriffe geworden. Auch in diesem Jahr zählte es zur antifaschistischen Praxis zu den bundesweit über 200 CSD‘s anzureisen.
Des Weiteren braucht es den konsequenteren Abbau von Jungnazistrukturen, sowie den Ausbau selbstorganisierter Bildung. Während wir mit klassischen Methoden bei den Jungfaschos durchaus Eindruck hinterlassen, ist in Zeiten des sozialen Strukturabbaus antifaschistische Bildungsarbeit nicht mehr ganz so einfach.
Beim Antifa-Ratschlag 2025 wurden in verschiedenen Formaten (Lesung, Vortrag, Workshop) unterschiedliche Aspekte von staatlicher Repression diskutiert (Kriminalisierung der Antifa, die Kriminalisierung der Palästina-Solidaritätsbewegung und der Widerstand gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht). Die Ausweitung der Möglichkeiten des Staates, Repression auszuüben, bleibt ein Thema, das viele umtreibt und wo besonderer Austauschbedarf besteht.
Mit der Lesung zum Sammelband „Antifa-Debatten 2015-2025“ konnte der Bogen zu wiederkehrenden Praxisanalysen geschlagen werden.
Besonders gefreut haben wir uns über von weiter weg angereiste Referent*innen und ihre Erfahrungen, wie z.B. von der Queer Pride Dresden. Von ihrer Taktik, rechte Gegenaktionen bei CSDs gezielt aufzusuchen und zu verunsichern, konnten wir viel lernen. Auch, dass der Ratschlag als Auftakt für die Kampagne gegen NIUS2 - dem rechten Medienportal, das in Berlin beheimatet ist - dienen konnte, war ein Highlight.
Spannende Einblicke gab es in die Ergebnisse der Brandenburger Chroniken und Arbeitsweisen der Meldestellen über extrem rechte Vorfälle: eine Grundlage für antifaschistische Öffentlichkeitsarbeit und Handlungsfähigkeit.
Darüber hinaus blieb das Auftaktpodium mit dem VVN-BdA, Widersetzen und einer autonomen Gruppe besonders in Erinnerung. Ziel des Gespräches war es, antifaschistische Strategien gegen die erstarkende rechte Bewegung zu diskutieren: Wie weit tragen Massenproteste gegen AfD-Parteitage dazu bei? Wo sind die Grenzen einer solchen Bewegung und wie gehen wir damit um, wenn unser Protest gar nichts stoppt, aber gleichzeitig viele Ressourcen frisst? Anders formuliert von der taz, die zuhörte: „Ist es die Aufgabe der Antifa heute, möglichst viele Akteure gegen den Faschismus zu mobilisieren? Oder sind solche Versuche nicht doch vergebene Liebesmüh, weil dieses Land nun mal nicht zu retten ist? [...] Soll man auf eine Politik der Hoffnung setzen, die durch möglichst breite Bündnisse Mehrheiten zu sichern versucht? Oder bereitet man die eigenen Räume lieber auf den Kollaps vor und schafft Strukturen, die selbst dann noch funktionieren, wenn die Gesellschaft weiter ins Autoritäre abgleitet?“3
Vorort wurde sich - grob zusammengefasst - darauf geeinigt, dass Massenproteste wichtig sind, um im Moment der Empörung dieser auch Ausdruck zu verleihen und eine Ahnung von kollektiver Intervention zu erzeugen, aber die Verstetigung in eine Alltagspraxis meist nicht funktioniert. Für das tägliche Kleinklein gegen die AfD braucht es andere Organisierung und Verlässlichkeiten. Woran wir gemeinsam arbeiten müssen, sind Brücken zwischen Massenprotesten und dem alltäglichen Widerstand gegen Faschisierung.
Es ist immer schön zu sehen, dass linksradikale Politik, wie sie in der Region Berlin/Brandenburg gemacht wird, doch an vielen Stellen kontinuierlich und in sich kohärent ist. Der Ratschlag diente insofern auch als Ort, um an den Austausch der vergangenen Jahre anzuknüpfen. Das Thema CSDs, antifaschistischer Massenselbstschutz4, der Umgang mit rechten Jugendgruppen und die Organisierung in und nach Brandenburg waren schon im Vorjahr prägendes Thema. Auch verschiedene praktische Angebote wie Datenschutzabfragen und Inputs zum Thema Handysicherheit wurden wieder angeboten.
Workshops, die tatsächlich etwas erarbeiten, sind in so einem offenen Kontext, in dem unklar ist, mit welchem Vorwissen Leute kommen, oft nicht so ergiebig. Doch bei dem Schutz-Workshop, der explizit über Standards des Selbstschutzes, z.B. bei Demos, Anreisen usw. diskutiert hat, hat es sehr gut geklappt. Gehen wir davon aus, dass sich bei unseren Veranstaltungen schon irgendwer um Störungen kümmert oder sind wir alle gleichermaßen verantwortlich uns irgendwie drauf vorzubereiten, ein paar Neonazi-Streamer wegzuschicken, Pöbler*innen am Rand abzudrängen oder sich zumindest verantwortlich zu fühlen, wenn wir als Linke angegriffen werden. Ähnlich wie bei Sitzblockaden braucht es eine Art Aktionskonsens, was Schutzaufgaben betrifft: Eigentlich ein erweitertes Demo 1x1, worauf sich alle berufen können.
Der Ratschlag hat grundsätzliche Erwartungen solcher regelmäßigen Treffen mit über hundert Teilnehmenden erfüllt: Inhalte auf der Höhe der aktuellen Debatten, Diskussionen und Fahrpläne fürs nächste Jahr, Meet & Greet der Aktiven. Zuletzt zeigt sich aber auch, wie wichtig ein Abgleich von Erwartungen aneinander, aber auch eine Lokalisierung von Leerstellen ist.