Aus "Junge Alternative" wird "Generation Deutschland" – aus "Raider" wird "Twix"?
Anke Hoffstadt und Alexander Häusler„… sonst ändert sich nix.“ So endete der Marketingslogan Anfang der 1990er Jahre, zur Umbenennung des Schokoriegels. Ähnlich muss es seit November 2025 für die AfD-Jugendorganisation heißen: die „Generation Deutschland“ (GD) ist eine umetikettierte „Junge Alternative“ (JA), nun aber auf ungebremst völkisch-nationalistischem Kurs und ohne jede strategische Zurückhaltung.
Jean-Pascal Hohm (links) posierte mit dem "Casa Pound"-Autor Valerio Benedetti (mitte) und John Hoewer (rechts), der zeitweilig für „Ein Prozent“ tätig war.
Seit ihrer ‚Neu‘-Gründung im Spätherbst 2025 sieht sich die GD zwar durchaus der Partei einverleibt. Denn mit ihrer Bundesstruktur und ihren bisher gegründeten Landesverbänden ist sie nun eine unselbständige Gliederung der „Alternative für Deutschland“ (AfD) – und damit ihrer Satzung, Autorität, Parteidisziplin und -gerichtsbarkeit unterworfen. Wer GD-Mitglied sein möchte und mindestens 16 Jahre alt ist, muss AfD Mitglied sein oder werden.
Das Kalkül aus den Reihen der ‚Mutterpartei‘, dass mit Auflösung der zuvor eigenständig organisierten JA und ihrer Neugründung als Parteigliederung mehr Zug in den autoritären Durchgriff auf die AfD(affine)-Jugend kommen möge, erweist sich aber wie zu erwarten als wenig brauchbar. Bereits auf ihrem Gründungskongress zeigte sich: Die „Generation Deutschland“ wird die Radikalisierungsschraube anziehen, der strategische Kurs der Selbstverharmlosung und Mimikrierung völkisch-nationalistischer, extrem rechter Positionen, der zuletzt insbesondere für die AfD-Jugend angeordnet schien, ist endgültig passé.
Mit der Wahl ihrer Aushängeschilder und richtungsweisenden Köpfe, des in Gießen am 29. November 2025 gewählten GD-Bundesvorstands und der inzwischen in 14 Bundesländern gebildeten Landesverbände, geben die völkisch-nationalistischen Kräfte in den GD-Mitgliederreihen selbstbewusst und offenkundig sichtbar den Ton an.
Gewachsen am Vorfeld
Dass Jugendorganisationen stets radikaler seien als die Mutterpartei, ist auch für die AfD bereits vielfach beschrieben (für NRW zuletzt etwa Rainer Roeser/Erich Nitsche: Alles beim Alten. In: Lotta #100). Die jüngsten Entwicklungen überraschen also nicht. Bei der früheren „Jungen Alternative“ war es schließlich nicht anders. Schon als Bernd Lucke noch Parteichef war, taugte die JA als Radikalisierungsmotor. 2014 etwa war sie es, die mit Nigel Farage den UKIP-Parteichef nach Köln einlud – im Widerspruch und im offenen Konflikt zur Parteivorstandslinie, auf der die AfD um Distanzierung zur UK Independence Party bemüht war. Die Einladung von Farage war auch damals bereits Ergebnis eines Kräftemessens zur Dynamik der Rechtsradikalisierung der Partei – und ein seinerzeit kalkulierter Affront gegen Lucke.
Der offen neofaschistische „Flügel“ und das sogenannte Vorfeld der AfD waren und sind bis heute eng mit der Jugendorganisation verbunden und mit ihr in der AfD stark geworden. Während der frühere Parteichef Lucke 2014 ins Europaparlament wechselte, hatte dessen damalige Konkurrenz Frauke Petry und Marcus Pretzell innerhalb der AfD bereits fleißig Kontakte geknüpft, die Partei vor Wahlen mithilfe der Jugendorganisation in Ostdeutschland maßgeblich aufgebaut und den offen völkischen Akteuren der Partei gestärkt.
Zwölf Jahre später folgt die Geschichte der AfD einer Personal- und Strukturkontinuität, die nicht nur die JA, sondern nun auch die GD als ihre Jugendorganisation ausmacht. Ihre wesentlichen Säulen sind die „Identitäre Bewegung“, die Straßen- und Netzwerkpraxis im Kreis der organisierten extremen Rechten, die Lebensbünde der Burschenschaften der „Deutschen Burschenschaft“ (DB), die Netzwerk- und Verdienstmöglichkeiten in Landtags- oder Bundestagsabgeordneten-Teams und – nicht zuletzt – die zum Zwecke metapolitischer Bearbeitung extrem rechter Diskurshoheit und der Selbstinszenierung genutzten Medien, von den „Burschenschaftlichen Blättern“ und dem „Jungeuropa-Verlag“, über den Lukreta-Instagram-Kanal bis zur „Jungen Freiheit“.
Zahlreiche Beispiele aus dem Personaltableau der GD bestätigen die Bedeutung dieser Netzwerk- und Knotenpunkte. Antifaschistische und journalistische Recherchen erhärten inzwischen den Eindruck, dass ein Großteil der offen sichtbaren Vertreter*innen der „Generation Deutschland“ auf die eine oder andere Weise in (extrem) rechten Kreisen oder Strukturen aktiv eingebunden ist.
Prominentestes Exempel ist allen voran die politische Biographie von Jean-Pascal Hohm, der seit dem 29. November 2025 Bundesvorsitzender der „Generation Deutschland“ ist. Kaum eine der Stationen und Entwicklungsmöglichkeiten einer ‚Mosaik-Rechten‘ hat er ausgelassen. Seine politische Karriere ist wie eine Blaupause extrem rechter Selbst(er)findung und Inwertsetzung: ob als Landtags- oder Bundestagsabgeordnetenmitarbeiter, als Mitglied der pflichtschlagenden DB-Verbindung Dresdener Burschenschaft „Salamandria“, als Autor und Interviewpartner der „Arcadi“, als Aktivist im Shirt der „Identitären Bewegung“ oder als Veranstalter extrem rechter Demonstrationen zu Covid19.
Gesichert rechtsextrem – (k)ein Hindernis?
Hohm gilt dem brandenburgischen Verfassungsschutz als Rechtsextremist. Auf den ersten Blick scheint es darum erklärungsbedürftig, dass ausgerechnet er den bundesweiten Vorsitz der GD bekleidet. Zumal die Auflösung der JA wie eine Schutzbewegung wirkt, mit der die AfD einem auch auf die Gesamtpartei ausstrahlenden Vereinigungsverbot ihrer Jugendorganisation durch ihre Umwandlung in eine vor staatlichem Zugriff besser geschützte Parteigliederung zuvorkommen wollte. Bundesvorsitzender der organisierten Jugend innerhalb der AfD wird allerdings zugleich niemand, der nicht wenigstens die Gnade oder gar einen Auftrag von der ‚Mutterpartei‘ hat.
So ist das Ende der Druckanfälligkeit nun offenbar eingeläutet. Noch während das Eilverfahren vor dem Kölner Verwaltungsgericht zur Entscheidung ausstand, ob die AfD als Gesamtpartei vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft werden dürfe, setzte die „Generation Deutschland“ – und die AfD – mit der Wahl Hohms ein Signal: „Wen kümmert’s?“.
Dass die AfD ‚ihre‘ GD gewähren lässt oder gar goutiert, dass ihre radikalsten Kräfte zu Handlungsmacht kommen, kann als öffentlich zur Schau getragenes Spiel mit dem kalkulierten Risiko betrachtet werden. Erst, wenn Strafermittlungsbehörden oder Verfassungsschützer aktiv auf den Plan treten, entsteht der Anschein von Zugzwang. Die Sanktion missliebigen Verhaltens gerät dabei allerdings zum „politischem Theater“ (Andreas Speit: Generation Deutschland: Klare Kante, harter Scheitel. In: campact Blog 02.03.2026).
So diskutierte die Parteispitze der AfD im Februar 2026 einen Ausschluss von Kevin Dorow. Dorow, der am 29. November 2025 zum Beisitzer im Bundesvorstand der GD gewählt worden war, hatte während des Gründungskongresses bei seiner Bewerbungsrede mit der auch von Björn Höcke bemühten NS- bzw. Hitlerjugend-Formulierung „Jugend muss durch Jugend geführt werden“ aufgewartet – wohl kaum ein Zufall, markierte sein ‚Zitat‘ doch die Unterstützung, die der „Generation Deutschland“ als Jugendorganisation vor allem aus Thüringen zukommt, in besonders machtvoller Weise, von Höcke persönlich. Nun, da die Staatsanwaltschaft Gießen prüft, ob Dorow sich im Rahmen seiner Rede der Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen schuldig gemacht habe, drang die Nachricht vom möglichen Parteiausschluss an die Öffentlichkeit. Dorow wiederum nutzte u.a. die Reichweite der Zeitung „Jungen Freiheit“, um seine Gegenwehr anzukündigen. Nur wenig später lenkte die Parteispitze allerdings ein. Dorow, der in Schleswig-Holstein Beisitzer im Landesvorstand ist, kann bleiben. Sein soziales Kapital in Partei und Burschenschaften dürfte ihn unterstützt haben.
Dass etwa zeitgleich auch der Eilbeschluss des Verwaltungsgerichts Köln erging und das Bundesamt für Verfassungsschutz die Gesamtpartei nicht mehr als gesichert rechtsextreme Bestrebung betrachten (und beobachten) darf, mag das Selbstbewusstsein in GD und AfD befeuert haben: Einen Dorow muss man nicht mehr aus dem Spiel nehmen. Und auch die GD in Nordrhein-Westfalen, die am 6. März 2026 durch den CDU-Innenminister und den Verfassungsschutz als extrem rechter Verdachtsfall eingestuft worden ist, will diese Zuordnung zu ihren Gunsten wenden: in der IB geschult, in der (operativen) Parlamentsarbeit erfahren und gestärkt durch das Vorfeld aus Kampagnen, Burschenschaften und Think Tanks, die die Jugend als Speerspitze auf dem Weg zur extrem rechten Machtübernahme imaginieren, geben sich ihre Führungskreise unverwundbar. Vorerst.