Britische Rechte im nordfranzösischen Migrationsraum
Thomas Müller
Ryan Bridge (links) und Elliott Stanley von "Raise the Colours" in Stirchley.
Die Krise als Bühne
Unter dem martialischen Label „Operation Overlord“ mobilisierten britische Rechte im Januar 2026 nach Nordfrankreich – dorthin, wo Geflüchtete unter menschenunwürdigen Bedingungen ausharren, bevor sie ihr Leben bei einer Bootspassage riskieren. Zwar scheiterte die Aktion, doch war sie Ausdruck einer Radikalisierungsdynamik, getragen von der Erwartung einer baldigen Machtübernahme und Massendeportationen.
Die Kanalroute
Seit drei Jahrzehnten versuchen Geflüchtete, das Vereinigte Königreich versteckt in Straßen- und Schienenfahrzeugen zu erreichen, seit 2018 zusätzlich in Schlauchbooten. Seither stieg die Zahl der Bootsflüchtlinge, was gleichwohl nur einen Bruchteil der Migration ausmacht. Die Regierung hatte zwar frühzeitig eine vorgelagerte Grenz- und Migrationskontrolle an der französischen Küste etabliert, jedoch nicht auf einer maritimen Route.
Unter dem Motto „Stop the boats“ griffen die Tory-Regierungen zu drastischen Maßnahmen - oft wirkungslos oder von Gerichten unterbunden - die den politischen und medialen Diskurs radikalisierten. Die amtierende Labour-Regierung justierte die Migrationsabwehr auf repressive Weise neu. Dabei sieht sie sich einer aggressiven Kampagne konservativer bis extrem rechter Akteure gegenüber. Im August 2024, wenige Wochen nach Keir Starmers Amtseinführung, kam es zu landesweiten Krawallen gegen Unterkünfte Geflüchteter, die mehrmals wieder aufflammten.
Auf der französischen Seite des Ärmelkanals besteht seit Jahren dieselbe humanitäre Krise: Geflüchtete leben in prekären Camps und erfahren physische wie psychische Gewalt, während zivilgesellschaftliche Gruppen einen Großteil ihrer Versorgung übernehmen. Immer wieder kommt es zu Todesfällen – 89 in 2024, 41 in 2025 –, oft beim Ablegen oder Besteigen der Boote. Für die Geflüchteten ist dies einer der riskantesten Momente ihrer Reise. Wenn rechte Aktivisten ankündigen, in genau diese Situation einzugreifen, nehmen sie die Gefährdung von Menschenleben in Kauf. Der Küstenstreifen, von dem aus Bootspassagen beginnen, erstreckt sich von der Somme-Mündung über Boulogne-sur-Mer, Calais und Dunkerque bis in die Nähe der belgischen Grenze.
Die Provokationen britischer Rechter betreffen bislang drei Orte: 1) den Jungle von Loon-Plage, ein großes, von Schleusern kontrolliertes Camp westlich von Dunkerque, 2) einen nahe gelegenen Strand in der Gemeinde Gravelines und 3) Calais als Standort dezentraler Camps und prominentes Symbol dieser Krise.
Rechte Medienaktivisten
Bereits in der Vergangenheit suchten rechte britische Medienaktivisten die nordfranzösische Küste auf. Ab dem Sommer 2025 sehen wir eine neue Qualität in direkter Wechselwirkung zum Hervortreten einer britischen Variante der MAGA-Bewegung. Am Anfang reiste Nick Tenconi mit mehreren Begleitern nach Nordfrankreich. Tenconi bezeichnet sich selbst als „Neuen Rechten“ und „Christlichen Nationalisten“, er ist Vorsitzender der „UK Independence Party“ (UKIP) und „Chief Operations Officer“ von „Turning Point UK“, dem britischen Ableger der gleichnamigen Organisation des ermordeten US-Aktivisten Charles Kirk. Am 4. Juni 2025 provozierte er an einer Verteilungsstelle zivilgesellschaftlicher Gruppen für Hilfsgüter in Calais, indem er Geflüchtete und Helfer:innen beleidigte und es möglicherweise auf eine körperliche Auseinandersetzung anlegte. Das aufgenommene Bildmaterial nutzte er für eine Social Media-Kampagne und um Spenden und Freiwillige für eine „UKIP’s Border Protection Mission“ in Nordfrankreich zu akquirieren. Drei Monate später war Tenconi erneut in Nodfrankreich. In der Nacht zum 10. September 2025 führte er einen Übergriff auf Geflüchtete an, die in Gravelines am Straßenrand kauerten oder schliefen, und verbreitete ein mit dem UKIP-Logo versehenes Video der Tat.
Neben Tenconi reiste auch der Schatten-Innenminister der oppositionellen Tories, Chris Philp, an die französische Küste. Er verbreitete öffentlichkeitswirksam Bildmaterial, das er mit der Boulevardzeitung Express im Jungle von Loon-Plage aufgenommen hatte. Der erfahrene Politiker handelte nicht nur im Stil rechter Medienaktivisten, sondern teilte deren Narrativ, die französische Polizei würde die Bootspassagen nicht bekämpfen, sondern aktiv ermöglichen.
Eine britische MAGA-Bewegung
Getragen von hohen Umfragewerten Nigel Farages und seiner Partei „Reform UK“, sieht sich die extreme britische Rechte am Vorabend einer Machtübernahme nach dem Vorbild der US-Rechten, von denen sie ihrerseits finanzielle und politische Unterstützung erfährt.
Am 13. September 2026 nahmen in London außerdem mehr als 100.000 Menschen an der Kundgebung „Unite the Kingdom“ teil. Es war die größte Demonstration seit dem Zweiten Weltkrieg, prominenstester Redner war der live zugeschaltete Elon Musk. Ihr Organisator Stephen Christopher Yaxley-Lennon, genannt Tommy Robinson, propagiert eine Graswurzelbewegung von Rechts.
Im Zuge dieser Rechtsdrift veröffentlichten mehrere Parteien Pläne für „mass deportations“ nach dem Vorbild der US-amerikanischen ICE: im August „Reform UK“ (mit dem Ziel von 600.000 Abschiebungen während einer Legislatur), im Oktober die Tories (750.000 Abschiebungen) und im selben Monat der neu gegründete Thinktank „Restore Britain“ des Multimillionärs Rupert Lowe (1,8 bis 2 Millionen Abschiebungen).
Vorgestellt wurde das Konzept der Tories von Philp, der Bilder seiner Fahrt nach Loon-Plage nutzte. Gemeinsam ist den Vorhaben, dass sie mit menschenrechtlichen und rechtstaatlichen Normen brechen, dies mit den small boats im Ärmelkanal rechtfertigen, tatsächlich aber sehr viel mehr Menschen in ihrer Existenz bedrohen, als jemals per Schlauchboot eingereist sind. „Restore Britain“ agiert seit dem 13. Februar 2026 als Partei und erfreut sich der Unterstützung durch Musk. Im Zuge dieser doppelten Radikalisierung – antimigrantische „Graswurzelbewegung“ einerseits, Verheißung eines antimigrantischen Maßnahmenstaats andererseits – nutzte eine neue Gruppe die französische Kanalküste als Bühne: „Raise the Colours“. Ihr Ziel waren direkte Aktionen gegen small boats mit dem Anspruch, anstelle des Staates das Gewaltmonopol auszuüben.
„Raise the Colours“ und „Operation Overlord“
Die „Raise the Colours“ Anführer Elliott Stanley und Ryan Bridge werden dem Umfeld Robinsons zugeordnet. Wie auch UKIP, agiert die Gruppe vorrangig im eigenen Land und reiste erst zeitversetzt für Bildmaterial nach Frankreich. Dabei äußerten „Raise the Colours“ und „Restore Britain“ gegenseitig ihre Sympathie. Im November reisten u.a. Bridge und Stanley, erstmals an die französische Küste. Ein Videos zeigt ein Schlauchboot bei Gravelines, Bridge watet durch hüfttiefes Wasser in die Richtung und schreit Parolen. Er behauptete später, man habe 60 oder 70 Geflüchtete an der Überfahrt gehindert. Bis heute ist kein Fall dokumentiert, in dem britische Rechte tatsächlich ein Boot oder eine Person an der Überfahrt gehindert hätten. Bis Mitte Dezember 2026 wiederholte die Gruppe ihre Reisen wöchentlich, verwickelte Geflüchtete in Gespräche, filmte Menschen gegen ihren Willen, suchte Camps auf, patrouillierte an nächtlichen Stränden, zerstörte aufgefundene Bootsmotoren und bedrängte „Ärzte ohne Grenzen“.
Ihre Erzählung: Die französische Polizei würde im Auftrag der Regierung schleusen, das britische Grenzregime sei ein Schleuser-Infrastruktur und Geflüchtete in Wirklichkeit eine islamistische Armee. Das französische Innenministerium reagierte mit einem Einreiseverbot für zehn Mitglieder von „Raise the Colours“. Dieser Kreis arbeitete nun mit Daniel Thomas, genannt Danny Tommo, zusammen. In Videos warben sie für eine „Operation Overlord“, die die Migration auf der Kanalroute final beenden würde. Sie hätten mehr als zehntausend Freiwillige angeworben und Probleme Sicherheitsüberprüfungen und Schulungen durchzuführen.
„Operation Overlord“ war der Tarnnamen der alliierten Landung in der Normandie im Juni 1944. Tatsächlich erwies sich das Vorhaben als Farce und Anfang 2026 kam es zum Zerwürfnis zwischen Bridge und Tommo. Als Tommo im Januar 2026 nach Frankreich mobilisierte, verbot die Präfektur den Auftritt. So blieb von der „Operation Overlord“ nur ein Gruppenbild an der belgisch-französischen Grenze. Außerdem nahm die Polizei in Calais den YouTuber Reece Grant und dessen Begleiter fest, nachdem sie in einem Livestream – erfolglos – Jagd auf Geflüchtete gemacht hatten.
Beendet ist das zynische Spektakel inmitten der humanitären Krise wohl nicht. Gleichzeitig haben Anzahl und Radikalität KI-generierter Inhalte stark zugenommen, in denen beispielsweise das massenhafte Zerstören vollbesetzter Schlauchbooten auf See gezeigt wird. Die materielle Situation der Geflüchteten an der französischen Küste hat der rechte Aktivismus indes nicht verändert. Er hat sie nur noch ein wenig unwürdiger gemacht.