Purity Culture: „Denn der Mann ist das Haupt der Frau“
Florian OsuchDie sogenannte „Purity Culture“ presst Mädchen und junge Frauen in ultra-konservative Rollenbilder. Viele leiden darunter. Im evangelikalen Spektrum der USA ist diese Bewegung dominierend. Ableger gibt es auch in Deutschland.
Szene aus "SPIEGEL TV": Purity Ball Kein Sex vor der Ehe.
Im September vergangenen Jahres wurde im US-Bundesstaat Utah der rechtsextreme Aktivist Charles „Charlie“ Kirk getötet. Er war Gründer und Vorsitzender der rechten Jugendorganisation „Turning Point USA“ (TPUSA). Kirk vertat die gängigen Thesen von Donald Trumps MAGA-Bewegung: Die US-Wahl im Jahr 2000 sei gefälscht und der Klimawandel eine Lüge. Er propagierte rechte Verschwörungserzählungen wie den sogenannten „Großen Austausch“ (Great Replacement).
Weniger bekannt ist, dass Kirk eine zentrale Person der christlichen Rechten in den USA war. Selbst im Beitrag „Wer war Charlie Kirk?“ von tageschau.de fehlt der Hinweis auf seinen ultra-konservativen und evangelikalen Hintergrund. Evangelikal ist eine protestantische/evangelische Strömung innerhalb des Christentums. In den USA ist sie dominierend. In Deutschland sind evangelikale Gemeinden oft Freikirchen, aber nicht alle Freikirchen sind evangelikal. Ideologisch gelten sie meist als äußerst konservativ. Missionarischer Eifer und intensives Bibelstudium ist wichtiger Bestandteil evangelikalen Lebens.
Für Kirk war „Make Amerika Great Again“ eng verbunden mit der sogenannten "Purity Culture". Die Kernidee dieser als „Keuschheitsbewegung“ verharmlosten Ideologie: Sexuelle Enthaltsamkeit bis zur Ehe als christliche Tugend. Für Kirk und TPUSA gehören Sexualmoral, Familie und nationale Identität zusammen. „Sexuelle Reinheit“ solle die moralische Stärke einer vermeintlich bedrohten weißen Nation sichern. Konservative Geschlechterrollen werden als Bollwerk gegen sozialen Wandel und die Bedrohung eines angeblich verweichlichten Liberalismus inszeniert. So wird private Körpermoral und Sex zwischen zwei Menschen plötzlich Teil eines größeren politischen Kampfes: „Wir, die guten, moralischen Christen“ – dort der unzüchtige und verfallene Rest der Gesellschaft.
Der Einfluss von „Turning Point USA“ in den USA ist enorm. Eine halbe Millionen folgen TPUSA auf Instagram, beim Kurznachrichtendienst X (ehemals Twitter) sind es 1,5 Millionen und beim Videoportal YouTube hat TPUSA sogar 5,4 Millionen Abonnenten.
Kurz vor seinem Tod veröffentlichte Kirk das Video „Stay Pure and Find Real Love“; es wurde auf YouTube fast 60.000 mal geklickt. Heute inszenieren Musikvideos, Jugendkonferenzen, charismatische Prediger und christliche Influencer – sogenannten Christfluencer – die "Purity Culture" als Teil eines göttlich gesunden Lifestyles: attraktiv, positiv und modern im Auftreten, gleichzeitig äußerst konservativ. Je nach Region gibt es große Überschneidungen zur sogenannten „Homeschooling-Bewegung“.
Doch was ist genau unter "Purity Culture" zu verstehen? Sie ist eine jugend- und sexualpädagogische Bewegung, die in den 1990er Jahren innerhalb evangelikaler Kreise in den USA entstand. Die religiöse Begründung beruht auf der Annahme, sexuelle Zurückhaltung vor der Ehe sei direkter Ausdruck geistlicher Integrität und besonderer Frömmigkeit. Verwiesen wird auf entsprechende Textstellen aus der Bibel.
Aus konservativ geprägten Bundesstaaten strahlte die Bewegung in zwei Dimensionen: Einmal örtlich – "Purity Culture" fand Einzug in die religiöse Prägung von Mädchen und jungen Frauen in Deutschland, Europa und andere Ecken der Welt – und einmal spirituell. Die aus dem evangelikalen Spektrum hervorgegangene Idee wurde von anderen christlichen Strömungen aufgegriffen, von ultra-konservativen Katholiken, charismatischen Predigern, Pfingstkirchen oder Mormonen. Pädagogisch ab dem Kindesalter vermitteln, kontinuierlich wiederholt und häufig begleitet von Ritualen wie Gelöbniskarten, sogenannten Reinheitsringen („Purity Rings“) oder großen Events.
Allerdings ist diese Bewegung mehr als ein strenger Verhaltenskodex. "Purity Culture" ist Teil eines kulturellen Verständnisses von Moral, (weiblicher) Identität, Sexualität und Geschlecht innerhalb der genannten Kirchen und Gemeinden.
Verherrlicht wird ein erzkonservatives und patriarchales Familienbild, in dem sich die Frau dem Mann bedingungslos unterzuordnen und ihm zu dienen hat. Begründet ebenfalls durch entsprechende Bibelstellen, wie diese: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau …“.1 Für bibeltreue Jugendliche lassen solche Texte keinen Spielraum.
Die „Southern Baptist Convention“, die größte protestantische Konfession in den USA mit circa 13 Millionen Mitgliedern, entwarf die "Purity Culture" im Jahr 1992 als Identitätsangebot für verunsicherte Jugendliche. Es folgte eine gigantische kommerzielle und kirchliche Kampagne mit Jugendfreizeiten, Büchern, Konzerten, Events und Merchandising. Am bekanntesten wurde der „Purity Ring“. Ein Ring, der das Gelübde sichtbar machen und die Teenagerinnen zu jeder Zeit – besonders in Situationen möglicher „Fehltritte“ – an ihr Versprechen erinnern sollte.
Viele Mädchen bekamen den Ring in feierlichen „Purity Balls“ vom Vater überreicht. Auf diesen Zeremonien verkünden die Mädchen, sich selbst, ihre Familie und Gott „rein“ zu halten – sie versichern Enthaltsamkeit. Die Väter versprechen, ihre Töchter vor „sexueller Gefahr“ zu schützen, bis ein Ehemann an seine Stelle tritt. Die Inszenierung der Väter als moralische Sittenwächter wird von Kritiker:innen als „Patriarchatsperformance“ bezeichnet.
Es entstand ein regelrechter Hype um die "Purity Culture". Sie fand als „True Love Waits“-Bewegung in den 2000er-Jahren Einzug in Jugend- und Popkultur. Britney Spears verkündete ihre Enthaltsamkeit in Interviews und trug einen „Purity Ring“. Auch die Megastars Justin Bieber, Miley Cyrus und Selena Gomez trugen einige Zeit so einen Ring. Was theologisch begann, wurde zum marktfähigen Lifestyle. Später gingen einige Stars auf deutliche Distanz zu ihren früheren Bekundungen. Sie sprachen über emotionalen Druck, der mit den Statements verbunden war. Offenbar ließ sich „Reinheit“ gut vermarkten, aber schlecht praktizieren.
Zu einem der wichtigsten Purity-Bücher wurde „I Kissed Dating Goodbye“ von Joshua Harris aus dem Jahr 1997. Über 1,2 Millionen Exemplare sollen verkauft worden sein. Harris war Pastor einer calvinistischen Megachurch in Maryland, USA. Nach seinem Rücktritt 2016 distanzierte er sich von seinem Werk. Dating könne – statt es zu vermeiden – „ein gesunder und wertvoller Bestandteil der persönlichen Entwicklung sein“.2 Er bat bei seinen Leser:innenn um Entschuldigung und bedauerte, wie seine „Bücher und Lehren LGBTQ+-Menschen verletzt haben“.
Wie ergeht es Mädchen und jungen Frauen, die in solch streng religiösen und bibeltreuen Gemeinden aufwachsen? Nicht in Texas, Alabama oder Tennessee, sondern hierzulande. Aussteigerinnen berichten, wie ihr Leben allumfassend von Glaube, religiösem Eifer und strengen Regeln bestimmt war – und wie sie darunter gelitten haben.
Kindheit und Jugend durchzieht ein toxisches Körperbild. Gerade in der Pubertät wirkt es für die Mädchen und jungen Frauen verstörend, wenn jede Form erster Sexualität – sei es nur Zuneigung zu einem Jungen oder gar einem Mädchen – verteufelt wird. Händchenhalten, Küssen, Dating, das Annähern an fremde Körper oder die Erforschung des eigenen Körpers sind tabu – „aus Sorge um ein Verderben des Geistes“, wie es die Aussteigerin Nana Myrrhe nennt. Mehr noch: Es sind sündhafte Verfehlungen. Mädchen und Frauen sind mit Gott verbunden beziehungsweise mit Jesus verheiratet. Sie müssen „sich aufheben“, für den auserwählten Prinzen, den Traummann und zukünftigen Gatten.
Um Gedanken, Gefühle und Verhalten zu kontrollieren, finden in einigen Kirchen bereits im jungen Alter intime Befragungen statt, die von Aussteigerinnen als übergriffig oder traumatisierend empfunden werden – einige nennen es spirituellen Missbrauch.
Wer die Netflix-Serie „Unorthodox“ zur Flucht einer jungen Frau aus einer fundamentalistisch-jüdischen Gemeinde in New York gesehen hat, hat eine Vorstellung vom Druck, der auf den jungen Frauen lastet. Für Nana Myrrhe war die Serie Auslöser zum Ausstieg aus der Gemeinde.
Weitere Infos:
• Nana Myrrhe: Feucht & Fromm. Die schmutzigen Geheimnisse der Purity Culture, Verlag ruach.jetzt, 2025.
• Deborah Feldman: Unorthodox, Secession Verlag, 2016.
• Podcast Fuck Purity: https://fck-purity.blogs.audiorella.com
- 1
Zitat nach „Lutherbibel 2017“, hier Epheser 5.22
- 2
Vgl. John Harris: „A Statement on I Kissed Dating Goodbye“, 11.07.2013