Die "Hassfabrik" ist dicht – Neonazis suchen Vergeltung
Demos e.V.Die extreme Rechte betreibt Anti-Antifa-Arbeit heute als arbeitsteiligen Prozess. Durch die Ausdifferenzierung der Szene, eine zunehmende Professionalisierung und wachsenden Einfluss greifen unterschiedliche Akteur*innen mit ihren Handlungskompetenzen ineinander. Besonders virulent wird diese Zusammenarbeit, wenn die Akteure einen gemeinsamen Feind haben, wie sich am Beispiel der Angriffe auf den Verein DEMOS e.V. zeigt.
Die sogenannte "Hassfabrik" nach dem Auszug der AfD.
Der Vorlauf
DEMOS e.V. entstand 2016 im Westerwald als Reaktion auf lokale pegidaeske Demonstrationen und betreibt seit dem Recherche- sowie Bildungsarbeit. Der Verein organisiert darüber hinaus Bündnisse und zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen neonazistische Bestrebungen in der Region. Seit dieser Zeit hat es physische wie psychische Angriffe ebenso gegeben wie den Versuch, das Engagement des Vereins zu diskreditieren, die Engagierten zu diffamieren und diese aus der lokalen Gesellschaft zu drängen.
2019 erreicht die rechte bis neonazistische Organisierung vor Ort ihren zwischenzeitlichen Höhepunkt: Mit der Fassfabrik Hachenburg eröffnet die AfD Westerwald eine Immobilie mit dem Ziel, „einen Leuchtturm des Widerstandes“ zu schaffen. Was der Westerwald bekommt, ist eine extrem rechte Immobilie. Fünf Jahre lang treffen sich hier (militante) Coronaleugner*innen, hochrangige AfD-Mitglieder werden zu Vorträgen geladen und „Der III. Weg“ veranstaltet Kampfsporttrainings und überregionale Turniere. Vor Ort wird das Gebäude schnell als „Hassfabrik“ bekannt.
Ende 2024 ist die Fassfabrik dann Geschichte. Nach fünf Jahren Recherchen, Aufklärungsarbeit, Demonstrationen mit bis zu 3.000 Menschen und zivilgesellschaftlichem Druck läutet eine behördliche Razzia das Ende des selbsternannten Leuchtturms ein. Es folgt eine große Infoveranstaltung und schließlich der Kauf einer privaten Investor*innengruppe. Kurz darauf beginnen einige der ehemaligen Fassfabrik-Nutzer ihre bis heute anhaltenden Angriffe auf DEMOS e.V.
Arbeitsteilige Angriffe im zeitlichen Verlauf.
Wenige Tage nach der Infoveranstaltung zur Fassfabrik veröffentlicht die Neonazi-Partei „Der III. Weg“ einen ersten Text zu DEMOS e.V., Anfang 2025 folgt der zweite. In diesem versuchen die Neonazis, Vereinsmitglieder mit Halbwahrheiten und personenbezogenen Daten zu diffamieren. Kurz nach der ersten Veröffentlichung beginnt die rheinland-pfälzische AfD „Kleine Anfragen“ in den Landtag einzubringen. Ihr erkennbares Ziel: dem Verein eine angebliche Nähe zum „Linksextremismus“ und militanten Antifaschist*innen anzudichten. Die konkreten Fragen bespielen dabei die gleichen Behauptungen wie sie bereits „Der III. Weg“ formulierte. Eine Bezugnahme ist nicht nachzuweisen, liegt aber inhaltlich wie zeitlich nahe. Zwischen Dezember 2024 und Februar 2026 beschäftigen die Abgeordneten Damian Lohr, Joachim Paul und Jan Bollinger den Landtag mit insgesamt neun solcher Anfragen. Anknüpfend an die Anfrage von Lohr schaltet sich der Bundestagsabgeordnete Bernd Schattner ein. Öffentlichkeitswirksam inszeniert er den Versuch, DEMOS e.V. beim zuständigen Finanzamt die Gemeinnützigkeit aberkennen zu lassen. Auch Schattner benennt dazu Einzelpersonen öffentlich und rückt diese damit ins Fadenkreuz weiterer Akteure.
Die Situation eskaliert im Vorfeld einer geplanten Infoveranstaltung zu den Verstrickungen der AfD mit der extrem rechten Szene vor Ort weiter. Unbekannte kontaktieren unter Angabe falscher Namen Angehörige der Vorstandsmitglieder mit dem Ziel, private Informationen wie Wohnorte und Telefonnummern in Erfahrung zu bringen. Während der stattfindenden Infoveranstaltung tritt ein weiterer Akteur auf den Plan. Der Burschenschafter und Akteur des aufgelösten IB-Nachfolgers „Revolte Rheinland“ Simon Thiele bestreift mit Kameramann den Veranstaltungsort.
Am 16. Dezember 2025 eskaliert Thiele weiter: Mit seinem Kameramann fährt er verschiedene Orte im Westerwald an und versucht, Personen gezielt über zivilgesellschaftlich engagierte Menschen und DEMOS e.V. auszufragen. Sein Modus Operandi spricht für sich: Er überrumpelt Personen auf ihrer Arbeitsstelle oder versucht sie durch Anrufe an Orte zu locken, überzieht sie mit Suggestivfragen und Unterstellungen und fordert mit vorgehaltener Kamera ein Interview. Das Ergebnis beschreibt Thiele großspurig als „größte und umfassendste Recherche zu staatlich gefördertem Linksextremismus“, die es in Deutschland je gegeben habe - ein etwa halbstündiges Video, in dem er Arbeitsplätze zeigt, Personen ohne deren Wissen oder Zustimmung abfilmt und immer wieder die gleichen unbelegten Narrative bedient: DEMOS e.V. sei ein steuerfinanzierter Verein, der „Linksextremismus“ verbreite und militantem Antifaschismus nahe stehe. Wer Thieles Video mit den Veröffentlichungen des „Der III. Weg“ abgleicht, könnte dabei zum Schluss gelangen, dass der selbsternannte Investigativjournalist nichts anderes getan hat, als das Erzeugnis einer neonazistischen Kleinstpartei um ein paar Google-Suchergebnisse ergänzt zu verfilmen und als eigene Recherche zu verkaufen.
Die schlampige Eigenleistung bricht dem Video dann auch das Genick: eine Person, deren Arbeitsplatz Thiele aufsuchte und unerlaubt filmte, hatte nie etwas mit DEMOS e.V. zu tun. Zähneknirschend muss Thiele zugeben, einen Recherchefehler begangen zu haben und das Video offline nehmen. Das hindert das extrem rechte Umfeld aber nicht daran, das Video als bahnbrechende Leistung zu feiern. Lokale wie überregionale AfD-Abgeordnete teilen Thieles Ergüsse ebenso wie „Der III. Weg“. Auch das selbsternannte „Recherchenetzwerk Rechts“, welches vor allem auf X personenbezogene Daten von Antifaschist*innen verbreitet, bekennt sich zur Mitarbeit an Thieles Video. Daneben erscheint zeitgleich ein inhaltlich nahezu identischer Text des Vereins „Ein Prozent“, der einerseits den gleichen Tenor bedient, andererseits Querverbindungen offenbart. So beziehen sich dessen Autoren offen auf den „Der III. Weg“ als Quelle, loben Schattners Vorstoß, die Gemeinnützigkeit von DEMOS e.V. in Frage zu stellen und schließen mit dem Aufruf, den Text zu verstehen als „Auftakt einer patriotischen Selbstverteidigungsstrategie“ im Westerwald. Was damit gemeint sein könnte, deutet Patrick Klöckner (Funktionär der AfD Mayen-Koblenz) kurz vor der Veröffentlichung des Videos an. Auf dem Weg zur örtlichen AfD-Weihnachtsfeier geht Klöckner gezielt auf anwesende Mitglieder von DEMOS e.V. zu und bedroht diese vor laufender Kamera. Er baut sich vor einer Frau auf, nennt mehrfach ihren Namen und droht: „Wir wissen einiges von dir, das wirst du noch zu spüren bekommen“. Ihrem Kollegen ruft Klöckner zu: „Wann fährst du denn heute Abend nach Hause?“. An den Journalisten Joachim Schäfer (Hessencam) gerichtet, nennt er mehrfach laut dessen Adresse. Schäfer war bereits 2010 Opfer eines Brandanschlags auf sein Wohnhaus gewesen; die Täter waren Neonazis. Thiele, der Klöckner von der gemeinsamen Zeit im Kreis der „Revolte Rheinland“ kennt, inszeniert diesen in seiner Recherche nun als eine Art „Linksextremismusexperten“. Und auch hier besteht wieder eine Verbindung der Gruppe zur Fassfabrik – so bestätigte die Polizei die Anwesenheit von Mitgliedern der „Revolte Rheinland“ beim Kampfsportturnier des „Der III. Weg“ im Oktober 2024. Rund einen Monat später hatte die Gruppe ihre Auflösung bekanntgegeben und war kurz darauf auf die Unvereinbarkeitsliste der AfD gesetzt worden.
Im Mai 2026 legt „Der III. Weg“ nach und veröffentlicht erneut personenbezogene Daten zu Engagierten des Vereins und ihrer Familien; zeitlich passend zur konstituierenden Sitzung des neugewählten Rheinland-Pfälzischen Landtags mit einer erstarkten AfD Fraktion.
Hand in Hand die Zivilgesellschaft einschüchtern
Im Westerwald lässt sich beobachten, wie AfD-Abgeordnete, gewaltaffine Neonazis des „Der III. Weg“ und Akteure aus deren Umfeld mutmaßlich arbeitsteilig daran arbeiten, Engagierte zu bekämpfen, die zum gemeinsamen Feind erklärt wurden. Nach dem Scheitern eines gemeinsamen Raumkampfprojekts investieren die Akteure über einen fortlaufenden Zeitraum beachtliche Ressourcen, um Rache zu üben. Zivilgesellschaftliche Strukturen vor Ort sollen offensichtlich zerschlagen werden, denn die AfD hat Großes vor: Aus einem Strategiepapier des Rheinland-Pfälzischen MdB Münzenmeier geht hervor, dass die AfD im ländlichen Raum neue Immobilien erschließen will. Eine demokratische Zivilgesellschaft, die genau hinschaut, sich in der Fläche vernetzt und beharrlich dagegen hält, steht dieser Strategie effektiv im Weg. Die Angst vor einer Fassfabrik 2.0 scheint tief zu sitzen.