Extrem rechte „Jugendhilfe“ in der Pfalz
Rhein-Main RechtsaussenIm August 2025 trat über eine Homepage der Verein „Jugendhilfe Kibo e.V.“ aus Kirchheimbolanden im pfälzischen Donnersbergkreis in Erscheinung. Der Verein gab vor, pädagogisch zu arbeiten und einen Treffpunkt für Jugendliche schaffen zu wollen. Schnell war ersichtlich, dass das „Team“ des Vereins aus FunktionärInnen der AfD bestand. Nachdem „Rhein-Main Rechtsaußen“ und eine Tageszeitung diese Verbindung aufzeigten und auf Merkwürdigkeiten in dem Verein hinwiesen, kündigte der Vereinsvorsitzende dessen Auflösung an. Doch es bleiben Fragen offen.
Gründeten 2025 ein Immobilienunternehmen: Bernd Schattner (mit Tasse) und Sebastian Münzenmaier (mit Krawatte) auf einer AfD-Veranstaltung am 3. Oktober 2023 in Mainz.
Die AfD verfolgt in Rheinland-Pfalz die Strategie, sich im ländlichen Raum zu verankern und sich als Kümmererpartei darzustellen. Dazu setzt sie auf Jugendarbeit und versucht die Lücken zu füllen, die durch die Kürzungen im Sozialbereich und durch leere Kassen der Kommunen entstehen. Im Verein „Jugendhilfe Kibo“ dürften einige Personen der AfD auch damit geliebäugelt haben, sich dort einen Job zu beschaffen, um politische Rekrutierungsarbeit idealerweise mit Lohnarbeit zu verbinden.
Der Zusatz „e.V.“ im Vereinsnamen war irreführend, denn der Verein war nicht im Vereinsregister zu finden. Auf der Website hieß es lediglich, dass eine Eintragung erfolgen solle. Dennoch warb der Verein offensiv um Spenden und damit, dass diese steuerlich absetzbar seien, da er als gemeinnützig anerkannt sei.
Der Verein „Jugendhilfe Kibo“
Auf seiner Homepage präsentierte „Jugendhilfe Kibo“ ein pralles Angebot von Leistungen. Kinder und Jugendliche sollten umfassend pädagogisch und psychologisch betreut werden. Zur Vermittlung von Medienkompetenz war die Durchführung von „Schulungen für den sicheren Umgang mit digitalen Medien sowie Prävention von Cybermobbing“ geplant. Zudem sollte es Freizeitangebote wie Selbstverteidigungstrainings geben. Eltern wollte der Verein unter anderem „Erziehungsbeistandschaft“ und „therapeutisch gestützte Familienhilfe“ anbieten.
Das alles sollte sowohl ambulant als auch in einem „Haus der Zukunft“ stattfinden. Unter diesem Namen wollte der Verein ein Haus einrichten, in dem Kinder und Jugendliche auch stationär betreut werden sollten. Hierfür sei, so sagte der Vereinsvorsitzende Christian Wieser der regionalen Tageszeitung „Die Rheinpfalz“, ein Neubau geplant gewesen.
Wieser ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD im Kreistag Donnersbergkreis. Er war Initiator des Vereins und es scheint, als sei dieser eine seiner dubiosen Geschäftsideen gewesen. Die Anschrift von „Jugendhilfe Kibo“ war ein Mehrparteienhaus am Rand von Kirchheimbolanden, in dem Wieser wohnt. Dort führt er auch "Thaimassagen" durch und leitet nach eigenen Angaben ein „Wirtschaftsinstitut für zentrale Aus- und Weiterbildung“ (WIZA), das unter anderem „Familienhilfe“. „Erziehungsbeistand“ und „psychologische Praxis“ anbietet. Zu diesem „Institut“ finden sich keine wissenschaftlichen Tätigkeiten, keine Referenzen und kein Team.
Auf der Homepage von „Jugendhilfe Kibo“ hingegen stellte sich ein Team von acht Personen vor. Doch lässt sich bei keinem Teammitglied außer Wieser, der sich Psychologe nennt, überhaupt ein Zugang zu sozialpädagogischer Arbeit feststellen.
Erste stellvertretende Vorsitzende von „Jugendhilfe Kibo“ war Melanie Enders. Sie präsentiert sich auf der Vereins-Homepage als Pädagogin. Sie kandidierte für die AfD im Jahr 2024 für den Gemeinderat in Bolanden (Donnersbergkreis), wurde jedoch nicht gewählt.
Zweiter Vorsitzender des Vereins war Patric Berges aus Waldalgesheim (Landkreis Mainz-Bingen). Er arbeitet er für die rheinland-pfälzische Landtagsfraktion der AfD und sitzt als stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Verbandsgemeinderat Rhein-Nahe sowie im Vorstand der AfD Mainz-Bingen. Zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz im März 2026 tritt er für die Partei als Direktkandidat im Wahlkreis Bingen an. Zu seinen Positionen schreibt Berges, dass er „NGOs den Geldhahn abdrehen“ und das „linke Staatsfernsehen“ gleich ganz abschaffen will.
Jens Ott aus dem benachbarten Gauersheim war Schatzmeister des Vereins und wurde auf der Homepage als „Fels in der Brandung“ im Team vorgestellt. Er ist Fraktionsvorsitzender der AfD-Fraktion im Kreistag vom Donnersbergkreis und kandidierte auf Platz zehn der AfD-Landesliste zur Bundestagswahl 2025.
Auch Markus Enders sollte Teil des Teams von „Jugendhilfe Kibo“ sein. Er sollte im „Haus der Zukunft“ ebenfalls pädagogisch arbeiten und sitzt für die AfD im Gemeinderat Bolanden und im Kreisvorstand Donnersbergkreis.
Der „Treffpunkt Nordpfalz“
Knapp zehn Autominuten von Kirchheimbolanden entfernt liegt Gauersheim, wo 650 Menschen leben und die AfD im Februar 2025 bei der Bundestagswahl 34,9 Prozent der Stimmen holte. Hier richtete die AfD im Juli 2025 in einem ehemaligen Gasthof ihren „Treffpunkt Nordpfalz“ ein, wo seitdem Treffen und Veranstaltungen der Partei stattfinden.
Eine treibende Kraft des „Treffpunkt Nordpfalz“ ist Sebastian Münzenmaier aus Ober-Olm bei Mainz, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion. Bei der Eröffnungsfeier des Treffpunktes am 19. Juli 2025 hielt er eine Rede und schrieb danach vom „Traum von einem eigenen Anlaufpunkt für Patrioten“, der nun wahr werde.
Für das Projekt wurde ein Trägerverein geschaffen. Neben Münzenmaier sind dort überwiegend Mitglieder der AfD aus dem Donnersbergkreis Mitglied. Die Überschneidungen zwischen „Jugendhilfe Kibo“ und „Treffpunkt Nordpfalz e.V.“ sind groß. Jens Ott und Markus Enders zählen zum Vorstand des „Treffpunkt Nordpfalz“-Vereins, Christian Wieser ist dort Gründungsmitglied und Patric Berges laut Eigenangabe einfaches Mitglied.
Welche Drohkulisse das Projekt in Gauersheim aufbaut, zeigte sich am 3. Oktober 2025. Als sich AnwohnerInnen zu einem BürgerInnendialog auf dem Dorfplatz trafen, störte die AfD mit ca. 40 Personen die Veranstaltung so massiv, dass diese abgebrochen werden musste. Jan Richard Behr aus Mainz, mittlerweile rheinland-pfälzischer Landesvorsitzender der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ und Benjamin Steiner von der extrem rechten „Burschenschaft Germania Halle zu Mainz“, kommentierten die Aktion auf Instagram mit den Worten: „Die Stimmung? Fantastisch. Der Platz? Unser. Gauersheim? Patriotisch!“
Strategie der Raumnahme
Am 27. November 2025 berichtete die antifaschistische Rechercheplattform „Rhein-Main Rechtsaußen“ über „Jugendhilfe Kibo“, am 28. November folgte ein Artikel in der „Rheinpfalz“ („AfD-nahe Jugendhilfe: Was steckt dahinter?“). Die Zeitung zitiert das Jugendamt des Donnersbergkreises mit den Worten: „Üblicherweise sucht ein seriöser Jugendhilfeanbieter im Vorfeld den Kontakt zum örtlich zuständigen Jugendamt, um seine Planungen und seine Konzeption vorzustellen.“ Doch habe der Verein keinen Kontakt zum Jugendamt aufgenommen.
Schon zwei Tage später war die Homepage der „Jugendhilfe Kibo“ offline. Am 2. Dezember folgte der Rheinpfalz-Artikel „Zu viel politischer Gegenwind: AfD-naher Jugendhilfe-Verein wird aufgelöst.“ Darin kündigt Christian Wieser an, den Verein in den nächsten Tagen aufzulösen, da es nun aussichtslos sei, mit diesem in der Jugendhilfe arbeiten zu können.
Eine als gemeinnützig anerkannte „Jugendhilfe“ in der Hand der AfD mit einem festen Treffpunkt, stationärer Unterbringung von Jugendlichen und Jobs für die (rechten) Mitarbeitenden wäre ein weiterer Schritt zur Normalisierung der extremen Rechten gewesen.
Wenngleich der Verein nun Geschichte ist, bleiben Fragen offen. Unter anderem: War dem Verein – wie er behauptete – vom zuständigen Finanzamt bereits die Gemeinnützigkeit zuerkannt worden? Oder hat er mit einer falschen Auskunft Spenden eingeworben und Geldgeber*innen getäuscht? Nicht auszuschließen ist, dass sich Personen der AfD den „Jugendhilfe Kibo e.V.“ vor allem geschaffen haben, um hierfür Geld zu akquirieren. Darauf deutete unter anderem die aufdringliche Spendensammelei des Vereins hin.
Der Strategie der Raumname, welche die AfD in Rheinland-Pfalz verfolgt, dient vermutlich auch das nächste Projekt: Im Juli 2025 gründete Sebastian Münzenmaier zusammen mit Dirk Bisanz und Bernd Schattner die „Rotbart Immobilien GmbH“ mit Sitz in Ober-Olm. Bisanz ist Zahnarzt und Mitglied der AfD-Stadtratsfraktion in Kaiserslautern, Schattner aus Altdorf (bei Neustadt an der Weinstraße) ist Unternehmer und Bundestagsabgeordneter der AfD.
Als Tätigkeit gibt die „Rotbart Immobilien GmbH“ „Erwerb, Verwaltung, Vermietung und Verkauf von Immobilien, sowie Projektentwicklung von Immobilien“ an. Man wird genau hinsehen müssen, ob das Unternehmen dazu dienen wird, Immobiliengeschäfte für die AfD und ihr neofaschistisches Vorfeld abzuwickeln.
(Gekürzte und aktualisierte Version des Artikels „Extrem rechte „Jugendhilfe“ in der Pfalz“, erschienen am 27. November 2025 auf rheinmain-rechtsaussen.org)