„Ein Prozent“ – Das extrem rechte Bewegungsscharnier der AfD
Extrem rechte „Gegenkultur“, Feindmarkierung, Medienkampagnen. Das „Patriotische Bürgernetzwerk Ein Prozent“ ist eine Kampagnenagentur im politischen Vorfeld der AfD.
Schäfer und Stein präsentieren sich auf X als Linksextremismus-Experten im EU-Parlament.
Am 25. März 2026 hatten zwei Kader der deutschen extremen Rechten, Philip Stein und Michael Schäfer die Gelegenheit, im EU Parlament auf Einladung der MdEP Mary Khan bei der extrem rechten ESM Fraktion aufzutreten. Sie sprachen dort für „Ein Prozent“, das „patriotische Bürgernetzwerk“. Ihr Thema: Linksextremismus und dessen Finanzierung und Vernetzung. Zudem ging es um „außer Kontrolle geratene NGOs“.
Wer ist und was tut „Ein Prozent“? Ein Überblick.
Im Jahr 2015 erlebten rassistische Mobilisierungen auf der Straße einen Höhepunkt. Die PEGIDA Demonstrationen in Dresden zogen (extrem) rechte Politpilger aus dem gesamten deutschsprachigen Raum an. Nicht zu Unrecht sah sich die extreme Rechte in einer erfolgreichen Bewegungsphase, die ihren parlamentarischen Spielraum in den nachfolgenden Jahren in Gestalt der AfD erweiterte. In dieser Situation gingen so unterschiedliche rechte Akteure wie Götz Kubitschek und Jürgen Elsässer daran, eine Kampagnenstruktur zu schaffen, die die extrem rechte Sichtbarkeit und Handlungsfähigkeit verstetigen sollte. Das Schlagwort von „Greenpeace für Deutsche“ wird Götz Kubitschek zugeschrieben. Mit der praktischen Umsetzung dessen, was „Ein Prozent“ ausmacht, wurde der rechte Burschenschafter und Verleger des „Jungeuropa“ Verlags, Philip Stein, betraut.
Von Dresden aus entwickelte „Ein Prozent“ Medienformate rechter Gegenöffentlichkeit wie der inzwischen eingestellte Vlog „Laut gedacht“, der von AktivistInnen der damaligen „Identitären“ inhaltlich gestaltet wurde. Zudem gab es mehrere Anläufe, extrem rechte Musikprojekte in einer Öffentlichkeit jenseits der eigenen Szene zu platzieren. Hier kooperierte „Ein Prozent“ mit dem Sänger und Bandprojekt Sacha Korn. Für popkulturell aufgemachte Erklärvideos hatte „Ein Prozent“ die AfD Politikerin Maria Therese Kaiser gewonnen.
Der Podcast „Lagebesprechung“ ist Ort der strategischen Debatte des Vorfeldes der AfD, in dem es wiederkehrend um die Frage der politischen Positionierung der AfD und ihres Vorfeldes geht. Wer ältere Folgen der „Lagebesprechung“ hört, bemerkt, wie sehr das extrem rechte Vorfeld der AfD in der Sphäre der Politik nach Stimmungen und Gemengelagen navigiert. So beschäftigte man sich in der Gründungsphase intensiv mit dem BSW bzw. deren mutmaßlichem Potential zwischen Konkurrenz und Kooperation mit / zur AfD.
Personal
Neben Stein ist Michael Schäfer bei „Ein Prozent“ tätig. Schäfer, der Herausgeber der "Hydra Comics" ist, blickt auf eine lange politische Karriere in der extremen Rechten mit Stationen wie der neonazistischen „Wernigeröder Aktionsfront“, den „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) zurück. In den „Ein Prozent“ - Podcasts tritt er als Rechercheur auf. Ebenfalls im „Ein Prozent“ Kosmos anzutreffen ist Simon Kaupert. Dessen „Filmkunst Kollektiv“ zeichnete sich für ein episch-kitschiges Filmportrait über Björn Höcke im Thüringer Landtagswahlkampf 2024 verantwortlich und begleitete augenscheinlich den AfD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, filmisch. Andere, zuvor im Kontext der „Identitären“ in Halle (Saale) auftretenden Personen, sind nun gelegentlich unter dem „Ein Prozent“-Label tätig.
In gewisser Weise kann „Ein Prozent“ als Fortführung und Neuaufstellung des Personenkerns eines Teils der „Identitären Bewegung“ (IB) verstanden werden, die ihre bei den IB erworbenen politisch-medialen und praktischen Skills nun dem politischen Apparat des Vorfeldes der AfD zur Verfügung stellen.
„Solifonds“ und Spenden
Aus einem „Solifonds“ finanziert „Ein Prozent“ die Unterstützung für rechte Aktivisten, die im Zuge ihrer politischen Arbeit mit Angriffen oder Repression konfrontiert sind. Man sammelt Geld für die Reparatur beschädigter Autos oder für die Kosten von Strafverfahren gegen rechte Akteure. Die gesamte übrige Arbeit finanziert „Ein Prozent“ ebenfalls aus Spenden, wozu auch Zuwendungen von AfD Abgeordneten gehören, die ihre Spende an „Ein Prozent“ zu Zwecken politischer Werbung gelegentlich auch öffentlich kommunizieren.
Der Feind: Antifa und Zivilgesellschaft
Ein wichtiges Standbein der Tätigkeit von „Ein Prozent“ ist die Beobachtung des politischen Gegners. Mit dem Ziel der politischen Diskreditierung zivilgesellschaftlicher Projekte berichtete „Ein Prozent“ seit Jahren über deren Arbeit und personelle Zusammensetzung. In raunendem, und daher presserechtlich zumeist nicht angreifbarem Ton, ordnet „Ein Prozent“ diese Projekte dem zu, was sie unter „Linksextremismus“ verstehen. Mit rhetorischen und grammatikalischen Mitteln der Suggestion und der Assoziation legt „Ein Prozent“ seinen Leser*innen nahe, bei Vereinen wie „Miteinander e.V.“ handle es sich um linksextreme Träger, deren aus Steuermitteln aufgebrachte Gelder in dunkle Kanäle flößen. Faktengrundlage für diese Art von „Berichterstattung“ waren die Antworten der Landesregierung auf parlamentarische Anfragen der AfD Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt, die aus diesen im Anschluss eine eigene politische Kampagne noch unter dem damaligen Fraktionsvorsitzenden André Poggenburg strickte. Das seit zehn Jahren verfolgte Ziel, die Arbeit zivilgesellschaftlicher Träger etwa durch den Entzug der Gemeinnützigkeit zu verunmöglichen, verloren AfD und „Ein Prozent“ zu keinem Zeitpunkt aus dem Auge. Anteil und Arbeitsaufwand der Eigenrecherche sind für „Ein Prozent“ dabei denkbar gering. Die den parlamentarischen Anfragen entnommenen Fakten wurden um allgemein zugängliche Informationen, wie etwa Auszüge aus dem Vereinsregister ergänzt, und dann in reißerischer Manier als „Recherche“ präsentiert.
Anti-Antifa
Eine ganz andere Qualität weisen jedoch jene Veröffentlichungen auf, die sich auf Strafverfahren gegen Antifaschist*innen im Kontext des „Budapest Komplexes“ und ähnlicher repressiver Maßnahmen des Staates gegen Antifaschist*innen beziehen. Hier begnügt sich „Ein Prozent“ nicht mit einer allgemeinen politischen Delegitimierung von Vereinsarbeit. Offenbar auf Grundlage von Akten aus den Verfahren, veröffentlichte „Ein Prozent“ wiederkehrend Namen, Fotos und (vermeintliche) Fakten von und über Antifaschist*innen, gespickt mit Mutmaßungen, Gerüchten und deren, auch sexistischer, Ausschmückung, die zuvor in Neonazikreisen im Umlauf waren. Das Framing dabei: linksextreme Gewalttäter übten wahl- und hemmungslos Gewalt gegen unbescholtene deutsche Bürger aus. Den eigenen extrem rechten Kontext und den der Nebenkläger der Verfahren thematisierte man dabei natürlich nicht. Im bereits erwähnten Podcast „Lagebesprechung“ wurde die politische Motivlage des Engagements von Antifas psychologisiert und diese als Personen pathologisiert. Wortreiche, aber im Kern an Fakten arme Andeutungen sollten der extrem rechten Zuhörerschaft nahelegen, man verfüge bei „Ein Prozent“ über exklusives Wissen über antifaschistische Strukturen und deren Aktivitäten. All das ist nicht ausschließlich an die eigene extrem rechte Bubble adressiert. Vielmehr rechnet „Ein Prozent“ damit, dass ihr Material und dessen inhaltliche Interpretation durch andere rechte Nachrichtenportale aufgegriffen und popularisiert wird. Ebenso setzt man vermutlich darauf, dass steter Tropfen im Framing einer Gefahr von Linksextremismus und Gewalt den Stein höhlt und die eigenen Deutungen ihren Weg in die bürgerliche Presse finden, um dort mehr Durchschlagskraft zu bekommen, als wenn sie nur im Dreieck zwischen AfD, der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und dem Neonazimilieu zirkulierten.
Letztlich geht es darum, Linke als politische Feinde für eine politische Situation zu markieren, in der die Handlungsspielräume der extremen Rechten sich deutlich erweitern. Insbesondere im Fall des Altkaders Michael Schäfer kann davon ausgegangen werden, dass er von der Idee, die Handlungsfreiheit seiner langjährigen politischen Gegner nach Jahrzehnten in die Schranken zu weisen, nicht ablassen wird. Eine ganz neue Brisanz bekäme die Anti-Antifa Agitation von „Ein Prozent“, wenn die extreme Rechte die Machtmittel in die Hand bekäme, antifaschistisches Engagement generell zu kriminalisieren. Dass in der AfD und ihrem Vorfeld immer wieder von einem Verbot „der Antifa“ gesprochen wird, sollte niemand als leeres Gerede abtun. Stehen der extremen Rechten die Machtmittel zu Gebote, unternähme sie den Versuch, Antifaschismus generell als Terror zu qualifizieren und entsprechend verfolgen zu lassen.
Fazit
„Ein Prozent“ ist die maßgebliche außerparlamentarische Kampagnen- und Vernetzungsagentur der extremen Rechten im Vorfeld der AfD. Sie versucht über aktivistische und organisatorische Interventionen den Spielraum der AfD jenseits formaler Einflussbereiche wie dem Parlament zu erweitern und zu verstetigen. „Ein Prozent“ muss als Bewegungsscharnier zwischen der AfD und den diversen offen extrem rechten Spielarten politischer Mobilisierung der Kernanhängerschaft der Partei und ihres Vorfeldes verstanden werden.
Die Organisation bündelt kommunikative, mediale und politische Kompetenzen im Umfeld der AfD, mit dem Ziel, die Partei auf einem politischen Kurs zu halten, auf dem sie sowohl als Parlaments- als auch Bewegungspartei agiert.