„No Nius is good news“
"Aktivist_innen gegen rechte Hetze" (Gastbeitrag)„In Kreuzberg formiert sich derzeit ein beunruhigender Angriff auf die Pressefreiheit“, schrieb Nius Anfang April 2026 angesichts der Kampagne „Nein zu Nius. Kein Raum für rechte Hetze“.
Das von Ex-Bild-Chef Julian Reichelt geführte und vom Medizin-Software-Unternehmer Frank Gotthardt finanzierte Online-Medium „Nius“ macht Stimmung gegen kritische Zivilgesellschaft. Treffen kann es linke Journalist_innen, antifaschistische Kampagnen, Sozialverbände, Seenotrettung oder eine designierte Verfassungsrichterin. Mit gezielten Outings und Schmutzkampagnen betreibt das Portal faktisch Anti-Antifa-Arbeit und hetzt den von ihnen markierten Personen den rechten Mob auf den Hals.
Mehr rechtes Projekt als Journalismus
Nius hat sich dem Pressekodex des Bundespresserats nicht verpflichtet und kann dementsprechend nicht für Unwahrheiten gerügt werden. Nius geht es nicht um Journalismus. Man liefert statt Nachrichten vor allem Kommentare zum Tagesgeschehen und orientiert sich eher an US-amerikanischem Talk Radio oder Breitbart News. Gegenstand von eigenen Recherchen sind meist zivilgesellschaftliche Akteur_innen oder minoritäre Gruppen. Zur Agenda gehört es, Stimmung für einen Regierungswechsel in Richtung schwarz/blau und für eine weitere Normalisierung der AfD zu betreiben. Nius ist die Leiter über die Brandmauer.
Ganz untypisch für unser Wirtschaftssystem und seine Kulturindustrie geht es bei Nius nicht ums Geschäft. Nius und deren Mutterkonzern Vius agieren extrem defizitär, und die Verluste liegen jährlich im zweistelligen Millionenbereich. Der Finanzier Frank Gotthardt, der sich gerne im Hintergrund hält, verfolgt mit Nius politische Ziele. Ob er den großen rechten Tech-Oligarchen nacheifern will, sei hier der Spekulation überlassen. Mit Jeff Bezos, der die Washington Post übernommen hat und Elon Musk, der Twitter auf rechts gedreht hat, spielt er aber nicht in einer Liga.
Inzwischen schaltet Nius vereinzelt Werbung, hat eine Paywall hochgezogen und verstrahlt das Netz fortan nur noch gedrosselt mit Ressentiments - über Social Media bleibt aber eine nicht unerhebliche Reichweite bestehen. Auch in Büchern markieren Nius und verbandelte Autor_innen die gesellschaftliche Linke als inneren Feind, den es zu bekämpfen gilt. Der „NGO-Komplex. Wie die Politik unser Steuergeld verprasst“ vom früheren stellvertretenden Nius-Chefredakteur Björn Harms (vorher als Redakteur bei der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ tätig) fabuliert über ein steuerfinanziertes Zusammenspiel von Zivilgesellschaft, Politik und Medien, das im Programm „Demokratie leben!“ gipfelt. Der Bestseller „Links – Deutsch / Deutsch – Links“ von Julian Reichelt und Pauline Voss versammelt deutsche Prominente, die darauf setzen, dass der Wind weiter von rechts weht. Daraufhin kehrten 32 Autor_innen dem Westend Verlag wegen genau dieses Sammelbandes öffentlichkeitswirksam den Rücken (u.a. Butterwegge, Gysi, Ypsilanti).
Nius erfüllt eine Scharnierfunktion zwischen konservativer Politik und Publizistik und (extrem) rechten Milieus.
Widerstand formiert sich
Alle reden vom Rechtsruck, hier gibt es einen benennbaren und greifbaren Akteur. Also worauf warten? Fast zeitgleich haben unabhängig voneinander mehrere Kampagnen ihre Arbeit gegen Nius aufgenommen.
Die GSG (Berlins größter Anbieter von Büro- und Gewerbeflächen) ist Vermieterin der Redaktionsräume an Vius. Die Initiative „Nius raus aus der GSG“ ruft andere GSG-Mieter_innen dazu auf, sich gegen Nius zu positionieren und das Mietverhältnis zu beenden. Mit dem Aufstellen eines großen roten Markierungs-PIN vor dem Nius-Redaktionssitz in der Ritterstraße und Aktivitäten auf Social Media-Kanälen macht die Kampagne zusätzlich Druck, der wahrgenommen wird.
Das „Edelweiß Netzwerk“ hat Nius auf Werbeflächen eines Trucks, der im Regierungsviertel herumfuhr den Spiegel vorgehalten: mit beleidigenden Zitaten aus Nius-Leser_innenkommentaren wurde die „Meinungsfreiheit“ gegen Reichelt und Co. in Stellung gebracht. Außerdem veröffentlicht das Netzwerk Analysen zu den Methoden und Inhalten von Nius.
Mit „Nein zu Nius“ klärt eine weitere Initiative über Machenschaften und Hintergründe auf. Ein besonderer Fokus liegt hierbei auf Kreuzberg als linke, „multikulti“ Nachbarschaft, die von Nius und seinen Kampagnen bedroht ist. Plakate und Flyer unter dem Motto „Kein Raum für rechte Hetze“ wurden besonders in Kiosken und Läden in der Oranienstraße sehr gut angenommen: Die Anwohnenden waren empört über das "Hetzportal" in ihrer Nachbarschaft. Weiteres Ziel ist es, Betroffene der Hetze aus der Vereinzelung zu holen und zusammen zu bringen, was bei einer sehr gut besuchten Diskussions- und Mobilisierungs-Veranstaltung gelungen ist. Im nächsten Schritt wird es auch Proteste auf der Straße geben. Auch gegen „Apollo News“, eine Art Schwesterplattform von Nius, die in Berlin Treptow ansässig war, hat sich eine Kampagne in Stellung gebracht. Nach einer Veranstaltung unter Beteiligung der örtlichen Linkspartei und der Amadeu Antonio Stiftung begann eine große Shitshow, der letztendlich aber solidarisch begegnet wurde und die verschiedene Akteure vor Ort wachgerüttelt hat.
„Apollo News“ hat die Redaktionsräume in Berlin-Treptow und soll fortan in der Gneisenaustraße in Berlin-Kreuzberg residieren. Beide Kampagnen, gegen Nius und gegen „Apollo News“, demonstrierten mit einem Fahrradkorso im Juni 2026 an den Standorten der Portale gegen rechte Hetze.
Jüngste Entwicklungen
Nius braucht Klicks und investiert in Werbung, zum Beispiel über die Wall AG in den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Schnelle Reaktionen darauf (Beschwerde-Mails und eine Online-Petition) haben Empörung über „Normalisierung“ dieses Portals wachsen lassen. Die Gewerkschaft ver.di und der Journalistenverband haben Beschwerden an die BVG gerichtet. Viele Arztpraxen haben den Produkten der "CompuGroup Medical" (CGM) aus der Firma von Frank Gotthardt den Rücken gekehrt, weil sie nicht länger den rechten Kulturkampf finanzieren wollen.
Was hilft?
Nicht wegschauen. Rassistischer Hetze, einer Normalisierung von Anti-Antifa und dem Herbeischreiben einer schwarz-blauen Koalition dürfen wir nicht tatenlos zusehen. Nius wegignorieren zu wollen, ist keine Antwort.
Öffentlichkeit herstellen.
Die große Mehrheit will solche Schlammportale nicht in ihrer Nachbarschaft haben. Gerade die direkte Ansprache der Anwohner_innen und anderen GSG-Mieter_innen scheint Nius sehr auf die Nerven zu gehen. Besondere Öffentlichkeit haben die Geldströme verdient. Frank Gotthardt jedenfalls möchte möglichst nicht mit Nius assoziiert werden. Dass Nius derart unbeliebt ist, dass es auf Gotthardts Kerngeschäft abstrahlt und Kund_innen von der CompuGroupMedical abzieht, kann dem Finanzier weh tun.
Nicht vereinzeln lassen.
Nius zieht Einzelne heraus und stellt sie an den medialen Pranger. Wenn wir solidarisch zusammenstehen, kann die Strategie der Vereinzelung ins Leere laufen. In den letzten Monaten gab es einige Beispiele, wie rechte Schmutzkampagnen nach hinten losgehen können (bspw. gegen linke Buchläden) und die Solidarität stärken statt Akteure zu isolieren. So bringt uns Nius zusammen, statt uns zu spalten. Das freut ganz sicher nicht in der Ritterstraße.
Weitere Kampagnen gegen rechte Hetze und stochastischen Terrorismus
Wenn mediale Diffamierung zum Beispiel von linken oder queeren Personen immer massiver oder menschenverachtend wird, kann und muss das auch als Aufstachelung zur Gewalt betrachtet werden. Was heute viel unter dem Stichwort „Stochastischer Terrorismus“ diskutiert wird, wonach sich einzelne Täter irgendwann aus reiner Wahrscheinlichkeit heraus zum gewalttätigen Übergriff aufgefordert fühlen, wurde bereits in den 1960er Jahren in den Blick genommen, um die Verantwortung der medialen Akteure herauszustellen.
• Die Kampagne und Parole „Enteignet Springer“: Nach dem rechten Mordanschlag auf Rudi Dutschke im April 1968 entstand auch der Slogan „BILD schoss mit“ und schließlich der Liedtext von Wolf Biermann „Drei Kugeln auf Rudi Dutschke“, in dem es heißt: „Die Kugel Nummer eins kam aus Springers Zeitungswald“.
• Die Kampagne „Stoppt die Nazi-Zeitungen“ im Jahr 1992 (siehe AIB Nummer 20b).
• Das Aktionsbündnis „NoCompact“ (2013 in Leipzig gegründet). 2017 wurde der Redaktionssitz von Compact in Falkensee mit einem riesigen roten Pin öffentlich markiert. Ein ganz ähnlicher roter Pin wurde im Jahr 2026 verwendet, um auf den Redaktionssitz von Nius in Kreuzberg hinzuweisen.