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"Bioregionalismus" von rechts

Einleitung

"Bioregionalismus" ist als eine Variante des schon im AIB-Einleitungs-Artikel erläuterten Regionalismus im Moment stark im Aufwind. Und das nicht nur von rechts, sondern auch in Teilen der Alternativ-Bewegung. "Bioregionalismus" ist bei Teilen der "Die Grünen" und der Veganer-Gruppierungen ebenso im Gespräch, wie bei den rechten "Unabhängigen Ökologen Deutschlands" (UÖD), welche erst kürzlich eine Arbeitsgruppe zu diesem Thema einrichteten.

Antifa Ökologie
(Foto: Julia Tulke; CC BY-NC-SA 2.0, flickr.com)

Im "Bioregionalismus" entsteht das Wunschbild einer Gemeinschaft ohne Klassenwidersprüche, dafür aber in ein ganzheitliches Konzept eingebunden.

»Bio (...) bezeichnet das gesamte Leben; (...) regional (...) bedeutet innerhalb einer physischen oder geographischen Grenze; (...)ismus ist der menschliche Beitrag; wo wir lernen, als Teil einer Bioregion zu leben und uns mit ihr zu verbinden (...)«.1 So definieren die Österreicher Eduard Guggenberger und Roman Schweidlenka2, welche 1995 das wohl umfassendste Buch zum Thema "Bioregionalismus"3 veröffentlichten die Bioregion.

Wurde »Regionalismus« schon im AIB-Einleitungsartikel näher erläutert; ist »Bioregionalismus» die »ökologische« Variante dieser Bewegung. Unter einer "Bioregion", welche als »Biophysischer Organismus« bezeichnet wird, verstehen Bioregionalisten dann kleine, von Flüssen, Wasserscheiden, Wüsten oder Bergen eingegrenzte Bereiche in denen sich das Leben angeblich in ganzheitlicher, friedfertiger und »natürlicher« Weise abspielt. 

Wichtigster Punkt, um dieses Gesellschaftssystem durchsetzen zu können, ist die spirituelle Dimension, welche angeblich den Menschen mit seiner Bioregion verbindet. Als Vorbilder der Bewegung werden Stammeskulturen (z.B. "Indianer") oder ein angeblicher »Uralter Lebensstil, der durch das Aufkommen patriarchaler Kriegergesellschaften gebrochen wurde» angeführt.4

Innerhalb das "Bioregionalismus" können zwei Begründungsstränge unterschieden werden, zum einen jener, der sich überwiegend auf die rein ökologischen Argumente konzentriert und seine Gesellschafts- und Handlungsperspektiven aus der Mischung eines mystisch verklärten Naturbildes und Untergangs-Visionen bezieht. Der zweite Strang konstruiert einen »natürlichen« also im Kern ererbten Zusammenhang des Menschen mit seiner Bioregion. Hier wird ein landschaftlich geprägter Charakter, ein Stamm, eine Volksgruppe, oder moderner formuliert: eine »Ethnie« konstruiert. 

Die Begründungsmuster sind nahezu identisch mit der »Blut und Boden« -Ideologie des NS. Wichtigster Bezugspunkt ist hier die (Volks) - Gemeinschaft.5 Das erklärt zumindest ein Heiner Gehring in seinem Beitrag "Bioregionalismus - Hoffnung für Natur und Volk« im "Rundbrief für ökologische Patrioten".6

Im "Bioregionalismus" entsteht das Wunschbild einer Gemeinschaft ohne Klassenwidersprüche, dafür aber in ein ganzheitliches Konzept eingebunden. 

Damit wir uns hier nicht missverstehen: Teile der Bioregionalisten träumen tatsächlich von einer klassenlosen Gesellschaft. Klassenkämpfe diese durchzusetzen, sieht ihr Konzept aber nicht vor. Alle jene mit Verfügungsgewalt über Produktionsmittel werden dann wohl irgendwann einsehen, dass ihr Tun und Trachten böse ist und damit auch sie als gute Menschen geachtet werden, ihren Reichtum und ihre Macht verschenken. Wie soll dieser bioregionalistische Traum einer klassenlosen Gesellschaft sonst verstanden werden? Oder anders gefragt: Wie leicht endet ein vorgeblicher Antikapitalismus ohne marxistische Analyse in den Träumen der Strasser-Brüder, des angeblich »linken Flügels« des Nationalsozialismus? 

Beide Konzepte, welche von den verschiedenen Strömungen der ökologischen Rechten, den "Nationalrevolutionären" und Teilen der Alternativ-Szene vertreten werden, widersprechen sich zum Teil und beinhalten verschiedene Ansatz und Gefahrenpunkte.

Die ökofaschistische Variante: "Über dem Volk steht das Land"7

"Über dem Volk steht das Land" ist die Überschrift eines Artikels von Heinz-Siegfried Strelow zum Thema "Bioregionalismus" in der UÖD-Verbandszeitschrift "Ökologie - Zeitschrift für Natur und Heimatschutz". Ein Heinz-Siegfried Strelow (Sehnde) brachte bereits 1988 die Publikation "Aus alter Zeit. Sagen und historische Bräuche zwischen Grossem Freien und Borsumer Kaspel" heraus und dürfte mit diesem Fokus gut im (rechten) "Bioregionalismus" ankommen. Als Bundessprecher der rechten "Unabhängigen Ökologen Deutschlands" (UÖD) brachte auch Heinz-Siegfried Strelow die rechte Öko-Strömung in die Öko-Szene. 1991 veranstaltet die UÖD zum Beispiel ein Seminar zum Thema »Ökologen und Heimatschützer in einem Boot« mit ultra-rechten Funktionären wie wie Uwe Meenen ("Junge Nationaldemokraten") und Siegfried Bublies (Zeitschrift "wir selbst").

Der Grundsatz "Über dem Volk steht das Land" stellt sehr gut die Prioritäten dieser Richtung dar. 

Nicht das menschliche Wohl steht hier im Mittelpunkt, sondern mittels Untergangs-Szenarien werden autoritäre Maßnahmen und Strukturen gefordert, damit »Gaja«, die belebte Erde überleben kann. Feindbild sind dabei fast alle Menschen, insbesondere aber die »Moderne Welt« gegen die revoltiert wird. Im Kampf gegen diese werden sämtliche demokratischen Errungenschaften über Bord geworfen. »Ökologische Fürsten« werden nicht nur von Heinz-Siegfried Strelow in "Ökologie - Zeitschrift für Natur und Heimatschutz"8, sondern auch von dem früheren konservativen Grünen-Politiker Rudolf Bahro gefordert, welcher auch gleich noch einen »Grünen Adolf» haben will: "Eigentlich ruft es in der Volkstiefe nach einem grünen Adolf. Und die Linke hat davor nur Angst, anstatt zu begreifen, daß ein grüner Adolf ein völlig anderer Adolf wäre als der bekannte. […] Die Linken, und die extrem ‚linken Linken‘, sind nie über Abwehrmechanismen und Ressentiments gegen dieses Moment der Wirklichkeit hinausgekommen. Sie haben das nie akzeptiert.“9 und eine Art "Öko-Diktatur"10 werden herbeigerufen.

Weiterer zentraler Feind sind all jene, welche als »Über«-Bevölkerung definiert werden. So äußerte sich der US-Umweltaktivist Dave Foreman, einer der Vordenker von "Earth First", in einem Interview folgendermaßen: »Das Schlimmste, was wir in Äthiopien machen können, ist helfen - das Beste, die Natur ihre eigene Balance finden und die Leute dort einfach verhungern lassen.«11 Gastkommentare von Haimo Schulz Meinen aus dem Kreis um "Earth First" in "Ökologie - Zeitschrift für Natur und Heimatschutz" weisen auf punktuelle Allianzen zwischen braunen Ökologen und radikalen Umweltgruppen hin.

Allerdings sind dies keine neuen grün-braunen bis öko-faschistischen Gedanken, schon der grün-braune Politiker Herbert Gruhl (CDU, Grüne, ÖDP, UÖD) vertrat ähnliches. So schrieb er in seinem Buch "Ein Planet wird geplündert", dass die Einwanderungspolitik der „europäischen Völker“ eine „sagenhafte Dummheit“ sei. Jetzt also nur neu aufgegossen als "Bioregionalismus". Das Zauberwort im Bereich »Überbevölkerung« heißt hier »carrying capacity« und bedeutet »die Tragfähigkeit einer Region in Bezug auf menschliche Bevölkerung«.12 Wer den da nun über ist, bleiben darf oder eventuell verhungern muss: »Die Bioregionalisten werden es bestimmen«13. In Verbindung mit den Aussagen von Dave Foreman, welcher sich und seine »Kriegergesellschaft« namens "Earth First" als »die Wildnis, die sich selbst verteidigt«14 definiert, erscheint das trotz der Berechtigung von radikalem Umweltschutz als politisch problematischer Ansatz.

»Traditioneller Regionalismus« contra "Bioregionalismus"...

lautet die Antwort, welche hingegen Peter List in dem Artikel »Versuchung oder Chance? Bioregionalismus und Volkstreue Politik« aus Sicht der »nationalrevolutionären« Kräfte in der BRD zum Thema zum Besten gibt. Er publiziert hierfür in der Reihe "Junges Forum", in welcher die "nationalrevolutionäre" geprägte "Deutsch-Europäische Studiengesellschaft" (DESG) Grundlagen zur Aktualisierung des ideologischen Fundaments des Rechtsextremismus liefert. 

Im "Junges Forum"-Heft kritisiert er den »Biozentrismus« der anderen Strömung. Die reine Orientierung an der Natur würde zu einer »universalistischen Vergewaltigung von Völkern« führen, da die ethnischen Grenzen nun mal nicht entlang der Grenzen der Bioregionen verlaufen würden. So würden, wenn z.B. die Pyrenäen zur Bioregion erklärt würden, Teile der dort lebenden Basken mit Katalanen und Okzitanieren zusammengefasst. Diese »Multikulturelle Vermischung«, also die Nichtbeachtung der angeblichen ethnischen Identität, wird als Ausdruck der »melting-pot« Einstellung des amerikanischen "Bioregionalismus" gedeutet, welcher, wenn er Akzeptanz in Europa finden würde, die hier noch bestehenden regionalen und nationalen Identitäten zerstören würde. Ursache in den USA sei die Entwurzelung der weißen Mittelklässler welche dort Träger der bioregionalistischen Bewegung seien. Diese sind angeblich weder spirituell noch kulturell dort verwurzelt und versuchen sich an den ihnen »artfremden» Traditionen der "Indianer" zu orientieren, was aber aufgesetzt und künstlich bleiben müsse, da ihnen diese wesensfremd seien und blieben. Allerdings stellen sich, nach Meinung des Autoren »die Verhältnisse in Europa völlig anders dar (...) über viele Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg gewachsen sind (hier) (...) Grenzen, politische Schicksalsgemeinschaften und Nationalstaaten«.15 

Hier "Bioregionen" zu bilden würde nur die Nationalstaaten und die ethnischen Identitäten zerstören, ganz besonders sehe die Situation selbstverständlich in Deutschland aus. »Die Frage nach der kulturellen Identität (...) kann in Deutschland nicht mehr primär regional, sie muß vielmehr national beantwortet werden.« Denn »Unsere Heimat ist zunächst einmal Deutschland!« Begründung für die nicht regionale sondern nationale Identität ist die »Eingliederung vieler Millionen deutscher Flüchtlinge und Vertriebener«16 und die durch den Kapitalismus erzwungene berufliche Mobilität. All das habe zu einer Durchmischung innerhalb der Deutschen geführt. Somit füge sich quasi »natürlich« eine Art Grossdeutsches Reich zusammen. 

Hört sich dies alles wie eine unversöhnliche Position gegen den "Bioregionalismus" an, findet der Autor doch zu bioregionalistisch und gesellschaftlich breit akzeptierten Positionen zurück. Sieht doch auch er einen brauchbaren Kern, dessen Weiterentwicklung lohnt, denn »Die Nation braucht (...) auch regionale Wurzeln.«17 

Letztendlich erhofft auch er sich den Transport ethnischer Vorstellungen und Selbstdefinition durch den populären, alternativ angehauchten "Bioregionalismus". Geht doch auch dieser von einer wie auch immer gearteten notwendigen Identität und der Verwurzelung der Individuen und Gesellschaften aus. Weiterer gemeinsamer Nenner ist die Betonung des Mystischen und Spirituellen. So fordert der »Nationalrevolutionär« Peter List den Wesensgehalt der »heidnische Religion unserer Vorfahren (...) in die Mythen und Riten des kommenden Jahrhunderts einzubringen.«18

Hi oder Her

Ob nun ethnischer oder ökologisch begründeter "Bioregionalismus", beide Varianten versprechen eine intakte Welt und Natur, ohne je zu klären, was diese »intakte Natur» sein soll, betrachten sie doch zum Teil jeden menschlichen Eingriff als Zerstörung. Nicht, dass wir glauben, die Zerstörung der Tier- und Pflanzenwelt, wie sie im zur Zeit betrieben wird, solle so weiter gehen, aber mit »Verwurzelung» ist unserer Meinung nach nichts gewonnen. Bestes Beispiel sind wohl die Bergbauern, welche fest »verwurzelt« mit Land, Geschichte und Tradition doch ihre Berghänge in Skipisten umwandelten, um Geld zu verdienen. 

Auch wenn Bioregionalisten immer gegen »Konzerne« wettern, tasten sie den Besitz von Produktionsmitteln, den Kern des Kapitalismus nicht an. Statt dessen phantasieren sie sich eine mittelalterlich anmutende Stände-Gesellschaft von Bauern, Handwerkern und kleinen Händlern. Dass auch diese Gesellschaftsformen, wenn es in ihnen auch nicht in dem Maß die Möglichkeiten zur Umweltzerstörung gab, wie in der Industriegesellschaft, keine »freien« war, wird dabei nicht erwähnt. Dass regionale Gremien zwar schön aber bedeutungslos sind, solange durch wirtschaftliche Notwendigkeiten, durch die Logik des kapitalistischen System eh die alten Zwänge weiterbestehen, scheint im "Bioregionalismus" komplett übersehen zu werden. Dort träumt man lieber davon, dass sich Fuchs und Hase "Gute Nacht" sagen, die Menschen ausgestorben sind oder gar davon, dass es doch noch zum "4. Reich" mit Agrarromantik und Großfamilien reichen wird.

  • 1

    Gugenberger / Schweidlenka: Bioregionalismus - Bewegung für das 21. Jahrhundert, Packpapier Verlag, Osnabrück 1995, Seite 10.

  • 2

    Bekannt wurden sie durch ihre Bücher zum Thema "New Age" und Heidentum, in denen sie verdienstvoll die recht(sextrem)en Verbindungen aufdecken. Allerdings wird ihnen vorgeworfen, damit nur eine Kritik an der esoterischen Gesamtbewegung abwehren zu wollen.

  • 3

    Gugenberger / Schweidlenka: Bioregionalismus - Bewegung für das 21. Jahrhundert, Packpapier Verlag, Osnabrück 1995

  • 4

    Die Diskrepanz von weiblicher Emanzipation aus dem Rollenverhalten und den festgefügten Rollen in den Stammesgesellschafen wird hier nicht thematisiert.

  • 5

    vgl. Heiner Gehring: »Bioregionalismus - Hoffnung für Natur und Volk« in "Rundbrief für ökologische Patrioten" Nummer 4 Dezember 1995, S. 1

  • 6

    Ein Heiner Gehring gründete ansonsten auch die „Innere Erde Gemeinschaft“ (IEG) -vermutlich mit Bezug auf die "Hohlwelttheorie"- und veröffentlichte Schriften zum Thema „Flugscheiben“ - was eine Art Nazi-UFOs sein sollen.

  • 7

    Titel eines Artikels von Heinz-Siegfried Strelow zum Bioregionalismus in »Ökologie« 1/1996, Seite 13. Eine eigentlich für die "Unabhängigen Ökologen" untypische Aussage, sind diese doch zumeist dem Ethnischen Ansatz verpflichtet.

  • 8

    "Ökologie - Zeitschrift für Natur und Heimatschutz" 1/1996 Seite 23.

  • 9

    So Bahro 1990 in der Zeitung "Junge Welt"

  • 10

    Wolgang Venohr: »Der Ökostaat kommt bestimmt« in Junge Freiheit 5/1992

  • 11

    zitiert nach Ulrike Heider »Die Narren der Freiheit«, Berlin 1992, Seite 114, gefunden in »Bioregionalismus und Tiefenökologie« von Peter Bierl in "Ökolinx" Nrummer 23, S. 36-47.

  • 12

    Gugenberger, Eduard / Schweidlenka Roman: Bioregionalismus, Osnabrück 1995, S.189

  • 13

    Gugenberger, Eduard / Schweidlenka Roman: Bioregionalismus, Osnabrück 1995, Seite 123

  • 14

    Gugenberger, Eduard / Schweidlenka Roman: Bioregionalismus, Osnabrück 1995, Seite 100

  • 15

    Peter List: »Versuchung oder Chance? - Bioregionalismus und volkstreue Politik«, Junges Forum 3-4/ 1996 Hamburg, S. 11

  • 16

    Peter List: »Versuchung oder Chance? - Bioregionalismus und volkstreue Politik«, Junges Forum 3-4/ 1996 Hamburg, Seite 14

  • 17

    Peter List: »Versuchung oder Chance? - Bioregionalismus und volkstreue Politik«, Junges Forum 3-4/ 1996 Hamburg, Seite 16.

  • 18

    Peter List: »Versuchung oder Chance? - Bioregionalismus und volkstreue Politik«, Junges Forum 3-4/ 1996 Hamburg, Seite 19.