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Das braune Netzwerk im Ostharz

Einleitung

Der Ostharz, speziell das Städtedreieck Quedlinburg-Wernigerode-Halberstadt, hat in den letzten Jahren große Bedeutung für die deutsche NS-Szene erlangt. Das ist vor allem auf das dort bestehende engmaschige Netz der verschiedensten neo-faschistischen Gruppen und Organisationen zurückzuführen, welche strömungs- und organisationsübergreifend zusammenarbeiten, um dadurch ihre politische Schlagkraft zu erhöhen.

Steffen Hupka Worms

Steffen Hupka (rechts neben der Fahne) beim "Rudolf Heß Marsch" in Worms.

Die wichtigste Rolle in der Region spielt zweifellos das sogenannte Zellensystem der "Sozialrevolutionäre Arbei­ter­front" (SrA), das zeitweilig auch als "Direkte Aktion Mitteldeutschland / JF" auftrat. Zu den herausragenden Personen der SrA gehören der Berliner Andreas Pohl und der 1993 nach Quedlinburg gezogene Steffen Hupka. Vor allem die SrA forcierte die Bestrebungen der militanten Neonaziszene, sich in "Unabhängigen Kameadschaften" (Zellen) zu organisieren. Unabhängig sind die einzelnen Zellen jedoch nur nach außen. Intern sind sie streng hierarchisch in mehreren Ebenen organisiert. Diese Ebenen reichen von der einfachen Ortsgruppe bis hin zur Organisationsleitung. Die SrA verwirklichte dieses Prinzip vor allem in Brandenburg und im Harz.

Im Harz wurde die gesamte Aufbauarbeit von Steffen Hupka geleistet. Demzufolge lässt sich die Gliederung dieses Systems hier auch entsprechend gut nachvollziehen. Die Zellen in den einzelnen Städten treten unter Namen wie »Aufbruch« (Blankenburg), »Radikale Offensive Wernigerode«, »Harzer Heimatschutz« (Thale), oder »Unabhängiger Arbeitskreis« (Quedlinburg) auf, um durch die unterschiedlichen Namen ihre Zusammengehörigkeit zu verschleiern. Getreu der Richtlinie der SrA benennen sich die einzelnen Zellen auch situationsbedingt um. Der »Unabhängige Arbeitskreis« trat in der Vergangenheit beispielsweise als »Freundeskreis Unabhängige Nachrichten«, »Unabhängiger Freundeskreis«, »Komitee für Demokratie und Meinungsfreiheit« oder als »Bürgerinitiative gegen Antifa-Gewalt« auf. Regional vernetzt sind die einzelnen Zellen in der sogenannten »Harzfront«, welche somit eine höhere Ebene innerhalb des SrA-Zellensystems darstellt. In ihr sind rund 80 Neonazis organisiert.

Die politische Arbeit der einzelnen Kameradschaften manifestiert sich einerseits in massiver Propagandatätigkeit, in Schulungen, Kameradschaftsabenden und natürlich Wehrsport. Die oftmals anlassbezogene Propaganda umfasst neben den einschlägigen Materialien der SrA auch Propagandamaterial der »Unabhängige Nachrichten«, des »Schutzbund für das Deutsche Volk« und vor allem im letzten Jahr der NPD-Jugend »Junge Nationaldemokraten«.

Die Vernetzung mit anderen Gruppierungen wird auf gemeinsamen Schulungen vorangetrieben. So fand Anfang April 1995 eine Veranstaltung zum »richtigen« Verhalten bei Hausdurchsuchungen und anderen Rechtsproblemen in Quedlinburg statt. An diesem Schulungstreffen nahmen ca. 50 Neonazis aus den verschiedensten Regionen teil. Unter ihnen z.B. Lars Burmeister (ex-FAP-Chef von Berlin), Frank Schwerdt (Die Nationalen e.V./Berlin) und Thorsten Heise (ex-FAP/Niedersachsen). Organisator der Veranstaltung war Steffen Hupka. Es standen in der Vergangenheit jedoch auch andere Themen auf dem Schulungskalender, wie z.B. »Heidentum/Artglaube«, »Nationalismus« und »Anti-Antifa«.

Der Kreis der fest organisierten Neonazis umfasst in Quedlinburg ca. 30 Personen. Das Umfeld um diesen harten Kern ist um einiges größer. Damit dieses Umfeld bei der Stange bleibt und sich nicht entpolitisiert, wird es durch Konzerte und (militante) Aktionen weiterhin bei Laune gehalten. Entsprechend der Präsenz der Neonazis in der Region kommt es häufig zu Übergriffen. So wurde das alternative Kulturzentrum »Reichenstraße 1« in Quedlinburg schon häufig von Neonazis attackiert. Zuletzt wurde es Himmelfahrt 1996 angegriffen, als ca. 40 Neonazis das im Haus befindliche Cafe total verwüsteten und einen Schaden von 15.000 DM anrichteten. Doch nicht nur alternative Projekte sind Ziel der Neonazis. Bereits sechs Wochen später griffen Quedlinburger Neonazis die städtische Obdachlosenunterkunft an und verletzten mehrere Menschen.

Die »Radikale Offensive Wernigerode« (ROW) und ihr Umfeld stehen den Quedlinburger Neonazis in nichts nach. Die ROW hat ihre Ursprünge in der früheren Wernigeröder FAP-Kameradschaft, die mit ca. 120 Mitgliedern und Symphatisantlnnen, den größten FAP-Kreisverband darstellte. Nach dem Verbot der FAP organisierte sich der größte Teil der FAP'lerInnen in der ROW. Als legales Standbein - die FAP konnte durch ihren Parteienstatus in Wernigerode immer wieder Veranstaltungen in öffentlichen Räumen durchführen - wurde zeitgleich der Verein »Jugendbund e.V.« gegründet. Mit dem umgangssprachlich als "Jugendbund e.V." bezeichneten Verein dürfte der offizielle Verein "Jugendbund Wernigerode e.V." gemeint sein. Der "Jugendbund Wernigerode e.V." wurde im September 1994 gegründet. Vorsitzender wurde Marcel Günther (Wernigerode). Sven Schade (Wernigerode) und Rene Bollmann (Benzingerode) wurden seine Stellvertreter. Der »Jugendbund« hat sich laut Vereinssatzung »Jugendarbeit« und »Bewahrung deutscher Kultur« zum Ziel gesetzt. Des weiteren sollte der Gründung einer vereinseigenen »OI-Band« gefördert werden. Letzteres wurde im Februar '95 mit der Gründung der Band »SEK« ("Skinhead Einsatzkommando") verwirklicht. Die Band kann mittlerweile auf einige regionale Konzerte zurückblicken. Viele dieser Konzerte fanden im Wernigeröder Jugendclub »Harzblick« statt, welcher vom »Jugendbund« okkupiert wurde. Im April 1995 fand dort auch ein Konzert der Magdeburger RechtsRock-Band »Doitsche Patrioten« statt. 

Unter den ca. 100 Besucherinnen waren unter anderem die beiden Naziführer Steffen Hupka und Thorsten Heise, die in der Region arbeitsteilig vorgehen. Hupka koordiniert die politische Arbeit und ist ideologischer Kopf - Heise bindet das (militante) subkulturelle Umfeld, da er auf Neonazi-Skins und militante Neonazis authentischer wirkt als der eher "biedere" Hupka. Diese Arbeitsteilung hat bewirkt, dass sich immer mehr Neonaziskins aus der Region jetzt im "Hammerskin" oder "Blood & Honour"-Netzwerk wiederfinden. Als "Hammerskins" oder "Blood & Honour" Anhänger findet bei ihnen die für ihre Führer ideale Verbindung von Subkultur und neofaschistischer Politik statt. Eine eine der zentralen Figuren in den Netzwerken der "Hammerskin" und "Blood & Honour"-Szene im Harz gilt auch Marcel Günther, der Vorsitzende des "Jugendbund e.V." Über Günther laufen laut Berichten aus der rechten Subkultur die meisten Kontakte zu anderen "Hammerskins" oder "Blood & Honour"-Anhängern und entsprechenden Fanzines bis nach Großbritannien, Frankreich und in die USA.

Im September 1994 ging aus verschiedenen »Nationale Stammtischen« der »Deutsche Freundeskreis Nordharz« (DFN) hervor. Dieser vereint nach eigener Aussage das gesamte Spektrum vom »gemäßigt-patriotisch bis radikal-nationalistisch gesinnten Menschen«. Neben der FAP, SrA, Deutsche Liga und der NPD/JN sind noch etliche mehr oder weniger organisierte Neonazis, aber auch »national-konservative« und REP-SymphatisantInnen im DFN organisiert. Der Vorsitzende des stark am »Bund Frankenland« orientierten DFN ist Frank Ahrens. Unter dem Dach der »Deutsche Volksfront« ist der DFN gut mit dem »Bund Frankenland« vernetzt. 

Mitglieder des DFN nehmen an den verschiedensten Neonazi-Veranstaltungen im In- und Ausland, wie dem »Ijzerbedevaart« 1995 in Diksmuide in Belgien, teil. Bei dem »Ijzerbedevaart« war der DFN mit rund 20 Neonazis aus Halle, Sangerhausen Wernigerode und Hettstedt vertreten. Bereits 1994 war Steffen Hupka in Diksmuide mit einem Infostand vertreten, wo er neben seinen ersten »Umbruch«-Ausgaben auch den »Nordharz Info-Dienst«, die DFN-Publikation, präsentierte.

Einen nicht unerheblichen Teil im »Nordharz Info-Dienst« nimmt die Anti-Antifa-Kampagne ein. Die Anti-Antifa-Arbeit im Ostharz wird jedoch hauptsächlich von der SrA geleistet. So wurden in einem Flugblatt des »Unabhängigen Arbeitskreis« die Quedlinburger BürgerInnen zur Mitarbeit in der »Bürgerinitiative gegen Antifa-Gewalt« aufgefordert. In diesem Flugblatt
wurden mehrere Antifas aus Quedlinburg namentlich denunziert.

Eine Arbeitsteilung findet auf diesem Gebiet mit der »Anti-Antifa Infogruppe Naumburg« der ehemaligen Aktivisten der Gruppe »Deutsche Nationalisten« (DN) Sascha Chaves-Ramos und Ilias Casteas statt. Chaves-Ramos und Casteas versuchten in Quedlinburg antifaschistische Veranstaltungen durch die Anmeldung von Gegendemonstrationen zu verhindern.

Im »Umbruch« konkretisiert Hupka seine bereits auf mehreren Veranstaltungen vorgestellten Strategien zum »Referat Sicherheit«. Die sogenannten »Volksfeinde« sollen systematisch nach verschiedensten Kriterien registriert werden, was auf die geplante Schaffung einer Datenbank schließen lässt. 

Der Grundstein für die Auswertung dieser Daten, wurde bei der »Arbeitstagung Umbruch« vom 22. bis 24. April 1994 im "Jugendgästehaus" in Blankenburg (Landkreis Wernigerode) gelegt. Hier hatte Hupka für einen "Bund für Kultur- und Heimatpflege e.V." die Räumlichkeiten angemietet. Die Themen der Arbeitstagung, an der 13 Neonazi-Kader aus den verschiedensten Bundesländern teilnahmen, waren: "Bundesweites informelles Kadernetz, Informationsfluss (Tele-Systeme, Mailbox, eigener Postdienst) und Mobilisierung, Koordinierung, Projekte (Schülerzeitung, Musikbereich, allgem. Agitation)". 

Doch Hupkas Aktivitäten im Bereich "Anti-Antifa" beschränken sich nicht nur auf das Sammeln von Daten. Im »Umbruch« beteiligte er sich an der Diskussion zum Aufbau von »Werwolfzellen«, welche auf direkten Befehl einer "Organisationsleitung" Aktionen womöglich auch Terrorakte gegen den »Mittelbau des Systems« verüben sollen. In Wernigerode trifft man auf mutmaßliche Anhänger dieser "Werwolf"-Planungen. Henrik M., ehemaliger FAP-Funktionär, findet sich auf der "Status-88-Liste" (»ST88«) in einem Partei-Adressarchiv der »Nationalistische Front« (NF) wieder. Die 70 bis 101 Personen sollen nach Einschätzung von Fach-AutorInnen womöglich dem Kreis eines "Nationalen Einsatz Kommandos" (NEK) oder einer anderen militanten "Werwolf"-ähnlichen Struktur zugerechnet werden können. Auffällig ist, dass viele "Kameraden" Mühlbachs quasi gleichzeitig mit ihm von der politischen Bildfläche verschwanden. Das entspräche Hupkas Konzept. Dieser schreibt im »Umbruch«: »Es muß hier eine sinnvolle Arbeitsteilung stattfinden: bekannte Aktivisten sollten die Dinge erledigen die nachwievor notwendig sind (...) Die anderen sollten sich von den bekannten rechten Gruppierungen fernhalten, der geringste Kontakt kann schaden.« Letztere Gruppe könnte dann womöglich zuständig sein für die "Untergrund"-Aktivitäten, quasi für die Terrorakte eines "Werwolf" - so die Überlegungen mancher militanten Neonazi-Strategen. In diesem Zusammenhang erscheint auch der von Henrik M. und zwei seiner "Kameraden" verübte Brandanschlag auf ein linkes Projekt in Wernigerode in einem ganz anderen Licht. Henrik M. der wegen des Brandanschlags im Gefängnis saß, ist mittlerweile wohl ausgebrochen und Gerüchten zufolge im Ausland untergetaucht. 

Ende Oktober 1995 führte die Polizei in Wernigerode und Quedlinburg mehrere Razzien durch. Bei Steffen Hupka wurde die Hausdurchsuchung mit dem Verdacht auf Weiterführung der verbotenen NF und dem Aufbau einer Art "Werwolf"-Struktur begründet. 

Alles in allem hat die extrem recht Organisierung im Ostharz für andere Regionen durchaus Vorbildcharakter. Die Verbindung der verschiedensten neofaschistischen Strömungen und Organisationskonzepten, von "Blood Honour"/"Hammerskins" bis zu "Terrorzellen", von der SrA bis zur JN, dürfte wohl relativ einmalig sein. Dazu versucht die NS-Szene auch ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen. Steffen Hupkas Fensterfirma »FEBA« (»Fenster und Türen im Altbau«) ist da sicher nur ein Anfang.

Die Verschiebung des gesellschaftlichen Klimas im Ostharz ist oftmals spürbar. Rassistische und nationalistische Tendenzen in der Bevölkerung verstärken sich. Bei Betrachtung der Fakten scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Nazis den Ostharz als »Befreite Zone« ausrufen können. Das »Befreite Zonen"-Konzept ist eine Strategie aus Kreisen der JN, die die Erringung der kulturellen Hegemonie und der wirtschaftlichen Unabhängigkeit durch die Neonazis in bestimmten Regionen vorsieht. Genaueres siehe AIB Nr. 34, S. 27ff.