Theodor Oberländer: "Mörder leben länger"
Ein später antifaschistischer Besuch bei dem »Vordenker der Vernichtung« Theodor Oberländer
Im November 1959 kam es zu einer Protestkundgebung gegen Theodor Oberländer in West-Berlin. 1996 demonstrierten Antifas in Bonn vor seinem Haus.
»Die Geschichte, die nicht vergehen will«, kehrte am 29. Juni 1996 nach genau 55 Jahren vor die Haustür eines vielfachen Mörders namens Theodor Oberländer zurück. Über 100 Antifas aus mehreren Städten fanden sich in Bonn vor seinem Haus ein. Das politische Ziel der Aktion formulierte ein Redner zu Beginn der Aktion so: »Wir wollen diesem Mörder, der nicht mal freiwillig zur Hölle fährt, ein klein wenig die Ruhe nehmen für seinen Lebensabend mit dickem Pensionsanspruch. Wir sind heute hier, weil der Schwur der Buchenwald-Gefangenen, die Kriegsverbrecher zur Verantwortung zu ziehen, auch unsere Sache ist. Wir sind stellvertretend für die hier, die ihr Leben lang darunter gelitten haben, die nicht vergessen konnten und wollten, weil Nacht für Nacht in ihren Träumen die Vergangenheit wieder lebendig wurde.«
Bevor sich die Leute genauso schnell verzogen, wie sie aufgetaucht waren, versahen sie die Fassade mit Parolen sowie Farbbeuteln. Die Polizei konnte nicht eingreifen, da die Einsatzkräfte zuvor offenbar fehlgeleitet wurden und vor Ort nicht genug Beamte zusammen gezogen werden konnten.
Oberland war seit seiner Jugend in völkischen Kreisen ("Gilde Greif", "Bund Oderland" u.a.) unterwegs. Nachdem er 1932 erfolglos zum "Reichsleiter" der "Deutschen Gildenschaft" kandidiert hatte, spaltete er die "Hohnsteiner Arbeitsgemeinschaft Deutscher Hochschuldgilden" (HAG) ab, für die er als „Beauftragter“ tätig war. Oberländers Nazi-Weg begann schon 1923 als Teilnehmer am "Hitlerputsch" und führte ihn 1933 als NSDAP-Mitglied und Professor und "Ostforscher" an die Königsberger Universität, an der er federführend im "Institut für osteuropäische Wirtschaft" die nazistische Bevölkerungspolitik konzipierte und plante. 1938 wurde er "Obersturmführer" in der SA.
Schon 1937 attestierte er eine »Überbevölkerung« von neun Millionen allein in Polen, die nur durch »Verdrängung« und »Aussiedlung« zu beheben sei. In der NS-Zeitschrift »Neues Bauerntum« des SS-Oberführers Konrad Meyer schrieb er 1940: »Die Eindeutschung der Ostgebiete muß in jedem Falle eine restlose sein. Solche Maßnahmen vollständiger Aus- und Umsiedlung mögen für die Betroffenen hart erscheinen. (...) aber eine einmalige Härte ist besser als ein durch Generationen währender Kleinkampf«.
Der Theoretiker wechselte in der heißen Phase der Kriegsvorbereitung in die Praxis. Als Offizier in der »Abwehr« war Oberländer am 29. Juni 1941 bei dem Einmarsch der Wehrmacht in Lwow (Lemberg) als politischer Kommissar mit dabei. Der »Volkstumsexperte« hatte schon im Vorfeld ganze Arbeit geleistet und aus ukrainischen Nationalisten, die sich um Степан Бандера (Stepan Bandera) sammelten, die Sondereinheit »Bataillon Nachtigall« zusammengestellt. Die Ukrainer in deutscher Wehrmachtsuniform sollten nicht kämpfen, sondern die Stimmung gegen die »jüdisch-bolschewistischen Unterdrücker« anheizen und morden. Oberländers Aufgabe bestand darin, Kollaboration und Pogrome zu organisieren und dies tat er unter Ausnutzung anti-sowjetischer Ressentiments, die in der sowjetischen Besatzungszeit nach dem Hitler-Stalin Pakt durch das verschleppen tausender mutmaßlicher Staatsfeinde entstanden waren. Noch am Tag des Einmarsches teilte die Sondereinheit auf in ukrainisch und polnisch verfassten Flugblättern mit, dass jüdische Bolschwiken für die toten Ukrainer verantwortlich seien. »Die Agitation fiel auf fruchtbaren Boden. In brüllenden und johlenden Zügen schleppten große Menschenmassen Hunderte und Aberhunderte Menschen in die Gefängnisse. Die Juden mussten für die während der Russenzeit ermordeten Gefangenen Gräber schaufeln. Dann mussten sie für sich selbst die Gräber ausheben.« Parallel dazu führten Oberländers »Nachtigallen« unmittelbar nach dem Einmarsch eine mit genauen Listen vorbereitete Liquidation von polnischen und jüdischen Intellektuellen durch. Der "Erfolg" der Pogrome war »überwältigend«. In Zusammenarbeit mit der aufgehetzten Bevölkerung ermordete das Bataillon »Nachtigall« unter Oberländers Aufsicht über 5000 Menschen.
Ausgehend von diesen Erfahrungen wurde Oberländer 1942 mit der Führung des Bataillons »Bergmann« im Kaukasusgebiet betraut. Auch hier gelang es ihm mit Hilfe von »fremdvölkischen Truppen«, die in den Dienst der Wehrmacht gezwungen wurden, einen effizienten Ausrottungsfeldzug gegen PartisanInnen und die dortige Bevölkerung zu organisieren.
Die verbrecherische Vergangenheit wurde Oberländer im Nachkriegsdeutschland nicht etwa zum Verhängnis, sondern ermöglichte ihm eine neue Karriere in der Bundeshauptstadt der jungen BRD zu beginnen. Als Funktionär der Partei "Gesamtdeutscher Block / Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten" wurde er 1953 von Konrad Adenauer (CDU) ins Kabinett geholt. 1956 trat er schließlich der CDU bei und wurden am 20. März 1956 auch Mitglied der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Oberländer war von 1958 bis 1964 Vorsitzender des CDU-Landesverbandes Oder-Neiße. 1958 trat er der wiedergegründeten "Deutschen Gildenschaft" wieder bei. Er engagierte sich auch in der neonazistischen "Gesellschaft für freie Publizistik" (GfP) und im völkischen "Verein für das Deutschtum im Ausland" (VdA). 1981 trat er als Mitunterzeichner des rassistischen "Heidelberger Manifest" in Erscheinung.
Der Bundesregierung Minister mit »tiefbrauner Vergangenheit« wurde erst 1960 nach einer erfolgreicher internationalen Protest Kampagne aus dem Ministeramt entfernt. Das oberste DDR-Gericht hatte Oberländer im selben Jahr in Abwesenheit zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt. Die Urteilsbegründung: »fortgesetzter Mord, fortgesetzte Anstiftung zum Mord in Lemberg, Satanow, Tarnopol, Kaukasus«. Oberländer gelang es, das DDR-Urteil nach der Wiedervereinigung als DDR-Unrechtsurteil kassieren zu lassen.
Der 92jährige ist bis heute in der Braunzone zwischen CDU/CSU und organisierten Neonazis aktiv und empfängt Rechte bis extreme Rechte aus dem "Junge Freiheit"-Umfeld, den Revanchisten-Verbänden und der »Antikommunistischen Weltliga« des CDU-Politikers Wolfgang Schall.
Seit mehreren Monaten ermittelt nun die Staatsanwaltschaft gegen ihn, da er 1942 laut Zeugenaussagen eigenhändig einer gefangenen Lehrerin, die keine Verbindung zu den Partisanen preisgeben wollte, nahe der kaukasischen Stadt Kislowodsk in die Brust geschossen haben soll.