Bundeswehr-Planungen: Kanonenboote gegen Osten?
Krisenszenarien - Neue Aufgaben für die Bundeswehr in Ost-Europa? Bundeswehr-Strategen publizieren hierzu im Blatt "Europäische Sicherheit" (ES).
Hartmut Bagger fordert "durchsetzungsfähige und schlagkräftige Streitkräfte".
Krisenszenarien - Aufgaben für die Bundeswehr
Der Sektionsleiter im "Bundesministerium für Landesverteidigung" in Wien, Erich Reiter, benennt in einem Artikel der Zeitschrift "Europäische Sicherheit" (ES) die Gründe für den Betritt Österreichs in EU und NATO: »(...) Entgegen pazifistischen Erwartungshoffnungen hat ein (...) Wettlauf um die künftigen Einflußbereiche im ehemaligen Osteuropa bereits eingesetzt (...)«1 Er ergänzt: »(...)Wobei sowohl innerhalb der EU als auch als auch im Sinne nationalstaatlicher Politik künftig die Rolle Deutschlands beachtet werden muß (...)«.1 Hartmut Bagger, Generalinspekteur der Bundeswehr, schreibt in der selben halb-staatlichen Fachzeitschrift: »(...) Durchsetzungsfähige und schlagkräftige Streitkräfte sind (...) heute und in der Zukunft unabdingbar. Sie schaffen den Rahmen, in dem sich Politik gestaltend und bewahrend den Herausforderungen der Zukunft stellen kann (...)«2
Nein, es ist unwahrscheinlich, dass sie noch einmal den gleichen Fehler begehen und versuchen, Osteuropa militärisch zu erobern. Und doch spielen militärische Konzepte eine wichtige Rolle in der Osteuropapolitik der BRD-Führung. Es gilt, das Risiko für deutsche und andere westeuropäische Investoren zu minimieren, es gilt die Versorgung mit Rohstoffen sicherzustellen und es gilt potentielle MigrantInnen und Flüchtlinge fern zu halten. In letzter Konsequenz bedeutet dies auch, sich eine militärische Option offen zu halten, wenn es in Gebieten, in denen deutsches und EU-Kapital expandiert, kriselt, die Wege bzw. Abbaugebiete der Rohstoffe unsicher werden3 und Flüchtlingsbewegungen zu erwarten sind.
Ethnisch aufgeladene soziale Krisen sind in den ehemaligen Staaten des »Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe« (RGW)4 und der »Warschauer Vertragsorganisation« (WVO)5 nicht unwahrscheinlich. Es gilt die Tendenz: Je weiter östlich, desto höher die Konfliktwahrscheinlichkeit. Tschetschenien dürfte nur ein Wetterleuchten zukünftiger, regional zu begrenzender Krisen im alten und neuen deutsch-europäischen Hinterhof Osteuropa sein, denn die Regionen östlich des Baltikums sind auf dem Weg in soziale, politische und ökonomische Zustände, wie sie für Staaten der sogenannten 3.Welt kennzeichnend sind.6
Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Hartmut Bagger, sieht dem entsprechend auch folgendermaßen in die Zukunft: »(...) Zu den für Europa relevanten Einflußgrößen zähle ich zunächst ungelöste territoriale und ethno-soziale Probleme, die rasch eskalieren und zum Ausbruch kommen können. (...) Die Verknappung von Ressourcen und damit einhergehend die Gefährdung von Existenzgrundlagen, eine Verschärfung des Gegensatzes von armen und reichen Ländern (..,) unvorhersehbare Wanderungsbewegungen mit unkalkulierbaren Auswirkungen auf die Stabilität ganzer Regionen (...)«.7 Daß die für »Europa relevanten Einflußgrößen« sich nicht auf z.B. Somalia beziehen, sondern in erster Linie auf Ost- und Südosteuropa, darüber sollte es keinen Zweifel geben. Möglichwerweise hat Bagger auch eine Art persönlichen Zugang zum Thema Krisen und der Osteuropapolitik der BRD-Führung. Seine Mutter flüchtete 1945 mit ihm und seinem jüngeren Bruder aus dem ehemaligen Ostpreußen nach Niedersachsen.
Aber auch Klaus Naumann hatte als Vorgänger Baggers im Amt des Generalinspekteurs in der Zeitschrift "Europäische Sicherheit" erklärt, dass nach der Beendigung des Ost-Westkonfliktes »(...) die Gefahr von regionalen Krisen und Konflikten innerhalb und außerhalb Europas, die auch Deutschlands Sicherheit betreffen, zugenommen hat (...)«.8
Auf dieses Szenario bereitet sich die Bundeswehr und ihre politische Führung vor.
Die Bundeswehr zur Absicherung hegemonialer Machtambitionen
Die Bundeswehr wird zu einer Interventionsarmee umgerüstet und umstrukturiert, die in der Lage ist, im Verbund mit anderen, ähnlich strukturierten Streitkräften der EU-Staaten, deutsche und europäische Interessen durchzusetzen. Damit geht eine neue "Kanonenbootpolitik"9 einher, die insbesondere die Hegemonie eines von Deutschland beherrschten Europas über den Osten unterstreicht. Diese "Kanonenbootpolitik" wird mittlerweile auch von anderen hochrangigen Vertretern der Bundeswehr offen formuliert. So schrieb der Oberstleutnant Dirk Brodersen in seinem Text "Konfliktvorbeugung und Krisenbewältigung" in "Europäische Sicherheit" (ES): »(...)In vielen Fällen wäre möglicherweise ein vom Umfang her wesentlich geringerer, aber zeitlich früherer Einsatz erfolgreicher gewesen und hätte auch langfristig größeren Erfolg versprochen. Dieser Ansatz setzt aber ein gesellschaftliches und vor allem politisches Umdenken voraus (...)«10
Da Brodersen als ein Referent im Führungsstab der Streitkräfte der BRD tätig (gewesen) sein soll, kann sein Text als Indiz für die aktuelle politische Leitlinie gelesen werden. Er führt aus: »(...)Hier ist der Ansatzpunkt, und hier muß sich das Verständnis von Krisenmanagement besonders in Deutschland den veränderten Gegebenheiten noch anpassen (...)«11 Im weiteren wird klar gesagt, wohin die Vorstellungen deutscher Militärs gehen, wenn sie »Krisenmanagement« denken: Militärische und politische Optionen müssten gleich von Beginn an zusammen gedacht werden, ja das Militär müsse gar vor der Politik Handlungsoptionen planen und der Politik anbieten.12
Über Brodersen ist eher wenig öffentlich bekannt, doch ein Inhaltsverzeichnis zu einer Publikation zum "Regiments Jubiläum" der "Schwedter Adler" weist einen "Hauptmann Dirk Brodersen" und einen "Oberst aD Fabian von Bonin-von Ostau" als Autoren eines Textes zu den "Kradschützen Bataillon 3 / Panzer Bataillon 3" im Kapitel V "Die Schwedter Verbände" aus. Im Kapitel X "Panzeraufklärung" der selben Publikation durfte der rechte und revanchistische Publizist "Generalleutnant aD Dr. Franz Uhle-Wettler" "Gedanken zur Zukunft der Aufklärung" beisteuern. Auch der Co-Autor von Dirk Brodersen scheint eher wenig wert auf Abgrenzung nach Rechtsaußen zu legen. Von "Fabian von Bonin-von Ostrau, Oberst a.D." wurde eine "Ansprache" für die "Gedenkfeier am Volkstrauertag 1989 beim Panzeraufklärungslehrbataillon 11 in der Freiherr-von-Boeselager-Kaserne in Munster" öffentlich. Hier erklärte er u.a.: "(...) In diesem Jahre wurde weniger an den Kriegsausbruch vor 50 Jahren erinnert, sondern an den sogenannten Überfall der Wehrmacht auf Polen. Die Wehrmacht hatte niemanden überfallen, sondern folgte dem Auftrag der Regierung. Darüber hinaus hatte Polen im Vertrauen auf das Bündnis mit England und Frankreich seine Streitkräfte vor dem deutschen Reich mobilisiert und eine kriegerische Auseinandersetzung billigend in Kauf genommen. Ein militärisch voll mobilisiertes Land kann somit nicht überfallen, sondern lediglich angegriffen werden, und das ist aus der Sicht der Soldaten geschehen. Ihnen politische Schuldzuweisungen anzulasten, ist eine penetrante Überheblichkeit (...)"
Fabian von Bonin-von Ostrau trat auch als (Mit)-Herausgeber einer "Tagungsdokumentation" einer "Offizierstagung" des ultra-rechten "Studienzentrum Weikersheim" Mitte März 1986 in "Schloß Rastatt" auf. Von ihm fand sich hier ein Text zum Thema "Schuldhaft verstrickt - schuldlos mißbraucht?"13 Weitere Beiträge stammten u.a. von Rolf Schlierer (REP) und Emil Schlee (REP).
Die Umstrukturierung der Truppe ist bereits im vollem Gange und soll bis zum Jahr 2000 abgeschlossen sein. D.h. bereits jetzt wird zwischen "Krisenreaktionskräfte"(KRK) 14 und "Hauptverteidigungskräfte" (HVK) zur Territorialverteidigung unterschieden. Zu den Krisenreaktionskräften der Bundeswehr werden laut Michael Ludwig, einem Referatsleiter im Bundeswehr Führungsstab, in der Zeitschrift "Europäische Sicherheit" (ES) insgesamt 53.600 Soldaten gehören. Davon 37.000 des Heeres, 12.300 der Luftwaffe und 4.300 der Marine. Bereits jetzt ist es so, dass maßgeblich in den weiteren Aufbau dieser KRK investiert wird, die aus Berufs- und Zeitsoldaten und länger dienenden Wehrpflichtigen (12-23 Monate) bestehen werden.
Der Umbau der Bundeswehr zur Interventionsarmee
Was ihnen fehlt sind Informationssysteme (Spionagesatelliten und BND-Spezialisten in allen Regionen) und Gesellschaftswissenschaftler, die den Militärs zuarbeiten und mögliche Konfliktlagen frühzeitig analysieren. Noch fehlen ihnen auch die Waffen und Logistiksystem, die den Willen zur Kanonenboot-Politik umsetzbar machen. Noch sind sie in all diesen Bereichen von den USA abhängig und damit im Zaum gehalten.
Doch die strategischen Planungen des »Weltpolizisten« USA dienen den deutschen und europäischen Militärs als Vorbild. Schon mit dem Blick des zukünftigen Konkurrenten schauen die deutschen und europäischen Militärs auf die USA, auf das Zusammenspiel von Politik, Militär und Wirtschaft dort und dem riesigen Rüstungsbudget. Holger H. Mey schrieb hierzu im Artikel "Technologien für die Luftmacht der Zukunft" in "Europäische Sicherheit" (ES): » (...) Dies erleichtert es den USA, ihren ausgeprägten Willen, die Führungsrolle in der Welt zu erhalten, und auch umzusetzen. Europa sollte dies nicht beklagen, sondern vielmehr zum Anlaß nehmen, die eigene strategische Platzierung in der Hochtechnologiewelt der Zukunft zu verbessern (...)«15 Ein Holger H. Mey war von 1990 bis 1992 Referent für Sicherheitspolitik im Planungsstab des Bundesministers der Verteidigung. Einige Bundeswehr-Vordenker orientieren sich an der USA-Studie »New World Vistas«, die analysiert, welche Technik zukünftig notwendig sein wird, um weiter die Rolle des »Weltpolizisten« spielen zu können. Weltweite schnelle und zielgenaue Mobilität aller Teilstreitkräfte, globale Lageüberwachung und Aufklärung, weltweite Kommunikation mit den Einheiten im Einsatz und weitgehende Immunität gegenüber Aufklärungs- und Abwehrmöglichkeiten potentieller Gegner sind die Eckpfeiler nach dieser US-Studie. » (...) Mit Blick auf das nächste Jahrtausend gilt, daß es zu einer Hochtechnologie-Luftstreitkraft nur die Alternative der Bedeutungslosigkeit gibt (...)«16, resümiert man auf der Hardhöhe angesichts dieser US-Studie und warnt, so Deutschland und die EU nicht Willens wären dort mitzurüsten: » (...) Andernfalls verliert Deutschland an Handlungsspielraum und politischen Einfluß (...)«16
Und so läuten die Militärs Deutschlands und der EU publizistisch eine Art neuen Rüstungswettlauf ein; diesmal gegen die USA. Zunächst nur sehr vorsichtig, immer dementierend und die transatlantische Freundschaft hochhaltend, richtet sich das Mühen der deutschen und europäischen Militärs nun in solchen Gedankengebäuden auch gegen den alten Partner USA. Es ist nicht zu übersehen, dass in den Visionen eine neue Hegemonialmacht heranwachsen soll: die EU unter deutscher Führung. Anders ist es nicht zu verstehen, dass sich die hiesigen Militärs für eine Militärkonzeption wie »New World Vistas« begeistern, die ja die Konzeption für einen weltweiten Einsatz von Militär ist.
Entsprechend sieht dann auch die militärtechnische Planung aus, die der Generalmajor a.D. Georg Bernhardt im Artikel "Schritt für Schritt - Der lange Weg zur Krisenreaktionsfähigkeit" in "Europäische Sicherheit" (ES) darstellt. Dieses Ziel vor Augen fordert Georg Bernhard für Deutschland und die EU den Aufbau von großräumigen Lufttransportsystemen für die KRK, die Schaffung satellitengestützter Spionage- und Informationssystem und den Ausbau von Kommunikations- und Kommandostrukturen, die nationale und übernationale Einsatzgruppen befehligen können.17 Sein Text dürfte keine private Einzelmeinung darstellen. Er war zuletzt stellvertretender Befehlshaber des Heeresführungskommandos und Kommandeur der Truppen Oberste Bundeswehrführung und Heeresführungstruppen (Koblenz). 1993 kommandierte er den ersten bewaffneten Auslandseinsatz der Bundeswehr im Rahmen der "United Nations Operation" in Somalia. Dessen Beginn kommentierte er laut Medienberichten mit dem Worten: „Wir sind wieder in der Familie.“ Die Bundeswehr-Strategen stellen Anforderungen an Sozial- und Gesellschaftswissenschaftler. Wissenschaftler haben also nicht allein im militärischen »Hardwarebereich« darauf zu achten, wer über die Drittmittelförderung ihre Forschung finanziert, sondern in der Gefahr zu "Handlangern der Militärs" zu werden stehen zukünftig womöglich auch Sozial- und Gesellschaftswissenschaftler, denn ihr Wissen kann die »Software« für die militärische Planung sein. Hartmut Bagger schrieb hierzu: »(...) Politikbezogene Forschung und Beratung soll den politischen Entscheidungsträgem Anstöße geben. (...) Wer weiß, welche Probleme sich stellen können, wer also seine Arbeit in einen breiten Kontext zu stellen vermag, der kann auch die mehr erkenntnisleitenden Fragen als Vorgaben für die Forschungsinstitute stellen.«18
Der Aufbau der Strukturen der KRK soll im Jahre 2000 abgeschlossen sein. Die Ausstattung mit entsprechendem Gerät (Lufttransportfähigkeit, Luftunterstützung, Feindaufklärung via Satellit...) wird erst deutlich nach dem Jahre 2000 gegeben sein. Erst dann ist die volle Krisenreaktionsfähigkeit der Bundeswehr gegeben. Voraussetzung dafür: Genügend Geld aus dem Bundeshaushalt für die Wunschliste der Militärs.
Zur Diskussion über eine NATO-Osterweiterung
Die Diskussion zur NATO-Osterweiterung und zur Zukunft der NATO ist vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Bestrebungen der Militärs in Deutschland und den anderen EU-Staaten zu betrachten. Entscheidungen über künftige Strukturen und Ausrüstung von Armeen sind langfristige Entscheidungen. Mit ihnen werden die künftigen Aufgaben festgeschrieben, sie zu revidieren ist nur schwer möglich. Im Gegensatz dazu sind Reden zu militärpolitischen Fragen wie der nach der »NATO der Zukunft« schnell umgeschrieben.
Entsprechend wechselhaft sind die Positionen zur NATO-Osterweiterung. War Anfangs die BRD die treibende Kraft bei der Initiative, die NATO nach Osten zu erweitern, so sind es nun die USA, die zunächst, ähnlich wie Frankreich und Großbritannien auch heute noch, einer Osterweiterung eher ablehnend gegenüber standen. Im Zuge der vorschnellen Versprechungen auf Vollmitgliedschaft, die die deutsche Politik den NATO-Aspiranten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn machte, geriet die US-Politik unter Zugzwang. Wollten die USA nicht zulassen, dass jene Staaten sich zu sehr an ein gerade erst größer und mächtiger gewordenes Deutschland anlehnen würden, mussten sie in ihrer Osteuropapolitik von der weichen militärischen Anbindung im Rahmen der »Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa« (KSZE, der jetzigen OSZE) oder »Partnerschaft für den Frieden« (PfP) zur harten militärischen Einbindung also zur NATO-Osterweiterung umschwenken. Auch wenn diese Option auf den erklärten Widerstand Russlands stieß und weiter stößt, wird die NATO-Osterweiterung in Bezug auf Polen, Tschechien, Ungarn und evtl. Slowakei wohl Realität werden. Der (frühere) Sekretär des Sicherheitsrates der Russischen Föderation, General Alexander Iwanowitsch Lebed, sprach in diesem Zusammenhang sogar von einem dritten Weltkrieg, der mit einer NATO-Osterweiterung heraufbeschworen würde.
Wer nun glaubt, damit habe sich das deutsche Interesse durchgesetzt, irrt. Auf der "33. Münchener Konferenz für Sicherheitspolitik" schwenke Bundeskanzler Helmut Kohl abweichend von seinem ursprünglichen Redemanuskript um und äußerte Vorbehalte gegen ein schnelles Tempo der Osterweiterung.19 Was bedeutet das nun, für die deutsche Position dieser erneute Schwenk?
Der europäische Pfeiler der NATO oder die Keimzelle einer neuen Supermacht
Eine Antwort findet man, wenn man bedenkt, dass die Diskussion um die Osterweiterung der NATO immer begleitet wurde von der um die zukünftige militärische Struktur in Europa. In dieser Diskussion geht es darum, ob Europa in Zukunft eine stärker von den USA losgelöste Militärpolitik betreiben wird. Selbstverständlich würde Deutschland in diesem gestärkten europäischen Pfeiler der NATO eine weit gewichtigere Position einnehmen, als in der alten NATO-Struktur, ja Deutschland würde, bei Europäisierung der französischen und britischen Atomwaffen sogar zu einer quasi Atommacht aufsteigen.
Wenn die deutsche Außenpolitik zunächst also Polen, Tschechien und Ungarn große Hoffnungen auf baldige NATO-Mitgliedschaft machte, um dann, als sich diese Position wider Erwarten durchsetzte, umzuschwenken, so ist dieses Verhalten folgendermaßen zu interpretieren: Es ging der deutschen Außenpolitik darum, die NATO unter Druck zu setzten und bei Ablehnung der Osterweiterung die europäische Variante einer militärischen Einbindung der NATO-Aspiranten ins Spiel zu bringen. Eine Taktik, die von den USA zunächst durchkreuzt wurden.
Man darf gespannt sein, wie die Diskussion weiter verläuft, gespannt sein, ob die deutsche Außenpolitik die militärische, europäische Karte ziehen wird, die mit dem Maastricher Vertrag ins Spiel gebracht wurde. Mit dem Maastricher Vertrag wurde die Westeuropäische Union (WEU) als die militärische Komponente der EU mit neuem Leben gefüllt. Mit ihm wurde eine »Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik« (GASP) der EU-Staaten auf den Weg gebracht, aus der sich die militärische Komponente einer neuen Supermacht Europa unter deutscher Führung entwickeln könnte.
Den USA ist bereits die Theorie, nach der es eine europäische und eine amerikanische NATO-Säule gebe, suspekt. Der Generalstabschef der USA, John M. Shalikashvili, meinte entsprechend auf einer Komandeurs-Tagung der Bundeswehr, diese Säulentheorie würde in den USA eher als trennend denn als verbindend aufgefasst.20
Angesichts der Rüstungsvorhaben und der Struktur, die für die Bundeswehr und die anderen europäischen Armeen angepeilt wird, muss man zu dem Schluss kommen, dass Europa und damit auch die Bundesrepublik auf dem Weg zum »Global Player« in Sachen militärischem Interventionismus ist und dass eine Station auf diesem Weg die deutsch-europäische Hegemonie über Osteuropa sein könnte.
Gegenüber den USA ein gleichwertiger Gegner zu werden, würde die öffentlichen Haushalte der EU-Staaten für das nächste Jahrzehnt noch überlasten. Anders sieht dies vermutlich gegenüber der aktuell eher schwindenden russischen militärischen Kraft aus. Die EU-Staaten müssten ein Jahrzehnt jährlich 7 Prozent ihres Sozialproduktes für Rüstung bereitstellen, um auf ein ähnliches Niveau wie die USA zu kommen. Dies dürfte innenpolitisch momentan wohl kaum durchsetzbar sein. 21. Das legt zumindest eine Dokumentation des sicherheitspoltischen Hearings der PDS Bundestagsfraktion mit dem Titel »Europäische Friedensarchitektur - aber wie?» nahe. Bedenklich erscheinen allerdings Tendenzen in dieser Dokumentation, die immer noch eine Auflösung der NATO befürworten. Einer solchen grundsätzlich berechtigten Perspektive ist im Zuge der aktuellen Entwicklung allerdings erst dann wieder etwas Positives abzugewinnen, wenn zuvor Deutschland komplett abgerüstet wird. So lange noch ein deutscher Soldat durchs Gelände robbt, ist eine starke Organisationen wie die NATO leider momentan der verbliebene Rahmen, der diesen "im Zaum" halten könnte. Deutschland brach zwei Weltkriege vom Zaun und nicht die NATO.
- 1a1b
Reiter, Erich DDr.: Die Bedeutung Österreichs für künftige Hegemonialbereiche, in: Europäische Sicherheit (ES) 5/96, S.39 Hamburg 1996
- 2
Bagger, Hartmut: Die Streitkräfte der Zukunft - Anspruch und Realität, in: "Europäische Sicherheit" (ES) 4/96, S.12, Hamburg 1996
- 3
Entsprechend werden die deutschen Interessen in den verteidigungspolitischen Richtlinien von 1992 im Papier »Militärpolitische und militärstrategische Grundlagen und konzeptionelle Grundrichtung der Neugestaltung der Bundeswehr« als Förderung und Absicherung weltweiter politischer, wirtschaftlicher, militärischer und ökologischer Stabilität und Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des Zugangs zu strategischen Rohstoffen definiert.
- 4
Der RGW war eine internationale Organisation von sozialistischen Staaten unter Führung der Sowjetunion. Er wurde 1949 als sozialistisches Pendant zur "Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit" (OEEC) gegründet.
- 5
Die "Warschauer Vertragsorganisation" war ein von 1955 bis 1991 bestehendes Militärbündnis des sogenannten Ostblocks unter der Führung der Sowjetunion.
- 6
vgl. dazu den Artikel »Ökonomie in Mittel- und Osteuropa..« in dieser Ausgabe des AIB.
- 7
Bagger, Hartmut: a.a.O., S.12
- 8
Naumann, Klaus: Die zukünftige Bundeswehr, in "Europäische Sicherheit" (ES) 7/95, Hamburg 1995, S. 10
- 9
Als Kanonenbootpolitik bezeichnete man das Vorgehen von Seemächten gegenüber kleineren Mächten zur Durchsetzung eigener Interessen mittels eines oder mehrerer Kriegsschiffe.
- 10
Brodersen, Dirk: Konfliktvorbeugung und Krisenbewältigung, in: "Europäische Sicherheit" (ES) 6/96, S.51, Hamburg 1996.
- 11
Brodersen, Dirk: Konfliktvorbeugung und Krisenbewältigung, in: ES 6/96, S.51, Hamburg 1996
- 12
Brodersen, Dirk: Konfliktvorbeugung und Krisenbewältigung, in: ES 6/96, S.52, Hamburg 1996
- 13
Vgl. "Bundeswehr im geschichtlichen Niemandsland?", (Dokumentation / Studienzentrum Weikersheim e.V. / 14); Hase & Koehler, 1986.
- 14
Vgl. Ludwigs, Michael: Die Krisenreaktionskräfte der Bundeswehr, in: "Europäische Sicherheit" (ES) 3/96, S.12, Hamburg 1996.
- 15
Mey, Holger H.: Technologien für die Luftmacht der Zukunft, in: "Europäische Sicherheit" (ES) 7/96, S.14, Hamburg 1996
- 16a16b
Mey, Holger H.: Technologien für die Luftmacht der Zukunft, in: "Europäische Sicherheit" (ES) 7/96, S.13, Hamburg 1996
- 17
vgl.Bernhardt,Georg. Schritt für Schritt - Der lange Weg zur Krisenreaktionsfähigkeit, in: "Europäische Sicherheit" (ES) 6/96, S.10-15, Hamburg 1996
- 18
Bagger, Hartmut: a.a.O., S.14
- 19
vgl. Fechner, Wolfgang: Wir wollen Rußland mit in den Kreis haben, in: "Europäische Sicherheit" (ES) 3/96, Hamburg 1996, S.7
- 20
vgl. Clement, Rolf: Eine neue Handschrift, in: "Europäische Sicherheit" (ES) 3/96, Hamburg 1996, S.9
- 21
vgl. Dokumentation des sicherheitspoltischen Hearings der PDS Bundestagsfraktion: »Europäische Friedensarchitektur - aber wie?», Bonn 1996, S.29