Goldhagen-Buch: Der »eliminatorische Antisemitismus«
Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker« ist eine der wichtigsten wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum »Holocaust«. Selbst wenn jede einzelne Aussage Goldhagens falsch wäre - was ganz gewiss nicht zutrifft - so wäre es doch sein Verdienst, eine ungeheuer breite Debatte über die Täter im NS-Vernichtungsfeldzug herbeigeführt zu haben. Noch vor einem Jahr befürchteten wir, unter die NS-Vergangenheit sei ein Schlussstrich gezogen worden, Desinteresse mache sich breit. Nichts widerlegt die Befürchtung deutlicher, als zehntausende verkaufter Goldhagen-Bücher, Massenandrang und hohe Einschaltquoten, wo immer der amerikanische Soziologe auftrat. Dabei scheint mir bei einem breiten Publikum - im Gegensatz zur Geschichtswissenschaft, wo Goldhagens Thesen von rechts bis links, von Baring bis Rürup eher abgelehnt werden - die Zustimmung zu überwiegen.
Einige Bemerkungen zu Goldhagens Buch
Wo immer ich in den letzten Wochen mit Antifaschistinnen über Goldhagens Buch gesprochen habe, zeigte sich dieses Bild. »konkret« und »junge weit« kritisierten ihn vor allem wegen seiner freundlichen Bewertung der Deutschen von heute. Die meisten Linken begrüßen seine Thesen inhaltlich. Oft wurde dabei aber auch anerkennend von seinem Mut und seinem souveränen Verhalten im Rahmen der Debatte gesprochen. Ich sehe eine gewisse Gefahr darin, Goldhagen aus Reflex zuzustimmen: deswegen, weil er besonders kritisch gegenüber den »deutschen Zuständen« ist, an denen wir hier leiden, oder deswegen, weil er von vielen Rezensenten und inhaltlichen Gegnern ausgesprochen unfair behandelt wurde. Sinnvoll wird Goldhagens Buch nur in der kritischen Auseinandersetzung. Allerdings ist die ganze Diskussion überaus verwirrend und kompliziert. Der folgende Artikel stellt nur einen ersten Versuch dar, ein paar Bemerkungen zur Diskussion zu stellen, auf einige kritische Punkte aufmerksam zu machen und die Debatte anzuregen.
»Eliminatorischer Antisemitismus«
Goldhagens zentrale Aussage ist: Beim NS-Vernichtungsfeldzug waren die Beteiligten zu ihren Handlungen nicht verführt oder gezwungen worden. Sie beteiligten sich überwiegend aus Überzeugung am Massenmord. Da die Taten massenhaft durch »ganz normale Deutsche« verübt wurden, kann man davon ausgehen, dass die Mehrheit der Deutschen genauso gehandelt hätte. Diese Aussage kann Goldhagen m.E. überzeugend darlegen.
Damit ist die Motivation der Täter angesprochen. Goldhagen geht davon aus, dass wir einen neuen Interpretationsrahmen für den »Holocaust« brauchen. Die Täter handelten aus antisemitischer Überzeugung. Ihr Antisemitismus sei eliminatorisch gewesen, weil er eine »Judenfrage« stellte und eine »Lösung« anstrebte, die auf Ausschluss der Juden, also auf »Elimination« des Problems hinauslief. Seit dem 19. Jhr. sei er zudem rassistisch gewesen. Antisemitismus war, so formuliert Goldhagen, in Deutschland ein kulturell-kognitives Modell. D.h. er war ein tief in der Vorstellungswelt der Deutschen verankertes Modell vom dämonischen, bösen Juden als Gegner, ein fester Bestandteil der »politischen Kultur« Deutschlands.1
Dieses Modell sei in der deutschen Gesellschaft lange vor 1933 beherrschend gewesen. Alle (!) gesellschaftlich bedeutenden Institutionen hätten es propagiert. Hitler habe dann die Möglichkeiten geschaffen, das eliminatorische Programm durchzuführen, und zwar als Vernichtungsprogramm. Damit wurde der Antisemitismus exterminatorisch.
Goldhagens Antisemitismus-Begriff scheint mir falsch - genauer gesagt: zu undifferenziert. 1942 war diese Überzeugungswelt tatsächlich herrschend. Und vor 1933 gab es auch eliminatorische Tendenzen in der deutschen Gesellschaft, die sehr stark ausgeprägt waren. Wenn man aber annimmt, dass dies schon seit Jahrhunderten beherrschend war, so kann man bestimmte Entwicklungen gar nicht begreifen. Warum kommt es erst 1941 zur Vernichtung? Wie lassen sich Veränderungen im Antisemitismus noch begreifen? Zumal Goldhagen nicht zur Kenntnis nimmt, dass um den Antisemitismus eine vehemente gesellschaftliche Auseinandersetzung geführt wurde. Zu erklären ist, warum sich der Antisemitismus behauptete, warum seine Gegner scheiterten. Anzunehmen, es habe sie nicht gegeben, heißt die Geschichte mit der Dampfwalze zu schreiben.
So hat die deutsche sozialistische Arbeiterbewegung, gegen die der Antisemitismus als ideologische Waffe zu Felde geführt wurde2, mit Erfolg jede antisemitische Tendenz in ihren Reihen über Jahrzehnte zurückgewiesen - und war gleichzeitig die größte Partei Deutschlands, also durchaus eine relevante gesellschaftliche Institution. Im Berliner Antisemitismus-Streit haben sich wichtige Vertreter der deutschen Professorenschaft erfolgreich gegen den Antisemitismus gestellt. Goldhagens Bild vom Antisemitismus kann dies nicht integrieren, weil ihm Entwicklungen im Grunde unwichtig sind. Antisemitismus ist für ihn latent dauerhaft vorhanden. Unter bestimmten Bedingungen wird er manifest, bricht also aus oder kann aktiviert und mobilisiert werden. Doch genau diese Bedingungen beschreibt er nur unzureichend.
Wo eindeutige Entwicklungsschritte festzustellen sind, dreht Goldhagen die übliche - und für mich überzeugende - Interpretation einfach um. Die Verschmelzung von Antisemitismus und Rassismus wurde bisher zumeist erklärt als Funktion einer sich modernisierenden Gesellschaft. Bei der Wandlung zum Rassenantisemitismus ist aber für Goldhagen der Rassismus eine Funktion des Antisemitismus. Letzterer ist quasi autonom und benutzt den Rassismus als Mittel seiner eigenen Modernisierung (S. 91 f). M.E. ist der Antisemitismus als solcher noch keine ausreichende Erklärung für den »Holocaust« - denn er bedarf selbst der Erklärung.
Seinen zentralen Begriff Antisemitismus definiert Goldhagen übrigens völlig unzulänglich. In einem beiläufigen Einschub wird er erklärt als »negative Überzeugungen und Gefühle, die Juden als Juden betreffen« (S. 53 - der eliminatorische Antisemitismus der Deutschen ist auf S.39 etwas präziser beschrieben). Selbst wenn man diesen überhistorischen Antisemitismusbegriff akzeptiert, bleiben doch entscheidende Fragen unbeantwortet.
Meistens als kulturell-kognitives Modell verstanden, spricht Goldhagen gelegentlich auch von Antisemitismus als Ideologie. Er sagt nichts darüber aus, wie sich beide Begriffe zueinander verhalten. Decken sie sich, schließt der eine den anderen ein? Wenn ja, welcher ist übergeordnet? Auf eine Definition des Begriffes Ideologie verzichtet Goldhagen völlig.
»Das Bewusstsein bestimmt das Sein«
Das entscheidende Problem - und hier scheint mir die linke Zustimmung besonders unreflektiert - liegt in Goldhagens Methode. Seinem Selbstverständnis nach betreibt er das, was man früher »bürgerliche Wissenschaft« nannte. Am deutlichsten wird dies, wenn er im »Epilog« (S.533) in einem kleinen - und völlig unsinnigen - Seitenhieb auf Marx erklärt, er gehe davon aus, das Bewusstsein bestimme das Sein. Aus dieser Sicht kann Ideologie freilich als selbstständig, autonom erscheinen: Antisemitismus als Axiom, als unabhängige Variable, als Phänomen sui generis.3 Alle diese Begriffe sagen das eine: Antisemitismus erklärt sich aus sich selbst heraus, bedarf keiner weiteren Erklärung, kann auch gar nicht durch andere Faktoren erklärt werden.
Als Teil des Bewusstseins bestimmt er das gesellschaftliche Sein. Nun war der Antisemitismus in Deutschland tatsächlich eine besonders wirkungsmächtige Ideologie. Er wurde zur »materiellen Macht« und veränderte seinerseits das gesellschaftliche »Sein«. Aber aus sich selbst kann er nicht erklärt werden.
Zur linken Gesellschaftskritik gehört es, eine Ideologie stets auf ihre gesellschaftliche Funktion hin zu untersuchen. Wenn die Judenfeindschaft sich unter völlig veränderten gesellschaftlichen Bedingungen zum Rassenantisemitismus wandelt und so bestehen bleibt, so ist danach zu fragen, welche Funktionen sie zu erfüllen in der Lage ist.
Nicht der Rassismus wird zur Funktion eines autonomen Antisemitismus, sondern die Judenfeindschaft ändert unter veränderten Bedingungen ihre Funktion und entwickelt sich dementsprechend zum Rassenantisemitismus. Nur in einer solchen Perspektive können wir die Veränderungen begreifen. Es ist ja relativ egal, ob Hitler von 1920 bis 1945 konstant einen Plan zur Judenvernichtung im Sinn hatte - entscheidend ist, unter welchen Bedingungen sich ein solcher Plan verwirklichen ließ.
Dann ist zu erklären, was sich zwischen 1920 und 1941 veränderte. Die linke, antifaschistische Bewertung des Goldhagen'schen Buches muss diese Kritik berücksichtigen. Das heißt aber nicht, alle seine Thesen pauschal zurückzuweisen.
Im Nationalsozialismus konnte - das belegt Goldhagen überzeugend - auf ein bestimmtes kulturell-kognitives Modell vom Juden zurückgegriffen werden. Vor dem Hintergrund dieses eliminatorischen Antisemitismus waren die betroffenen Deutschen fast immer willige Vollstrecker. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass die meisten anderen Deutschen ähnlich gehandelt hätten.
Doch auch in dieser Aussage liegt eine Gefahr. Wenn man die Taten der Täter aus deren Selbstverständnis heraus erklärt, aus ihrer Prägung durch ein kuturell-kognitives Modell, so kann man leicht zur Entschuldigung ihres Verhaltens kommen. Goldhagen selbst betont immer die Möglichkeit der Deutschen, sich selbst zu entscheiden. Logisch ganz überzeugend ist das nicht. Denn wenn die Deutschen in einer derart vorherrschenden Sicht der Juden befangen waren, so entfällt die Möglichkeit freier Entscheidung. Sie handelten dann so, weil ihre Vorstellungswelt gar keine andere Möglichkeit zuließ.
Tatsächlich fand aber eine gesellschaftliche Auseinandersetzung um den Antisemitismus statt. Es gab Alternativen, die reale Möglichkeit, sich zu entscheiden. Die deutsche Gesellschaft traf eine Entscheidung für den Antisemitismus, bzw. der Antisemitismus setzte sich in der deutschen Gesellschaft durch, weil die Mehrheit sich für ihn entschied.
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kognitiv heißt wörtlich: die Erkenntnis betreffend. Unter dem soziologischen Begriff »kulturell-kognitiven Modell« muss man sich ein Ensemble von Vorstellungen denken, die in der Wahrnehmung von Angehörigen einer bestimmten Kultur ständig vorhanden und abrufbar sind, also wie selbstverständlich im Alltagsbewusstsein verankert.
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Eine der wichtigsten Institutionen, die den modernen Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung propagierten, war die Christlich Soziale Partei (CSP) von Hofprediger Adolf Stoecker. Sie war Ende der 1870er Jahre gegründet worden mit dem erklärten Ziel, der aufsteigenden Sozialdemokratie - v.a. durch antisemitische Propaganda - die Anhänger abspenstig zu machen. Im Gegensatz zur NSDAP, die Anfang der 1930er tiefe Einbrüche in die Arbeiterklasse für sich verbuchen konnte, wiesen bedeutende Teile des Proletariats - und besonders die SPD - den Antisemitismus damals konsequent zurück. Stoeckers Partei gewann v.a. kleinbürgerliche Schichten. Es geht nicht darum, proletarischen Antisemitismus zu leugnen - gefragt werden muss vielmehr, was sich änderte, damit antisemitische Propaganda 1930 im Proletariat erfolgreich sein konnte, während sie 1880 abgelehnt wurde. Goldhagens Modell versagt hier völlig, zumal er die Bedeutung der CSP gar nicht zur Kenntnis nimmt.
- 3
Alle drei Begriffe sind sozialwissenschaftliche Fachbegriffe. Axiom ist eine nicht weiter ableitbare Aussage; eine unabhängige Variable dient der Erklärung eines Sachverhaltes und muss ihrerseits nicht unbedingt erklärt werden; sui generis heißt ein einzigartiges Phänomen, dass aus sich selbst heraus eine eigene Klasse bildet.