Demonstration von 250 Roma in Hannover gegen die geplante Abschiebung nach Ex-Jugoslawien.
International | AIB 60 / 2.2003 | 17.06.2003

»Die Alpträume bleiben«

Brigitte Sandt

Der alte Mann mit dem grauen Bart deutet auf den leeren Stuhl neben sich: »Komm setz Dich, und hör mir zu.« Der Klappstuhl steht auf einer staubigen Kopfsteinpflasterstraße mit­­ten im Dorf. Neben Filipache Costica sitzen drei Enkelkinder, der älteste Sohn und die Schwiegertochter. Das Eingangstor zum Garten und dem Haus der Familie ist sorgfältig ge­schlos­sen. Kein Zutritt für Fremde aus Deutschland. Die Straße ist ein neutraler Ort. Autos fahren hier nicht vorbei; nur Pferdefuhrwerke ziehen durch den Staub.

Vorsichtig lenken die Kutscher die Tiere und die klapprigen Holzwagen, auf denen sich frischgemähtes Heu stapelt, um die Men­schen­ansammlung herum. Der alte Mann beachtet die Vorbeifahrenden kaum. Misstrauische braune Au­gen, Stirnrunzeln, und der nüchterne Satz: »Das letzte Mal habe ich vor 60 Jahren mit Deutschen geredet. Oder besser gesagt, von ihnen Befehle bekommen.« Filipache Costica ist Roma. Als der faschistische Diktator und Hitler-Verbündete Ion Antonescu in Rumänien die Macht übernahm, war er 18. Seine Familie gehörte zu einer sesshaften Roma-Gemeinschaft in einem Dorf südlich von Bukarest. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie – wie fast alle Roma in der Gegend – als Tage­löhner in der Landwirtschaft. Eine Schule hat Filipache Costica nie besucht; als Kleinkind nahm ihn die Mutter mit zur Feldarbeit. Mit 12 Jahren war er eine vollwertige Arbeitskraft. »Alles hatte seine Ordnung, und wir hatten genug zu essen,« sagt er rückblickend. »Warum soll ich über das Arbeiten klagen?« Das Leben der Roma im Dorf änderte sich schlagartig, nachdem die deutsche Wehrmacht ab Oktober 1940 in Rumänien stationiert wurde und die Regierung unter Antonescu damit begann, Ju­den und Roma zuerst systematisch zu diskriminieren und wenig später in Arbeits- und Todeslager zu deportieren.

Zusammen mit seiner Mutter und seinem Vater wurde Filipache Costica nach Transnistrien verschleppt:
»Wir sind zum Sterben dorthin gebracht worden, aber erst mussten wir arbeiten«
»Wir wurden nachts abgeholt, meine Eltern und ich. Irgendwann im Winter 1942. Die Gendarmen zwangen uns unter Schlägen dazu, in Armeetransporter zu steigen. Dann wurde wir zusammen mit den anderen Familien fortgebracht.« Zusammen mit den anderen Deportierten wurde Filipache Costica nach Bukarest gebracht. Die nächste Station waren Viehwaggons, für eine Fahrt, die mehrere Wochen dauerte. Eiskalte Nächte, kaum Decken und Nahrungsmittel: Viele Roma starben schon auf dem Weg in die Lager am Bug. Im August 1941 war die Besetzung der Ukraine bis zum Bug durch die rumänische Armee von Hitler bestätigt worden. Die rumänischen Truppen gaben der Region einen neuen Namen: Transnistrien. Nach dem Schema der deutschen Deportationspraktiken diente dieses Gebiet zur Internierung für Juden und Roma. Zwischen 1941 und 1942 wurden etwa 25.000 Roma, vor allem aus Bukarest und den umliegenden Dörfern und Städten, zwangsweise nach Transnistrien verschleppt.

Filipache Costica überlebte den Transport dorthin gemeinsam mit seinen Eltern. Für die Lebensbedingungen im Arbeitslager sucht er lange nach einer passenden Beschreibung: »Wir sind zum Sterben dorthin gebracht worden, aber zuerst mussten wir arbeiten.« Die Deportierten schliefen in Baracken und Erdlöchern; tagsüber wurden sie zum Bau von Schützengräben eingesetzt. Entdeckten die Bewacher bei einem Roma Goldzähne, riss man sie den Menschen aus dem Mund. Fluchtversuche endeten im Kugelhagel. Romafrauen wurden von den Soldaten und den Gendarmen systematisch vergewaltigt und in Offiziersbordellen zur Prostitution gezwungen. Massaker gehörten zum Alltag.

Reglos hören die Enkelkinder zu, während der alte Mann erzählt. Jetzt, da er einmal mit dem Reden begonnen hat, blockt er Zwischenfragen mit abrupten Handbewegungen ab. Zu selten wird ihm ­– und den anderen überlebenden Roma – zugehört, erklärt sein Sohn die Ungeduld des Vaters. Der beschreibt, wie es ihm gelungen ist, in Transnistrien zu überleben. Er wurde zur Kartoffelernte eingesetzt, und die rohen Kartoffeln, die er unter seiner zerfetzten Jacke verstecken konnte, ernährten ihn und seine Eltern. Es sind einzelne Momente, die ihm noch immer vor Augen stehen. Einmal kamen deutsche Offiziere zur Inspektion des Lagers. »Sie haben etwas gebrüllt und wir sind geschlagen worden. Dann verschwanden sie wieder. Kurze Zeit später wurden die Juden, mit denen wir Seite an Seite gearbeitet hatten, fort gebracht. Einfach so, über Nacht.«

Als die Rote Armee Ende 1943 bis kurz vor den Bug vorgerückt war und deutlich wurde, dass die deutsche Wehrmacht und ihre rumänischen Alliierten den sowjetischen Vormarsch nicht mehr stoppen konnten, wurden die Lager aufgelöst. Für die Eltern von Filipache Costica kam die Rote Armee zu spät. Sie waren im Sommer 1943 an Typhus gestorben. Zwischen 26.000 und 36.000 Roma – genauere Zahlen gibt es auch heute noch nicht – und 120.000 rumänische Juden fielen der mörderischen Politik Antonescus zum Opfer, verhungert, Epidemien ohne medizinische Versorgung ausgeliefert, erschlagen, erschossen.

Nach der Befreiung aus dem Lager machte sich Filipache Kostica auf den Weg »nach Hause«. Doch im Haus seiner Eltern lebten mittlerweile Rumänen, seine jüngeren Geschwister hatten sich bei Verwandten in einem anderen Dorf versteckt. Der inzwischen 22jährige meldete sich freiwillig zur rumänischen Armee, als Antonescu im August 1944 gestürzt wurde und Rumänien einen Waffenstillstand mit den Alliierten schloß. »Ich wollte noch gegen die Deutschen kämpfen.« Im Nachhinein ist er froh über diese Entscheidung, auch »wenn ich den Krieg gehasst habe.« Denn aufgrund seines Aufstiegs zum Offizier erhält er heute eine bescheidene Pension – »genug zum Überleben.

Ein Haus aus Steinen

Eine Entschädigung für die fast zweijährige Internierung in Transnistrien und den Mord an seinen Eltern hat Filipache Costica nie erhalten. »Wer hätte uns denn entschädigen sollen? Unter den Kommunisten wurden wir weiter diskriminiert. Und heute? Das interessiert niemanden mehr. Die Alpträume bleiben, aber das Leben geht weiter.« Filipache Costica ist stolz auf die Errungenschaften seines Lebens. Drei Söhne, sechs Enkelkinder, und das Haus, das sein ältester Sohn gebaut hat. Ein Haus aus Steinen, mit Betonfundament, handgeschnitzten Fensterläden, genügend Zimmern für die Großfamilie, und einem großen Garten. Dort arbeitet Filipache Costica noch heute täglich. Von 1947 bis zum Ende der Ceauscescu-Ära hatte er ohnehin weiter in der Landwirtschaft gearbeitet. »Wenn ich nicht gearbeitet hätte, wäre ich in den Knast gekommen.«

Mit dem Dekret Nummer 153 aus dem Jahr 1970 konnten Menschen wegen »parasitären Lebenswandels« – ge­meint waren Roma ohne staatlich anerkannten Arbeitsplatz, beispielsweise traditionell reisende Kleinhändler und Handwerker –, ohne Prozess bis zu sechs Monate lang inhaftiert werden. Ziel war die Unterwerfung der Landbevölkerung ins System der agroindustriellen Zentren und die totale Kontrolle über sämtliche Bevölkerungsgruppen. In den 80er Jahren geriet auch der Besitz von Goldmünzen, der für Roma eine große Rolle bei der ökonomischen Absicherung ihrer Familien hat, ins Visier der Securitate. Bei Razzien wurden den Romafamilien ihre Ersparnisse geraubt. Filipace Costica ist stolz darauf, dass er nie Ärger mit der Polizei hatte – weder vor 1989 noch danach. Und darauf, dass es – »außer den üblichen Kleinigkeiten« – keine Spannungen zwischen Roma und Rumänen in dem Dorf rund 100 Kilometer südlich von Bukarest gibt. Die Straßen sind aufgeteilt: Da, wo die Großfamilie Costica ihr Haus hat, stehen noch weitere Romahäuser. Dann gibt es den Dorfkern, der von Rumänen bewohnt wird. Und, etwas außerhalb, eine wilde Ansiedlung von Hütten und Baracken, ohne fließendes Wasser, ohne Elektrizität. Ein Cousin von Filipache Costica wohnt hier mit seiner zehnköpfigen Familie in einer Holzhütte mit einem einzigen Raum.

Mitte der 90er Jahre hat eine Roma-NGO hier in einer Baracke eine Schule für Romakinder eingerichtet. Doch selbst wenn sie lesen und schreiben können, haben Romajugendliche in dieser Gegend wenig Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden. Am Rand des Viertels, auf verwilderten Feldern, ragen die zerfallenen Dächer von Scheunen und Silos des ehemaligen Landwirtschaftskombinats in den Himmel. Fördergelder aus Bukarest kommen in dieser Region jedenfalls nicht an. Für Straßenbauarbeiten in der Kreisstadt wurden einmal 30 Roma eingestellt, fasst Filipache Costicas Sohn die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zusammen. Der Weg durch das Elendsviertel sieht nicht so aus, als wenn demnächst eine Straßenbaukolonne die tiefen Löcher flicken würde. Der Sohn sagt: »Ich wollte, dass Ihr seht, wie die Mehrheit der Leute hier lebt.«

Daran gemessen, gehören Filipache Costica und seine Familie sicherlich zu denjenigen, die es aus der tiefsten Armut zu etwas gebracht haben. Die Frage nach Assimilierung stellt sich für den alten Mann nicht. Er wechselt zwischen Rumänisch und Romanes, je nach Thema, zwischen der Selbstbezeichnung »Rom« und »Tsigani« und hält es für selbstverständlich, »sich als Roma nicht zu verstecken.« Nach dem Sturz Ceauscescu hatte der damals 67jährige eigentlich davon geträumt, für seine Söhne »ein paar Stücke gutes Ackerland« zu kaufen. Doch von der im Februar 1991 eingeleiteten Privatisierung der ehemaligen Agrargroßbetriebe sind die 2,3 Millionen rumänischen Roma ausgeschlossen worden. So blieb der Großfamilie Costica nur der Erwerb eines Grundstücks zum Hausbau, denn in seinem Dorf waren – wie überall – alle fruchtbaren Ackerstücke längst unter der rumänischen Dorfbevölkerung aufgeteilt worden.

Damit verschwanden für die meisten Roma in den ländlichen Regionen aber auch die wichtigste Einnahmequellen, denn die neuen rumänischen Kleinbauern können und wollen längst nicht alle unter Ceauscescu in der Landwirtschaft beschäftigten Roma wieder einstellen. Viele haben sich in die Schattenwirtschaft und den Kleinhandel geflüchtet, andere verlassen Rumänien. »Mein jüngster Sohn lebt in Deutschland und schickt regelmäßig Geld. Damit konnten wir auch den Hausbau finanzieren.« Der alte Mann richtet sich kerzengerade auf seinem Stuhl auf, mehr will er dazu nicht sagen. Einen Nachsatz lässt er sich noch abringen: Legitim sei es alle Mal, dass das Land, das den Roma in Ost- und Westeuropa soviel Leid zugefügt hat, heute zumindest auf Umwegen dafür zahlen müsse.1 Filipache Costica lächelt zum ersten Mal während des Gesprächs. Bei der Frage nach der Zukunft seiner Enkelkinder wird er wieder ernst: »Immerhin gehen sie zur Schule. Was danach kommt, weiß niemand.«

Brigitte Sandt arbeitet als Journalistin in Hamburg.

  • 1. Zum Jahresende 2002 teilte die International Organization for Migration (IOM) mit, von rund 1.400 aus Rumänien eingangenen Entschädigungsanträgen für NS-Opfer seien bislang 14 bewilligt worden.