Antifaschistische Kundgebung in Moskau. (Bild: U.Heyden)
International | AIB 78 / 1.2008 | 20.03.2008

»Sie müssen mit Gegenwehr rechnen«

Immer wieder kam es in den letzten Jahren in Russland im Zuge gewaltsamer rassistischer Übergriffe zu Todesfällen. Eine Vielzahl von Neonazi-Gruppen und Organisationen konnte jahrelang ungestört agieren und auf eine weit verbreitete, staatlicherseits mitgeschürte Fremdenfeindlichkeit aufbauen. In den letzten Jahren bildeten sich aber in größeren Städten Antifa-Gruppen, die sich gegen die Übergriffe der Neonazis inzwischen wirkungsvoll zur Wehr setzen. Kirill aus Moskau und Roman aus der westrussischen Stadt Bryansk berichten über Antifaarbeit in Russlands Provinz und Hauptstadt.

Wie stellt sich die aktuelle Situation in Moskau und Bryansk Ende des Jahres 2007 dar?

Kirill: Die Situation hat sich im Vergleich zu der sehr krassen Zeit vor zwei Jahren etwas entspannt. Unzählige Angriffe trafen damals vor allem Menschen dunkler Hautfarbe, vor allem aus dem Kaukasus und Angehörige der Punk- und Hardcore-Subkultur, mit zum Teil tödlichen Folgen. Jetzt ist es etwas ruhiger geworden. Die Neonazis haben verstanden, dass sie mit Gegenwehr rechnen müssen. Sie scheuen sich offen ihre Symbole zu zeigen und sich auf unseren Veranstaltungen oder Konzerten blicken zu lassen.

Roman: In Bryansk ist die Auseinandersetzung noch in einem sehr frühen Stadium. Das, was Moskau schon erlebt hat, entwickelt sich dort gerade erst. Alle Jugendlichen hingen früher zusammen herum und es kam zu keinen Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Die Szenen haben sich inzwischen auseinander dividiert: Sie kommen nicht länger auf die von uns veranstalteten Konzerte, sondern sprechen anonyme Drohungen gegen uns aus. Manchmal bedrohen sie einzelne Leute nach Konzerten, aber sie gehen darüber nicht hinaus. Vieles deutet darauf hin, dass es bald zur Eskalation kommen wird, von ihrer wie auch von unserer Seite.

Könnt ihr einen kurzen Überblick über die eigenen Strukturen geben? Wie viele Leute sind mit der Antifa verbunden? Was für Aktionen finden statt?

Kirill: Die heutige Antifa bildete sich als Selbstschutz vor den Neonazi-Angriffen auf die Punk/HC-Szene. Wenn es am Anfang vor allem darum gegangen war, sich zu schützen und die eigene Sicherheit zu gewährleisten, wurde die Gewalt schließlich auch zu einem der Mittel, die Wurzeln der Probleme anzugehen.

Wie ist die Situation in Bryansk?

Roman: Hier gibt es die Punk/HC-Szene und die Aktivität geht meist von unserer Seite aus. Zum Beispiel veranstalten Anarchisten food not bombs-Suppenküchen, an denen viele von uns beteiligt sind. Bei diesen Aktionen kamen auch Neonazis, die offen unsere Veranstaltungen abfotografierten und uns zuriefen, dies wäre unsere letzte Aktion gewesen. Sie kommen aus Zusammenhängen der Fußballhools und der DPNI, der rechtsradikalen »Bewegung gegen die illegale Einwanderung«. Die DPNI ist in Bryansk verboten worden, einige ihrer Leute sind aber nach wie vor aktiv. Sie hatten auch angekündigt das letzte Hardcore-Konzert sprengen zu wollen. Wir haben alles Notwendige dafür getan, dass alle unbeschadet zum Konzert hin und wieder zurückkamen. In Moskau war die Situation dagegen sehr schwierig.

Kirill: In Moskau fingen sie mit den Angriffen an, hinterrücks und in Überzahl. Die jetzige Situation ist kein Spiel, das ist Krieg.

Ihr habt euch Erfolge erkämpft. Inwieweit hängen diese Erfolge zusammen mit der Kampagne in den Massenmedien gegen Neonazi-Skinheads und den Maßnahmen des Staates gegen Neonazis?

Kirill: Vorweg: Zwischen uns und der Staatsmacht oder der Miliz bestehen keinerlei Kontakte. Der Staat verfügt natürlich über wirksame Mittel und manchmal werden diese auch angewendet. Es bleibt aber die Frage, wie ehrlich das gemeint ist. Es gibt die Auffassung, dass der Staat das Ganze selbst initiiert oder zumindest die Entstehung geduldet hat und nun zum Schein damit ringt.

Roman: In letzter Zeit werden verstärkt Leute in Bryansk vom Inlandsgeheimdienst FSB befragt. Wegen des letzten Konzertes bekam ich als Veranstalter Besuch von zwei Herren in Zivil, die sich als Mitarbeiter der Abteilung Organisiertes Verbrechen vorstellten. Sie fragten an, ob wir Probleme mit Neonazis hätten und gaben mir eine Telefonnummer.

Wie ist euer Verhältnis zu offiziellen Organisationen wie der Putin-Jugend Nashi (die Unsrigen), die sich selbst als »antifaschistisch« bezeichnen, aber sich in vielem so Obrigkeitsergeben wie der alte Komsomol verhalten?

Kirill: Einzelne Leute von Nashi haben mir mehrfach die Zusammenarbeit angeboten. Sie haben vorgeschlagen, dass wir uns gegenseitig helfen könnten und sie auch etwas anzubieten hätten, nämlich die Unterstützung der Regierung. Eine Zusammenarbeit habe ich abgelehnt, mit dem Verweis darauf, dass ich ihrer Vereinigung und auch der Regierung nichts abgewinnen könne. Für mich ist Nashi keine antifaschistische Bewegung und auch keine, die ernsthaft daran geht, Probleme zu lösen.

Roman: Nashi richten sich zudem nicht nur gegen Neonazis, sondern gegen alle »Outsider der Gesellschaft«. Und da zählen sie die Punk/HC-Subkultur mit dazu. Ihr Ideal sind staatstreue Bürger, die sich konform und gesetzestreu verhalten.

Eure Aktionen gegen Neonazis sind sehr gefährlich. Wie geht ihr mit Repressionen von staatlicher Seite um?

Kirill: Das persönliche Risiko bei Angriffen verletzt zu werden ist immer da. Es ist nicht vorhersehbar was der gegenüber aus der Tasche zieht. Und es besteht das Risiko, von der Miliz geschnappt zu werden. Es kommt zum Verhör wenn sie einen erwischen. Aber unsere Leute sind aufrichtig ihren Freunden und unseren Ideen gegenüber. Wir verraten nichts. Wenn politische Großereignisse wie Wahlen anstehen, werden unsere Aktionen jedoch gefährlicher, weil dann die staatlichen Organe sensibel reagieren und verstärkt vorgehen. Dann kommt es auch schon mal zu Gerichtsprozessen.

Ist das in der Vergangenheit geschehen?

Kirill: Empfindliche Haftstrafen sind bisher gegen Antifas nicht verhängt worden. Das Maximum waren fünf Tage Haft, weil ihnen die Beteiligung an einer Aktion nachgewiesen werden konnte. In politisch ruhigen Zeiten werden diese Fragen in der Regel finanziell geregelt. Die Wirkung ist dann eher eine moralische. Gerade wenn junge Leute geschnappt werden, versuchen die staatlichen Organe sie auf diesem Weg einzuschüchtern. Wir stellen uns inzwischen auf derartige Situationen ein, versuchen Geld zu sammeln über Soli-Konzerte oder regelmäßige Beiträge der Aktivisten, damit wir denjenigen schnell helfen können, die Probleme bekommen.

Engagiert ihr Euch neben dem antifaschistischen Kampf noch in anderen Bereichen? Ihr habt food not bombs erwähnt...

Kirill: Wir sind eine sehr heterogen zusammengesetzte Truppe. In den Regionen haben wir es vielfach mit sehr jungen lokalen Szenen zu tun. Dort ist das Bedürfnis sehr groß, viele Gemeinsamkeiten zu haben. In Moskau dagegen gibt es einige gegensätzliche Auffassungen innerhalb der Szene. Diese Differenzen münden jedoch nicht in Auseinandersetzungen. Denn alle verstehen, dass jeder seine eigene Meinung haben kann. Innerhalb der Szene finden Leute aus unterschiedlichen Subkulturen zusammen. Da das größte Problem aller die Übergriffe der Neonazis sind, engagieren sie sich gemeinsam in der Antifa.

Wie kann man die antifaschistische Bewegung in Russland aus dem Ausland unterstützen?

Kirill: Man kann Informationen über die Situation in Russland im Ausland verbreiten. Oder für Bands, die unsere Ideen teilen und verbreiten, Konzerte organisieren. Wir freuen uns auch über Infomaterial wie Zeitschriften, Broschüren oder Aufkleber. Die größte Hilfe ist aber die Solidarität. Wir sollten uns untereinander austauschen und uns öfter über Grenzen hinweg treffen. Die Probleme mit denen wir kämpfen, gibt es ja nicht nur in Russland sondern überall auf der Welt.

Vielen Dank für das Gespräch.