Eddie Whicker aus dem C18 Netzwerk in einem BBC Beitrag. (Bild: Screenshot BBC)
International | AIB 23 / 3.1993 | 07.08.1993

C18 - Britisches Anti-Antifa-Netz aufgedeckt

Seit Mitte letzten Jahres war England mit einer Welle von Anschlägen durch militante Neonazis konfrontiert. AntifaschistInnen gelang es, dieses Netz aufzudecken und die Schlüsselfiguren in Zusammenarbeit mit BBC „World in Action“ öffentlich zu machen. Parallelen zur deutschen "Anti-Antifa" drängen sich auf.

Brick Lane, im Osten von London: Leute von der Anti-Nazi-Liga verkaufen Zeitungen an einem Stand. Nachdem sich ein einzelner Neonazi vergewissert hat, daß nicht mit wesentlicher Gegenwehr zu rechnen ist, stürmt eine Gruppe von ca. 20 Personen mit Flaschen, Steinen und Eisenstangen bewaffnet um die Ecke. Der Angriff dauert nur eine kurze Zeit und wird mit Präzision ausgeführt. Ein zu Boden geschlagener Mann wird mit Steinen und Flaschen eingedeckt und immer wieder wird auf seinen Kopf eingetreten. Zuvor hatte sich im August 1992 ein 60-köpfiges Kommando an Mitgliedern von „Anti-Fascist Action“ (AFA) versucht - mit weniger Erfolg. Die AFA-Leute in der Kneipe schafften es, sich die Angreifer vom Leib zu halten, konnten aber nicht verhindern daß die Räume zerstört wurden. Ein knappes Jahr zog sich der Terror hin. JüdInnen, Familien dunkler Hautfarbe, Anti-Apartheid-AktivistInnen oder Linke bekamen Drohanrufe. Manchmal meldeten sich die Anrufer als Vertreter des britischen „Ku Klux Klan“. Der Terror war breit gestreut, er traf u.a. ein Reisebüro, das einen Preis für ein Anti-Apartheid-Konzert gespendet hatte, aber auch Leute, die das Pech hatten, in einer Wohnung zu leben, wo sich vor Jahren vielleicht ein Antifaschist oder jüdischer Mieter aufgehalten hatte. Viele Opfer ahnten nicht, daß sie auf die Anschlagsliste des C18-Blattes „Redwatch“ geraten und nur ein Angriffsziel unter vielen waren. Einer der Mitverantwortlichen für die Erstellung von »Redwatch« leitet einen „NS-Buchklub“.

Über John Cato konnten die rassistischen Lehren und Materialien aus den USA (wie das Buch "The Turner Diaries") als treibende Kraft der C18-Ideologie nach England gelangen. Das Buch und die damit verbundenen Schriften von Personen wie Louis Beam inspirierten C18. Einen Großteil dieser Literatur nach Großbritannien brachte ein britischer Zweig der "National Alliance"(USA) unter der Leitung von Paul Jeffries und John Cato.

Ihre ersten Einsätze hatte C18 bei dem Schutz von Veranstaltungen der „British National Party“ (BNP), bei denen der Auschwitzleugner David Irving (David John Cawdell Irving) auftrat. Den Auftakt zur Terrorwelle von C18 bildete ein Brandanschlag auf die kommunistische Zeitung "Morning Star". Leuten aus einer gegenüberliegenden Kneipe, die das Feuer rechtzeitig entdeckten, war es zu verdanken, daß nicht das gesamte Gebäude in Flammen aufging. Zwei weitere Brandstiftungen gingen dann direkt auf die Veröffentlichung in der Redwatch-Liste zurück: Betroffen waren das Büro der "Demokratischen Linken" und das Arbeitslosen- und Nachbarschaftszentrum in Sandwell Ende November 1992. Das Nachbarschaftszentrum wurde Anfang 1993 erneut von C18 überfallen, die Fensterscheiben zerstört und die Räume verwüstet. Bei den Anschlägen wurde »C18« an die Wände gesprüht. Ähnlich verlief der Überfall auf die Büroräume und den Buchladen der anarchistischen „Freedom Press“. Anwesende wurden angegriffen, die Räume verwüstet und vermutlich eine AbonnentInnen-Liste mitgenommen.

Mit Hilfe von »U-Booten« von der antifaschistischen Zeitung "Searchlight" und aus der Jüdischen Gemeinde, die in der rechten Szene arbeiteten, gelang es schließlich, das Puzzle zusammenzusetzen und Einblick in die Struktur und Arbeitsweise von C18 zu bekommen. Als Searchlight die Anwesenheit von Harold Covington in England aufdeckte, hatten sie noch keine Ahnung, was der US-Neonazi im Einzelnen trieb. Doch das sollte sich bald herausstellen.

US-Neonazi Covington in England

Covington war im Herbst 1991 nach Britannien gekommen. Seine Anwesenheit versuchte er streng geheim zu halten. Searchlight stieß im Sommer 1992 auf ihn, ironischerweise als er sich in einem »vertraulichen« Brief an seine »rassischen Kameraden« von der „British National Party“ (BNP) darüber beklagte, daß sein ebenso vertraulicher Rundbrief an die Öffentlichkeit gekommen sei. Als Vorwand für seinen Aufenthalt nutzte Covington einen Computer-Kurs; durch die Heirat mit einer Irin hat er zudem keine Aufenthaltsprobleme in EG-Ländern.

Covington ist in den USA vor allem durch seine Verwicklung in das „Greensboro-Massaker“ am 3. November 1979 in den USA bekannt, bei diesem wurden fünf DemonstrantInnen durch Neonazis erschossen. Damals war er ein führender Kopf der „National Socialist Party of America“ (NSPA) und hatte eine »rassistische Einheitsfront« mit den verschiedenen Ku Klux Klan-Gruppen aus North Carolina ins Leben gerufen1. Am 3. November 1979, dem Tag einer Anti-Klan-Demonstration in Greensboro, fuhr ein Konvoi von KKK'lern, der „American Nazi Party“ und weitere Rassisten in die Stadt. Am hellichten Tage packten sie ihre Gewehre aus ihren Autos und schossen auf die DemonstrantInnen; sie töteten Fünf und verletzten neun Weitere2. Covington war, wie immer bei solchen Anlässen, persönlich nicht vertreten3.

Covington war nach der Enthüllung seines Aufenthalts in England bereits in die USA (Washington/Seattle) zurückgekehrt, als in britischen Neonazikreisen das C18-Blatt „Redwatch“ kursierte. C18 benutzte als Kontaktadresse ein Postfach in den USA, das dem US-Neonazi Covington zugeordnet werden konnte. Dadurch ließ sich für Searchlight der Bogen zu Covingtons vorheriger Anwesenheit in London schlagen. Ende 1991 war das Projekt C18 in Angriff genommen worden - das C steht für 'Combat' und die 18 für den ersten und achten Buchstaben im Alphabet, also für AH/Adolf Hitler. Konkrete Formen nahm es zur Zeit der Wahlen im April 1992 an. Potentielle Rekruten für den inneren Kreis wurden per Brief zu einem Treffen in eine Londoner Kneipe eingeladen. Die neuen Mitglieder sollten sich nach weiteren Anwärtern umschauen. Diejenigen, die Infos zu zukünftigen Angriffszielen zusammentragen könnten, sollten diese an ein Postfach in die USA schicken, damit die Spur zum Herzen C18's nicht nachzuverfolgen sei. Die »Erkenntnisse« und die Mitgliedsanträge würden anschließend - hinter den Kulissen von Covington ausgewertet - an verschiedene sichere Adressen in Britannien zurückgeleitet werden.

Informationen wurden dann auch sehr breit gesammelt. Oft offensichtlich ohne Sorgfalt, denn etliche Angaben auf den C18-Listen sind veraltet oder stimmen schlicht nicht. Der Terror ist breit gestreut, er richtete sich sogar gegen einen (jüdischen) Parlamentsabgeordneten der Konservativen Partei. Es muß jedoch damit gerechnet werden, daß C18 über erheblich mehr Adressen verfügt. In einem C18-Bulletin wird behauptet, daß sie über mehr als 300 Namen und Adressen der „Antirassistischen Allianz“ (ARA) verfügen. Dies ist durchaus möglich, da im Jahr zuvor bei einem ARA-Mitglied eingebrochen und Unterlagen entwendet worden waren.

Perspektivisch sollte, ähnlich dem Konzept der bundesdeutschen "Anti-Antifa", ein Netz von C18-Zellen entstehen, die in der Lage wären, eigenständig zu agieren. Die Schläger um den C18-„Straßenboss“ Charlie Sargent, die sich in C18 versammelten, stammen vor allem aus der "British National Party" und der „National Front“ (NF). Die Führung der BNP ist sich im klaren, daß sie ohne Leute vom Schlage des C18 ihre Veranstaltungen nicht schützen kann.

C18 & UDA

Doch wie ein Aussteiger aus C18 in der BBC- Dokumentation erläutert: »Wer einmal in C18 ist, für den ist nicht mehr die BNP oder die NF maßgebend, denn in C18 läuft nichts ohne den Segen der „Ulster Defence Association“ (UDA). Die protestantische UDA wurde letzten Sommer in Nordirland verboten, ist aber in Britannien weiterhin legal.

Den einfachen C18-Leuten ist die enge Verknüpfung mit der UDA kaum bekannt. Eddie Whicker, eine weitere Schlüsselfigur in C18, hatte bei den Wahlen für die "ational Front" (NF) in Birmingham kandidiert und wurde in der letzten Zeit des öfteren bei der BNP gesehen. Er wurde dort aber nicht Mitglied, sondern sammelte für die UDA Informationen und schaute sich zwecks Neuanwerbungen für C18 um. Der C18-Abtrünnige weiß im BBC zu berichten, daß Whicker als Kurier für die UDA fungiert und sich oft in Belfast aufhält.

C18 & Anti-Antifa

Covington, der mittlerweile nicht mehr, wie in früheren Jahren, in SA-Uniform herumläuft, hat sich dem Aufbau eines weltweiten Untergrundnetzes von schlagkräftigen Terrorgruppen á la C18 verschrieben. Da scheint sich einiges zu tun. In Diksmuide in Belgien beim alljährlichen internationalen Neonazitreff gab es Diskussionen über eine internationale Kampagne, die den Gegenangriff gegen AntifaschistInnen beinhalten soll. Der deutsche Neonazi Norbert Weidner aus dem Raum Rhein-Sieg, tritt als einer der Initiatoren der bundesdeutschen "Anti-Antifa" auf und konnte bereits einiges über deren Aktivitäten berichten. Ihm werden Kontakte zu englischen Neonazi-Gruppen nachgesagt. Ermutigt über die Einstellung des Bonner Ermittlungsverfahrens gegen diese "Anti-Antifa" werden weiter offen »Erkenntnisse« über spätere Angriffsziele gesammelt – so etwa unter der Telefonnummer des „Nationalen Info-Telefon“ (NIT) in Mainz.

  • 1. Als Mitglied der (NSPA) kämpfte er für einen „weißen Ethnosstaat“ u.a. im ehemaligen afrikanischen Rhodesien und in Südafrika. Sein Plan zur "weißen Vorherrschaft" sah vor den pazifischen Nordwesten in ein "weißes Heimatland"  (Northwest Territorial Imperative) umzuwandeln.
  • 2. Die fünf getöteten DemonstrantInnen waren Sandra Smith, James Waller, William Sampson, Cesar Cauce und Michael Nathan.
  • 3. Vergleich: Elizabeth Wheaton: Codename GREENKIL: The 1979 Greensboro Killings: Covington gehörte zu der Gruppe, war aber am Tattag nicht anwesend.