Die „Calenberger Bande“ vor Gericht

Am 2. Juni 2023 versammelten sich Burschenschafter der „Deutschen Burschenschaft“ in Eisenach zum Festakt. Hier war auch Patrick Schneider (geb. Kruse) vor Ort (rechts mit Bierglas).
Nach jahrelangen Ermittlungen finden in Hannover gerade Prozesse gegen Anhänger der Neonazigruppe „Calenberger Bande“ statt. Bei Razzien wurden Gewaltvideos, Beweise für Tierquälerei und kilogrammweise Material zur Sprengstoffherstellung gefunden. Für versuchten Totschlag wurden drei Mitglieder zu Haftstrafen verurteilt. Es drängt sich die Frage auf, warum das Strukturermittlungsverfahren nach Paragraph 129a gegen die Gruppe eingestellt wurde.
In Hannover und Umgebung gibt es eine Reihe unaufgeklärter Straftaten mit neonazistischer Handschrift. Sachbeschädigungen mit Volksverhetzung, Brandstiftung bei einer kurdischen Familie und eine Attacke auf die Haustür eines jüdischen Ehepaars. Seit mehreren Jahren vermuten Antifaschist:innen eine klandestin organisierte „Kameradschaft“ dahinter: Die sogenannte „Calenberger Bande“.
Auch die Polizei ermittelte. Durch mehrere Prozesse, die am Landgericht Hannover stattfinden, ist ein Blick in die Ermittlungen, die Struktur der „Calenberger Bande“ und die Gewaltaffinität mehrerer Mitglieder möglich. Mehr als 10.000 Seiten sollen die Akten füllen.
Langjähriger Neonazi als Anführer
Seit mehr als fünfzehn Jahren ist Patrick Schneider (geb. Kruse) in Niedersachsen und bundesweit in der neonazistischen Szene aktiv. Schneider gilt als Kopf der „Calenberger Bande“ und soll sich im Gruppenchat mit „Tim“ ansprechen haben lassen. Wohnhaft ist er bei seiner Ehefrau in Pattensen. Seit 2013 war er als Liedermacher („Jugendgedanken“) beim RechtsRocklabel „OPOS-Records“ aktiv. 2015 wurde er zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Er hatte Parteibüros angegriffen, Stolpersteine und eine Gedenktafel für deportierte Jüdinnen und Juden beschmiert, den Grünen-Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kindler und Mitglieder der DKP angegriffen und versucht, Geflüchtete während eines Hungerstreiks zu attackieren.
Schneider gilt als redegewandt und umtriebig, studiert Jura in Göttingen. Ein Schnauzer beträchtlichen Ausmaßes, im Stil von Kaiser Wilhelm, ziert sein Gesicht. Er geht mit dem neonazistischen Style der Zeit – von Glatze und „Autonome Nationalisten“-Look, zum gestriegelten Burschenschafter.
Zwischenzeitlich wanderte Schneider, als seine „Kameradschaft Besseres Hannover“ verboten wurde, nach Chemnitz ab und versuchte dort mit der Gruppe „Rechtes Plenum Chemnitz“ einen vermeintlichen „Nazikiez“ aufzubauen. Auch hier klandestin und militant. Wie zahlreiche von Schneiders Unternehmungen, scheiterte dies an Antifaschist:innen, die auf sein Treiben aufmerksam machten.1 So sorgte ein Outing auf Indymedia auch in diesem Fall für die ersten Hausdurchsuchungen und brachte den Stein ins Rollen. Der Prozess wegen der schwersten Straftat, der bisher stattfand: Eine Anklage wegen versuchten Mordes am Landgericht Hannover.
Überfall führt zu künstlichem Koma
Patrick Schneider hat mit den Brüdern Frederik und Florian Laskowski, am Morgen des 7. Januar 2020, einem Arbeitskollegen des Onkels der beiden aufgelauert und diesen so schwer verprügelt, dass dieser später ins künstliche Koma versetzt werden musste. Die Motive dafür sind bis heute völlig unklar. Alle Angeklagten schwiegen vor Gericht.
Den Betroffenen ließen die Drei schwerst verletzt vor dessen Garage liegen und durchsuchten wohl seine Wohnung. Mitgenommen wurde nichts - nur der Wohnungstürschlüssel fehlt bis heute. Die Staatsanwaltschaft sah im Liegenlassen des Verletzten eine Tötungsabsicht, dem folgte das Gericht am Ende der Verhandlung nicht. Dass die Täter überhaupt ermittelt wurden - purer Zufall. Das lokale Polizeidezernat tappte lange im Dunkeln. Ein paar wenige Indizien hatten sich durch die Nachbarn sammeln lassen, die aber zunächst nicht zum Aufgreifen von Tätern führten.
„Ermittlungsgruppe Elhaz“
Das Gerichtsverfahren gab einige spannende Einblicke zu den Ermittlungen rund um die „Calenberger Bande“. Vor Gericht sagte der ehemalige Leiter des hannoverschen Staatsschutzdezernats aus und beschrieb die Arbeit der etwa 30 bis 40 köpfigen „Ermittlungsgruppe Elhaz“. „Es ging zunächst um Volksverhetzung, Sachbeschädigungen, Brandstiftungen und den Verdacht der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat“, erinnerte sich der Chefermittler im Zeugenstand.
Nach drei Monaten sei man über Indymedia darauf aufmerksam geworden, wer zur „Calenberger Bande“ gehören solle. Darauf folgten erstmals Durchsuchungen, bei denen zahlreiche elektronische Speichermedien konfisziert wurden. Mehrere Terabyte Daten wurde sichergestellt. Schneider wurde sein Handy in der Vorlesung in der Göttinger Universität abgenommen.
Bei der Auswertung der elektronischen Geräte stießen die Ermittler dann auf Chatverläufe, in denen es um eine nicht weiter benannte Straftat ging. Schneider schlug vor, „es am 7. durchzuziehen“, so der Chefermittler. Außerdem erinnerte er Florian Laskowski daran Kabelbinder mit zunehmen. „Fredde“ könne die mitbringen, war die Antwort. So nannte sich Frederik Laskowski in den sozialen Medien. Das Opfer war nach der Tat an Händen und Füßen gefesselt gefunden worden. Schneider habe außerdem angewiesen, Taschenlampen mitzunehmen und Handys zuhause zu lassen. Um vier Uhr, etwa zwei Stunden vor der Tat, meldete sich Schneider per Chat mit einem Herze-Moji bei seiner Frau ab. Kurz nach der Tat schrieb Schneider „Guten Morgen“. Gegen Mittag habe er dann geschrieben, er sei deprimiert und es habe einen „Totalschaden“ gegeben, beschreibt der Ermittler. Danach suchte Schneider die Meldung zur Tat auf dem polizeilichen Presseportal.
Es drängt sich die Frage auf: Was war der Totalschaden? Die schwere der Verletzungen beim Betroffenen? Dass dieser überlebte? Fanden die drei nicht, was sie suchten?
Einer, der sich nach eigenen Angaben am selben Tag "gefreut" haben soll, war Alfred S., der Onkel der Laskowski Brüder, der wie der Betroffene in der Lackiererei von VW-Nutzfahrzeuge in Stöcken arbeitete. Als sein Kollege am Morgen nicht zur Arbeit erschien, versendete der ein Bild von einem leeren Arbeitsplatz mit der Nachricht: „Schön ruhig hier heute“.
Das Gericht sieht es aus den Indizien als erwiesen an, dass die drei Angeklagten tatsächlich den VW-Mitarbeiter überfallen haben und verurteilte sie zu sechs Jahren Haft, wovon drei Monate als vollstreckt gelten. Dem Geschädigten müssen die drei insgesamt 15.000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Bombenwerkstatt im Keller?
Was nebenbei im Gerichtssaal herauskam – und bisher nicht die Öffentlichkeit erreichte: Die beiden Brüder haben auch 150 Tagessätze per Strafbefehl wegen Tierquälerei gezahlt. Ein Schwein soll an eine Schlange verfüttert worden sein. Ein weiteres Mitglied der „Calenberger Bande“ hatte außerdem umfänglich Sachbeschädigungen gestanden und – zusätzlich zu den digitalen Beweisen- wohl auch gegen seine ehemaligen „Kameraden“ ausgesagt. Bei Florian Laskowski wurden außerdem unzählige Gewaltvideos auf den konfiszierten Geräten gefunden, u.a. Hinrichtungsvideos des IS und Filme, die sexualisierte Gewalt zeigen sollen. Außerdem soll er sich mit dem Christchurch-Attentäter befasst haben, hieß es im jüngsten Prozess. Brisant auch für die Stadt Hannover, die ihn bis zum Antifa-Outing als Erzieher beschäftigt hatte.
Bei einer weiteren Hausduchsuchung bei Laskowskis stellten die Ermittler neben allerlei Messern, einer Armbrust und Schreckschusspistolen, 1,5 kg hochentzündliche Substanz, Aluminiumpulver, Kaliumnitrat, Schwefel, etwas Ruß-Ähnliches und Zündschnur sicher. „Eine Napalmartige Substanz“, hatte der Chefermittler im Zeugenstand dies im Prozess im Oktober 2024 genannt. Die Polizei fing zudem 36 kg Materialien zur Herstellung von Pyrotechnik der Kategorie F3 und F4 ab, die Florian Laskowski online bestellt hatte. Von dem Material in seinem Keller will Frederik „Fredde“ Laskoskwi, der gerade seine Meisterprüfung zum Mechatroniker abgelegt hat, nichts gewusst haben. Wegen unzureichender Indizien wurde nur Florian Laskowski verurteilt.
Die Verbindungen der Brüder zeigen dabei immer wieder in die Richtung von Kreisen der „Organisierte Kriminalität“. Wie Recherchen des „Relate Magazin“2 aus Hannover zeigen, waren sie Anhänger des Motorradklubs „Shelter Dogs MC“3, gegen dessen Präsidenten der „Militärische Abschirmdienst“ im Kontext des Elitesoldaten-Netzwerks „Nordbund“ ermittelte.4
Im jüngsten Prozess ging es auch um die Verbindung der Laskowskis zu einem Vladislav S. aus Göttingen, den die Polizei wegen einschlägiger Verurteilungen der „Organisierten Kriminalität“ zurechnet. „Fredde“, der sich im Gerichtssaal ruhig und gesittet gibt, präsentiert sich online ganz anders. Da ist er der harte MMA-Kämpfer, der nicht nur bei neonazistischen Turnieren, sondern auch bei Mainstream-Events antritt.
Die Frage bleibt: Warum stellte die Generalstaatsanwaltschaft Celle die Ermittlungen nach Paragraph 129a ein, wenn doch mindesten drei Mitglieder eindeutig als Gruppe Straftaten planten und durchführten? Der ehemalige Staatsschutz-Chef in Hannover gab bei seiner Vernehmung jedenfalls vor, nichts von der Einstellung zu wissen. Seiner Meinung nach und aus allen Indizien sei der Fall mehr als eindeutig. Ein Schelm wer hier Absprachen und Justizwunder vermutet. Nur Dank aufmerksamer Antifaschist:innen gerät all das an die Öffentlichkeit. Weder Staatsanwaltschaft noch Gericht hatten Medien über die brisanten Prozesse in Kenntnis gesetzt.
- 1
Vgl. AIB Nr. 113 - 4.2016: Instagram, „Nazikiez“ und „Schwarze Blöcke“
- 2
- 3
www.landtag-niedersachsen.de/drucksachen/drucksachen_18_12500/11501-120…
- 4
https://www.antifainfoblatt.de/artikel/das-nordbund-netzwerk