Milliardäre als Unterstützer der extremen Rechten in Frankreich
Bernard Schmid (Gastbeitrag)Seit 2023/24 gewinnt ein Multimilliardär an Einfluss auf den RN, den er offen finanziert. Es geht dabei um das Geflecht aus Unternehmen und Beraterbüros rund um den rechtskatholischen Milliardär Pierre-Edouard Stérin.
Demonstration am 5. Juni 2025 in Nantes gegen Pierre-Edouard Stérin.
Was schert mich mein Geschwätz von gestern? Auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet ist eine solche Herangehensweise der extremen Rechten so alt wie diese selbst: Schon der italienische historische Faschismus verstand es, sich als Partei der Rebellion und Partei der Ordnung, als Partei der dynamischen Veränderung und als solche der schwärzesten Reaktion zugleich aufzuführen. Je nach Bedarf wurde die Karte der sozialen Demagogie ausgespielt oder der Frontalangriff auf die Arbeiterbewegung und ihre Organisationen ausgeführt.
Der Faschismus hatte keine sozio-ökonomische Doktrin, sondern ein taktisches Herangehen, das die „soziale Frage“ als Hebel zur Mobilisierung nutzt, wenn es ihm opportun erscheint. Auch wenn der Neofaschismus von 2025 natürlich nicht in allen Punkten gleich auftritt wie der historische im Jahr 1922, so trifft die o.g. Feststellung auch auf die heutige extreme Rechte zu, etwa ihre wichtigste französische Partei. Dabei sind die Positionswandel, die der „Rassemblement national“ (RN, „Nationale Sammlung“, vor dem 1. Juni 2018: „Front national“) in den letzten Jahren zumindest bei einigen Punkten auf sozio-ökonomischem Gebiet vollzog, besonders krass.
2016, zu Zeiten, als das Aufkommen und der Bedeutungsgewinn von Kryptowährungen erstmals zum Gegenstand der politischen Debatte wurde, schrieb Marine Le Pen (RN) noch eine einfache Forderung in ihr damaliges Präsidentschaftswahlprogramm: ihr Verbot. Zu abstrakt, zu wenig an die Nationalstaaten gebunden, zu „spekulations“-fördernd: Die Kritikpunkte schienen aus ihrer Sicht auf der Hand zu liegen.
Doch das ist Schnee von gestern. Die inzwischen über einhundertköpfige Parlamentsfraktion des RN – im Jahr 2016 wies der damalige „Front National“ noch nur zwei Abgeordnetensitze auf, das Mehrheitswahlrecht wirkte damals noch als Sperrriegel gegen die extreme Rechte, während es sie heute sogar begünstigt – arbeitet derzeit an einem Gesetzentwurf, der das „freie Schöpfen (mining)“ von Kryptowährungen fördern soll.
Dafür soll Energieüberschuss aus den französischen Atomkraftwerken erzeugt und verwendet werden, wie Marine Le Pen anlässlich eines Besuchs im Atomkraftwerk Flamanville im März 2025 verkündete. Diese Gesetzesinitiative soll das bisher jedenfalls theoretisch noch bestehenden Monopol der – nationalen oder europäischen – Zentralbanken zum Geldschöpfen brechen, und Letztere zur privatwirtschaftlichen Angelegenheit machen. Genau das ist es, was Rechtsnationalisten zuvor daran störte.
Dafür, dass die extrem rechte Partei von Marine Le Pen und Jordan Bardella einen solchen Kurswechsel vollzog, sind zwei Hauptgründe entscheidend – die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern einander begünstigen. Zum Einen hat sich die Parteispitze, seit dem Wechsel im Vorsitz im November 2022 von Marine Le Pen (heute Fraktionsvorsitzende) zu Jordan Bardella, vom eher national-keynesianistischen Kurs weg und in die Nähe einer eher Donald Trump und Xavier Miliei nacheifernden Orientierung entwickelt.
Auch wenn dies nicht explizit so geäußert wird, favorisiert Bardella unter der Hand eher eine Linie, die kapitalistische Deregulierung und eine Umverteilungspolitik „von unten nach oben“ mit protektionistischen nationalwirtschaftlichen Elementen kombiniert. Zuvor hatte Marine Le Pen noch eher einen „starken Staat“ mit einer intervenierenden Rolle auch in der Ökonomie propagiert. Ohne jedoch die kapitalistische Privatwirtschaft infrage zu stellen. Bardella hält dies tendenziell für Schnee von gestern.
Zum Zweiten haben sich auch Akteure der kapitalistischen Ökonomie und ihrer deregulierten Sektoren, oder etwa des oben erwähnten aufstrebenden Kryptowährungs-Bereichs, zu einer Annäherung an den und mutmaßlich einer Finanzierung des RN entschlossen. So publizierte die Pariser Abendzeitung „Le Monde“ am 30. Juli 2025 mehrere Namen von Protagonisten der Kryptowährungs-Ökonomie, die den RN beraten.
Aber auch Unternehmensführer auf anderen Sektoren unterstützen mittlerweile offen den RN – das ist historisch ein Novum, bis dahin hielten die Kapitalverbände die Partei erklärtermaßen für „wirtschaftspolitisch inkompetent“ und „gefährlich für unsere Exporte“. Oder zumindest betrachten sie die extrem rechte Partei als „kleineres Übel“ gegenüber den Linksparteien, die im Juni und Juli 2024, zusammengeschlossen im Wahlbündnis „Nouveau front populaire“ (Neue Volksfront), die vorgezogenen Neuwahlen als stärkste Kraft gewonnen hatten. Jedoch nur mit einer relativen Mehrheit und ohne dass Staatspräsident Emmanuel Macron ihnen den Regierungsauftrag erteilt hätte.
In diesem Sinn wurde Jordan Bardella als Gastredner bei der Sommeruniversität des stärksten Arbeitgeberverbands in Frankreich, MEDEF, am 28. August 2025 im Stadion Roland-Garros in Paris aufgenommen. Seine konkreten Vorschläge zu Wirtschaftsthemen wurden zwar von manchen Teilnehmern eher belächelt, der 30-jährige Parteivorsitzende wurde laut mehreren Berichten in der Wirtschafts- und in der Tagespresse als in Ökonomiedingen eher unbewandert wahrgenommen, doch wurde seine Partei als besser als die Linksparteien dargestellt - einschließlich des rechtssozialdemokratischen „Parti Socialiste“ (PS), völlig zu schweigen von der linkssozialistischen und linkspopulistischen Wahlplattform „La France insoumise“ (LFI).
Seit 2023/24 gewinnt ein Multimilliardär an Einfluss auf den RN, den er offen finanziert. Es geht dabei um das Geflecht aus Unternehmen und Beraterbüros rund um den rechtskatholischen Milliardär Pierre-Edouard Stérin. Er handelt mit Kosmetika, Frischhalteboxen – ihnen verdankt er sein Vermögen – und Computerprogrammen sowie Finanzdienstleistungen.
Der 51-jährige gründet derzeit eifrig Privatschulen, etwa in Nantes, im zentralfranzösischen Nouan-le-Fuzelier, oder in Etang-sur-Arroux zwischen Dijon und Lyon. Er hält Veranstaltungen ab wie die „Nacht des Gemeinwohls“, die von Stadt zu Stadt tingelt. Gegen diese wurde im Juni 2025 im westfranzösischen Nantes, in Rouen, in Toulouse wie auch im ostfranzösischen Annecy demonstriert und protestiert. Die Organisatoren des angeblich katholisch-gemeinnützigen Spektakels versuchen nun den Namen des RN-nahen Milliardärs zu verstecken. Im August 2025 zogen sich zwei Sommerfestivals in Westfrankreich von einem Finanzierungsvertrags mit Stérins Stiftung zurück.
Unterdessen richteten das von Stérin gegründete „Institut Périclès“ (Abkürzung für „Patriotisch, verwurzelt, widerständig, identitär, christlich, wirtschaftsliberal, europäisch, souveränistisch“) zusammen mit der 2023 durch den zwischen Konservativen und RN stehenden Medienmogul Vincent Bolloré übernommenen Sonntagszeitung JDD und der gegen Sozialstaat und Steuern wetternden, teils thatcheristischen und teils offen rechtsextremen Vereinigung „Contribuables associés“ (Vereinigte Steuerzahler) am 24. Juni 2025 in Paris eine Großveranstaltung aus. Bei diesem „Gipfel der Freiheitsrechte“ (sommet des libertés) getauften Ereignis ging es vor allem um die Äußerungsfreiheit für völkische Meinungen – „man wird ja wohl noch sagen dürfen“. Das Spektakel war mit 1.300 Teilnehmern in brütender Hitze ein Erfolg, zumal es Personen aus sonst organisatorisch getrennten Spektren anzog wie Bardella vom RN, die Europaparlamentarierin Sarah Knafo von der durch Eric Zemmour gegründeten extrem rechten und wirtschaftsliberalen Konkurrenzpartei „Reconquête“, den Nationalkonservativen, EU- und Covid-Impf-Gegner Nicolas Dupont-Aignan, aber auch die rechtsbürgerliche Abgeordnete Anne-Laure Blin („Les Républicains“, LR).
Am Tag des „Gipfels“ kolportierte die auf Satire und Enthüllungen spezialisierte, gewöhnlich gut unterrichtete Wochenzeitung „Le Canard enchaîné“, der amtierende Innenminister Bruno Retailleau - er führt seit Mai auch den Vorsitz der konservativen Partei LR - komme zwar nicht dorthin, schätze aber Stérin und habe ihn mehrfach getroffen.
Konservative und Rechtslibertäre, Unternehmer und Großvermögensbesitzer erhoffen sich von einem durch Bardella geführten RN vor allem eine künftig ohne zu viel Sozialklimbim auskommende extrem rechte Partei. Allerdings ist die durch Marine Le Pen in ihrer Zeit als Parteivorsitzende (2011 bis 2022) forcierte Sozialdemagogie jedenfalls in Nord- und in Ostfrankreich ein wichtiger Anziehungspunkt für die dort starken, sozial deklassierten Teile der Wählerschaft des RN. Darin liegt noch einer der potenziellen Widersprüche der Entwicklung.