Die NSDAP in Thüringen 1929 bis 1932: Ein Labor für den „neuen Staat“
Aufstieg, Einfluss und politische Experimente der NSDAP im „Mustergau“ Thüringen. Im Januar 1930 bildete sich eine neue Thüringer Landesregierung unter Beteiligung der NSDAP.
Wilhelm Frick – im Vordergrund links neben Adolf Hitler – als Vorsitzender der kleinen NSDAP-Reichstagsfraktion.
Ende der 1920er Jahre war Thüringen politisch instabil, geprägt von häufig wechselnden Koalitionen und einem starken rechten politischen Milieu. Die wirtschaftlichen Folgen der Weltwirtschaftskrise ab 1929 trafen das ländliche, kleingewerbliche und protestantisch geprägte Land hart. In dieser Situation gewann die NSDAP, die seit Mitte der 1920er Jahre systematisch Ortsgruppen aufgebaut hatte, überproportional an Zulauf. Besonders im Umfeld von Handwerkern, Landwirten, Studenten und Teilen der Beamtenschaft fand sie Resonanz.
Die Landtagswahl von 1924 brachte keine Regierungsmehrheit und die Nationalsozialisten trugen eine bürgerliche Minderheitsregierung („Thüringer Ordnungsbund“) durch Tolerierung mit. Thüringen war dann auch das erste Land, welches nach dem Hitlerputsch das kurze NSDAP-Verbot gleich wieder aufhob. Das Wahlbündnis „Vereinigte Völkische Liste“ wurde wieder zur NSDAP. Gleich nach seiner Festungshaft durfte Adolf Hitler - trotz Umsturzversuch und Hochverrats in Thüringen auftreten. Der erste NSDAP-Reichsparteitag fand 1926 in Weimar im Deutschen Nationaltheater statt. Die Parteijugend wurde hierbei neu aufgestellt.
Der entscheidende Durchbruch gelang bei der Landtagswahl im Dezember 1929, als die NSDAP von zuvor vier auf elf Prozent sprang und damit zur Mehrheitsbeschaffung in einer bürgerlich-rechten Koalition attraktiv wurde. Die konservativen Parteien DNVP und „Landbund“ sahen in den Nationalsozialisten ein nützliches Mittel, um die seit 1927 regierende SPD abzulösen. Dass man damit zum ersten Mal in Deutschland Nationalsozialisten in eine Landesregierung holte, wurde von den Beteiligten bewusst in Kauf genommen.
Der Weg in die Regierung 1930: Taktische Öffnungen bürgerlicher Partner
Im Januar 1930 bildete sich eine neue Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Erwin Baum. Die NSDAP erhielt zwei Schlüsselressorts: das Innenministerium – u.a. wichtig durch die Kontrolle der Polizei und der anderen Beamten - und das Volksbildungsministerium – zentral für die Verbreitung der eigenen Weltanschauung. Damit hatte die NSDAP zum ersten Mal direkten Zugriff auf Polizei, Beamtenwesen und Schulpolitik – Bereiche, die sie gezielt für ihre ideologische Agenda nutzen konnte. Hitler feierte diesen Zwischensieg: „Wer diese beiden Ministerien besitzt, und rücksichtslos und beharrlich seine Macht in ihnen ausnützt, kann Außerordentliches wirken.“
Für die DNVP erschien die Aufnahme der NSDAP zunächst als kalkulierbarer Versuch, deren Radikalität in verantwortlichen Positionen zu „zähmen“. Gleichzeitig hoffte man, vom wachsenden Ansehen Hitlers zu profitieren und die politische Rechte insgesamt zu stärken. Dass die NSDAP die Regierungsbeteiligung dagegen als strategischen Durchbruch betrachtete, wurde erst später offensichtlich.
Nationalsozialistische Politik in Thüringen: Ein Labor für den „neuen Staat“
In keinem anderen deutschen Land konnte die NSDAP vor 1933 so konsequent politische Experimente durchführen wie in Thüringen. Innenminister Wilhelm Frick, verurteilter Hitler-Putschist von 1923, begann sofort mit der Gleichschaltung zentraler Behörden. Polizeiführer wurden ausgetauscht, bekannte Sozialdemokraten und Kommunisten aus dem Dienst entfernt und Beamte zur „nationalen Zuverlässigkeit“ verpflichtet.
Im Bildungsministerium wurden Lehrpläne umgeschrieben, nationalistische Inhalte gestärkt und jüdische oder als „undeutsch“ geltende Autoren aus Schulbibliotheken entfernt. Die „Thüringer Schulreform“ wurde später von Historikern als Vorstufe der NS-Bildungspolitik im Reich bezeichnet. An der Uni Jena wurde ein erster Lehrstuhl für „Rasseforschung“ eingerichtet. In der Schule sollte ein, nach NS-Ideologie abgewandeltes, Schulgebet aufgesagt werden.
Die Nazis suchten und fanden Inhalte bei denen sie auf Übereinstimmung mit dem "Ordnungsbund" bauen konnten. Ihre Gesetzentwürfe im Landtag bewirkten den Ausschluss von Juden aus öffentlichen Ämtern. Die Kunstschule Bauhaus erhielt keine Gelder mehr und musste von Weimar nach Dessau umziehen.
Thüringen als „Mustergau“
Hitler, Goebbels und andere führende Nationalsozialisten betrachteten Thüringen als Modellfall, der beweisen sollte, dass ihre Partei Regierungsverantwortung übernehmen konnte, ohne – wie es oft behauptet wurde – in Chaos oder Extremismus zu verfallen. Goebbels sprach mehrfach davon, Thüringen sei ein „Versuchsraum für den nationalen Wiederaufbau“.
Die NS-Führung nutzte das Land zur Propaganda: Zeitungen und Parteiversammlungen präsentierten es als Beispiel eines „nationalen Aufbruchs“, der sich nach der angestrebten Reichsmachtübernahme auf das gesamte Deutschland übertragen ließe. Die Tatsache, dass Frick als erster NSDAP-Minister überhaupt einen Amtseid geleistet hatte, wurde parteiintern als historischer Sieg gefeiert.
Dabei war den Führern bewusst, dass die reale Gestaltungsmacht begrenzt war. Doch gerade dieser begrenzte Rahmen machte Thüringen für die NSDAP wertvoll: Man konnte staatliches Handeln erproben, repressive Maßnahmen testen und gleichzeitig die Verantwortung für größere wirtschaftliche Probleme auf Koalitionspartner oder die Reichsregierung abwälzen.
Konflikte und Abwanderung
Der politische Rechtsruck hatte deutliche Folgen für die Bevölkerung Thüringens. Linke Vereine, Zeitungsredaktionen und Gewerkschaftsbüros gerieten verstärkt ins Visier. Politisierte Entlassungen, Hausdurchsuchungen und Einschränkungen der Versammlungsfreiheit häuften sich. Besonders die KPD berichtete von Übergriffen, aber auch Sozialdemokraten, liberale Beamte und jüdische Bürger spürten wachsenden Druck.
Auch einzelne Wissenschaftler und Lehrer verließen Thüringen freiwillig oder nach Dienstenthebungen. Dieser „Aderlass“ zeigte, welche gesellschaftlichen Spannungen die kurze NS-Regierungsbeteiligung bereits vor 1933 erzeugte.
Konflikte, Radikalisierung und politisches Kalkül
Trotz propagandistischer Selbstdarstellung hatte die NSDAP große Schwierigkeiten, sich in die alltägliche Regierungsarbeit einzufügen. Fricks autoritärer Stil, die systematische Politisierung der Verwaltung und die offene Missachtung parlamentarischer Spielregeln führten zu wachsender Kritik der Koalitionspartner.
Im Frühjahr 1931 versuchte Frick, neue Polizeigesetze einzuführen und paramilitärischen Formationen wie der SA indirekt Vorteile zu verschaffen. Dies überschritt für DNVP und den „Landbund“ die Grenze des politisch Tragbaren. Gleichzeitig war es für Hitler strategisch unattraktiv geworden, Verantwortung für ein Bundesland zu tragen: Die NSDAP wuchs inzwischen im gesamten Reich und profitierte stärker von der Oppositionsrolle und Straßenmobilisierung.
Nach einem Misstrauensantrag der SPD vom 1. April 1931 endete die erste Regierungsbeteiligung der NSDAP in Deutschland und eine von der SPD tolerierte Minderheitsregierung regierte Thüringen weiter. Doch der Durchbruch der NSDAP war geglückt: Bei der Wahl zum Thüringer Landtag 1932 erreichte die NSDAP das Rekordergebnis von 42 Prozent - und stellte erneut in Thüringen die Regierung – nur diesmal als stärkste Kraft.
Thüringen als politisches Versuchsfeld
Zwischen 1929 und 1932 spielte Thüringen eine Schlüsselrolle im nationalsozialistischen Aufstieg. Das Land bot der NSDAP die Gelegenheit, erstmals Regierungspraxis zu testen, ideologische Politik umzusetzen und Repressionen zu erproben, die später im ganzen Reich Anwendung fanden. Thüringens bürgerliche Parteien verschafften der NSDAP ihr allererstes Ministeramt. Was als Schachzug gegen die SPD gedacht war, führte sie geradewegs in den Untergang.
Für die NSDAP war Thüringen ein Symbol ihres politischen Anspruchs und der Erfolg in demokratischen Wahlen gaben ihr Legitimation auch für radikales politisches Handeln. Für die demokratische Republik hingegen markierte die Episode ein Warnsignal – eines, das im Rückblick die strukturellen Schwächen der Weimarer Demokratie und die Gefahr ihrer radikalen Gegner deutlich macht.
Die im „Gau Thüringen“ ansässige Firma „Simson & Co“ wurde als eine der ersten in Deutschland schon 1934 der Kontrolle durch ihre jüdischen Inhaber entzogen und direkt der Verwaltung des Reichsstatthalters Fritz Sauckel unterstellt. Den Grundstein für die Enteignung legten schon seit 1929 Klagen der lokalen Konkurrenz gegen die „Übervorteilung der Juden Simson gegenüber dem Deutschen Reich“ unter tatkräftiger Mithilfe der NSDAP. Die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag erhebt die Simson-Mopeds heute zum politischen Symbol und fordert ihren Status als Immaterielles Kulturerbe als „technik-geschichtliches Kulturgut des Freistaats Thüringen“, das ursprüngliche Unternehmen von 1856 der beiden jüdischen Brüdern Löb und Moses Simson aus Suhl dürfte damit vermutlich nicht gemeint sein.