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Interview mit Mark Bray

Xavier Bonnet, Brooklyn
Einleitung

Der Historiker und Dozent Mark Bray lehrt an der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey. Er ist Autor zahlreicher Bücher über die Geschichte des Anarchismus und von „Antifa: The Anti-Fascist Handbook“, das im Herbst 2017 erschien und zu einem Bestseller wurde. (vgl. AIB Nummer 120)1 Infolge zahlreicher Interviews, in denen er den Amerikaner:innen in Mainstreammedien das Konzept Antifaschismus zu erklären versuchte, war er schon im vergangenen Jahrzehnt auf diversen Anti-Antifa-Listen gelandet.

Mark Bray USA
(Foto: Screenshot von democracynow.org)

Anfang Oktober 2025 veränderte sich sein Leben dramatisch. Denn der millionenfach goutierte ultra-rechte Hetzsender Fox „berichtete“ über den „Antifa-Professor Bray“ und seine „Unterstützung terroristischen Verhaltens“. Das hatte ihm eine Petition vorgeworfen, die von der Rutgers-Sektion von „Turning Point USA“ (der ultra-rechten-christlich-fundamentalistischen Studierenden-Organisation von Charlie Kirk) erstellt worden war und weniger als 100 Unterschriften erhalten hatte. Gefordert wurde Brays Entlassung. Nur Minuten nach der Ausstrahlung des Fox-Berichts erhielt er per Email nicht nur Beschimpfungen, sondern auch Todesdrohungen. In einer Email stand die private Adresse Brays und seiner Familie. Zunächst verlegte Bray seine Kurse online und schaute sich nach einer Ersatzwohnung um. Doch dann kursierte die Wohnadresse vielfach geteilt auch auf X. Ab diesem Zeitpunkt entschied sich die Familie, die USA schnellstmöglich zu verlassen.

Kurze Zeit zuvor hatte Trump eine „Executive Order“ unterzeichnet, die die „Antifa“ zur inländischen Terrororganisation erklärte, sowie ein Memorandum erlassen, das die „Joint Terrorism Task Force“ des FBI anwies, „alle Stufen organisierter politischer Gewalt“ - einschließlich „Antifa“-Gruppen - „zu untersuchen, zu stören und zu zerschlagen“.

Aber die Ausreise verlief nicht ohne Hürden. Die Flugtickets nach Spanien wurden am Schalter aus nicht nachvollziehbaren Gründen annulliert. Tags darauf, am 9. Oktober 2025, konnte die Familie endlich ihren Flug antreten – nicht ohne eine ungewöhnliche Befragung durch Sicherheitskräfte und die Durchsuchung des gesamten Gepäcks.

Das folgende Interview entstand in zwei Phasen: vier Tage vor der Ausreise sowie nach der Ankunft in Barcelona.

Bonnet: Sie werden seit Jahren von der (extremen) Rechten bedroht. Weshalb jetzt ihr Entschluss, die USA zu verlassen?

Bray: Wir gehen für ein Jahr weg, und dann mal weitersehen. Das Doxxing findet ja seit Jahren statt, ich gelte Fox News seit Langem als „Antifa-Professor“. Aber die Bedrohung gegen mich und meine Familie ist zu konkret geworden. Trump verfügte in einem Dekret, bei „Antifa“ handele es sich um eine „einheimische Terrororganisation“, die zerschlagen werden müsse. Innenministerin Bondi setzte danach „Antifa“ mit „Hamas“ und dem „Islamischen Staat“ gleich...

Behauptet wird, es handele sich quasi um eine monolithische Organisation mit einer spezifischen Führung, die von finsteren Kräften wie George Soros finanziert werde. In rechten Kreisen kursierte besonders um 2017 und 2018 die gängige Parole, es handele sich um den paramilitärischen Arm der Demokratischen Partei. Während der George-Floyd-Proteste 2020 wurde der Black-Lives-Matter-­Bewegung das Kürzel „Antifa“ beigegeben, so dass das Schlagwort „BLM-Antifa“ popularisiert wurde. Das eigentliche Ziel besteht wohl darin, die Mitglieder solcher Gruppen als Werkzeuge einer vermeintlich „jüdischen Finanzmacht“ im Dienste der Demokratischen Partei darzustellen, verbunden mit verschiedenen radikalen Organisationen von People of Color und ähnlichen Gruppen.

Bonnet: Was ist „Antifa“ in den USA nun wirklich?

Bray: Antifaschismus ist ein sehr breiter Begriff. Historiker:innen benutzen ihn oft im weitesten Sinne, indem sie darunter jede Kraft fassen, die gegen die Achsenmächte des II. Weltkriegs Widerstand leisteten. Der sozialistisch-antikapitalistischen Definition nach, die sich davon unterscheidet, hat der Widerstand gegen den Faschismus nicht nur deshalb zu erfolgen, weil er tyrannisch und undemokratisch ist, sondern auch, weil er einen Verteidigungsmechanismus des kapitalistischen Systems darstellt. 

Antifa, wie ich ihn verwende, erfolgt in der englischsprachigen Definition aus einer „militant antifascist tradition“ heraus. Staat, Polizei und Gerichte können dabei nicht die Rolle des antifaschistischen Akteurs einnehmen, weil sie strukturell dazu nicht in der Lage sind. Insofern bedeutet „Antifa“ staatsfeindliche oder staatsferne Politik. 

Sie rührt von der Tradition des Netzwerks Antiracist Action seit den 1980er Jahren her. Der Begriff Antifa wird in den USA erst seit etwa 2007 in einem bedeutsamen Sinn verwendet. Größere öffentliche Aufmerksamkeit erhielt er schließlich mit den Ereignissen von Charlottesville 2017 – durch einige autonome, meist anarchistische und antiautoritäre Gruppen.

Bonnet: In Ihrem Buch von 2017 beziehen Sie sich ausschließlich auf diese junge Antifa...

Bray: Klar: die Politik des Antifaschismus reicht auch in den USA über mehr als hundert Jahre zurück. Sie nimmt in ihrer heutigen Form ihren Ausgang in der Nachkriegszeit und den damaligen Debatten und Konflikten innerhalb der europäischen Linken darüber, wie am besten auf die aufkommende Bedrohung durch Faschismus und Nationalsozialismus zu reagieren sei – und eben auch in den USA.

Bonnet: Wo sehen Sie die Wurzeln von antifaschistischem Engagement in den USA?

Bray: Vom späten 19. bis ins frühe 20. Jahrhundert gab es eine Vielzahl von Aktivitäten gegen den Ku-Klux-Klan. Manche setzten auf bewaffnete Selbstverteidigung, andere konzentrierten sich darauf, die Gräueltaten des Klan in der Presse publik zu machen. Robert F. Williams veröffentlichte ein einflussreiches Buch mit dem Titel „Negroes with Guns“, in dem er dafür plädierte, schwarze Gemeinden zu bewaffnen, um den Klan mit Waffen zurückzuschlagen. Dieses Werk hatte später erheblichen Einfluss auf die Black Panther Party und andere Formen schwarzer militanter Politik.

Wenn man den Ku-Klux-Klan nach dem amerikanischen Bürgerkrieg als die erste Art einer protofaschistischen Formation betrachtet, dann muss man die Organisationsarbeit und den Widerstand dagegen als eine Art proto-antifaschistische Bewegung verstehen. Später, insbesondere während der Zeit von Mussolinis Invasion in Äthiopien und der Kampagne „Hands Off Ethiopia“ überschnitten sich antifaschistische Aktivitäten in den USA mit dem Engagement gegen die Verurteilung der Scottsboro Boys und dem Widerstand gegen das Jim-Crow-System. In den 1930er-Jahren existierte daher eine lebendige Tradition Schwarzer linker, antifaschistischer Politik.

Bonnet: Und heute – wie blicken Sie auf das politische Engagement und den Widerstand gegen das Trump-Regime?

Bray: Sehr viele Demokraten und Liberale sind besorgt über die gegenwärtige Entwicklung. Großartig sind die Online-Organisierungen, etwa durch „Indivisible“. Und genau da muss man ein „Aber“ einschieben. Denn ein eintägiger Protestmarsch, egal in welcher Größe, ist ein symbolischer Akt und greift in keinster Weise in die Funktionsweise von Trumps Staatsapparat ein. Man braucht Menschen auf der Straße, das ist sehr wichtig. Ich will das gar nicht kleinreden. Aber ich glaube nicht, dass Trump und seine Verbündeten sich im Moment wirklich um Proteste auf der Straße kümmern, weil sie diese einfach als Ausdruck von Opposition sehen.

Allerdings darf man die Hoffnung nicht aufgeben. Denn vielleicht kommt es doch noch zu militanteren Formen des Widerstands, etwa Besetzungen oder Blockaden. Man könnte über Generalstreiks oder Ähnliches nachdenken. Aber das ist in den USA keine politisch verankerte Tradition – und es fehlt ohnehin an der gewerkschaftlichen Infrastruktur, um so etwas umzusetzen.

Bonnet: Was sagen Sie zu dem befürchteten Szenario, dass Trump und ICE selbst Unruhen provozieren könnten, um einen Vorwand für die Verhängung des Kriegsrechts zu haben?

Bray: Das ist das Paradox des Widerstands: Selbst wenn dieser nicht besonders militant ist, sondern vielleicht nur leicht außerhalb der traditionellen Formen „demokratischer Politik“ stattfindet, kann das vom Staat genutzt werden, um Rechte weiter einzuschränken und Repression zu rechtfertigen. 

Es gibt zwei Möglichkeiten, auf dieses Paradox zu blicken. Die gängige Argumentation lautet: Man darf nichts tun, was als unordentlich oder außer Kontrolle wahrgenommen werden könnte. Man demonstriert, geht nach Hause und ruft dann seinen Abgeordneten an. Die andere Sichtweise erkennt, dass staatliche Provokation Folgen haben wird – und versucht, diese Erkenntnis strategisch zu nutzen, um gezielt Formen des Widerstands zu wählen, die den Staat tatsächlich schwächen und populären Widerstand stärken. Denn das Regime wird ohnehin eine Krise oder einen Vorwand konstruieren, egal was wir tun. Wenn der Grundsatz lautet: „Wir dürfen uns nicht wehren, weil sie sonst wütend werden“, dann ist das keine Erfolgsstrategie. Eine magische Lösung habe ich allerdings nicht. 

Jedenfalls ist die Situation, in der wir uns in den USA befinden, historisch einmalig. Wenn wir von einem aufsteigenden Faschismus und antifaschistischen Kämpfen sprechen, sind wir eindeutig über den Punkt eines potentiellen präventiven Antifaschismus hinaus – also jenen, der Faschisten vom Machtzugang abhalten könnte.