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Rechte Propagandareise zu den Taliban

Kira Ayyadi (Beltower News)
Einleitung

Im September 2025 reiste der Neonazi Mario Müller mit einer extrem rechten Reisegruppe zu den Taliban nach Afghanistan. Ein PR-Manöver, das koloniale Fantasien und rassistische Abschiebediskurse miteinander verbindet. 

Mario Müller Afghanistan
(Bild: Montage mit Screenshot Instagram)

Die Reisegruppe nach Afghanistan von links nach rechts: Jonathan Stumpf, Stefan Thöny, Kevin Kiessbauer, Timm Kaufmann, Mario Müller, Martin Schieck.

Knapp zehn Tage verbrachte die Reisegruppe um den Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten, Mario Müller, im September 2025 in Afghanistan. Im Programm: geführte Touren durch Kabul, lokale Küche, Sightseeing auf Teppich-Märkten und bewaffneter Begleitschutz durch Taliban-Kämpfer. Mit dabei waren laut einer Recherche von „Rhein-Main Rechtsaußen“ unter anderem der rechte "Ukraine-Veteran" Jonathan Stumpf, Stefan Thöny, „Identitärer“ aus der Schweiz, Martin Schieck, zeitweiliger Mitarbeiter des AfD-Politikers Björn Höcke, sowie Timm Kaufmann vom IB-nahen „Filmkollektiv“ aus Görlitz. Die Reise war Teil einer Kampagne, inszeniert, um Afghanistan als „sicheres Herkunftsland“ darzustellen und Abschiebungen zu legitimieren.1

Ideologische Reise statt Abenteuerurlaub: Remigration und Ethnopluralismus

Organisiert wurde die Tour laut „Rhein-Main Rechtsaußen“ vom AfD-Funktionär Marius Kaul und der Firma „Zeitgeist BC“.2 Kaul war schon an früheren Projekten der „Alternative Help Association“ (AHA) beteiligt, einer Art Tarnorganisation der „Identitären Bewegung“ (IB), die „Hilfsreisen“ nach Syrien durchführte3, mit dem Ziel, Propagandamaterial zu erzeugen, um Stimmung gegen geflüchtete Menschen in Europa zu machen. 

Auch die jüngste Afghanistan-­Reise diente wohl nicht nur dem Kriegsfetisch dieser Männer, sondern wird für rassistische Propaganda instrumentalisiert: Zum einen soll das krisengebeutelte Land als sicher dargestellt werden, um so zu begründen, dass Menschen aus Afghanistan, die in Deutschland Asyl beantragt haben, problemlos zurückgeführt werden können, was als „Remigration“ tituliert wird. Zum anderen diente die Reise dazu, aus erster Hand erzählen zu können, dass die afghanische Kultur der deutsch-europäischen diametral entgegenstünde. „Die kulturellen Unterschiede sind enorm“, so Müller in einem Livestream der „Identitären Bewegung“ im Oktober 2025 zu seiner Reise. Vielleicht sei es doch ganz gut, wenn jeder an seinem Platz in der Welt bleibe. Diese Aussage fasst die Ideologie des „Ethnopluralismus“ zusammen: Kulturen müssten voneinander getrennt bleiben, um Konflikte zu vermeiden. Was nach „Vielfalt“ klingt, ist nichts anderes als ein pseudo-intellektuell verpackter Rassismus, der Migration und gesellschaftliche Gleich­berechtigung ablehnt.

Hinter fünf Meter hohen Mauern ist es in afghanischen Hotels sicher

In dem Stream plaudert Müller in lockerem Ton über seine Afghanistan-Reisen. Er habe „den nettesten Taliban der Welt“ kennengelernt, aber die Toilettensituation sei übel gewesen. „Afghanistan ist viel sicherer geworden“, sei mittlerweile wieder bereisbar, dank der Taliban. Der „Sicherheitslage angemessen“ sei die Gruppe laut Müller stets in Hotels untergebracht worden, die oftmals von „fünf Meter hohen Mauern“ umgeben waren und von „bewaffnetem Sicherheitspersonal“ bewacht wurden. 

Mario Müller ist kein unbeschriebenes Blatt. Der in 1988 in Bremen geborene Müller stammt aus dem niedersächsischen "Kameradschafts"-Umfeld und war in der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ aktiv. 2013 wurde er wegen eines Angriffs auf einen Antifaschisten verurteilt und stieg später zu einer Führungs­figur der „Identitären Bewegung Deutschland“ auf. Seit 2019 schreibt er regelmäßig für das rechte „COMPACT-Magazin“. 2022 wechselte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in den Bundestag, zum AfD-­Abgeordneten Jan Wenzel Schmidt. Beim sogenannten „Remigrations-Geheimtreffen“ im November 2023 in Potsdam war Müller einer der Redner. Laut Correctiv brüstete er sich damit, für einen gewalttätigen Übergriff auf einen Antifaschisten mitverantwortlich zu sein. Den Quellen der Correctiv-Redaktion zufolge sagte Müller hier auch, dass er nicht nur die Antifa als Feind begreife, sondern auch Politiker*innen, linke Zivilgesellschaft und Journalist*innen. Er bestreitet das.4

Rechte illustre Reisegruppe

Neben Müller nahm eine Reihe einschlägig bekannter Akteure der extremen Rechten an der Afghanistan-Reise teil. Jonathan Stumpf tritt heute als „Libertärer“ und Journalist auf und bewegte sich im Umfeld der „Identitären Bewegung“. Er publiziert in Magazinen wie „Krautzone“ und „Freilich“. Der „Ukraine-Veteran“ zeigte sich auf Social Media an der Front im Ukraine-­Krieg, beim Abfeuern von Maschinengewehren oder Raketen. In einem Interview von 2025 behauptet er, er habe sich „vor vielen Jahren vollständig“ von der „rechten Szene“ verabschiedet. Seine Reisegesellschaft lässt jedoch anderes vermuten. Ebenfalls dabei waren Stefan Thöny, „identitärer“ Aktivist aus der Schweiz, und der „Normannia“-Burschenschafter und „EinProzent“-Aktivist Martin Schieck zeitweilig offenbar Mitarbeiter des AfD-Politikers Björn Höcke.5 Bilder vom 1. Mai 2017 zeigen Schieck neben Stephan E., dem späteren Mörder von Walter Lübcke in Erfurt auf einer AfD-Kundgebung von Höcke.6 Mit Timm Kaufmann, Mitbegründer eines IB-nahen „Filmkollektivs“ aus Görlitz, war zudem ein medienerfahrener Propagandist an der Reise beteiligt, der Bildmaterial und Videoinhalte für rechte Kanäle produziert. Kaufmann ist der Sohn eines ehemaligen AfD-Stadtrats aus Görlitz, der früher im diplomatischen Dienst tätig war und die Partei verließ, da sie ihm „zu lasch“ und „zu links“ sei.7 Komplettiert wurde die Gruppe durch Kevin Kiessbauer, Aktivist der „Identitären Bewegung“ und der „Burschenschaft Normannia Jena“. Gemeinsam bilden sie ein Netzwerk von Aktivisten, Funktionären und Medienakteuren, das die ideologische und personelle Kontinuität der extremen Rechten über Ländergrenzen hinweg sichtbar macht.

Urlaubsfotos als Propaganda

Auf den Social-Media-Kanälen der offiziellen Tourismusagentur Afghanistans unter Kontrolle der Taliban tauchten kurz nach der Reise mehrere Fotos auf: Müller und seine Mitreisenden beim Mittagessen, beim Sightseeing, freundlich posierend neben Taliban-Kämpfern. Auch auf ihren privaten Kanälen posten sie Reisebilder, manchmal auch martialische, mit Kalaschnikow-Gewehren in den Händen. Diese Inszenierung folgt einer klaren Logik: Afghanistan soll als „sicheres Herkunftsland“ dargestellt werden, um Abschiebungen aus Deutschland zu rechtfertigen. Rechte Influencer reisen dorthin, um symbolisch zu zeigen: ‚Wenn wir dort Urlaub machen können, können Geflüchtete auch dorthin zurück‘. „Remigration nach Afghanistan ist absolut machbar und auch moralisch legitim“, so Müller. 

Die Afghanistan-Tour ist kein Zufall, sondern Teil einer internationalen Vernetzung. Schon die Syrien-Reisen der AHA in den 2010er-Jahren dienten demselben Zweck: Rechte Politikerinnen, Influencer und Journalistinnen sollten sich als „hilfsbereite Patrioten“ inszenieren und dabei Fluchtursachen relativieren. Nachdem Müller zuvor womöglich an Reden und kleinen Anfragen für einen AfD-Bundestagsabgeordneten schrieb, posierte er wenige Wochen später mit islamistischen Fundamentalisten vor der Kamera. 

Der Widerspruch ist nur scheinbar: Beide Ideologien teilen ein Weltbild, das auf Autorität, Antifeminismus und ethnische Homogenität setzt. In dem Livestream der „Identitären Bewegung“ sagt Müller zum Grund dieser Reise, er wollte prüfen, ob es „wirklich unmöglich und völlig unmoralisch (ist), einen guten Teil von denen, wieder nach Hause zu schicken“, da, so seine Behauptung, Afghanen überproportional häufig für Gewaltdelikte in Deutschland verantwortlich seien.

Schutz der Frauen? Offenbar belanglos

Die Taliban unterdrücken Frauenrechte systematisch und brutal. Seit ihrer Machtübernahme 2021 haben sie Frauen aus Schulen, Universitäten und der Öffentlichkeit verbannt, ihnen das Arbeiten in den meisten Berufen verboten und selbst Bewegungsfreiheit oder Kleidung streng reglementiert. Wer sich widersetzt, riskiert Haft oder Gewalt. 

Bemerkenswert ist der doppelte Boden dieser Inszenierung: Rechte Akteure wie Müller berufen sich in Europa regelmäßig auf den „Schutz der Frauen“, wenn sie gegen Migration oder den Islam hetzen. Unter dem Deckmantel vermeintlicher Frauenrechte verbreiten sie rassistische und antifeministische Propaganda. Doch ihre Sympathie für die Taliban entlarvt diese Rhetorik als das, was sie ist, ein taktisches Werkzeug. Wer sich mit einem Regime solidarisiert, das Frauen entrechtet und Mädchen den Schulbesuch verbietet, kann keine Verteidigung westlicher Werte für sich beanspruchen. Die vermeintliche Sorge um Frauen dient nur als Tarnung für ein Weltbild, das selbst auf patriarchaler Unterordnung und Gewalt basiert.

Mario Müller inszeniert sich gern als rechter Intellektueller, der über den Dingen steht. Tatsächlich bleibt er ein Stratege der extremen Rechten, mit einem besorgniserregenden Faible für physische Gewalt. Seine Reise zu den Taliban war kein Abenteuerurlaub, sondern ein gezielter Propaganda-Akt.

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    rheinmain-rechtsaussen.org/2025/10/22/der-bademeister

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    Die Portale „Reise nach Syrien“ oder „Afghanistan-Urlaub“ werden in der Berichterstattung dem „Reiseveranstalter“ Marius Kaulzugeordnet. Das Impressum nennt die „Zeitgeist Business Consulting“, seit 2014 eigtl. „Zeitgeist Medienproduktion GmbH“. Beide  jeweils mit dem Geschäftsführer Klaus K.. Die „Zeitgeist Erlebnisreisen GmbH“ mit dem Geschäftsführer Marius Kaul, ist wegen Vermögenslosigkeit von Amts wegen gelöscht worden.

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    antifainfoblatt.de/aib122/der-identitaeren-verein-aha, In den Verein „Alternative Help Association (AHA!)“ wurden im Juni 2017 als 1. Vorsitzender: Sven Engeser und als 2. Vorsitzender: Julian Greiner eingetragen, später wurde Sebastian Zeilinger dort der 1. Vorsitzende. Im August 2024 wurde der Verein aufgelöst.

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    zeit.de, Rechtes Treffen in Potsdam: AfD-Mitarbeiter soll sich auf Treffen mit Gewalt gebrüstet haben, 17. Januar 2024

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    rechercheportaljenashk.noblogs.org/post/2020/07/12/der-fall-martin-schieck-und-die-luegen-der-afd-normannia-burschenschafter-und-einprozent-aktivist-als-mitarbeiter-der-thueringer-afd

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    rechercheportaljenashk.noblogs.org/post/2024/08/23/hoecke-ernst

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    Sächsische Zeitung, Stadtrat Görlitz: Nächster Abgang bei der AfD, Ingo Kramer, 25. September 2023 (archive.is/kCiUL)