Rechte im Krieg: Stärkung der Rechten auf beiden Seiten der Front
Ewgeniy KasakowBeide Seiten im Ukraine-Krieg behaupten gegen „Faschisten“ zu kämpfen. Doch rechte Gewalt wird nicht weniger, sondern mehr. Vier Jahre Krieg haben in Russland, der Ukraine, sowie in den russischen Exilkreisen die rechten Strukturen gestärkt, die Akzeptanz für extrem rechte Inhalte erhöht und den Nährboden für die extreme Rechte geschaffen. In Form von enttäuschten Kriegsrückkehrern, Verrat an die Nation witternden Befürwortern der Fortsetzung des Kampfes bis zum wie auch immer definierten Sieg, opportunistischen Politikern, die extreme Rechte als nützlichen Faktor tolerieren oder Heranwachsende, die Hasspropaganda verinnerlichen und weiter denken.
Stanisław Orłow (rechts) von der russischen „Española“-Einheit entstammte der rechten Fußball-Szene in Moskau.
Denis Kapustin lebt
Denis Kapustin (Денис Капустин), der unter dem Nachnamen „Nikitin“ (Денис Никитин) und Kampfnamen „White Rex“ bekannte Gründer und Kommandeur des „Russischen Freiwilligenkorps/Русский добровольческий корпус“ (RDK) verkündete, dass die Meldung über seinen Tod eine gewollte Falschinformation war. Das RDK kämpft auf der Seite der Ukraine, die Kämpfer kommen hauptsächlich aus der extremen Rechten Russlands. Eine Fraktion, die Russland zukünftig als monoethnischen „weißen“ Staat sehen möchte. Er war europaweit in rechten Kampfsportkreisen aktiv.
Unter denjenigen, die Kapustin und das RDK jetzt bekämpfen, dürften sich einige ehemalige Kameraden befinden. Die Kämpfer der beiden Formationen entstammen denselben Milieus.
Genauso wie Kapustin hat auch Stanislaw Orlow alias „Ispanez“ intensiv mit rechten Fußballfans gearbeitet. Rund 550 Kämpfer zählte seine 88. Aufklärungs- und Sabotagebrigade „Española“. Die Angehörigen wurden von einer Security des staatlichen Eisenbahnunternehmens RSchD trainiert. Orlow selbst kam ursprünglich aus der Fancrew „Red-Blue Warriors“ des Fußballclubs ZSKA Moskau. Bereits 2014 kämpfte er im Donbass, 2016 stand er im Verdacht einen Umsturz in Montenegro vorzubereiten. Im Dezember 2025 wurde er unter bisher ungeklärten Umständen in seinem Haus erschossen. Zwei Monate zuvor erklärte „Española“ ihre Auflösung in die Strukturen der regulären Streitkräfte.
Formationen wie „Española“ oder RDK agieren nicht nur militärisch. In sozialen Netzwerken werden Spenden gesammelt und rechte Ideen verbreitet. Der Telegram-Kanal von „Española“ hat 110.000 Follower. Prominente Mitglieder sind medial aktiv, wie der MMA-Kämpfer Michail (Mikhail) Turkanow alias „Pittbull“. Früher zeigte der wegen Erpressung vorbestrafte Turkanow1 stolz sein "Hakenkreuz"-Tattoo, heute ist er mit zwei Tapferkeitsorden ausgezeichnet. Aus seiner Mitgliedschaft in der „Nord-Slawischen Gemeinschaft“ einer „militär-patriotischen Zusammenkunft moderner Kosaken“ macht er kein Geheimnis. Die „Z-Community“, wie man in Russland Unterstützer der „militärischen Spezialoperation“ nennt, zeigt sich verstimmt über die Auflösung der „Española“.
Auf der anderen Seite der Front gibt es eigene Fraktionen. Der Pressesprecher der Leitung der Sturmtruppen der Streitkräfte der Ukraine Alexei (Olexei) Swinarenko (Алексей Свинаренко) alias „Stalker“ ist zugleich Betreiber von zwei Manosphäre-Kanälen, auf denen er Daten von ukrainischen Feminist_innen postete und zur Gewalt gegen sie aufrief, dem Kanal „Schitomirskij Skinhead“, einen „Anti-Antifa“-Kanal und einen mit dem Namen „Adolf Hitler“. Swinarenko führt die 2019 gegründete Gruppe „Nationaler Widerstand der Ukraine“.
Krieg stärkt Rechte
Im Krieg wird auf beiden Seiten damit mobilisiert, dass die Gegenseite eine Neuauflage des Faschismus darstelle und Neonazis kämpfen seit vier Jahren auf beiden Seiten. Sie gründen eigene Formationen, sammeln militärische Erfahrungen und werben Anhänger. Als vorbildhafte Kämpfer ernten sie die Anerkennung der Öffentlichkeit. Gefragt sind nicht nur Fähigkeiten zur Gewaltanwendung, die rechte Aktivisten reichlich mitbringen, sondern auch deren Einstellung. Im Krieg wird verlangt von materialistischen Kalkül zu abstrahieren und bereit zu sein, sein Leben für die Nation herzugeben. Der Einsatz an der Front führt keineswegs zur Erosion rechter Strukturen im Hinterland. Frontrückkehrer, wegen Verletzungen ausgemusterte und beurlaubte Aktivisten, werden häufig zu Akteuren der Propaganda und sammeln etwa als Veteranen Spenden.
Bürgermilizen wie "Russkaja Obschtschina" ("Russische Gemeinschaft", RO), "Russkaja Druschina" (Russische Gefolgschaft), "Sewerny Tschelowek" ("Nordmensch") deklarieren Initiativen zur „Selbsthilfe unter echten russischen Menschen“ zu sein und arbeiten eng mit der Polizei und anderen Behörden zusammen. Ihre Schwerpunkte sind neben dem Kampf gegen Migration und LGBT auch die Bekämpfung der Anti-Kriegs-Opposition, die Unterstützung für die kämpfende Truppe sowie „patriotische Arbeit“ mit Jugendlichen. Heute verfügt die RO über 150 Ortsgruppen. Ohne offiziell am Kampf um politische Ämter teilzunehmen, wurden die Bürgerwehren zu einem realen Faktor der Politik und verschafften den Anhängern des ethnischen russischen Nationalismus eine Plattform.
Exilpolitik
Russische Nationalisten auf der Seite der Ukraine sehen die russische Identität vom multiethnischen Staatswesen der Russischen Föderation gefährdet. Die „Selbstbestimmung des russischen Volkes“ meint die Schaffung eines ethnisch homogenen Staates mit „weißer“ Identität. Seit 2022 versuchen die an der Seite der Ukraine kämpfenden russischen extremen Rechten sich als bewaffneten Arm der russischen Exilopposition anerkennen zu lassen.
Bisher scheiterte es sowohl an den Vorbehalten der im Exil dominierenden Liberalen, als auch am Fehlen einer zentralen Struktur. Die Bereitschaft mit bewaffneten Neonazis zu reden, solange sie gegen Putin sind, ist aber vorhanden. Der stellvertretende Kommandeur der Legion „Freiheit Russlands“ („Swoboda Rossii“) ist der unter dem Kampfnamen „Zesar“ bekannte Maximilian Andronnikow (Максимилиан Александрович Андронников) - zuvor Mitglied der „Russischen Imperialen Bewegung“ (RID). 2009 wurde er in Russland im Zusammenhang mit Umsturzplänen verhaftet. Vor Gericht war er 2011 deswegen als Zeuge. Heute betont Andronnikow seine Offenheit für die Zusammenarbeit mit allen politischen Kräften, die den Widerstand gegen Putin unterstützen, ohne ideologisch festgelegt zu sein.
In der Öffentlichkeit wird die Legion neben Andronnikow vor allem von Alexei Baranowski vertreten. Bevor er von Russland in die Ukraine zog, war er in der Neonaziszene und in von „Einiges Russland“ und dem Kreml initiierten Jugendprojekten aktiv.
Das „Forum des Freien Russlands“ (FSR) des liberalen Oppositionellen Garri Kasparow sammelt Spenden sowohl für die Legion, als auch für den RDK, sowie für das regionalistisch-separatistische „Sibirische Bataillon“. Auf dem diesjährigen Treffen des FSR nahmen mehrere Vertreter des RDK teil. Der Europarat hat die Bewerbung des RDK für die Plattform demokratischer Kräfte Russlands, einem neuen Gremium in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE), abgelehnt. Zu den Mitgliedern zählen allerdings sowohl Kasparow, als auch der Ex-Oligarch Michail Chodorkowski, der bisher vermieden hat, die politischen Inhalte der RDK zu verurteilen. Diejenigen Liberalen wie Michail Wolkow, die das RDK eindeutig verurteilen, wurden beinahe aus Litauen verwiesen. Dieser Vorfall zeigt, wie hoch die Bereitschaft ist, über die extrem rechten Inhalte hinwegzusehen, solange deren Anhänger für die Ukraine und gegen Putin sind.
Nihilistische Gewalt
Russland erlebt einen Anstieg von gewaltsamen Attacken und Amokläufen an Schulen und Hochschulen im Bereich des „nihilistischen Extremismus“, dessen Ideen etwa der 17-jährige Mörder Nikita Casap in seinem Manifest „Accelerate the Collapse“ darlegte.
Im Februar 2026 erklärten die Behörden 20 Angriffe auf Schüler und Lehrer verhindert zu haben. Von September 2025 bis Februar 2026 gab es zehn Attacken mit Verletzten und Toten. Im Dezember 2025 tötete ein Schüler in der Stadt Gorki-2 bei Moskau den zehnjährigen Sohn der tadschikischen Putzfrau seiner Schule und verletzte mehrere weitere Personen. Der Täter verschickte an seine Mitschüler ein Manifest, in dem er Menschen als „Biomüll“ bezeichnete und sich zum Hass auf Muslime, LGBT-Personen, Juden, Antifaschist_innen, Liberale und Oppositionelle bekannte. Auf Videos vom Tatablauf ist zu sehen, dass er seine Mitschüler mit einem Messer in der Hand nach ihre „Nationalität“ fragt. Bei seiner Attacke trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift „No Lives Matter“, sein Helm war mit SYGAOWN (Stop Your Genocide Against Our White Nations) und Zitaten von Dylann Roof beschriftet, der 2015 ein rassistisches Massaker in Charleston verübte. In den staatlichen Medien wird nur über den schädlichen Einfluss der „westlichen Pädagogik“, Computerspiele und des Internets gesprochen.
Es liegen leider keine empirischen Studien über den Zusammenhang von Krieg und Anstieg von bestimmten Formen der Gewalt in Russland vor. Die rassistische Rhetorik, deren Anstieg unübersehbar ist, überschneidet sich mit den Äußerungen der Täter.
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Sein Zellengenosse war zeitweilig der Kickboxer Viacheslav (Wjatscheslaw) Datsik, Mitglied der neonazistischen "Slawischen Union".