USA: ICE-Alarm in der Nachbarschaft
Xavier Bonnet
„Rapid Response“ ist für liberal gesinnte Amerikaner:innen zum stehenden Begriff geworden, seit sich herumsprach, mit welcher Entschlossenheit Zehntausende Menschen in Minneapolis bei extremen Minusgraden gegen die Razzien und Abschiebungen der U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE, Einwanderungs- und Zollbehörde) zur Wehr setzten. Nachdem Renée Good am 7. Januar 2026 und Alex Pretti am 24. Januar 2026 auf offener Straße und mehrfach abgefilmt umgebracht wurden, verstärkte sich bei Menschen im ganzen Land das Bedürfnis, mehr zu tun.
In Minnesota hatten Gewerkschaften, Schulen und Kirchengemeinden für einen Generalstreik gesorgt. Daran beteiligten sich mehr als 700 große und kleine Unternehmen. Sechs Wochen lang konfrontierten Teile der Bevölkerung von Minneapolis die ICE-Besatzung ihrer Stadt: über Chatgruppen („Signal“), mithilfe von Tausenden von Trillerpfeifen, die über das Auftauchen von ICE informierten, durch Rechtshilfebelehrung, das direkte, mitunter konfrontative Abfilmen von ICE-Aktivitäten, über Netzwerke gegenseitiger Hilfe sowie Lobbyarbeit gegenüber den örtlichen Behörden.
Dazu kam die Zermürbungsstrategie: Menschen mit US-Staatsbürgerschaft, die sich Flaggen von Mexiko aufs Auto klebten, um ICE-Beamte zur Durchsuchung zu veranlassen und abzulenken und nächtliche Lärmdemonstrationen vor Hotels, in denen ICE-Beamte schlafen wollten.
Grundlage für den zivilen Widerstand waren die Basisinintiativen, die sich 2020 während der Proteste gegen Polizeibrutalität nach dem Mord an George Floyd entwickelt hatten. Er speist sich aus Begegnungsorten, die von „block clubs“ (Nachbarschaftsinitiativen auf Straßen- bzw. Häuserblockebene) über katholische Kirchengemeinden bis hin zu WhatsApp- und Instagram-Gruppen von Schüler:innen reichen. An Orten mit einem hohen Anteil von Immigrant:innen aus Lateinamerika, etwa in Los Angeles und Chicago, sind solche Basisinitiativen seit Jahrzehnten aktiv. Aktivist:innen und Anwohner:innen reagieren auf die „Migra“ seit Jahren mit einer Mischung aus Frühwarnsystemen, direkter Konfrontation und öffentlicher Sichtbarmachung staatlicher Gewalt. Der Widerstand ist tief im Alltag von Communitys verankert.
Die Logik dieser zivilen „Rapid-Response“-Frühwarnsysteme verbreitete sich innerhalb von Wochen nicht nur in US-Großstädten, sondern auch in Suburbs. Über das „Wie und Wo“ von „Rapid Response“ klären in New Jersey Organisationen wie das „Moviemento Cosecha“ auf. Die 2015 gegründete Organisation wächst und ist mittlerweile in weiteren US-Bundesstaaten aktiv. Auf Veranstaltungen, zu denen per „Signal“ eingeladen wird, geht es um Fragen wie: was sind meine Rechte, wenn ich einen ICE-Beamten filme, wohin soll ich meine Aufnahme schicken, welche Telefonnummern anrufen, um weitere Hilfe anzufordern; wie ist ein ICE-Kommando von regulärer Polizei zu unterscheiden; was tun, wenn ein vermummtes Kommando mit Waffen seine Zugehörigkeit nicht ausweist?
„Cosecha“-Sprecher:innen haben Antworten, die auch darüber hinausgehen. Bei einem Treffen ist beispielsweise zu erfahren, dass ICE über modernste mobile Überwachungstechnologie vor Ort verfügt und in der Lage ist, Smartphone-Kommunikation gebündelt abzuhören. Schon im vergangenen Jahr hatte die Behörde von sich aus berichtet, sie benutze 23 KI-Softwareprogramme zur Identifizierung und Festnahme von „Verdächtigen“.
Das Heimatschutzministerium, dem ICE untersteht, hat auch in weiterer Hinsicht vorgegriffen, wie das Magazin „Wired“ berichtete. Interne Unterlagen belegen die landesweite geheime Expansion von ICE in fast allen US-Bundesstaaten. Über 150 neue Mietverträge und Büroerweiterungen werden ICE-Standorte schaffen, häufig in unmittelbarer Nähe zu Schulen, Kirchen, Kliniken und Kindertagesstätten. Das Ministerium umgeht seit Monaten reguläre Vergabeverfahren. Es verheimlicht Standorte aus „nationalen Sicherheitsgründen“ um die Präsenz von ICE im ganzen Land rasch und dauerhaft auszubauen, inklusive neuer Gefangenenlager. Die Behörde hat sich seit 2025 mehr als verdoppelt. Tausende von Neueinstellungen sowie rund 250 zusätzliche oder ausgebaute Standorte sind geplant.
ICE-Angehöriger zu werden ist leicht: Hintergrund- und Gesundheitschecks werden äußerst lax oder gar nicht durchgeführt, die Ausbildung beträgt sechs Wochen, Hochschul- und Collegeabgänger dürfen mit der Erlassung ihrer Studienschulden rechnen – das Einfallstor für das Subproletariat steht weit offen. Wer arm ist, Vorstrafen hat oder straffrei und staatlich gedeckt draufhauen will, wird mit Kusshand genommen.
Einige Autonome Antifa-Gruppen machen es sich zur Aufgabe, ICE-Beamte namentlich und mit Wohnort ausfindig zu machen und öffentlich an den Pranger zu stellen. In Minneapolis filmte die „Minneapolis Star Tribune“ einen Grenzschutzbeamten, der einem hilflos am Boden fixierten Demonstranten aus nächster Nähe Pfefferspray ins Gesicht sprühte – was innerhalb von Sekunden nach der Veröffentlichung die Runde in sozialen Medien machte. Zwei Stunden später erklärte das „Pacific Antifascist Research Collective“, es habe den Beamten identifiziert. Am nächsten Morgen warnten Flugblätter mit dem Gesicht des Täters: „Tyler G (...), mutmaßlicher Entführer/Terrorist“ in fünf Sprachen.
Manche gehen weiter. So nimmt die Bewaffnung in liberalen, LGBTQ- und linken Milieus seit den Morden an Good und Pretti zu, vor allem in US-Bundesstaaten mit liberaleren Waffengesetzen, etwa dort, wo der Erwerb und das verdeckte oder offene Tragen von Waffen gesetzlich erlaubt sind. In Minnesota hatte der ermordete Krankenpfleger Alex Pretti von diesem Recht Gebrauch gemacht. Er trug einen Revolver verdeckt im Holster. Fahrt aufgenommen hatte die Bewaffnung auch im liberalen und linken Spektrum 2020 nach dem Mord an George Floyd, beschleunigt seit der 2. Trump-Regierung. Von Minnesota und Sacramento über Los Angeles, Chicago und Iowa nach Florida gehen die Bewerbungen um Schusswaffenerlaubnisse nach oben, wie Medien berichten. Die „gun clubs“ erfahren Zuspruch wie selten zuvor. Die Namen der Vereine sprechen für sich: Black Guns Matter, Progressive Shooters, Pink Pistols, Ready Rainbow, Grassroots Defense oder Solidarity Defense.
Auch längst vergessene Namen und Organisationen erleben einen Wiederaufschwung, wie eine Begegnung im Nordteil von Philadelphia zeigt. Auf Instagram hatte eine Black Lion Party for International Solidarity zum offenen Treffen eingeladen. Etwa 70 Menschen drängen sich in einem Gemeindezentrum, das in einer eher ärmlichen Backsteinmeile untergebracht ist und in den späten 1960er Jahren der Black Panther Party for Self-Defense von Philadelphia als Hauptquartier galt. Der Türsteher trägt Lederjacke, Sonnenbrille und ein nach unten gerichtetes halbautomatisches Gewehr über der Schulter. Man möge sich doch, wenn es sich um Journalismus handele, ganz nach vorne begeben, wo der Organisationsleiter „Chairman“ Paul Birdsong eine Rede hält, sagt er freundlich. Ganz vorne ist Birdsong von bewaffneten Männern umgeben: entlang der Treppe und um ihn herum, Sturmgewehre mit beinahe choreografischer Disziplin gehalten. Birdsong beruft sich auf den Internationalismus und argumentiert, es sei notwendig, den Schutz auf jene besonders verletzlichen Communities auszuweiten, die heute ins Visier der Einwanderungsbehörde ICE geraten seien. „In Pennsylvania ist es erlaubt, bewaffnet in der Öffentlichkeit aufzutreten, für jede Person mit Waffenschein. Für den Kauf ist keine staatliche Genehmigung nötig, es gibt keine Register und keine Einschränkungen für Sturmwaffen. Wenn die ICE auf der Straße tötet, lautet die Antwort: sich bewaffnen. Und wir werden Trainingskurse organisieren. Kurse, legale Waffen, kugelsichere Westen – das ist die Linie.“ Viele stimmen zu, doch einige im Publikum äußern Zweifel. Ein indigener Mann meldet sich zu Wort: „In Minneapolis ist meiner Community viel Leid zugefügt worden. Wenn ich der ICE bewaffnet entgegentreten würde, würden sie mich sofort erschießen.“ Birdsong erwidert: „Dann schieß mehr und schieß besser. Wir müssen die Kräfteverhältnisse umkehren. Auf zwei von ihnen zehn von uns. Dafür ist das Training da: um auf föderale Gewalt zu reagieren und die belagerten Communities zu patrouillieren.“ Von Konzepten wie „bewaffneter Kampf“, Stadtguerilla-Taktiken und verquerer Undergrund-Romantik nimmt die Black Lion Party bewusst Abstand. Streng wird darauf geachtet, dass es zu keinerlei Missverständnis etwa bei einer Begegnung mit Polizeibeamten kommen kann. Und auch den Cops ist die Gesetzeslage klar. Wie in fast allen US-Bundesstaaten ist das offene Tragen von Waffen in unterschiedlichen Formen in Pennsylvania erlaubt, falls ein Waffenschein vorliegt. „Open Carry“ erfordert in Philadelphia eine zusätzliche Erlaubnis, nämlich die Waffe nach außen hin zu tragen. Um die haben sich Birdsong und seine Truppe bemüht - und sie auch bekommen.