Versäumte Einnerung?
Dreißig Jahre sind vergangen, seit Neonazis eine Serie von Brief- und Rohrbombenattentaten in Österreich verübten. Zwischen 1993 und 1996 wurden 25 Briefbomben von mindestens einem Rechtsterroristen versandt, in den Jahren 1994 und 1995 wurden außerdem drei Rohrbombenanschläge verübt. Durch die Anschläge erlitten mindestens 17 Menschen teilweise schwerste Verletzungen, vier Menschen starben: Die Roma Erwin und Karl Horvath, Peter Sarközi und Josef Simon wurden in der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1995 im burgenländischen Städtchen Oberwart ermordet.
Extrem rechte Gewalt nach 1945 ist im kollektiven Gedächtnis des heutigen Österreichs praktisch inexistent, und selbst eine linke, antifaschistische Perspektive auf diese Geschichte fehlt bis auf wenige verdienstvolle Gegenbeispiele. Gegen diese Lücke arbeitet unter anderem die Initiative Antifaschistisches Gedenken aus Wien, die Anfang März 2026 eine Broschüre zur Geschichte und Gegenwart des rechten Bombenterrors der 1990er Jahre veröffentlicht hat.
Die Broschüre will dabei nicht nur die rechtsterroristischen Taten darstellen, sondern auch Betroffenen und Angehörigen Raum geben, ihre Perspektiven auf die Taten darzustellen – und nach den Gründen für die Verdrängung dieser Perspektiven aus dem öffentlichen Diskurs um österreichische Geschichte fragen. Bis heute ist, ähnlich wie in Deutschland, die Deutung des Terrors als Taten eines Einzeltäters dominant. Sowohl für die Briefbombenserie, deren Bekennerschreiben großteils mit der Bezeichnung „Bajuwarische Befreiungsarmee“ unterzeichnet waren, als auch für den Vierfachmord von Oberwart, bei dem der Sprengsatz mit rassistischen Parolen gegen Roma beschrieben war, wurde einzig der Neonazi Franz Fuchs 1999 verurteilt. Fuchs beging noch im ersten Jahr seiner Haft Suizid (siehe AIB 124).
Aus Sicht der Ermittlungsbehörden war die Aufarbeitung mit dem Urteil geschlossen. Noch heute erinnern sich viele Österreicher*innen an die damalige Berichterstattung und wissen mehr über den Täter als über die Opfer. Die gesellschaftlichen Kontexte der Tat, etwa die Neonazi-Gruppierung VAPO um Gottfried Küssel oder die Erfolgswelle der FPÖ in den 1990er Jahren werden medial kaum mit dem rechten Terror in Verbindung gebracht; sie müssen aber als Aspekt des „stochastischen Terrorismus“ beschrieben werden, in den Andreas Peham in seinem Beitrag die Bombenserie einordnet.
In der Broschüre finden sich neben analytischen Texten auch spannende Zeitdokumente, etwa die Rede des jüdisch-österreichischen Schriftstellers Doron Rabinovici, die dieser wenige Tage nach dem Attentat von Oberwart auf einer Kundgebung in Wien hielt. Beiträge von Manuela Horvath, deren Cousins in Oberwart ermordet wurden, und Gespräche im burgenländischen Ort Stinatz, wo eine weitere Rohrbombe explodierte, verdeutlichen die Folgen des Terrors für die Betroffenen. Auch ein Gespräch mit Jože Messner, der Anfang der 1990er am Projekt der Eröffnung einer slowenischsprachigen Grundschule in Klagenfurt/Celovec beteiligt war, auf die 1994 ein Bombenanschlag verübt wurde, ist enthalten.
In diesen Texten, die wenig sichtbaren Perspektiven Raum geben, liegt der große Gewinn der Broschüre. Beim Lesen bekommt man nur eine leise Ahnung, wie viel Mühe die Initiative in den Arbeitsprozess der letzten drei Jahre gesteckt haben: Von der Recherche der Fakten der nunmehr dreißig Jahre zurückliegenden Taten über die Kontaktaufnahme mit Betroffenen, Überlebenden und Angehörigen bis hin zu Reisen an die Tatorte und dem Aufbau von Vertrauen und Solidarität mit diesen.
Die Initiative Antifaschistisches Gedenken plädiert für eine entschieden antifaschistische Gedenkpraxis, in der die Opfer und Betroffenen im Mittelpunkt stehen und gesellschaftspolitische Bedingungen, die Terror hervorbringen, analysiert und bekämpft werden. Sie kritisiert dabei energisch die Rolle der Ermittlungsbehörden sowie auch der Medien, die allzu oft ungeprüft die Narrative der Rechten oder der Polizei weiterverbreiteten. Die Leistung der Broschüre liegt darin, dass die Initiative zugleich aufzeigt, wie es gehen kann – wie eine antifaschistische Gedenkkultur aussehen kann.•
Die Broschüre gibt es auf initiativegedenken.noblogs.org zum kostenfreien Download oder im gut sortierten Infoladen. Exemplare können auch bei der Initiative bestellt werden.