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Das „System Heise“

EXIF – Recherche & Analyse
Bild von Thorsten Heise. Ist das Familienoberhaupt Thorsten Heise (mitte) Teil des „System Heise“?
Screenshot @exifrecherche.bsky.social

Ist das Familienoberhaupt Thorsten Heise (mitte) Teil des „System Heise“?

Der jüngste Angriff auf drei Journalisten richtet die Scheinwerfer erneut auf Fretterode (Thüringen) und die dort lebende Familie Heise um den Neonazi-Multifunktionär Thorsten Heise. Der Angriff schockiert zurecht die Öffentlichkeit, folgt aber einem Muster, das Thorsten Heise den inoffiziellen Beinamen „Justizwunder“ eingebracht hat: Seit Jahren bleibt die Heise-Sippe von strafrechtlichen Konsequenzen verschont, obwohl – oder gerade weil – den Behörden längst klar ist, wie das System Heise funktioniert. Bereits im Jahr 2008 wurde bei einem Arbeitstreffen verschiedener Polizeidienststellen unter der Schirmherrschaft des niedersächsischen Landeskriminalamts festgehalten, durch Heises Agieren sei in Fretterode eine „observationsfreie bzw. polizeifreie Zone“ entstanden. Daran hat sich augenscheinlich auch mehr als 15 Jahre später nichts verändert, als Heise dem Kamerateam von Spiegel TV zubrüllte, dass es „hier anders zu geht“, während er sie attackiert.

Um das „System Heise“ zu verstehen, lohnt es sich einige – mehr oder weniger bereits bekannte – Fälle noch einmal exemplarisch in den Fokus zu rücken: Im Dezember 2017, wenige Monate vor dem brutalen Angriff auf zwei Journalisten in Fretterode, beschädigte laut Anfangsverdacht eine Person aus dem Kreis um die Familie Heise die Autos vom Kunstkollektiv „Zentrum für politische Schönheit“ nahe dem Haus von AfD-Spitzenpolitiker Björn Höcke in Bornhagen. Eine Zeugin konnte sogar Teile des Kennzeichens benennen, das die Polizei als einzige Option zum Fahrzeughalter Thorsten Heise führte. Obwohl Heise zur ungefähren Tatzeit in der Nähe war und eine Zeugin sich Teile des Kennzeichens notieren konnte, stellte die Staatsanwaltschaft Mühlhausen im März 2018 das Ermittlungsverfahren ein. Es gab keine Befragung der Heises, keine Nachschau nach Tatmitteln wie Messer oder Vermummung, keine Suche nach Mittätern.

Nur vier Monate nach dem Vorfall in Bornhagen und einen Monat nach Einstellung des Verfahrens – im April 2018 – griff Nordulf Heise mit Gianluca Kyritz (geb. Bruno) äußerst brutal zwei Journalisten an. Vermummt und mit Schraubenschlüssel, Baseballschläger, Reizgas und Messer bewaffnet, wurde das Auto der Journalisten zerstört. Mit dem Messer wurde auf einen Journalisten eingestochen, dem anderen mit einem Schraubenschlüssel auf den Kopf geschlagen und die Kamera geraubt.

Im März 2022 verbringt Heise zusammen mit seiner Frau Nadine Heise eine demente Frau aus Schweden nach Fretterode und ist ein Jahr später, nach ihrem Tod, um eine Million Euro reicher. In beiden Fällen ist die Polizei und teils auch die Staatsanwaltschaft involviert, eine Anklage oder juristische Konsequenzen blieben jedoch aus.

Der Angriff auf das Spiegel TV-Team am 25. März 2026 mittels Reizgas und Schlägen durch Thorsten Heise und Thoralf Heise muss zwangsläufig in Kontinuität der vorangegangenen Angriffe betrachtet werden.

Um sich körperlich für den Kampf zu wappnen, wurde die nächste Generation auch im Wohnhaus der Heises in Fretterode trainiert. Unter anderem vom aktuell inhaftierten Neonazi-Musiker Manuel Eder und anderen aus der Neonazi-Kampfsport-Gruppe „Wardon 21“ angeleitet, war Thoralf Heise mit seinem Vater schon 2020 Teil einer Trainingsgruppe. Heute bezeichnet sich Thoralf Heise selbst als Athlet des „Kampf der Nibelungen“ und ist das Aushängeschild der „Eichsfeldrevolte“, ein Ableger der „Jungen Nationalisten“. Seine Gewaltkompetenz konnte er zudem im Hooliganismus ausbauen. So gehörte er im Februar 2025 zu einer Gruppe Neonazis, die für den "1. FC Schweinfurt 05" bei einem sogenannten „Ackermatch“ gegen andere Hooligans kämpften. Dass Thoralf Heise später unter anderem mit den Söhnen von Björn Höcke, Landogar Höcke und Trutz Höcke, in Fretterode Kampfsport trainierte, muss Anlass zur Besorgnis geben. Thoralf Heise und Landogar Höcke inszenierten sich im Januar 2025 auf Social Media in der "Barbarian-Schmiede" in Göttingen-Rosdorf. Trutz Höcke posierte im März 2026 auf Social Media bei Familie Heise.Auch Bornhagen gehört offenbar zum Einzugsgebiet des Systems Heise.

„Enkeltrick“ vom Neonazi-Clan? Wie Thorsten Heise eine Million Euro erbte

Es ist März 2022 als Thorsten Heise und seine Frau Nadine Heise nach Schweden reisen, um die 90-jährige demente Birgitta W. im Altenheim zu besuchen. Am Ende ihres Besuchs nehmen sie Birgitta W. mit auf ihr Anwesen in Fretterode, ohne das Pflegeheim zu informieren. In Deutschland angekommen lassen sich Heises das gesamte Erbe übertragen. Knapp ein Jahr später stirbt Birgitta W. und Familie Heise ist um etwa eine Million Euro reicher. 

Angehörige und Freundinnen aus Schweden bezweifeln, dass dies Birgitta W.‘s letzter Wille war. Sie wollte ihr Erbe für den Tierschutz eingesetzt sehen. Ein Coup, der Heise mit einer Gruppe bekannter Akteure gelang: Dem rechten Burchenschafter Lars Brettschneider, der als Notar half, das Testament von W. auf Thorsten Heise und Nadine Heise auszustellen; dem schwedischen Neonazi Mart Plees, der vor Ort als Übersetzer agierte sowie dem Neonazi-Anwalt Wolfram Nahrath, der den Fall juristisch betreut. Und nicht zuletzt mit Hilfe der Polizei, die berüchtigt dafür ist, nicht so genau hinzuschauen, wenn es um Familie Heise geht.

Im Folgenden werden die Geschehnisse chronologisch geschildert. Diese basieren u.a. auf schwedischen Dokumenten, die Exif-Recherche vorliegen, Erkenntnissen aus einem Artikel der schwedischen Zeitschrift Expo und eigenen Recherchen.

Zur Vorgeschichte: Wer ist Birgitta W.?

Birgitta W. war überzeugte Neonationalsozialstin. Sie spendete in den 1990er Jahren an den Holocaustleugner Ahmed Rami und war Mitglied der Schwedendemokraten, später der Nationaldemokraten. 2003 unterschrieb sie eine Petition für den Holocaustleugner Ernst Zündel. Laut Aussage von Thorsten Heise lernten sie sich bereits 1999 kennen. Mit dem Tod von W.‘s Mann 2002 soll sich laut Thorsten Heise eine enge Beziehung zwischen Birgitta W. und Familie Heise entwickelt haben. Ab 2013 habe sie dauerhaft in Deutschland gelebt. Im August 2021 soll sie mitgeteilt haben, dass sie aufgrund der Corona-Pandemie einsam sei und nicht mehr gut zurechtkomme. Mit Hilfe eines Freundes kehrte sie deshalb zurück nach Schweden. Dort fiel einer Freundin schon bald auf, dass ihr Gesundheitszustand zunehmend schlechter wurde. Sie schlug Alarm, da sie die Gefahr sah, dass W. in ihrer Verfassung um ihren Besitz betrogen werden könnte. Daraufhin leitete im Februar 2022 die zuständige Gemeinde in Ekerö, südwestlich der Hauptstadt Stockholm, ein Verfahren ein, das prüft, ob eine Treuhandschaft für W. notwendig ist. Als sie wegen eines Sturzes in die Geriatrie eingeliefert wurde, hatten die Ärzt*innen bereits den Verdacht auf Demenz. Ein Gedächtnistest vom 3. März 2022 bestätigt eine starke kognitive Beeinträchtigung und W. wurde zur Demenzuntersuchung weiter überwiesen. Sie erreichte nur 5 von 30 Punkten beim MoCa-Test (The Montreal Cognitive Assessment). Ein Ergebnis zwischen 0 bis 5 Punkten besagt eine „extreme geistige Beeinträchtigung“.

Der Übersetzer und die überstürzte Ausreise

Anfang März 2022 erfuhr Thorsten Heise, dass Birgitta W. in einem Altenheim lebt. Heise ließ daraufhin seinen schwedischen Kameraden Mart Plees in der Einrichtung anrufen, um einen Besuchstermin zu vereinbaren. Plees ist ein Freund und politischer Weggefährte Heises. Schon 2002 reisten beide gemeinsam zum „Rudolf Heß-Gedenkmarsch“ nach Wunsiedel. 2007 eröffnete Plees in seiner Heimat einen Laden, der erstmals in Schweden Kleidung der deutschen, Szene-Modemarke „Thor Steinar“ verkaufte. Was dann zwischen dem 24. und 29. März 2022 genau ablief, ist schwer zu rekonstruieren, aber bedeutend. In dem Zeitraum reisten Thorsten Heise und Nadine Heise nach Schweden, um W. zu besuchen. Als sie zusammen mit Mart Plees am Morgen des 25. März im Altenheim auftauchten, bat W. darum, in ihr Haus nach Ekerö gebracht zu werden – zumindest laut einem Schreiben Heises an ein Gericht. Angekommen in ihrem Haus in Ekerö fehlten angeblich Gegenstände. Dies habe Heise bewogen, den Neonazi-Anwalt Wolfram Nahrath zu kontaktieren und um Rat zu fragen. Nahrath schlug vor, W. solle mit den Heises nach Deutschland kommen. Dies habe man mit W. beraten, sie habe eingewilligt. Die Pflegeeinrichtung haben sie darüber nicht informiert. Vielmehr verließen sie mit Birgitta W. überstürzt das Land, ohne ihre Medikamente, ihren Reisepass, ihre persönlichen Sachen und ohne ihren geliebten Hund. Am 28. März kontaktierte das Pflegeheim die Polizei und meldete Birgitta W. als vermisst. Laut Thorsten Heise waren sie bis zum 29. März in Schweden. Dass W. im Pflegeheim nicht abgemeldet wurde, macht stutzig. Es muss stark bezweifelt werden, dass W. selbstbestimmt aus freien Willen das Land verlassen hat. Das Ergebnis von dem Gedächtnistest, wenige Tage zuvor, legt nahe, dass sie zu so einer großen Entscheidung nicht in der Lage gewesen ist. Ob sich Thorsten Heise und Nadine Heise hier womöglich der Entführung einer Hilfsbedürftigen strafbar gemacht haben, wird vermutlich nicht mehr aufgeklärt werden.

Der Notar und das Testament

Am 5. Mai 2022 – 37 Tage nach Ankunft in Deutschland – erschien Birgitta W. angeblich im niedersächsischen Sulingen und verfügte beim Notar Lars Brettschneider ein Testament, das Nadine Heise und Thorsten Heise zu den Alleinerben ihres Vermögens von fast einer Million Euro erklärte. Brettschneider ist „Alter Herr“ der „Marburger Burschenschaft Germania“, einer rechten, schlagenden Verbindung. Möglicherweise kennen sich Lars Brettschneider und Heise sogar über Kontakte zwischen Burschenschaften? Denn auch Heise war wohl Mitglied einer Burschenschaft. Zu seiner Hochzeit 1999 stand ihm die „Pennale Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg“ zur Seite, mit Säbeln am Rathaus posierend, um die Trauung zu begleiten. Mit seinem Biernamen „Ulex“, dem Spitznamen von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, war Heise in einer internen Liste der rechten Burschenschaft als „Alter Herr“ aufgeführt. 

Auch die Ortswahl an sich wirkt dubios, denn Sulingen ist etwa 240 km von Fretterode entfernt. Die vorgeblich so sorgende Familie Heise hat die 90-jährige W. demnach einem Hin- und Rückweg von insgesamt sechs Stunden Autofahrt ausgesetzt, um das Testament extra in Sulingen abzuwickeln, statt wie üblich beim zuständigen, nahe gelegenen Amtsgericht in Heiligenstadt. Der Burschen-Notar bezeugte die Testier- und Geschäftsfähigkeit der Frau, bei der nur wenige Wochen zuvor starke kognitive Beeinträchtigungen und Verdacht auf Demenz diagnostiziert wurden. Brettschneider gibt im Testament an: „Wie die mit der Erschienenen geführte ausführliche Unterredung zur Überzeugung des Notars ergab, bestehen zweifelsfrei keine Bedenken gegen ihre volle Testierund Geschäftsfähigkeit.“ Weiter soll W. in ihrem Testament angegeben haben: „Ich lebe mittlerweile bei den Eheleuten Heise in Fretterode. Ich werde demnächst meine amtliche Ummeldung vornehmen. Ich bin weder durch Testamente, einen Erbvertrag oder eine sonstige letztwillige Verfügung in meiner Testierfreiheit eingeschränkt. Vorsorglich widerrufe ich alle etwaigen letztwilligen Verfügungen von Todes wegen. Ich bin Eigentümer von Grundbesitz in Schweden – Eckerö – und in Deutschland – Königsbrück […] Auslandsvermögen in Form eines Kontos und als Aktien ist vorhanden. Ich bin schwedische Staatsbürgerin. Ich wohne jedoch seit 2013 dauerhaft in Deutschland. […] Den reinen Wert meines gegenwärtigen Vermögens gebe ich mit etwa 950.000,- EUR an“.

Erst drei Monate später – im August 2022 – will Heise „Gedächtnis- und Orientierungsprobleme“ bei W. festgestellt haben und informierte darüber ihren Hausarzt in Uder und den Medizinischen Dienst in Thüringen.

Der Anwalt und die Vollmachten

Ab Ende Mai 2022 habe Heise die Geschäfte für W. übernommen, er sei als Betreuungsperson im Bundesvorsorgeregister eingetragen, so seine Aussage. Am 24. Oktober 2022 ging dann bei Gericht im schwedischen Solna ein Schreiben von Wolfram Nahrath ein, im Anhang eine Vollmacht über die anwaltliche Vertretung, die Birgitta W. bereits am 1. April 2020 unterschrieben haben soll. Nahrath schreibt: „Seit 2020 hat Dr. Birgitta W […] Herrn Heise als ihren Vertreter in allen Angelegenheiten ihr Leben betreffend eingesetzt. Er verwaltet auch ihre Finanzen, inklusive Bankangelegenheiten. […] Meiner Meinung nach ist es nicht notwendig eine offizielle gerichtliche Aufsichtsperson bzgl. Dr. Birgitta W[…] zu bestimmen“. Hinzugefügt war auch ein langer Brief von Thorsten Heise und Nadine Heise, der das Gericht überzeugen sollte, dass sie enge, sich sorgende und selbst wohlhabende Vertraute von W. seien. Das eigentliche Anliegen teilte Heise dem Gericht ebenso mit: „Ich würde dem Gericht auch vorschlagen, mich und meine Frau Nadine, jeden für sich, als Treuhänder für Birgitta einzusetzen, da ich die Geschäfte zurzeit schon seit Ende Mai 2022 für Birgitta führe und dies auch ihren Wünschen seit 2020 entspricht“.

Den Widerspruch, dass W. sich 2021 in Deutschland so einsam fühlte und deswegen nach Schweden zurückkehrte, aber Heise angeblich guter sorgender Freund sein will, löst er in dem Schreiben nicht auf. 

Am 31. Oktober 2022 schrieb ein Mitarbeiter des Gerichts im schwedischen Solna an Nahrath und fasste die Inhalte eines vorausgegangenen Telefonats zusammen, u.a. hatte das Gericht den Zustand von W. erneut deutlich gemacht: „Sie ist in einem Frühstadium der Demenz und leidet unter teilweisem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses“. Zudem darf Nahrath W. in Schweden nicht vertreten. Am 2. Juni 2022 schrieb die Vormundschaftsbehörde an das Gericht in Solna: „Die Vormundschaftsbehörde hat Informationen erhalten, die darauf hindeuten, dass Birgitta W […] außerstande ist, sich und ihr Vermögen zu verwalten. Es war jedoch nicht möglich, umfangreichere Unterlagen zu erhalten, da sie von Freunden aus der besonderen Wohnanlage abgeholt und zurück nach Deutschland gebracht wurde, bevor eine genauere Untersuchung durch einen Arzt durchgeführt werden konnte. Aus der Untersuchung geht jedoch hervor, dass sie über erhebliche Vermögenswerte verfügt, aber nicht weiß, wer ihr bei den Rechnungen hilft. Es geht auch hervor, dass sie trotz ihrer großen Liebe zu ihrem Hund und ihrer Tierliebe den Hund in Schweden zurückgelassen hat, als sie nach Deutschland zurückkehrte“.

Der Tod und das Geld

Laut Sterbeurkunde starb Birgitta W. in Fretterode am 1. April 2023. Ausgestellt wurde die Urkunde am 6. April 2023. Das Treuhandverfahren in Schweden, um W.‘s Erbe zu schützen, wurde nie abgeschlossen. Familie Heise informierte W.‘s Angehörige nicht über ihren Tod.
Am 10. Mai 2023 wurde das Testament am Amtsgericht Sulingen eröffnet und anschließend nach Heiligenstadt übergeben. Am 1. Juli 2023 beantragten Heises die Eintragung ins Grundbuch für das Grundstück in Ekerö. Am 5. Juli 2023 beglaubigte das Amtsgericht Heiligenstadt das von Notar Lars Brettschneider ausgestellte Testament. Am 13. Juli 2023 beantragte Heise die Umschreibung des Grundstücks in Ekerö, welches dann im Herbst 2023 für 4,8 Millionen schwedische Kronen, etwa 400.000 Euro, verkauft wurde. W.‘s Hausstand wickelte Heise bereits während einer Reise vom 22. bis 24. September 2022 ab. Auch zwei Autos und einen Anhänger ließ er nach Deutschland überführen. Der Haushalt in Königsbrück wurde bereits im Sommer 2022 aufgelöst.

In Bezug auf die Immobilie teilte Heise in dem bereits erwähnten Brief an das schwedische Gericht mit: „Das Haus wird zurzeit renoviert und soll dann vermietet werden. Dies ist eine rein wirtschaftliche Maßnahme. Bei den steigenden Energiekosten können auf Dauer nicht zwei Häuser gehalten werden. Wir hoffen, daß Birgitta mit den Mieteinnahmen in Königsbrück auch ihr Haus in Schweden weiterhin halten kann“. Nicht lange nach ihrem Tod taucht die renovierte Immobilie auf einem Verkaufsportal auf, wo sie für 395.000 Euro zum Verkauf stand.

Der Nachlass-Jäger und der SS-Verlag

Thorsten Heise wurde durch den Tod von Birgitta W. um insgesamt etwa eine Million Euro reicher. Ihr Erbe ist bei weitem nicht das Einzige, um das er mit fast allen Mitteln kämpfte. Heise ist nicht nur stellvertretender Vorsitzender der Partei „Die Heimat“ (ehem. NPD) und war Kopf der „Arischen Bruderschaft“, er ist auch knallharter Geschäftsmann. Seit Jahren ist er auf der Suche nach Nachlässen und hat sich dafür einen wirtschaftlichen Rahmen geschaffen, indem er im Mai 2008 sein bestehendes Gewerbe um den „Nordland-Verlag“ erweitert hat. Der Name ist kein Zufall, sondern knüpft an den 1933 gegründeten „Nordland-Verlag“ an, der 1934 der Verlag der „Schutzstaffel“ (SS) der NSDAP und somit das erste Wirtschaftsunternehmen dieser wurde. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, bedient sich Heise auch gleich am damaligen Verlagssignet, das heute ebenso wie die Rubrik „Waffen-SS“ auf der Webseite des Verlags zu finden ist. Dass einer der bekanntesten Neonazis Deutschlands vor fast 20 Jahren faktisch ein Unternehmen der NSDAP aufleben ließ und bis heute führen kann, ist bemerkenswert. 2018 bekam Thorsten Heise sogar rund 35.000 Euro Fördergelder aus dem EU-Parlament für sein Unternehmen.

Heise geht es nicht darum, die Nachlässe einfach nur zu besitzen. Er hat getreu dem historischen Vorbild, an seinen „Nordland-Verlag“ eine Bücherei angeschlossen und bringt neben Büchern auch die Zeitschrift „Volk in Bewegung“ (ViB) heraus. Regelmäßig schrieben dort bekannte HolocaustleugnerInnen wie die mittlerweile verstorbenen Horst Mahler, Ursula Haverbeck und Rigolf Hennig. Auch Heise selbst verfasst in der Zeitung Beiträge. Die Ziele des „Nordland-Verlags“ und der Bücherei formulierte er in der Zeitschrift 2018: „Auch leiten wir viele Ihrer Bücherspenden direkt an nationale Jugendgruppen weiter oder bauen unsere Nordland-Verlagsarchiv weiter aus, um Autoren, Forschern und Wahrheitssuchenden die Möglichkeit zu Studien zu geben“. 

In einem Artikel der ersten Ausgabe im Jahr 2018 beschreibt er, wie er vergeblich versuchte, den Nachlass von Holocaustleugner Ernst Zündel sowie den Buchnachlass von Horst Mahnke zu sichern. Mahnke war SS-Hauptsturmführer und ist mitverantwortlich für die Ermordung von mindestens 144 Jüd*innen im Sommer 1941. Nach dem Krieg machte er u.a. beim SPIEGEL und beim Springer-Verlag Karriere. Mahnkes Bücher wurden laut Heise dem „Nordlandarchiv“ überlassen. Heise habe die Bücher Zündel im Jahr 2010 nach seinem Haftaufenthalt ausgeliehen. Als Heise im Dezember 2017 von dessen Tod erfuhr, machte er sich mit einem Trupp „Kameraden“ zum Anwesen von Zündel auf, um die Bücher zurückzuholen. Doch die Familie vor Ort schaltete die Polizei ein, die Heise und seine Gefolgschaft des Grundstücks verwiesen, sodass sie zuschauen mussten, wie Bücher, Bilder und Dokumente auf dem Müll entsorgt wurden. Sogar mit einer Eilverfügung beim Amtsgericht versuchte er, den Nachlass zu retten. Als Konsequenz aus dieser Niederlage mahnte er in dem Beitrag aus 2018, sich rechtzeitig um einen „geordneten Nachlass“ zu kümmern. „Meldet Euch bei uns, und wir senden Euch kostenlos ein Merkblatt und ein Mustertestament mit Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht zu“. 

Ein System, das offenbar funktioniert, denn in der dritten Ausgabe der ViB im Jahr 2024 bedankt Heise sich bei zwei Lesern, die den „Nordland-Verlag“ in ihrem Testament bedacht hätten. Nur so seien sie erst in der Lage „für unser geliebtes Deutschland im Sinne unserer Ahnen zu wirken“. Nach dem verlorenen Kampf um den Nachlass von Ernst Zündel, war Thorsten Heise offenbar nicht bereit, eine weitere Niederlage einzustecken.