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Brandanschlag in Lübeck: Rechte Tatverdächtige nicht im Fokus

Einleitung

»Das Problem ist, dass die Deutschen genau das Ende der Sache nicht wollen, auf das wir Anspruch haben.« In der Tat ist mit den Worten von Kibolo Katuta, einem der Überlebenden der Brandnacht im Lübecker Flüchtlingsheim, alles über die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in der Hansestadt gesagt. Zehn Menschen sterben an jenem 18. Januar in den tödlichen Flammen, 38 entkommen dem Feuer zum Teil schwer verletzt. Am nächsten Morgen werden im nahegelegen Grevesmühlen vier junge Männer aus der rechten Szene kurzfristig festgenommen, die sich in der Nacht in Lübeck aufgehalten haben und mehrmals in der Nähe der Flüchtlingsunterkunft gesehen wurden. 24 Stunden später sind die Vier wieder auf freiem Fuß - kurz bevor der Hausbewohner Safwan Eid als Tatverdächtiger verhaftet wird. Ab 16. September steht er vor der Jugendkammer des Lübecker Landgerichtes. Gegen die vier Männer aus Grevesmühlen und Umland ermittelt die Staatsanwaltschaft bis heute nicht weiter, obwohl zahlreiche Spuren in die Mecklenburger Kleinstadt führen.

Lübeck Protest
(Foto: Christian Ditsch)

In der Nacht zum 18. Januar 1996, irgendwann zwischen 3.00 und 3.40 Uhr bricht im Flüchtlingsheim in der Lübecker Hafenstraße 52 Feuer aus. Obwohl die Feuerwehr nur wenige Minuten nach dem ersten Notruf am Brandhaus eintrifft, kommt für zehn Menschen jede Hilfe zu spät. Monique Bunga mit ihrer Tochter Nsusanna, Rabia El Omari, Sylvio Amoussou, Francoise Makodila mit ihren Kindern Legrand, Christelle, Christine, Miya und Jean-Daniel Kosi sterben in den Flammen. Kurz nach Beginn der Löscharbeiten werden drei junge rechte Männer aus Grevesmühlen von der Polizei kontrolliert: Maik Wotenow (er gibt den Beamten einen falschen Namen an), René Burmeister und Heiko Patynowski. Sie waren der Polizei wegen ihres Skinhead-Outfits aufgefallen. Am nächsten Tag werden sie zusammen mit ihrem Kumpel Dirk Techentin (der die drei auf ihrer Tour nach Lübeck begleitete, später aber allein mit einem gestohlenen Golf GTI unterwegs war) erst als Zeugen vernommen, dann als Tatverdächtige festgenommen. Bei den Vernehmungen widersprechen sie sich (z.B. was Zeiten und Orte ihres Aufenthaltes in Lübeck angeht), bei einer Untersuchung stellt eine Gerichtsmedizinerin frische, also höchstens 24 Stunden alte Sengspuren „wie sie typisch für Brandstifter sind” in den Gesichtern von Burmeister, Patynowski und Techentin fest. Am 19. Januar 1996 wurden alle vier jedoch wieder freigelassen. Ein Fax der Polizeistation Neustadt sollte den Vieren ein schnelles Alibi liefern. Drei von ihnen seien zur Zeit des Brandausbruchs - gegen 3.20 - an einer rund 16 Kilometer entfernten Tankstelle (Tankstelle Paddelügger Weg in Lübeck-Moisling) von der Polizeistreife Trave 2/12 gesehen worden. Ob die drei tatsächlich, wovon die Staatsanwaltschaft ausgeht, identisch sind mit den Grevesmühlenern Heiko Patynowski, Rene Burmeister und Maik Wotenow, ist nicht geklärt. Waren eventuell noch weitere Männer mit einem zweiten Wartburg in Lübeck unterwegs? Eine Gegenüberstellung mit dem Tankwart gibt es nicht.

Aber ohnehin steht der Zeitpunkt des Brandausbruches nicht fest, wie selbst die Lübecker Jugendkammer am 2. Juli 1996 erklärt. Und die betreffende Tankstelle befindet sich nicht 16, sondern gerade einmal fünf Kilometer - also wenige Minuten - von der Hafenstraße 52, wo das Flüchtlingsheim stand, entfernt. Ein schwaches Alibi also für die Grevesmühlener Männer, die allesamt der rechten Szene der Stadt zuzurechnen sind. Dennoch: Für den Lübecker Staatsanwalt Klaus-Dieter Schultz sind die Spuren nach Grevesmühlen schnell abgearbeitet. »Gegen diese vier jungen Männer läßt sich kein Tatverdacht begründen«, bekräftigt Schultz, nachdem bekannt wird, dass bei drei von ihnen nach der Brandnacht Versengungen an Haaren, Wimpern und Augenbrauen festgestellt wurden. Verbrennungen, die sie sich laut medizinischen Untersuchungen nur in der Brandnacht zugezogen haben können. 

Die Erklärungen dafür, wie die Grevesmühlener zu den Brandspuren gekommen sein wollen, wirken eher peinlich. Maik Wotenow will vier Tage zuvor einen Hund "geärgert" haben, in dem er diesen mit Haarspray eingesprüht und dann angezündet habe. Nach dem entsprechenden Hund hat die Polizei nie gesucht. Rene Burmeister berichtet, er habe im Dunkeln Sprit für sein Mofa abgezapft. Als er dann mit dem Feuerzeug nachschauen wollte, ob alles seine Richtigkeit hat, habe es eine Stichflamme gegeben. Dirk Techentin will sich seine Versengungen beim Anzünden des Ofens geholt haben. Das alles hat Staatsanwalt Schultz »auch nicht in vollem Umfang überzeugt«. Weil aber nicht sein kann, was nicht sein darf, überlegt sich der Ankläger selbst, wie die Jungs zu ihren Verbrennungen gekommen sein könnten und mutmaßt, die Verdächtigen könnten beispielsweise ein Auto abgefackelt haben. Ein solches Auto taucht aber in den Akten nie auf. Die Grevesmühlener, die bei ihren Vernehmungen angeben, sie seien in der Nacht unterwegs gewesen, um Fahrzeuge zu knacken, erzählen den Ermittlern auch nie etwas von abgebrannten Autos.

Erst nachdem Safwan Eid am 2. Juli 1996 mangels »dringendem Tatverdacht« aus der Untersuchungshaft entlassen werden muss, interessieren sich die Fahnder wieder für ein Auto. Von Dirk Techentien, der in der Nacht angeblich einen geklauten Golf GTI nach Grevesmühlen gefahren haben soll, lassen sich die Ermittler auf einen Schrottplatz führen. Rückstände an dem Golf finden sie allerdings nicht. Den hatte die Polizei bereits am 19. Januar 1996 vergeblich nach Brandspuren untersucht. Die Vier werden zwar nochmal vernommen, allerdings, wie Schultz betont, nicht als Beschuldigte. 

Entsprechend interessiert sich die Staatsanwaltschaft auch nicht für die Wahrnehmung eines Anwohners des Hauses An der Untertrave, rund einen Kilometer von der Hafenstraße 52 entfernt. Der Beobachter sieht in der Tatnacht um 1.45 Uhr gegenüber seiner Wohnung einen blonden jungen Mann, der ein Beil hin- und herschwenkt, als wolle er Zeichen geben. Kurze Zeit darauf hört er Stimmen mehrerer junger Männer, die sich hochdeutsch unterhalten. Der Jüngling, der zufällig aussieht wie der Grevesmühlener rechte Skinhead Maik Wotenow, trägt einen Rucksack mit sich. Dennoch suchen die Ermittler nicht nach einem Rucksack, den Wotenow am nächsten Morgen bei seiner Freundin Kerstin B. abstellt. Pikanterweise waren die vier Tatverdächtigen nach eigenen Angaben gegen 1.30 damit beschäftigt, an einem ganz anderen Ort ein Auto zu knacken.

Ob die Grevesmühlener tatsächlich für den Brand verantwortlich sind oder eventuell neben weiteren Beteiligten eine Nebenrolle spielten, ist bisher noch unklar. Ebenso konnten AntifaschistInnen bisher nicht aufklären, wie tief die Vier in (organisierte) rechte Strukturen eingebunden sind. Ihre Aussagen und ihr Handeln sprechen aber allemal eine klare Sprache. Techentien gibt bei seiner Vernehmung an, seine Gruppe »war auch in Rostock dabei«. Burmeister ist angeblich neutral gegenüber »Juden, Negern, Ausländer und Wessis«. Heiko Patynowski gibt sich »kritisch« gegenüber Brandanschlägen, »weil die Rechten deutsches Gut versauen«. Maik Wotenows ehemaliges Zimmer im Jugendwohnheim zieren SS-Literatur und eine Reichskriegsflagge. Er saß unter anderem wegen des Sprühens von Hakenkreuzen in Untersuchungshaft und erzählte vor dem 18. Januar 1996 einem Freund, er habe oder wolle demnächst in Lübeck was anstecken. 

Doch dieser Aussage räumen die Ermittler offensichtlich keine Bedeutung ein, ganz im Gegenteil zu jenem angeblichen "Geständnis", das Safwan Eid in der Nacht auf dem Weg ins Krankenhaus dem Rettungssanitäter Jens Leonhardt offenbart haben soll. Neben umstrittenen Brandgutachten und fragwürdigen Übersetzungen abgehörter Besucherlnnengespräche ist es vor allem diese Beichte - »wir waren es« -, mit der die Anklage gegen den libanesischen Flüchtling aufrecht erhalten wird. In verschiedenen Versionen berichtet der Sanitäter Leonhardt seiner Hauswirtin, einer Kollegin und den vernehmenden Beamten von diesem Geständnis. Trotz zahlreicher Widersprüche hält die Staatsanwaltschaft den Zeugen laut Anklageschrift für »uneingeschränkt glaubwürdig«. 

Aussagen der betroffenen Flüchtlinge hingegen bewertet die Behörde häufig als »bewußten Versuch, vom tatsächlichen Tatgeschehen abzulenken«. Einlassungen des Angeschuldigten, er habe »die haben das gemacht« gesagt und deutsche Rechtsradikale gemeint, seien »reine Schutzbehauptungen«. Über die tatsächliche Glaubwürdigkeit des Rettungssanitäters allerdings sind in den vergangenen Monaten erhebliche Zweifel aufgetaucht. In seiner Aussage am 31. Mai 1996 gegenüber der Polizei will er von dem Geständnis Eids bereits gehört haben, bevor er sich mit dem Libanesen auf der Fahrt ins Krankenhaus befunden habe; eine auffällige Angleichung an Aussagen, die dessen Freund und Sanitäter Matthias Hamann zuvor gegenüber den Ermittlern gemacht hat. Auch er hatte in ersten Angaben geäußert, er habe von dem vermeintlichen Geständnis schon vor der Abfahrt des Krankentransportbusses gehört. Matthias Hamann ist es auch, der die Polizei über das angeblich von Leonhardt gehörte Geständnis Safwan Eids informiert. Etwa zeitgleich mit der Freilassung des libanesischen Flüchtlings wird bekannt, dass Matthias Hamann zumindest Ende der achtziger Jahre Kontakte zu rechten Kreisen unterhielt. Während seiner Zeit als Mitarbeiter beim "Malteser Hilfsdienst" finden Kollegen im Spind des damals 16 bis 18jährigen Sanitäters eine Gaspistole, einen Gummiknüppel und Protokoll-Papiere über den Aufbau einer "Wehrsportgruppe" in Lübeck (Titel: »Verteidigungsabschnitt Süd« oder »Verteidigungsfront Süd«). 

Möglicherweise bestehen auch Verbindungen zwischen dem Kronzeugen Leonardt und den vier Grevesmühlener Rechten. Betreuer eines Heimes, in dem Maik Wotenow im vergangenen Jahr gewohnt hat, finden bei dessen Hinterlassenschaften einen Zettel, auf dem der ausgeschriebene Name von Leonhardt steht. Auf Fragen der Polizei, wen Wotenow unter diesem Namen kenne, gab der Grevesmühlener zwei Personen an, von denen einer überhaupt nicht existiert. Kurz nach Bekanntwerden dieses Zettels interviewt "Spiegel-TV" die ehemalige Freundin Wotenows, Kerstin B. Diese spricht von einem weiteren Zettel, den sie der Polizei übergeben habe. Auf diesem Stück Papier sollen neben Matthias Hamann und Jens Leonhardt auch die Namen zweier Grevesmühlener stehen, die im Oktober 1995 versucht haben, das Auto der Familie Eid zu klauen und dabei von den Söhnen Mohammed und Safwan gestellt wurden. Einen entsprechenden Zettel soll es zwar nach Angaben von Staatsanwalt Schultz tatsächlich geben, die erwähnten Personen seien darauf allerdings nicht zu finden. Ob es sich also bei den »Spiegel-TV«-Recherchen lediglich um eine Medieninszenierung handelt, ist bisher unklar.

Doch ob gesicherte Informationen oder Medien-Hypes, alle möglichen rechten Hintergründe des Lübecker Brandes werden nach dem Willen der Staatsanwaltschaft im Prozess gegen Safwan Eid keine Rolle mehr spielen. Es wird an der Verteidigung des Libanesen liegen, die als Zeugen geladenen Grevesmühlener sowie die Rettungssanitäter Matthias Hamann und Jens Leonhardt auf deren potentielle politische Motivationen zu hinterfragen.

Die Strafverfolger haben bereits mit Hilfe mehrerer Brandgutachten von Landes- und Bundeskriminalamt einen Brandanschlag von Außen ausgeschlossen, da diese davon ausgehen, dass das Feuer im ersten Obergeschoss gelegt worden sein muss. Eine Gegen-Expertise des Frankfurter Brandschutzexperten Professor Ernst Achilles, der einen Brandausbruch im hölzernen Vorbau des Hauses für wahrscheinlich hält, versucht die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift zu entkräften. 

Die Wahrnehmungen Marwan Eids, der eine kleine Explosion und das Quietschen (vermutlich eines Gartentores) gehört hatte, sind in der Anklageschrift unter dem Punkt »Die Entstehung des Brandes« nicht erwähnt. Auch von Äußerungen der Flüchtlinge, nach denen die Haustür häufig nicht abgeschlossen gewesen sei, ist nicht die Rede.

Naheliegend, dass die Ankläger auch mit einschlägigen Beweisstücken entsprechend umgegangen sind. Das Bodenbrett der Stelle, an der das Feuer im ersten Stock ausgebrochen sein soll, fehlt. Ebenso die Zarge des Haustürschlosses. Das Metallteil geht auf dem Weg von der Kriminalpolizei zur Kriminaltechnischen Untersuchung verloren. Vielleicht hat man dem Beweisstück keine besondere Bedeutung zugemessen. Warum auch? Schließlich konnte der Lübecker Polizeisprecher Detlef Hardt bereits Anfang Februar 1996 verkünden, in Richtung eines Anschlages von Außen werde nicht mehr weiter ermittelt.