Fürstenwalde: Gewalt und Neonazi-Organisierung in Brandenburg
Seit Juli 1996 steht Fürstenwalde, eine Kleinstadt mit 35.000 EinwohnerInnen bei Berlin, stellvertretend für den wieder zunehmenden Straßenterror von Neonazis - nicht nur im Land Brandenburg.
Der Fürstenwalder NPD-Aktivist Frank Odoy als Transparent-Halter (rechts) auf einer Neonazi-Demonstration. Die Übergänge zwischen "Kameradschaften" und Parteien sind in Brandenburg fließend.
Aktuelle rassistische Gewalt
Am 25. Juli 1996 griff eine Gruppe von ca. 30 neofaschistischen Skinheads und Neonazis einen von MigrantInnen betriebenen Imbiss-Stand am Fürstenwalder Bahnhof an. Dem Angriff vorausgegangen waren monatelange Bedrohungen von vor allem libanesischen AsylbewerberInnen, die Anfang der 90er Jahre vom Bundesamt für AsylbewerberInnen nach Fürstenwalde verteilt worden waren und seitdem dort leben.
Zwei Wochen vor dem Angriff war eine libanesische Frau auf der Straße von zwei rechten Skinheads angegriffen worden; die rechten Skins versuchten, die Frau mit ihrem Kopftuch zu würgen. Am Tag des Angriffs auf den Imbiss-Stand hatte der Ehemann der Frau einen der beiden Täter auf der Straße erkannt und verbal verwarnt. Wenig später sammelte sich eine Gruppe von rechten Skins und Neonazis und griff den Imbiss-Stand am Bahnhof an, wo zum Zeitpunkt des Angriffs ein libanesischer Mann alleine arbeitete. Mehrere Angreifer drangen in den Imbiss-Wagen ein, schlugen den Libanesen und zertrümmerten den Wagen. Da er um sein Leben fürchtete, wehrte sich der libanesische Imbiss-Verkäufer mit einem Dönermesser und fügte einem der Angreifer einen Messerschnitt an der Hand zu. Danach gelang es ihm zu flüchten und die Polizei zu alarmieren, die 30 Minuten später mit einem Streifenwagen auftauchte. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich auch drei libanesische Männer am Imbiss-Stand eingefunden, um ihrem Freund zur Hilfe zu kommen. AugenzeugInnen berichten, dass die Polizeibeamten freundlich mit der Neonazi-Skinhead-Gruppe redeten, während diese mit »Ausländer Raus«-Rufen die Libanesen weiter beschimpften. Ein Polizeibeamter forderte zwei rechte Skinheads auf, einen der libanesischen Männer, der sich vom Ort des Geschehens wegbewegen wollte, festzuhalten. Schlussendlich nahm die Polizei sowohl die vier libanesischen Männer, als auch zehn der deutschen Angreifer fest.
In einer ersten Pressemitteilung zu dem Angriff leugnete die Polizei jeglichen rassistischen Hintergrund und behauptete, es hätte sich um ein »Kräftemessen« zwischen rivalisierenden Gruppen gehandelt. Während die Deutschen das Polizeigewahrsam nach wenigen Stunden verlassen konnten, wurden die vier libanesischen Männer mit Handschellen an Wandringe gefesselt zehn Stunden in der Polizeiwache festgehalten. Dabei wurden sie von Polizeibeamten immer wieder mit rassistischen Sprüchen beleidigt. Dem verletzten Imbiss-Verkäufer wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung angedroht. Erst nachdem überregionale Medien die Hintergründe des Angriffs recherchierten, sah sich die Polizei und die zuständige Staatsanwaltschaft Frankfurt/Oder gezwungen, die rassistischen Hintergründe des Angriffs zuzugeben und die Ermittlungen über die Angreifer zu intensivieren.
Der Terror gegen libanesische Familien setzte sich in den Tagen nach dem Angriff ungebrochen fort. Noch in der gleichen Nacht wurden die Fensterscheiben einer Wohnung einer libanesischen Familie zerstört. Einen Tag später wurde ein weiterer ausländischer Imbiss-Stand in Fürstenwalde-Nord verwüstet. Und am darauffolgenden Abend griffen drei jugendliche Neonazi-Skinheads das Auto eines Libanesen mit Flaschenwürfen an. Die Reaktion der örtlichen Polizei war immer gleich: Die Opfer wurden verhöhnt und nicht ernst genommen, Ermittlungen - so sie überhaupt stattgefunden haben - verliefen ergebnislos.
Für die Libanesen ist das nichts Neues: Am 25. März 1996 war ein libanesischer Mann von sechs rechten Skinheads nachts auf der Straße so schwer verletzt worden, dass er mehrere Tage in der Intensivstation behandelt werden musste. Obwohl er Anzeige erstattete und die Täter identifizieren konnte, ist bis heute nichts weiter passiert. Für die libanesischen Familien in Fürstenwalde war die
Situation in den Wochen nach dem Angriff auf den Imbiss-Stand unhaltbar: Nach Einbruch der Dunkelheit trauten sie sich nicht mehr auf die Straße und die Kinder konnten auch tagsüber nicht alleine draußen spielen. Inzwischen wurde ihnen von Seiten der Brandenburger Ausländerbeauftragten und der Stadt Fürstenwalde Unterstützung zugesagt, doch es ist zu befürchten, dass schöne Wort alleine in Fürstenwalde schon lange nicht mehr ausreichen.
Rechte Morde in Fürstenwalde?
In Fürstenwalde gab es mehrere Todesfälle, bei denen rechte Gewalt eine Rolle gespielt haben könnte. Am 22. Februar 1993 wurde an der örtlichen Eisenbahnstrecke ein toter "Schwarzer" gefunden. Bei dem Toten könnte es sich um einen Flüchtling aus Zaire handeln. Die Ermittlungen der Polizei in Bezug auf die Herkunft des Mannes und die Todesursache wurden jedoch schnell ergebnislos eingestellt. Da im April 1993 eine Gruppe von fünf mongolischer Geschäftsleute von zehn rechten Jugendlichen in der Regionalbahnstrecke von Fürstenwalde angegriffen, verletzt und ausgeraubt wurde, lässt sich einen rechten Hintergrund des Todesfalls vermuten.
Der Deutsche angebliche Obdachlose Horst Hennersdorf wurde am 5. Juni 1993 auf einem privaten Grundstück von Pierre A. und Maik K., zwei Jugendlichen aus der rechten Skinhead-Szene, als „Schnorrer“ beschimpft, misshandelt und ermordet.
Neonazi-Organisierung
Die Zunahme des rassistischen Terrors in Fürstenwalde hat ihre Ursache auch in der seit 1994 kontinuierlich stattfindenden Rekrutierung der neofaschistischen Sammlungs-Organisation "Die Nationalen e.V." in Fürstenwalde, die dort einen eigenen Kreisverband gegründet hat. Auch die "Deutsche Liga" hatte hier einen Ortsverband gegründet gehabt. Am 28. August 1994 führte die "Deutsche Liga" in Fürstenwalde ihren Landesparteitag durch. Kaum verwunderlich fand dann auch im März 1995 die Jahreshauptversammlung der "Die Nationalen e.V." in Fürstenwalde statt, bei der Berliner Neonazikader Frank Schwerdt als Vorsitzender bestätigt wurde. Zu den Aktivitäten des Fürstenwalder Kreisverbands gehören neben Liederabenden mit Liedern von dem Neonazi-Sänger Frank Rennicke oder einem Ausflug ins Panzermuseum Munster auch regelmäßige Schulungen durch die Berliner Neonazis Frank Schwerdt und Christian Wendt.
Zum Teil können Neonazis die städtische Infrastruktur nutzen. Die örtliche RechtsRock-Band "Volkstroi" aus Beeskow bei Fürstenwalde probt im dortigen Stadthaus in einem Jugendprojekt, das offene Jugendarbeit betreibt. Als Bandleader soll Thomas B. in Erscheinung getreten sein. Die Band gilt als "Blood & Honour"-nah. Früher trug "Volkstroi" den Namen "Querschläger", aber vermutlich kam es dann irgendwann zu Verwechslungen mit der Neonazi-Band "Querschläger" aus Sachsen. Mit Katja P., Christian W., Pierre A. und Marcel "Matze" Sch. stammen auch mehrere Akteure des neonazistischen "Blood & Honour"-Netzwerkes aus Fürstenwalde.
Die Schändung des jüdischen Friedhofs im Oktober 1995, dessen Grabsteine mit Parolen wie »Kampfgruppe Rudolf Heß« und »NS 88« besprüht wurden, scheint im Umfeld der örtlichen "Kameradschaft" organisiert worden zu sein. Die Stärke der "Kameradschaft Fürstenwalde" und ihres Umfelds wird mittlerweile auf 50 bis 80 Leute geschätzt.
Dass die Fürstenwalder "Kameradschaft" (auch "Nationalistische Widerstandsgruppe Fürstenwalde/Spree") eng in das organisatorische Netz der "Die Nationalen" eingebunden ist, zeigte sich u.a. in der später vom Polizeipräsidium Frankfurt/Oder verbotenen Anmeldung eines Aufmarschs in der Stadt durch den Berliner JN-Kader Andreas Storr am ersten Aktionstag des diesjährigen »Rudolf-Heß-Gedenkmonats«. Trotz des Verbotes führten Neonazis aus dem Kreis der NPD-Jugend einen Gedenk-Autokorso am 10. August 1996 durch Fürstenwalde durch. In der Nacht vom 17. August (Todestag Rudolf Heß) wurden dann in der ganzen Stadt flächendeckend neofaschistische Parolen gesprüht.
Zum aktivistischen Kreis der organisierten Fürstenwalder Neonazi-Szene zählen die lokalen NPD/JN-Anhänger Frank Odoy, Oliver Kucher, David Kellert und Danilo Wilcke, sowie deren Unterstützer Matthias D., Rene K. und Denny V.
Fürstenwalde steht in diesem Sommer stellvertretend für viele Brandenburger Städte, wie Mahlow, Brandenburg a.d.H. oder Teltow, in denen es (noch) an örtlichen antifaschistischen Strukturen mangelt, die einer neuen Generation von neofaschistischen Jugendlichen, die unter der Anleitung von älteren Kadern aktiv werden, wirkungsvoll entgegentreten könnten.